Gedenken wir am Karfreitag fälschlicherweise des Todes Jesu Christi? War Jesus drei Tage und drei Nächte im Grab?

»Denn gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein« (Matth. 12,40).
1. War Jona 72 Stunden im Bauch des Fisches?
In Jona 2, 1 heißt es: »und Jona war drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches.« Muß dies nun wörtlich genommen und als ein Zeitraum von 72 Stunden verstanden werden? »Diese Wendung hat im Hebräischen einen formelhaften Charakter und meint keinen mathematischen Zeitraum von genau 72 Stunden. Vielmehr zählt der Hebräer jeden angefangenen Tag als vollen Tag mit«(5), kommentiert Gerhard Maier. Wir können also die exakte Zeitdauer, die Jona im Fisch verbrachte(6), nicht ermitteln. »Die 3 Tage und 3 Nächte sind nicht für volle 3 mal 24 Stunden zu halten, sondern nach hebräischem Sprachgebrauch so zu verstehen, daß Jona am dritten Tage, nachdem er verschlungen wurde, wieder ausgespieen wurde«(7) schreibt C. F. Keil in seinem ausgezeichneten Kommentar zu dieser Stelle. »Drei Tage und drei Nächte« – das bedeutet also nach hebräischem Sprachgebrauch eine Dauer, die vorwärts und rückwärts über 24 Stunden hinausgeht(8). Die Hinzufügung der »drei Nächte« ist nicht notwendigerweise als exakte Zeitangabe zu werten. Daher kann die Bezeichnung »drei Tage und drei Nächte« ohne weiteres einen Zeitabschnitt von nicht mehr als 36 Stunden bezeichnen(9). Vgl. vor allem Esther 4,16 mit 5,1!
2. Der Vergleich Jona-Jesus
Das Verschlungenwerden des Jona ist nach Matthäus 12, 40 ein Bild (Typos) für den Tod Jesu Christi. »Drei Tage und drei Nächte« stellen auch hier wieder eine ungefähre Zeitangabe dar; keineswegs sind 72 Stunden damit gemeint(10). »Hier in Matth. 12, 40 handelt es sich um eine Formulierung der Vorhersage der Auferstehung, die im Zusatz, und drei Nächte‘ lediglich durch Jon. 2,1 bestimmt ist und keinerlei theologische oder exegetische Geheimnisse in sich schließt«(11).
3. »… am 4. Tage wieder auferstanden von den Toten?«
Wäre Jesus tatsächlich 72 Stunden im Tod geblieben, dann hätte er jedoch erst am 4.oder 5. Tag nach seinem Sterben wieder auferstehen können. Dies stellt ein weiteres Argument dar, wieso Christus unmöglich schon am Mittwoch gekreuzigt worden sein kann.
Die Schrift legt sich ja bekanntlich selber aus. Matthäus wird sich unmöglich selbst widersprechen, wenn er Jesus wie folgt zitiert: »… so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein« (Kap. 12,40).
»… getötet und am dritten Tage auferstehen« (Kap. 16,21) »Nach drei Tagen stehe ich wieder auf« (Kap. 27,63).
Doch schon im nächsten Vers fordern die Juden von Pilatus eine Sicherung des Grabes Jesu »Bis zum dritten Tag«: »nach drei Tagen und der dritte Tag sind also das gleiche«12).
Der Evangelist Markus bevorzugt die Formulierung »nach drei Tagen« (Kap. 8, 31; 9,31 und 10,34). Doch er meint genau denselben Zeitraum, den andere neutestamentliche Schreiber mit »am dritten Tag« bezeichnen, zum Beispiel Matthäus (Kap. 16,21), Lukas (Kap. 9,22) und Paulus (1. Kor. 15,4): »und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift«.
Paulus verweist in diesem glaubwürdigen Credo (Glaubensbekenntnis) auf die für die Juden des 1. Jahrhunderts wichtigste Belegstelle für die Auferstehung aus dem Tode: »Er macht uns lebendig nach zwei Tagen, er wird uns am dritten Tage aufrichten, daß wir vor ihm leben werden« (Hos. 6,2).
Wir halten also fest, daß »nach drei Tagen« im biblischen Sprachgebrauch sinngleich mit »am dritten Tag« ist. Jesus war nicht 72 Stunden im Totenreich, sonst wäre er erst am 4. oder 5. Tag auferstanden. Außerdem würden sich dann die verschiedenen Textstellen widersprechen. Es bleibt dabei: Im Hebräischen wird jeder angebrochene Tag mitgezählt.
