Vater unser

Das Gebet – Lebensäußerung und Aufgabe der Menschen Gottes
1. Das „Vater Unser“ als grundlegende Schule des Gebets
2. Wie sind die biblischen Verheißungen fürs Gebet zu verstehen?
3. Die Bibel nennt einige Gründe, warum Gebete nicht erhört werden.
4. Einerseits soll ich nicht zu schnell bei einem Gebetsanliegen aufgeben, aber andererseits muss ich auch ein eventuelles Nein Gottes akzeptieren.
Wie soll ich erkennen, was in meinem Fall zutrifft?
Jeder Mensch, der zu Gott gehört, betet. Er ist Christus begegnet, innerlich verwandelt worden (Johannes 3,3.5) und betet. Beten ist für ihn wie Atemholen der Seele, etwas Natürliches, das fortwährend geschieht. Etwas Beglückendes und Befreiendes. Gleichzeitig hält uns Gott in seinem Wort dazu an, zu beten: „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thessalonicher 5,17), betet „allezeit“ (Lukas 18,1). Beten ist nicht nur Lust, sondern auch Pflicht, etwas, was immer gefährdet scheint: „Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet“ (Jakobus 4, 2). Im Neuen Testament lebt das Gebet von Jesu Vorbild und von seinem Geist. Einmal betete Jesus, und allein dadurch wurde in seinen Jüngern der Wunsch geweckt, dass er sie beten lehren solle. Seine Antwort darauf war das „Vater Unser“ (Lukas 11,1-4). 1. Das „Vater Unser“ als grundlegende Schule des Gebets Wenn Christus sein Mustergebet mit „Unser Vater im Himmel“ anfängt, dann ist das die Grundlage für alles Gebet. Jeder Gläubige, der zu Gott im Gebet kommt, betritt nicht nur den Palast des Königs der Könige, schaut nicht nur zum Schöpfer auf, der das Universum in seiner Hand hält, er kommt zu seinem Vater. Gottes Vaterschaft erstreckt sich als zentraler Gedanke quer durch die Bibel (Exodus 4,22-23; Deuteronomium 1,31; 8,5; Psalm 73,15; Jesaja 63,16; 64,7; Epheser 3,14-15), aber Jesus Christus hat dem Ganzen eine neue Tiefe gegeben. So wie er zu Gott im Aramäischen „Abba“ Vater gesagt hat, war das etwas Neues, Bahnbrechendes (Markus 14,36). So wie ein Kind im Kreise der Familie seinen irdischen Vater vertraulich anredet: „Abba“, ebenso wendet sich Jesus zu Gott. Das hat Jesu Jünger nachhaltig beeindruckt, noch mehr als der zu Pfingsten von Jesus ausgegossene Geist Gottes Heidenchristen anspornte, dieselbe Anrede Gottes zu benutzen (Galater 4,6; Römer 8,15). Damit war ängstliche Furcht vor Gott überwunden, die Haltung des Sklaven ersetzt durch die Zuversicht des Kindes. Für mich ist das das Größte im Gebet. Ich muss mich Gott nicht beweisen, die Basis, auf der ich stehe, ist, dass er mich angenommen hat als sein Kind. Das Wichtigste beim Beten ist nicht, dass ich möglichst viele eigene Wünsche durchsetze, sondern dass ich zum Vater komme und sein Kind bin. „Geheiligt werde dein Name.“ Die ersten Wünsche drehen sich sowieso nicht um mich, sondern um Gott: Sein Name, seine Herrschaft, sein Wille. Werden diese Bitten erhört, wird die Welt verändert. Die erste Bitte ist von allen die wichtigste und grundlegendste: Wird sie erhört, sind darin alle anderen Bitten als erhört eingeschlossen: das Kommen seiner Herrschaft, das Geschehen seines Willens, unser tägliches Brot, die Vergebung unserer Schuld, unsere Führung durchs Leben, die Erlösung vom Bösen. Gottes Name wird dort geheiligt, wo Menschen ihn von Herzen erkennen, respektieren, ehren, lieben und ihm vertrauen. Wo auch immer er erkannt wird, sind auch die Segnungen seiner Herrschaft, das Geschehen seines Willens, die Speisung von 5000 und mehr, die Vergebung unserer Sünden und das ewige Leben (Johannes 17,3), da führt er uns auf rechter Straße um seines Namens 1
