Was ist Glaube? Teil 2

a) Das wichtigste hebräische Wort für glauben heißt aman. Von daher stammt unser Amen: „das soll gelten, dass soll wahr und gewiss sein“. Der Wortstamm aman meint also etwas, das fest, zuverlässig, sicher ist; dasjenige, was eine Sache oder einen Menschen zu dem macht, was er ist und in diesem Sinn das Verlässliche, das nicht trügt. So gebraucht man das Wort von einem verlässlichen Diener, einem treuen Zeugen oder einem treuen Propheten. Und so meint das Wort auch die unbedingte Treue und Verlässlichkeit Gottes (hebr. ämät) als das, was ihm entspricht. Wenn nun dieses hebräische Wort für den Glauben verwendet wird, dann meint dies nicht etwa das Verlässliche des Menschen oder des Glaubens an sich. Es meint gerade auch hier die Treue und Verlässlichkeit Gottes, auf die sich ein Mensch ausrichtet und an die er sich hält. Von daher kann man sagen: Gott hat Bestand, und er gibt und verleiht auch Bestand, und zwar jedem, der sich auf ihn verlässt. In diesem Sinne vermag der Prophet Jesaja mit dem hebräische Ausdruck aman geradezu zu spielen, wenn er formuliert: „wenn ihr nicht glaubt, habt ihr keinen Bestand“ (7,9).
Solches Glauben oder Sich-Festmachen wird dann im Alten Testament auch in Bezug auf die Verheißungen Gottes, sein Wort und seine Hilfe ausgesagt. So heißt es in der bekannten Stelle Gen 15,6: „Abram glaubte dem HERRN [seiner Verheißung], und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit“.
Dieser Glaube existiert aber nicht in einem luftleeren Raum, sondern ihm ging in Israel der Erweis von Gottes machtvollem, rettendem Tun voraus und damit verbunden die Erfahrung, dass Gott verlässlich und vertrauenswürdig ist. Vor allem ist hier an die Ursprungserfahrung der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei zu denken, das Grunddatum jüdischen Glaubens. Der Glaube ist somit im Alten Testament bezogen auf ein Handeln Gottes, in dem er sich dem Menschen (als zuverlässig und gnädig) erschließt.
Dabei meint der Glaube nicht einfach ein Verhalten neben anderem. Als Gottesbeziehung umfasst und prägt er vielmehr das ganze Leben mit allen seinen Äußerungen. Der alttestamentliche Mensch hat es in allem und jedem mit seinem Gott zu tun, mit seinen Gaben und seiner Güte, mit seiner Hilfe und seinem Anspruch. Darum schließt der Glaube als Vertrauen auch den Gehorsam ein, das Leben und Handeln im Einklang mit Gottes Willen. Gott glauben heißt auch seinen Geboten und Weisungen zu glauben (so z.B. Ps 119,66: „Lehre mich heilsame Einsicht und Erkenntnis; denn ich glaube deinen Geboten“). 2 Der Glaube ist für den Israeliten Lebens- und Existenzgrundlage, wie auch das Verheißungswort aus Hab 2,4 zum Ausdruck bringt: „ … der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben“.
b) Blickt man ins Neue Testament und hier zu Jesus, dann wird deutlich, dass Jesus im Alten Testament wurzelt und den Glauben, wie wir ihn dort finden, bejaht. Auch für ihn ist mit dem Glauben die ganze Lebenshaltung bezeichnet, das ganze Gottesverhältnis. Auch für ihn ist Glaube zugleich Vertrauen und Gehorsam. Im Glauben, wie Jesus ihn predigt, erwartet und ermöglicht, wendet sich der Mensch ab von allem, was gegen Gott steht und die menschliche Gemeinschaft zerstört, und er öffnet sich ganz Gott und seiner gnädigen Herrschaft. Sich Jesus anschließen hieß darum, ihm und seinem Gott zu glauben. Und wieder: Auch bei Jesus existiert dieser Glaube nicht im luftleeren Raum, sondern war ein Sich-Einlassen auf seine Gabe und auf sein Wirken, in dem Gottes Nähe und Zuwendung erfahrbar wurde. So waren die Jünger Zeugen seiner Machttaten und aufmerksame Hörer seiner macht- und liebevollen Predigt; in beidem konnten sie die messianische Vollmacht Jesu erkennen. Jesu Taten und sein Handeln gingen einerseits also dem Glauben voraus und waren glaubensweckend (Joh 2,11). Andererseits aber fragte Jesus auch nach dem Glauben, nach anfänglichem Vertrauen als Bedingung für sein Handeln. So sagt er von dem Hauptmann von Kapernaum: „Gehe hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast“ (Mt 8,13; vgl. auch V.10; Mt 9,28f u.ö.).
Der Glaube an Gott gewinnt seinen Kristallisationspunkt im Glauben an Jesus Christus, beides gehört unmittelbar zusammen (1.Thess 1,9f; Röm 10,9). Denn in Christus öffnet Gott sein Herz, sein Innerstes. Deshalb steht für Paulus der Glaube an Jesus im Zentrum seiner Verkündigung.
– und hier noch einmal das Heilsgeschehen am Kreuz. An der Stelle tiefster Erniedrigung und Ohnmacht geschieht (paradoxerweise) die umfassendste Offenbarung der Zuwendung und Liebe Gottes und seiner dadurch bestimmten Macht.
Jedem, der so ‚glaubt’ und sich auf den in Christus offenbaren Gott verlässt, ist eine neue Daseinsweise eröffnet, eine neue Lebenswirklichkeit. Der Glaubende muss nicht mehr in sich und aus sich selbst leben. „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben“ (Gal 2,20; vgl. 2. Kor 5,17). Der Glaubende, der so mit Christus verbunden ist, ist zugleich Teil des Leibes Christi, der Gemeinschaft der Glaubenden. Der Glaube hat somit wesenhaft eine soziale Dimension.
Zum Schluss dieser biblischen Perspektiven noch ein kurzer Hinweis auf das Johannesevangelium.
Das Besondere des johanneischen Glaubensbegriffs ist die enge Verbundenheit von Glaube und Erkennen, so z.B. Joh 6,69: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes“ (vgl. 8,31f; 3 17,8). Jesus als den vom Vater Gesandten zu erkennen und an ihn zu glauben, das gehört zusammen. Das macht nochmals deutlich: Biblischer Glaube ist kein blinder Glaube. Auch im Raum des Erkennens manifestiert sich, dass der Glaube kein Spielball von Träumen ist, sondern einen Grund hat, der ihn trägt; dass er Wahrheit erfasst, die dem Menschen gezeigt wird.

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