Lehre, damit keine Leere in den Gemeinden entsteht – Oder: Warum wir auf die Lehre nicht verzichten dürfen

Es gibt wohl kaum jemanden, der sich besser damit auskennt, wie man Menschen fesseln kann, als ein Krimiautor. So schreibt die große englische Kriminalschriftstellerin Dorothy L. Sayers: „Man versichert uns dauernd, die Kirchen seien darum so leer, weil die Prediger zu viel Gewicht auf die Lehre legten: auf das ›langweilige Dogma‹, wie man zu sagen pflegt. Man lasse mich einmal sagen, dass genau das Gegenteil wahr ist; es ist die Vernachlässigung des Dogmas, die die Predigten so langweilig macht.“ An Aktualität haben diese provokanten Sätze aus dem Jahr 1938 wohl kaum etwas eingebüßt. Immer wieder begegnet uns heute die Sichtweise, dass Lehre nicht so wichtig sei und eher persönlichen Erfahrungen und Ansichten oder christlichen Persönlichkeiten große Autorität eingeräumt wird. In den USA melden sich maßgebliche evangelikale Theologen zu Wort: Sie sehen eine besorgniserregende Entwicklung unter jungen evangelikalen Christen: Es verbreite sich die Meinung, dass auch andere Religionen Wege zum ewigen Leben sind. Hinzu komme, dass die Mehrheit junger Evangelikaler nur noch höchstens einmal pro Woche in der Bibel lese. In Deutschland dürfte es wohl ähnliche Entwicklungen geben. Grundsätzlich kann man sagen: Es wird in der Gemeinde immer gelehrt – fragt sich nur durch wen und was. Es wird in der Gemeinde immer gelebt – fragt sich nur wie und wofür. Unsere Gemeinden und Gemeinschaften stehen in der Verantwortung, dass sich diese Trends nicht manifestieren.
1. … damit wir kompetent einer sinnentleerten Welt begegnen können.
Mancher mag sich fragen, warum wir mit der Hinwendung zur Welt beginnen, wenn es um die Notwendigkeit der Lehre in der Gemeinde geht. Beobachten wir Jesus: Er kam in diese sinnentleerte Welt, um ihr die Wahrheit nicht nur zu bezeugen, sondern sie zu sein. Um das Evangelium in die Welt hineinzutragen, wählte er den Weg des Wanderlehrers, der mit seinen Schülern durch die Lande zog und sie unterwegs das lehrte, was sie später selber lehren und leben sollten. Die erste Gemeinschaft um Jesus war eine Lehr-, Lern- und Lebensgemeinschaft. So lernten die Jünger (man kann auch übersetzen „die Schüler“) Jesu, wie er redete und handelte. Nicht ein Studium der Theologie – so wertvoll und hilfreich das sein kann – qualifizierte sie, sondern ganz im Gegenteil: gerade im Scheitern lernten die Jünger sehr viel über sich selbst, über ihre Mitmenschen und vor allem über Jesus. Und dann bekamen Sie den Lehrauftrag Jesu: nicht weil sie ein Spitzen-Examen hingelegt hatten oder weil sie besonders herausragende Fähigkeiten hatten. Sie bekamen den Jesus- Blick für die Welt, den Retterblick: „Gehet hin in alle Welt … Machet zu Jüngern alle Völker … taufet sie … und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ (Mt 28,18-20). Die Welt braucht „gelehrte Jünger Jesu“, die das weitergeben, was Jesus gelehrt hat. Deshalb ist die Bibel Dreh- und Angelpunkt allen Lehrens. Wir Christen haben nicht nur einen Missionsauftrag, sondern auch einen Lehrauftrag! Wo Menschen eine Jesusbeziehung eingehen, sind wir verpflichtet, Lehre für sie bereitzustellen.
2. … damit wir wissen, wie ein erfülltes Leben gelebt wird.