willen (Psalm 23,3). Die zukünftige Welt kennt darum kein Leid, weil die Erkenntnis Gottes die Erde bedeckt wie Wasser das Meer (Jesaja 11,9; Habakuk 2,14). „Dein Reich komme.“ Diese Bitte beinhaltet, dass Gottes Reich, seine gute Herrschaft kommen möge. Seine Herrschaft möge sich in unserem Leben durchsetzen, in der Kirche, in Land und Volk. In der Vollendung ist dies endzeitlich zu verstehen: Wir sehnen uns danach, dass Gottes Herrschaft die Reiche dieser Welt ablöst, dass die Ungerechtigkeiten und Leiden dieser Weltzeit aufhören. Im weiteren Verlauf des Neuen Testamentes bekommt diese Bitte einen christozentrischen Wortlaut: „Es spricht, der solches bezeugt: Ja, ich komme bald. Amen, ja komm, Herr Jesus!“ Das Kommen Jesu ist das Kommen des Reiches Gottes. Jesus ist das Reich Gottes in Person. Die Kirche wünscht ihn sich lieber heute als morgen herbei, lieber morgen als übermorgen. Alle Hoffnungsgüter der Endzeit sind in diese Bitte eingeschlossen: Auferstehung des Leibes zum ewigen Leben, Aufhören von Leid und Geschrei, ewige Freude und vieles andere mehr. Mit dieser Bitte bekommt unser Gebetsleben ein Ausgerichtetsein auf die ewige Hoffnung. So werden auch unsere alltäglichen Bitten wie etwa um das tägliche Brot eingetaucht ins Licht der Ewigkeit. „Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.“ Wenn die erste Bitte unser Gebetsleben auf Gottes Charakter gegründet sein lässt und die zweite Bitte unsere Wünsche in seine Zukunftspläne einbindet, so lässt die dritte Bitte unseren Willen in seinem Willen zur Ruhe kommen. Christus ist nicht nur der Lehrer des Vater Unsers, er ist auch seine Verkörperung und Erfüllung. Als er in der letzten Nacht im Garten Gethsemane ins Gebet ging, hat er so gebetet, wie er es uns hier lehrt. Es hat ihn sein Leben gekostet und uns das Heil beschert. Nun sind wir an der Reihe, ihm darin nachzufolgen. Diese Bitte beinhaltet nicht unsere Willenlosigkeit oder Wunschlosigkeit, ganz im Gegenteil. Jesus hat in großer Agonie in jener Nacht gebetet, er hat sein Herz vor Gott ausgeschüttet. Aber er hat auch seinen eigenen Willen dem Willen des Vaters untergeordnet. Wir können mit all unseren Sorgen zu Gott kommen. Wir sollen sie auf ihn werfen, weil er für uns sorgt (Philipper 4,6; 1 Petrus 5,7). Aber wenn wir das Vater Unser als unseren Gebetsrahmen akzeptieren, verlieren wir das Drängerische, den Sturkopf vor Gott. Es ist kein Resignieren, sondern ein Vertrauen auf seine überlegene Weisheit und Güte. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Das tägliche Brot ist etwas, was wir jeden Tag und dringlichst brauchen. Es repräsentiert damit nicht nur unsere tägliche Nahrung, sondern alle unsere Bedürfnisse. Gott hat uns geschaffen, der Vater weiß, was brauchen, ehe denn wir ihn bitten (Matthäus 6,8). Diese Bitte im Vater Unser ist eine Einladung, Gott alles zu sagen, was wir brauchen. Er hat diese Information nicht nötig, aber es hilft uns, ihm alles zu sagen, und es vertieft unsere Beziehung zu ihm. Die Worte „heute“ und „täglich“ zeigen, dass das Vater Unser ein Gebet für jeden Tag ist, auch dass wir jeden Tag beten. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Die Vergebung unserer Schuld ist eine der wichtigsten Gaben Gottes an uns in Christus. Die Tatsache, dass wir im täglichen Gebet um Vergebung bitten, zeigt, dass wir es täglich nötig haben und dass die Jünger Jesu dadurch Gerechte sind, dass sie begnadigte Sünder sind. Christus hat in der Bergpredigt nach Matthäus nur diese eine Bitte erläutert und unterstrichen, dass wir nur dann Vergebung vom Vater empfangen können, wenn wir selber denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind (6,14-15). Unvergebene Schuld blockiert unsere Gebete vor Gott. Auch darum ist diese Bitte ungemein wichtig.
