Wo begegne ich Gott tatsächlich?

Religion ist (wieder) in. Religion – nicht unbedingt der christliche Glaube. Dies zeigt ein unüberschaubares Angebot an Religiösem in allen Schattierungen. Aber mit diesen vielen verschiedenen Angeboten drängt sich unweigerlich die Frage auf: Wo begegne ich Gott tatsächlich? Wie lautet die Antwort des christlichen Glaubens? Wie lautet die Antwort der Bibel?

Einer der wichtigsten biblischen Texte zu dieser Frage ist zweifellos Joh 1,1-18. Drei Antworten wollen wir diesem Text entnehmen:

1. Jesus ist Gott und deshalb auch Schöpfer

Wuchtiger als mit den ersten Versen könnte das Johannesevangelium nicht beginnen. Deutlicher wird dies, wenn wir den Begriff „Wort“ mit „Jesus“ ersetzen. Der Gesamtzusammenhang macht eindeutig klar, dass dieser gemeint ist. Lesen wir also: „Am Anfang war Jesus, und Jesus war bei Gott, und Gott war Jesus“ (V. 1-2).

Die ersten drei Sätze zeigen eine deutliche Steigerung. Zunächst eine zeitliche Ansage mit Bezug auf 1Mo 1,1: Schon ganz am Anfang der Zeit war Jesus. Dann eine räumliche Aussage: Er war in der Gemeinschaft mit Gott, ganz in seiner Nähe. Aber dann die dritte Aussage: Jesus ist Gott. Damit macht Johannes klar: Dieser Jesus ist der vom Himmel gekommene Sohn Gottes, der von Ewigkeit her in der Gemeinschaft mit seinem Vater war. Ganz ähnlich lesen wir von Jesus im Philipperbrief: „Er, der in göttlicher Gestalt war …“ (2,6). Wenn dieser Jesus aber Gott ist, dann ist er auch Schöpfer. Diese Konsequenz lesen wir bei Johannes: „Alle Dinge sind durch dasselbe (gemeint ist das Wort, also Jesus) gemacht“ (V. 3).

Mit dieser ersten Antwort bewegt sich Johannes eigentlich in den allgemeinen Bahnen der Antworten der Religionen. Gott sprengt zeitlich und räumlich alle Dimensionen und Vorstellungen. Er ist der Unfassbare. Er umfasst Raum und Zeit, die nach 1Mo 1 Schöpfungswerke sind. Durch ihn ist alles erschaffen, er ist der allmächtige Schöpfer.

Zu diesem Bekenntnis zu Jesus als Schöpfer zwei kurze Anmerkungen:

a) Wenn Jesus Schöpfer ist, können wir dann nicht Gott auch in der Schöpfung suchen? Es wird ja nach wie vor immer wieder behauptet, dass man Gott in der Natur erkennen könne, dass man also nicht den Gottesdienst und die Bibel dazu braucht. Die Antwort auf diese Frage ist ein Ja und ein Nein.

In der Tat begegnen wir in der Schöpfung Gott. Oder halt – wir müssen es genauer sagen: wir begegnen Gottes Werk. Wir können – so etwa Paulus – aus der Schöpfung erkennen, dass Gott ist. Wir können seine Macht erkennen. Aber sein ganzes Wesen können wir aus der Schöpfung nicht erkennen. Wir können z.B. nicht erkennen, dass Gott Liebe ist. Denn in der Schöpfung begegnet uns der bittere Kampf ums Überleben. Das wunderschöne Spinnennetz ist ein Tötungsinstrument, damit die Spinne selbst überleben kann.

Der Schöpfergott ist der ferne Gott. Man kann ihn nicht konkret fassen und erkennen. Viele lieben diesen sehr vagen Glauben. Man glaubt an Gott, aber doch nicht so konkret, dass es persönlich konkret werden müsste. Wer diesen Weg der Gotteserkenntnis wählt, ist aber letztlich ohne Gewissheit.

b) Wenn Jesus unser Schöpfer ist, dann kennt er uns durch und durch.