4. Zeitlicher Ablauf der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi
Entscheidend wichtig für einen logischen und dem biblischen Befund entsprechenden zeitlichen Ablauf der Passionsgeschichte ist die Kenntnis des jüdischen Passahfestes. Dieses findet immer am ersten Frühlingsvollmond statt. Nach dem hebräischen Kalender ist dies der 14. Nisan (vgl. 2. Mos. 12, 6-8; 3. Mos. 23, 5; 4. Mos. 28,16-18 und 9,3).
Nun berichtet uns das Neue Testament, daß Jesus noch vor dem Passahfest gekreuzigt wurde (vgl. Joh. 18,28 mit Mark. 14,1 u. 2).
a) Wann feierte Jesus das Abendmahl?
Die drei Synoptiker bringen als zeitliche Einleitung zur Einsetzung des Abendmahles den Ausdruck: »Es kam aber der (erste) Tag der ungesäuerten Brote, an dem das Passah geschlachtet werden mußte.« (Luk. 22, 7 par) Damit kann jedoch unmöglich der 15. Nisan (1. Tag des Festes der ungesäuerten Brote) gemeint sein, da Jesus schon am Rüsttag vor diesem Fest gekreuzigt wurde (vgl. Mark. 15, 42 und Joh. 19,14.31.42). Der Ausdruck »(erster) Tag der ungesäuerten Brote« liegt hier nahe, weil man schon am Morgen vor dem Passahmahl alles gesäuerte Brot aus dem Hause schaffte (14).
Da Jesus am Abend des 14. Nisan (Feier des Passahfestes) schon tot war, traf er schon am 13. Nisan Vorbereitungen für das Passahmahl. Da nach dem hebräischen Kalender der Tag abends um etwa 18.00 Uhr beginnt, konnte Jesus gleich zu Beginn des 14. Nisan, also am Donnerstagabend, ein damals z. T. übliches vorweggenommenes Passahmahl mit seinen Jüngern halten(15). Er feierte es wohl ohne ein Lamm, da er selber das »Lamm Gottes« war, welches die Sünden der Welt am Kreuz trug (vgl. Joh. 1,29).
b) Wann wurde Jesus gekreuzigt?
Die Evangelien berichten uns, daß Jesus am Rüsttag16), also an dem Tag, an dem alles für den Sabbat zubereitet wurde, verhört, geschlagen und gekreuzigt wurde. Daher wird dieser Tag auch »Vorsabbat« genannt (Mark. 15, 42). Jesus hing von ca. 9.00 Uhr bis ca. 15.00 Uhr am Kreuz(17).
Er starb zu der Zeit, in der die Passahlämmer im Tempel geschlachtet wurden. Jesus starb also kurz vor dem Beginn des Passahmahles am Abend des 14. Nisan, das ist der Karfreitag. Mit Hilfe astronomischer Forschungen konnte man den jüdischen Kalender zur Zeit Jesu annähernd bestimmen. Demnach fiel der Todestag Jesu auf Freitag, den 7. April des Jahres 30 n. Chr. (Oder eventuell: Freitag, 3. April 33 n. Chr.) (18).
C) Wann war der „große Sabbat“?
Der Evangelist Johannes (Kap. 19, 31) deutet an, daß auf den Rüsttag ein »großer Sabbat« folgen würde. Damit wird ausgesagt, daß im Todesjahr Christi der 1. Tag des Festes der ungesäuerten Brote (vgl. 4. Mos. 28, 18: dies war der höchste Feiertag!) auf einen Wochensabbat, also Samstag, fiel. In jenem Jahr 30 konnte demnach am 15. Nisan ein doppelter Feiertag (Sabbat) begangen werden19). An diesem Tag kamen die Hohenpriester und Pharisäer zu Pilatus, um »bis an den dritten Tag« (= Sonntag) eine Grabwache zu erhalten.
d) Wann ist Jesus von den Toten auferstanden?
Der große Sabbat war nach jüdischem Kalender am Samstagabend um ca. 18.00 Uhr zu Ende. Nun konnten Maria Magdalena, Maria und Salome die noch fehlenden Spezereien einkaufen (Mark. 16, 1), nachdem sie schon zwischen der Kreuzigung Jesu und dem Beginn des großen Sabbats am Freitagabend einige Spezereien und Salben zubereitet hatten (Luk. 23, 56). Godet kommentiert treffend: »Wahrscheinlich hatten sie am Abend des Todestags Jesu mit den Vorbereitungen angefangen und waren erst am folgenden Abend damit fertig geworden«20). Die Evangelien berichten uns, daß die erwähnten Frauen mit ihren Spezereien sehr früh am Morgen (nach Joh. 20,1 war es noch finster, als sie losgingen) sich auf den Weg zum Grab machten. »Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu, wälzte den Stein ab und setzte sich darauf« (Matth. 28, 2). Damit könnte die Auferstehung Jesu aus dem Grab angedeutet sein21). Bei Sonnenaufgang (Mark. 16, 2) kamen die Frauen dann am Grab an und erfuhren die herrliche Osterbotschaft.