„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Dass Gott seine Leute führt, ist Basislehre der Heiligen Schrift (Psalm 23,3). Hier sprechen wir Gott unser Vertrauen aus und bitten um gnädige Führung durch die Schwierigkeiten unseres Lebens hindurch, so dass wir nicht in Prüfungen zu Fall kommen, sondern von allem Übel und von dem personifizierten Bösen, dem Teufel, errettet werden. „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Die Bitten werden mit dem Hinweis darauf abgeschlossen, dass Gottes Herrschaft ewig bleibt und den Sieg davonträgt, dass seine Kraft, die die erste war vor Grundlegung der Welt, auch ewig fortbesteht samt seiner unbeschreiblichen Schönheit, Klarheit und Herrlichkeit. Das „Amen“ ist eine Bekräftigung. Es kann gleichzeitig als ein Wunsch aufgefasst werde: „So sei es.“, als auch eine Bekräftigung: „So ist es.“ oder „Das ist gewiss.“ Mit dem Vater Unser hat Jesus seinen Jüngern ein Mustergebet gegeben, das wahrscheinlich auswendig gelernt wurde und auch so gesprochen wurde, aber gleichzeitig den Rahmen für das Gebetsleben der Jünger absteckte. Mir ist es eine tägliche Hilfe und eine große Ermutigung zum Beten. Wie sind die biblischen Verheißungen fürs Gebet zu verstehen? Jesus hat uns nicht nur durch das Vater Unser und sein eigenes Vorbild zum Beten ermutigt, er hat auch öfters sehr verheißungsvolle Aussagen zum Gebet gemacht, so z.B. Mt 7,7-12 (Luther 1912): “ Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Welcher ist unter euch Menschen, so ihn sein Sohn bittet ums Brot, der ihm einen Stein biete? oder, so er ihn bittet um einen Fisch, der ihm eine Schlange biete? So denn ihr, die ihr doch arg seid, könnt dennoch euren Kindern gute Gaben geben, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!“ Das Gebet wird hier beschrieben als „Bitten, Suchen und Anklopfen“. Das Bitten ist konkret (in Vers 9 bittet ein Kind zum Beispiel um Brot in Vers 10 um Fisch, es ist nicht einfach eine allgemeine Bitte um Nahrung). So ist auch das Suchen konkret. Nur wer weiß, was er sucht, kann es auch finden. Ebenso das Anklopfen. Es mag zehn oder hundert Türen geben. Ich muß mich entscheiden, wo ich hinein will, dort klopfe ich an. Bei den Verben „Bitten, Suchen und Anklopfen“ macht besonders das letztere Wort klar, dass es auch um Beharrlichkeit. Ein gutes Beispiel ist Petrus in Apostelgeschichte 12,13-16. Er hat so lange angeklopft, bis er eingelassen wurde. Der Erfolge des Bittens, Suchens und Anklopfens von V.7 beruht auf der Güte des Vaters von V. 11, der Gutes geben kann und geben will. Im Kontext der Bergpredigt ist für 7,7-11 auch noch 6,33 wichtig: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.“ Es geht darum, die Prioritäten richtig zu setzen. Wer das tut, dem fällt neben der von Gott geschenkten Gerechtigkeit auch alles Lebensnotwendige zu. In Matthäus 21,20 wundern sich die Jünger, dass der von Jesus verfluchte Feigenbaum so bald von der Wurzel her verdorrt ist. Jesus macht daraus eine Lektion über Glauben und Gebet (Matthäus 21,21-22 Luther 1912): „21 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich ich sage euch: So ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht allein solches mit dem Feigenbaum tun, sondern, so ihr werdet sagen zu diesem Berge: Hebe dich auf und wirf dich ins Meer! so wird’s geschehen. 22 Und alles, was ihr bittet im Gebet, so ihr glaubet, werdet ihr’s empfangen.“ In Markus liest sich der zweite entsprechende Vers so (Markus 11,24): „Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, dass ihr es empfangen habt, so wird es euch werden.