Vom Respekt in einer Demokratie

Der für seine atheistischen und humanischen Streitschriften bekannte Philosoph Michael Schmidt-Salomon hat sich in der derzeitigen Diskussion um Religion und Toleranz ebenfalls zu Wort gemeldet. Die Frage danach ob es sinnvoll sei, Gläubigen aller Religionen mehr Respekt entgegenzubringen, beantwortet er nicht überraschend mit einem klaren Nein. Vielmehr geht er sogar so weit Gläubigen gar keinen Respekt zu zollen, da ihnen grundsätzlich der Respekt vor Andersdenkenden fehlt. Um dies zu untermauern, hat er einige Zitate aus Koran und Bibel aus dem Kontext gerissen, und als eine Art Essenz der jeweiligen Grundaussagen der Religionen präsentiert. Dazu muss man sagen, dass man eine solch schlampige Arbeit Studenten der Theologie wahrscheinlich schon im ersten Semester um die Ohren gehauen hätte. Im weiteren Verlauf schert der Autor Gläubige und fanatische Fundamentalisten einfach mal über einen Kamm, fordert dazu auf sie mit möglichst viel Kritik und Satire zu versorgen und warnt vor einem falschen, also schädlichen Respekt. Im Abschluss gemahnt er noch, hätten die Aufklärer mehr Toleranz gegenüber religiösen Gefühlen geübt, würden noch heute die Scheiterhaufen in Europa brennen.
An sich könnte man ein derartiges Sammelsurium von Fehlern einfach lesen und dann vergessen. Schmidt-Salomon reißt Zitate aus Zusammenhang und geschichtlichen Hintergrund, setzt Fanatiker die Gewalt einsetzen mit Gläubigen, die ihre demokratischen Rechte wahrnehmen gleich, verschweigt dass auch Anhänger der großen Religionen einen nicht geringen Anteil an der Aufklärung hatten und vergisst dass beileibe nicht alle Opfer der Hexenverfolgung auf das Konto von Katholiken und Protestanten gehen. So gesehen wäre es am einfachsten diese Ansammlung von Plattitüden schnell zu übergehen, wenn sie nicht gefährliche Grundgedanken aufweisen würde. Ich bin der Ansicht dass Respekt vor seinen Mitmenschen ein sehr wichtiger Standpfeiler in einer Demokratie ist. Durch Respekt lerne ich Menschen zu tolerieren und sie als mir gleichwertig anzusehen. Dazu braucht es keine Religion oder Weltanschauung, es ist ein ganz normaler Vorgang, den auch die allermeisten Menschen praktizieren. Im besonderen Fall Religion bedeutet das nicht, dass keine Kritik mehr geübt werden soll, aber ich kann Kritik so formulieren dass ich niemanden beleidige.
Gefährlich an Schmidt-Salomon ist, dass er sich zum Herren darüber macht, wem Respekt gebührt und wem nicht. Das Gegenteil von Respekt ist Respektlosigkeit und im schlimmsten Fall Verachtung. Er propagiert die grundsätzliche Respektlosigkeit gegenüber gläubigen Menschen, was genaugenommen schon eine Verletzung einiger der Grundrechte darstellen kann. Zudem halte ich Anschauungen die manchen Menschen mehr und anderen weniger Wert zusprechen grundsätzlich für gefährlich. Dabei ist es mir egal ob sich jemand auf einen heiligen Text oder den Humanismus beruft, denn der Tenor bleibt letztlich gleich: Ich bin etwas besseres als du. Wohin solches Gedankengut auf die Spitze getrieben führen kann, haben wir im letzten Jahrhundert in vielen Varianten erlebt. Insofern kann man einer Demokratie nur wünschen, dass vermeintlich aufgeklärte Menschen wie Schmidt-Salomon weiterhin Philosophen bleiben und keine Macht in die Finger bekommen.
http://www.sanktleibowitz.org/vom-respekt-in-einer-demokratie.html

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