In einer Welt der unzähligen Möglichkeiten, die gleichzeitig unzählige Verwirrungen unserer Tage bringen, ist Leben zu einer besonderen Herausforderung geworden. Wie lebt man eigentlich als Christ – in der Familie, im scharfen Wind des beruflichen Alltags, im Umgang mit seinen Mitmenschen? Kann man in unserer Welt noch nach biblischen Wahrheiten und Leitlinien leben? Die Seminare in Ethik gehören zu den bestbesuchten an unserem Bibelseminar in Ostfildern. Eigentlich gehören solche Fragen in die Lehrveranstaltungen der Gemeinden, auch und gerade wenn es sich um „heiße Eisen“ handelt. Viel zu oft zäumen wir das Pferd von hinten auf: erst, wenn ein ethisches Problem ansteht, beschäftigen wir uns kurz, wenig durchdacht, aber umso emotionaler damit. In diesen Situationen fallen dann entweder sehr harte oder sehr großzügige Entscheidungen. Es wurde ja auch in diesen Fragen so gut wie nie die Bibel aufgeschlagen und darum gerungen, wie das heute noch verbindlich gelebt werden kann. Ein „Biblischer Unterricht für Erwachsene“ könnte hier gute Dienste leisten.
3. … damit unsere Gottesdienste und Veranstaltungen nicht inhaltsleer werden.
Weil die ersten Jünger noch den Lehrauftrag Jesu in den Ohren oder besser im Herzen hatten, war es für sie völlig klar, dass in ihren Versammlungen die Lehre einen zentralen Platz hatte: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel“ (Apg 2,42). Wie bei einem Staffellauf wird das Staffelholz der Lehre sofort weitergegeben. Martin Luther hat in seiner „Vorrede zur Deutschen Messe“ (1526) ein nachahmenswertes Verkündigungs- und Lehrmodell vorgestellt, die drei Weisen des Gottesdienstes: Als erstes den Gottesdienst in der gängigen Weltsprache (bei Luther war dies Latein), um in Wort und Lied vor allem die Jugend anzusprechen, die diese Sprache (heute wäre das Englisch) liebt und dadurch weltweit missionarisch kommunizieren kann. Als zweite Weise einen evangelistischen Gottesdienst in deutscher Sprache, die er als eine „öffentliche Anreizung zum Glauben“ versteht. In der dritten, der eigentlichen Weise des Gottesdienstes, siedelt Luther sodann die Lehre an. Diejenigen, „die mit Ernst Christen sein wollen“, versammeln sich „in den Häusern hin und her“, um „alles aufs Wort und Gebet und die Liebe zu richten“. Und Luther schreibt weiter: „Hier müsste man einen guten kurzen Unterricht über das Glaubensbekenntnis, die Zehn Gebote und das Vaterunser haben.“ Der Pietismus hat diese Idee Luthers viele Jahre später aufgegriffen und einiges davon in den „Stunden“ umgesetzt. Und dabei ging es dann nicht um hochgestochen formulierte Theologie, sondern um lebbare Lehre, die im Alltag ihre Umsetzung finden sollte.  4. … damit wir im Glauben wachsen können.