“ Die hier gebotene Übersetzung „dass ihr es empfangen habt“ entspricht etwas wörtlicher dem Griechischen. Wahrscheinlich meinte Jesus damit, dass man es im Glauben schon empfangen hat, auch wenn es sichtbar erst zukünftig geschehen wird. Als Jesus den Feigenbaum verfluchte, hatte er keinen Zweifel, dass der Baum verdorren würde und dass niemand mehr von diesem Baum eine Frucht würde essen können. Dieser Glaube war kein allgemeiner Glaube, sondern ein spezieller. Der allgemeine Glaube, den wir haben, beinhaltet z. B., dass es einen Gott gibt, der alles geschaffen, dass Jesus Christus sein Sohn ist und unser Erlöser usw. Unseren allgemeinen Glauben gründen auf die Aussagen der Heiligen Schrift. Für den speziellen Glauben gibt die Heilige Schrift auch den Rahmen, etwa mit der Aussage, dass für Gott kein Ding unmöglich ist (Genesis 18,14; Lukas 1,37; Matthäus 19,26). Aber damit der spezielle Glaube in unserem Inneren entsteht braucht es eine spezielle Vergewisserung vom Heiligen Geist her. Jesus lebte in großer Abhängigkeit vom Vater und war ein Mann voll Heiligen Geistes (Johannes 5,19-20; Lukas 4,1). Wir können davon ausgehen, dass Jesus vom Vater geführt die Sache mit dem Feigenbaum erkannte und in die Tat umsetzte. In dieselbe Kategorie fällt meines Erachtens auch Jakobus 5,14-18 (Luther 1912): “ 14 ist jemand krank, der rufe zu sich die Ältesten von der Gemeinde, daß sie über ihm beten und salben ihn mit Öl in dem Namen des HERRN. 15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der HERR wird ihn aufrichten; und so er hat Sünden getan, werden sie ihm vergeben sein.16 Bekenne einer dem andern seine Sünden und betet füreinander, daß ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. 17 Elia war ein Mensch gleich wie wir; und er betete ein Gebet, daß es nicht regnen sollte, und es regnete nicht auf Erden drei Jahre und sechs Monate. 18 Und er betete abermals, und der Himmel gab den Regen, und die Erde brachte ihre Frucht.“ Das Gebet des Glaubens von V. 15, das den Kranken gesund machen wird, ist das Gebet eines speziellen Glaubens, den Gott geweckt hat: Gott hat den Betern klar gemacht, dass er diesen Kranken heilen wird, sie beten um seine Heilung und Gott heilt ihn. Wenn jemand unter uns krank wird und wir fangen an, für ihn zu beten, so haben wir meist zu Beginn diese Gewissheit nicht und vielleicht bekommen wir sie nie. Trotzdem beten wir um Gottes Hilfe und Beistand, und auch um Heilung, so es Gottes Wille ist. Wenn aber jemand unter uns die Gewissheit schenkt, den Glauben schenkt, dass er gesund wird, dann wird er auch gesund. „Wenn ihr glaubt, dass ihr es empfangen habt, so wird es euch werden.“ Elia hatte die prophetische Gewissheit, dass es nicht regnen wird, und er sprach sie auch vor Ahab aus. Ebenso hatte er nach dreieinhalb Jahren die Gewissheit, dass Gott wieder regnen lassen wollte, und auch das sprach er im Glauben aus, betete auch entsprechend und erlebte die Erhörung des Gebetes. Diese Glaubensgewissheit können wir nicht selber machen. Wir können einfach im Gebet zu Gott kommen, unser Herz vor ihm ausschütten. Den Rest wird Gott machen. Er sortiert alles aus. Aber als Menschen, die dann mit Gott Glaubenserfahrungen machen, können wir erleben, dass unser Glaube wächst, dass wir Gott immer mehr zutrauen und dann auch sehen, dass immer mehr geschieht. Es gibt eine Art Prozess im Laufe des Betens für ein Anliegen: Wir beginnen zu beten, ohne vielleicht zu wissen, was Gott tun will oder wird. Wir haben einfach ein Anliegen für z. B. einen Kranken, für den wir beten. Es kann sein, dass im Laufe des Gebetes für ihn uns die Gewissheit geschenkt wird, dass der Herr ihn heilen wird. Dann kann sich auch der Charakter des Gebetes verändern, so dass wir schon danken können für das, was Gott tun wird (vgl. Johannes 11,41). Wir sollen aber nicht denken, dass wir uns quasi autosuggestiv etwas einreden müssen, dass er gewiss gesund wird. Selbstfabrizierter Glaube ist kein Glaube, sondern ein fleischliches Kartenhaus, das zu seiner Zeit einbricht. Gottgeschenkte Gewissheit belässt Gott im Zentrum des Geschehens und überlässt ihm auch die Ehre. Eine sehr ermutigende Stelle in Bezug auf das Gebet finden wir in 1 Johannes 5,14-18 (Luther 1912): „14 Und das ist die Freudigkeit, die wir haben zu ihm, daß, so wir etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns. 15 Und so wir wissen, daß er uns hört, was wir bitten, so wissen wir, daß wir die Bitte haben, die wir von ihm gebeten haben.