Jesus ist also am frühen Morgen des 16. Nisan auferstanden, der damals nach dem römischen Kalender Sonntag genannt werden durfte(22). Wenn wir also am Karfreitag der Kreuzigung Jesu gedenken, befinden wir uns in keinem Irrtum23). Wir wollen nie vergessen, daß der feste Grund unseres Glaubens darin besteht, »dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von über 500 Brüdern auf einmal.« (1. Kor. 15,3-6).
Anmerkungen
1) Gerade in vielen prophetischen Texten der Heiligen Schrift wird eine bildhafte Sprache verwendet. So müssen z. B. auch die vielen Bilder in der Apokalypse des Johannes bildhaft verstanden und gedeutet werden.
2) Für die Behandlung unserer Frage ist es wichtig zu betonen, daß verschiedene Kalender (römischer, hebräischer etc.) zur Zeit des Neuen Testamentes in Gebrauch waren. Vgl. die Diskussion in: Leon Morris, The Gospel According to John (NICNT), Grand Rapids 1971, p. 783.
5 Gerhard Maier, Der Prophet Jona, Wuppertal 19761,19792, S. 50. Vgl. auch den Brock­haus Kommentar zur Bibel und die Kommentare von Strack-Billerbeck, Haller, Müller und Wade.
6) Maier denkt an einen Schwert- oder Pottwal oder auch an einen Hai. Daß diese Erzählung kein Märchen darstellt, wird durch A. E. Wilder-Smith, Naturwissenschaft und Kanzel, Konstanz 19602, S. 68ff. nachgewiesen.
7) Carl Friedrich Keil, Die kleinen Propheten, Leipzig 18883 (Basel 1985), S. 290.
8) Vgl. auch die Erläuterung zurStelle in der Stuttgarter Jubiläums-Bibel.
9) Vgl. D. Guthrie/J. A. Motyer (Hrsg.), Brockhaus Kommentar zur Bibel Bd. 3, Wuppertal 1982.S. 923.
10) Vgl. D. Guthrie/J. A. Motyer (Hrsg.), Brockhaus Kommentar zur Bibel Bd. 4, Wuppertal 1985.S. 27.
11) Delling in: G. Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament IV, Stuttgart 1942, S. 1118,12.
12) Walter Grundmann, Das Evangelium nach Matthäus, Berlin 19681.19815, S. 566.
13) Die Hervorhebungen wurden vom Verfasser vorgenommen.
14)Adolf Pohl, Das Evangelium des Markus, Wuppertal 1986, S. 500. Vgl. auch, daß abweichende Bezeichnungen im Judentum belegt sind (z. B. in Strack-Billerbeck I, 987f; II, 813 f.).
15) Daher rührt die große Sehnsucht unseres Herrn, doch vor seinem Leiden am kommenden Tag noch das Passahmahl mit seinen Jüngern zu feiern (Luk. 22,15).
16) Griechisch: paraskeuä = Zurüstung, Vorabend eines Festes, welches Zurüstung erfordert. Zu Rüsttag vgl. auch Joh. 19,14.31.42 und Luk. 23, 54!
17„) Vgl. Markus 15, 25 und Matth. 27, 46.
18) Vgl. Gerhard Maier, Matthäus Evangelium 2. Teil, Neuhausen-Stuttgart 1980, S. 360; sowie : Frédéric Godet, Das Evangelium des Lukas, Hannover 18902 (Basel 1986), S. 580ff.und: Douglas (Ed.), The New Bible Dictionary, London 1962, p. 224.
21) Vgl. Mark. 16,9 und Grundmann, a.a.O., S. 569.
22) Nebenbei erwähnt, fiel im Jahr 1985 der 1. Frühlingsvollmond wieder auf den Karfreitag. Die Juden feierten an diesem Tag ihr Passahfest, genauso wie im Jahr 30 n. Chr.
„) Eine chronologische Einteilung der Ereignisse der Karwoche findet man bei: Merril C. Tenney, Die Welt des Neuen Testaments, Marburg 1979, S. 2291
Jürgen Neidhart, Kradolf, Schweiz Bibel und Gemeinde 2/87

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