Die Angst vor dem Loslassen

“Mir vorzustellen, ich hätte nur noch 24 Stunden zu leben: Entsetzlich! Ich fühle mich sofort wie ein zum Tode Verurteilter, der erfährt: „Morgen um fünf Uhr wirst du hingerichtet, verbring jetzt deinen Tag. Du kannst machen, was du willst.“ Wie grauenhaft. Wie kann man da überhaupt noch mit Freude entscheiden, was man gerne machen würde? Ich wäre bestimmt gelähmt vor lauter Todesangst. Wahrscheinlich würde ich nur versuchen, in dieser Zeit die Menschen, die meiner Seele am nächsten sind, unentwegt bei mir zu haben. Meine Frau, meine Tochter und mein Enkelkind. Ansonsten wäre mir selbst für die Henkersmahlzeit der Appetit vergangen.”
Diese Sätze schreibt eine Legende des Wiener Burgtheaters, Gert Voss. Wir alle sind getrieben von dem Gedanken, dass wir einmal sterben müssen. Nein, nicht getrieben, das ist das falsche Wort, denn wir versuchen mit aller Macht diesem Gedanken aus dem Weg zu gehen. Hier in unserer Welt tut man alles dafür, um nur nicht an diesen Moment zu denken, in dem du dein Leben aushauchst.
“Für mich ist das Leben immer dann am schönsten, wenn ich die größte Freiheit habe, ein Gefühl der Unbegrenztheit.” Ja, so ist es. Das Lebensgefühl, wenn es denn stimmt, hat diesen Gedanken der Freiheit, eine Vollendung des Seins, es ist die Sehnsucht nach dem unendlichen Ende. “Sobald sich Grenzen zeigen, fühle ich mich beengt. Das war schon in der Schule so, wenn ich wusste, diese Klassenarbeit muss ich in einer Stunde abliefern. Dann fiel mir nichts mehr ein. Kopfblockade. Auch beim Theater gibt es Grenzen, etwa das Ende der Proben, und manchmal läuft einem die Zeit davon wie in einem Taxi das Taxameter. Das ist zum Wahnsinnigwerden. Aber selbst da hat man immer noch die Möglichkeit, zur Not die Premiere zu verschieben oder eine Vorstellung nicht zu spielen.”
Grenzen, wir hören dieses Wort nicht gern, spielen auch beim Tod eine Rolle. Denn es ist DIE Grenze. Es setzt dem Mensch das Ende, die Ränder der Freiheit werden abgesteckt. “Wenn der Tod kommt, gilt das alles nicht. Ich glaube, ich möchte deshalb auch nicht wissen, wann es so weit ist. Und wenn ich die Nachricht erhielte, würde sie mich vermutlich verändern. Wahrscheinlich würde ich völlig neue Seiten an mir kennenlernen. Für jeden Menschen wären solche Zwänge einschneidend, buchstäblich wesensverändernd. Auch deshalb ist es fast unmöglich, mir diese letzten 24 Stunden auszumalen. Ich kann doch jetzt nicht darüber befinden, ob ich dann in heller Panik wäre oder – wer weiß? – womöglich sogar gelöst.”
Was ist es, dieser Tod? Was ist es, wenn ich ihn mir bildlich vor Augen halte? Warum tun wir das nicht alle, ist er doch eine unausweichliche Realität? Eben weil der Gedanke daran kein angenehmer ist. Gert Voss schreibt am Ende: “Genau das frage ich mich: Werde ich die Fähigkeit haben, gleichmütig zu werden, loszulassen? Ganz ehrlich: Ich glaube nicht.”
Genau das ist es, was es uns so unangenehm macht. Es bleibt am Ende nichts, alles, was wir auf der Welt hatten, wird zur unwichtigsten Unwichtigkeit degradiert. Es bleibt nur eins: die Frage, was danach kommt. Vielleicht ist es so, dass wir uns Menschen zu wenig Gedanken darum machen. Deswegen finde ich auch gut, wenn mal so jemand wie Voss darüber schreibt. Er ruft in Erinnerung, er sagt, was eigentlich essenziell ist. Und gleichermaßen merkt man auch: Er kennt keine Antwort. Er ist hoffnungslos.
Diese Hoffnung ist etwas, was mich grundlegend von ihm unterscheidet, und jeden Christen mit mir. Wir haben keine Angst, wir haben keine Wehmut, wir müssen nichts loslassen, wir sehen auch nichts Negatives mehr. Wenn du einen Chrsiten fragst nach den letzten Stunden seines Lebens, dann kann er antworten: Klar muss ich viel loslassen, was mir hier lieb ist, aber ich freue mich, denn jetzt geht das Leben los! Die Sehnsucht ist erfüllt, das Ziel ist erreicht!
Das ist die Botschaft von Ostern. Ist sie dir entgangen?
“Diese sinds, die gekommen sind aus der großen Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben sie hell gemacht im Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten, es wird auch nicht auf ihnen lasten die Hitze der Mittagssonne, denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.”
Offenbarung 7,14-17
Inspiriert durch: www.cicero.de/salon/gert-…t-vor-dem-loslassen/48532
Simon

 

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