Wenn Jesus unser Schöpfer ist, dann ist er nicht der ferne Gott, der Gott im Himmel, der unsere menschlichen, irdischen, leiblichen Verhältnisse letztlich gar nicht persönlich kennt. Wenn Jesus unser Schöpfer ist, dann kennt er unsere Verhältnisse durch und durch, weil er sie selber erlebt und auch durchlitten hat. Er kennt Hunger und Durst, äußere Anfeindung und innere Anfechtung, Müdigkeit ist ihm nicht fremd. Er weiß um körperliche Leiden und das Dunkel des Todes. Mein Schöpfer kennt mich, sein Geschöpf durch und durch. Aber gerade dies ist das besondere des christlichen Glaubens: der Schöpfer Jesus wird dem Geschöpf gleich, er wird Fleisch – dies gilt es weiter zu entfalten.

2). Jesus wird Mensch und bringt uns Gott nahe

Neben den ersten Versen des Johannesevangeliums ist ein weiterer Vers nicht weniger bedeutungsvoll: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ (V. 14). Gott bleibt in Jesus nicht im Himmel. Gott bleibt in Jesus kein ferner Gott. Gott wird in Jesus Christus ganz Mensch. Er kommt zu uns.

Das ist eigentlich ganz unfassbar. Jesus, der Gott ist, durch den alles geschaffen ist, wird Fleisch. Er nimmt unser Wesen an. Er wird vergänglich – Gott aber ist ewig. Er wird begrenzt – Gott aber ist unbegrenzt. Er wird schwach – Gott aber ist allmächtig. Jesus wird Fleisch. Dies ist ein Abstieg, eine Veränderung, wie wir es uns überhaupt nicht vorstellen können. Der schon erwähnte Hymnus im Philipperbrief versucht, diesen unfassbaren Weg der Erniedrigung zu beschreiben: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz“ (2,6-8).

Nur eine Ausnahme zu uns Menschen gilt es festzuhalten: er war ohne Sünde.

Aber warum dieser Weg, warum diese Erniedringung Jesu? Drei Stichworte verdeutlichen es:

I) „Herrlichkeit“. Ein Wort, das in der Bibel vorrangig für Gott und seine göttliche Wirklichkeit verwendet wird. Hier heißt es: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes“ (V. 14). Aber Jesus hat ja gerade diese göttliche Herrlichkeit verlassen. Sein Leben war äußerlich nicht göttlich. Er war „den Menschen gleich“ (Phil 2,7). Die Herrlichkeit Jesu und damit seine göttliche Herkunft war dort für die Jünger zu sehen, wo sich Gott selbst zu seinem Sohn bekannte, wie es in der Taufe und auf dem Berg der Verklärung geschah. Damit wurde aber das ganze irdische Leben Jesu nicht wiederum in weite himmlische Ferne gerückt, sondern gerade dieses irdische Leben bis hin zum Tod wurde in den Glanz göttlicher Herrlichkeit getaucht.

II „Gnade“. Wie schon gesagt können wir an der Schöpfung das Wesen Gottes nicht eindeutig ablesen, lediglich seine Macht. In Jesus Christus wird Gott eindeutig. In Jesus Christus begegnet mir der gnädige Gott. Gott liebt mich. Und dies gilt in Jesus Christus eindeutig. Dies gilt, wenn in mir Zweifel hochkommen, ob ich denn würdig genug bin. Dies gilt, wenn mich die Anfechtung quält, ob Jesus auch für meine Sünden gestorben ist. Die Berichte der Evangelien machen dies deutlich. Wenn Jesus den Zachäus, die Frau in Samaria, den Schächer am Kreuz annahm und ihre Sünden vergab; wenn Gott den verlorenen Sohn wieder aufnimmt – dann ist er in Jesus Christus auch mir ein gnädiger Gott. Und dies gilt, wenn in mir Zweifel an Gott hochkommen; vielleicht im Blick auf meine Lebensführung oder im Blick auf Leid, das ich nicht verstehen und worin ich Gottes Weg nicht sehen kann. Der gekreuzigte Jesus Christus ist das gewisse Zeichen für Gottes Liebe und Gnade, die wir eigentlich nicht verdient haben. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab …“ (Joh 3,16).