Siegfried Kettling hat vor einigen Jahren eine oft beobachtete arrogante Haltung kritisiert, wie sie immer wieder ausgesprochen oder unausgesprochen formuliert wird: „Liebe Gemeinde, mehr brauchst Du von der Sache nicht zu wissen. Taufe, Allversöhnung, ewige Verdammnis, Theodizee (Die Warum-Frage), Prädestination (Frage nach der Vorherbestimmung), das alles müsst ihr nicht verstehen, das ist nichts für Euch!“ Und Kettling weist darauf hin, dass genau nach diesen Themen immer wieder in den Hauskreisen nachgefragt wird, aber sie nur äußerst selten kompetent behandelt werden. Kettling fordert, sich mit solchen Themen sehr gründlich zu beschäftigen, um sie dann „elementar zu übersetzen“, zu lehren. Christen haben ein Recht auf Wachstum, und wir werden regelrecht wachgerüttelt, wenn wir davon lesen, welche Themen zur „geistlichen Milchspeise“ gehören (Hebr 6,1-2). Dabei weist uns der Schreiber des Hebräerbriefes darauf hin, dass es irgendwann nötig ist, feste „Lehr-Speise“ einzunehmen, ja sogar selbst andere zu lehren (Hebr 5,11-14). Wenn ein Kind aufhört zu wachsen, klingeln bei den Eltern die Alarmglocken. Sie werden alles versuchen, damit das Kind wieder wächst. Haben wir uns schon gefragt, wie es wäre, wenn sich unser geistliches Wachstum an unserer Körpergröße abbilden würde? Müssten dann Stühle und Bänke entfernt werden, weil so viele Kinderwägen mit geistlichen Babys dastehen würden? Ist es nicht so: Wenn wir körperlich wachsen, so können wir auf Grund unserer entsprechenden Körpergröße und unserer fortschreitenden Entwicklung ganz andere Dinge anpacken und bewältigen, wie das Kinder können. Wie verhält es sich mit dem geistlichen Wachstum, das nicht zuletzt durch die gesunde Lehre genährt wird? Könnte es sein, dass die Unterversorgung an Lehre zu Wachstumsstörungen geführt hat, die sich in ungesunden Diskussionen, Streitereien und mangelndem geistlichen Entscheidungsvermögen zeigt? Dass dies das persönliche Leben und das Leben in der Gemeinde negativ prägt und blockiert, liegt auf der Hand.
5. … damit wir einander lehren und auf das Leben vorbereiten können.
Als Schlüsselqualifikation eines Ältesten oder Gemeindeverantwortlichen (Luther übersetzt mit „Bischof“) nennt Paulus in 1Tim 3,2 und Tit 1,9 die Verwurzelung in der Lehre und die Fähigkeit zu lehren, um kompetent und vollmächtig Irrlehrer zurechtweisen zu können. Das Leitungsteam einer Gemeinde soll vor allem in der Lehre gegründet sein, um Lehrer der Gemeinde sein zu können. Nicht Gemeindemanager sind gefragt, sondern Hirten und Lehrer. Ganz bewusst lesen wir stets von mehreren Ältesten. Wie leicht kann es passieren, dass ein Einzelner sich auf eine ungute Sonder- oder Lieblingslehre einschießt und die ganze Gemeinde darunter leidet. Sind es mehrere, so können und sollen sie sich ermahnen und korrigieren. Bei Seminaren und Vorträgen provoziere ich manchmal mit der Behauptung, dass Frauen einen deutlichen Lehrauftrag in der Bibel haben, der aber in den meisten Gemeinden und Gemeinschaften gar nicht vorkommt. Bisher habe ich in der Tat ganz wenige Gemeinden angetroffen, in denen das praktiziert wird, was Paulus an Titus schreibt (Tit 2,3b- 5): Alte Frauen (zur Zeit des Paulus zählte man mit ca. 35 Jahren dazu) sollen für die jungen Frauen (ab ca. 12 Jahren) gute Lehrerinnen in all den Dingen sein, mit denen diese in einer Ehe und Familie konfrontiert werden. Schauen Sie sich ruhig einmal den Lehrplan an, den Paulus hier gleich mit aufführt! So lebensnah kann Lehre sein! Ab und zu gab es bei dem einen oder anderen Seminar den Zwischenruf, dass so etwas durchaus auch die Männer nötig hätten! Wohl wahr! Wie zukunftsweisend könnte es sein, wenn wir solche „Lehr-Kurse“ mit eben diesen Themen anbieten. Eine Sache ist uns vermutlich schon altbekannt und wird doch nicht selten vernachlässigt: In der Gemeinde soll das Staffelholz des Lehrens immer weitergegeben werden: diejenigen, die gelernt haben, sollen das Gelernte wieder an andere weitergeben, die dann wiederum andere lehren (2Tim 2,2). Gut, wenn solche Jüngerschaftsprogramme für Christen jeden Alters in unseren Gemeinden stattfinden. Dabei kann es sehr hilfreich sein, wenn auch Kurzbibelschulen, Kurse und Seminare oder sogar eine Bibelschule von Einzelnen besucht werden, die das Gelernte mit anderen Christen teilen: weitergeben ausdrücklich empfohlen!
6. … damit wir die Irrlehren erkennen und vermeiden können.
Von Anfang an gab es in der Gemeinde immer wieder Lehrer und Lehren, die ihren Status oder ihre Lehre zur Verknechtung, Verführung oder Verwirrung eingesetzt haben. Wie alles in dieser Welt kann Lehre gebraucht, aber auch missbraucht werden. Der Unterschied ist oft kaum zu erkennen. Davon zeugen viele Streitigkeiten in der Vergangenheit und der Gegenwart. Paulus betont in seinem letzten Brief, den er aus dem Gefängnis in Rom an seinen geistlichen Sohn Timotheus geschrieben hat: in den letzten Tagen wird es zu einer Umdeutung der Werte und einer Verwässerung der Lehre kommen (2Tim 3,1-9). Christen und Gemeinden, die die „gesunde Lehre“ der Bibel nicht gelernt und gelehrt haben, werden die subtilen Formen der Irrlehren und Irrlehrer nur schwer entlarven können und ihnen nachgeben. Dabei ist wichtig: Irrlehren sind zu einem Großteil identisch mit der guten Lehre der Bibel und nur ein kleiner Teil ist tückisch falsch. Gerade das macht sie so gefährlich. Welche Vorbeuge-Maßnahmen gibt es? Der Rat des Paulus an Timotheus ist recht einfach, aber sehr effektiv: Bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist“ (2Tim 3,14). Fragt man, was das denn ist, dann kommt eine Antwort, die wir vermutlich alle kennen: Bleibe bei der Heiligen Schrift, denn „alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nützlich zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.“ (2Tim 3,16-17) Wer diese Schrift allerdings nicht kennt oder sie nicht als von Gott inspiriert anerkennt, der wird äußerst anfällig für Irrlehren und der wird unter Umständen auch zu einem Irrlehrer.
7. … damit wir einen Prüfstein für unsere Erfahrungen und Taten haben.
Auch als Christen bleiben wir anfällig für allzu Menschliches. Eine brillante Predigt kann pure Selbstdarstellung, eine fromme Tat in Demut gekleidete Selbstprofilierung und ein ehrfürchtiger Lobpreis emotionale Selbstbeweihräucherung sein. Ein unbedarfter Zuhörer wird vielleicht sogar beeindruckt sein von dem Dargebotenen, selbst wenn die Bibel etwas ganz anderes, manchmal sogar das genaue Gegenteil lehrt. Ein Prüfstein ist ein kleiner Reibstein, der zur Feststellung der Zusammensetzung und des Reinheitsgrades von Edelmetallen benutzt wird. Das vermeintlich wertvolle Metall wird auf einem Stein gerieben und mit dem Strich eines „Originals“ verglichen. Damit wird die Echtheit, die Reinheit festgestellt oder aber verworfen. Die Lehre ist so ein Prüfstein, bei der es durchaus zu „Reibungen“ kommen kann. Wie haben die Kirchenväter sich gerieben, um festzustellen, was der Jesus-Lehre entspricht. Es kann entlarvend sein, sich mit seinen Äußerungen, Erfahrungen und Emotionen dem Prüfstein „biblische Lehre“ auszusetzen. Wie bewegend ist es aber, wenn wir feststellen, dass die Lehre uns verändert und wir staunend entdecken, dass in unserer Lebensspur sich das Original, Christus, widerspiegelt.
Albrecht Wandel, Leiter vom Bibel-Seminar Königsfeld in Ostfildern http://www.die-apis.de/uploads/media/Gemeinschaft_2010-06.pdf

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