III. „Wort“. Warum hat Johannes für Jesus wohl den Begriff „Wort“ verwendet? Wir haben oben zu den ersten Versen festgestellt: Jesus ist als Gott auch Schöpfer. In 1Mo 1 erfahren wir, dass die ganze Schöpfung durch das göttliche Wort gemacht wurde. Dies ist der erste Grund. Wir müssen aber einen weiteren Grund bedenken. Der Begriff „Wort“ steht im AT an vielen Stellen für das prophetische Wirken (vgl. Jer 18,18). Gott hat den Propheten sein Wort in den Mund gelegt (5Mo 18,18; 1Kön 17,24; Jer 1,9). Durch die Propheten hat Gott geredet. Durch sie hat er sich in Israel offenbart. Wenn es in Anknüpfung an die Offenbarung durch die Propheten im AT von Jesus heißt „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ so ist dies eine deutliche Steigerung. Jesus hat nicht nur Gottes Wort, er ist Gottes Wort. Jesus ist die Offenbarung Gottes in Person. Und er ist dies ganz zuverlässig, denn von ihm gilt: „Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt.“ Weil Jesus vor Grundlegung der Welt bei Gott war und Gott ist, kann er uns zuverlässig Auskunft über Gott geben. Es gilt: Wer Jesus sieht, sieht den Vater; wer Jesus hört, hört den Vater. Damit hat aber alles unsichere, vage, schemenhafte Wissen über Gott ein Ende. Gott wurde konkret. Gott ist in Jesus Christus und Gott redet durch Jesus Christus. Durch Jesus wissen wir, wie wir mit Gott dran sind. Johannes erhebt für Jesus einen absoluten Anspruch. Wir erfahren nicht etwas von Gott, sondern wir begegnen in Jesus Christus Gott. Deshalb begegnen wir in Jesus nicht einer Teilwahrheit, sondern er ist die Wahrheit in Person.

3. Jesus verzichtet auf Macht und sucht Glauben

Wenn uns in Jesus Gott begegnet, dann drängt sich die Frage auf, warum der Glaube an Jesus Christus nicht eine ganz selbstverständliche Sache ist. Johannes stellt fest: „Die Welt erkannte ihn nicht“ (V. 10). Die Welt erkennt ihren Schöpfer nicht! „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (V. 11). Warum aber nicht? Der Grund liegt darin, dass Jesus „Fleisch“ wurde. Er kam nicht „göttlich“ sondern „menschlich“ in die Welt. Er hat sich, um es in einem Bild zu sagen, verkleidet. Er ließ seine äußerliche göttliche Herrlichkeit im Himmel zurück und kam in der Gestalt eines gewöhnlichen Menschen und nahm im Tod die tiefste Erniedrigung auf sich. Man könnte sagen: In der Schöpfung ist Gottes Macht zu sehen – aber Gott redet durch die Schöpfung nicht eindeutig. Im irdischen Jesus redet Gott eindeutig und unterstreicht seine Liebe zu uns – aber seine Macht ist verborgen. Wir Menschen suchen aber einen mächtigen und starken Gott. Warum geht Gott diesen Weg? Weil er uns in Jesus nicht zerstören, sondern erlösen möchte. Weil Gott in Jesus nicht zwingen, sondern zum Glauben rufen möchte. Dass wir in Jesus Christus Gott begegnen, ist deshalb keine Selbstverständlichkeit. Er springt uns als Gott nicht in die Augen. Dass wir in Jesus Gott begegnen, kann nur im Glauben erfasst werden. Wer aber an ihn glaubt, der entdeckt seine Herrlichkeit als Sohn Gottes. Wer an ihn glaubt, dem gilt das Wort: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“ (V. 12). Hartmut Schmid Tübingen http://www.lg-online.de/ct03/ct03_schmid.html Johannes 1,1-18 beim Christustag in Schorndorf am 19. Juni 2003

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