“ Sobald wir wissen, dass eines unserer Anliegen nach Gottes Willen ist, besagt dieser Abschnitt, dass wir ein offenes Ohr bei Gott finden. Wenn aber Gott hört, so ist praktisch schon geschehen, was wir von ihm erbeten haben. Gott offenbart sich in diesen Worten als gerne und freundlich Gebender. Ein weiterer wichtiger Abschnitt übers Gebet findet sich in Johannes 15,5-8 (Luther 1912): „5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und müssen brennen. 7 So ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater geehrt, daß ihr viel Frucht bringet und werdet meine Jünger.“ Die Kerneinsicht für unser Gebetsleben aus diesem Abschnitt ist, dass unsere Verbindung zu Jesus Christus alles entscheidend ist. Je mehr wir mit ihm verbunden sind, er in uns und wir in ihm, desto mehr werden wir ihm ähnlicher, wie die Einheit von Weinstock und Reben besagt. Desto mehr wird unser Gebetsleben auch dem seinen ähnlicher, siehe Johannes 11,42: „Doch ich weiß, daß du mich allezeit hörst“. Wenn wir bitten, was wir wollen, und es widerfährt uns (15,7), dann setzt das gewiss ein Christus ähnlicher werden voraus. Es geht nicht um selbstsüchtiges Bitten, sondern um ein Bitten in der Abhängigkeit von Jesus, wie Jesus bat in der Abhängigkeit vom Vater. Wir sollten auch nicht vergessen, dass der, welcher Johannes 15 lehrt, auf dem Weg zum Kreuz ist. Es ist das Zentrum seiner Abschiedsrede. Der ans Kreuz und so zum Vater Gehende fordert auf zum Bleiben in ihm. Der am Kreuz scheinbar Machtlose ist der Vollmächtige, durch dessen Ohnmacht am Kreuz der Fürst dieser Welt gerichtet und aus seiner Macht herausgeworfen wird (Johannes 12,31). Der am Kreuz Entehrte, ist der so zur vollen göttlichen Herrlichkeit verklärte (Johannes 12,23-28; 13,31-32; 17,4-5), der alle zu sich zu ziehen vermag (Johannes 12,32). Das wirft auch ein Licht auf unser Gebetsleben: Keine Vollmacht im Gebet ohne Empfinden der Ohnmacht (Römer 8,26-28). 3. Die Bibel nennt einige Gründe, warum Gebete nicht erhört werden. Die Heilige Schrift macht klar, dass das Gebet schier unbegrenzte Möglichkeiten in sich birgt und dass Gott auch noch viel mehr zu tun vermag, als wir bitten oder verstehen (Epheser 3,20). Warum aber werden viele unserer Gebete nicht erhört? Welche Gründe gibt es dafür, dass Gott unsere Gebete nicht so beantwortet, wie wir es gerne hätten? Auf diese Fragen geben zumindest teilweise folgende Bibelstellen Antworten. 3.1 Unglaube: Die Leute in Jesu Heimatstadt Nazareth brachten ihn zur Verwunderung wegen ihres Unglaubens (Markus 6,5-6 Luther 1912): „5 Und er konnte allda nicht eine 5 einzige Tat tun; außer wenig Siechen legte er die Hände auf und heilte sie. 6 Und er verwunderte sich ihres Unglaubens. Und er ging umher in die Flecken im Kreis und lehrte sie.“ 3.2 Zweifel: In dieselbe Richtung geht der Zweifel in Jakobus 1,5-8 (Luther 1912): „5 So aber jemand unter euch Weisheit mangelt, der bitte Gott, der da gibt einfältig jedermann und rücket’s niemand auf, so wird sie ihm gegeben werden. 6 Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht; denn wer da zweifelt, der ist wie die Meereswoge, die vom Winde getrieben und gewebt wird. 7 Solcher Mensch denke nicht, daß er etwas von dem HERRN empfangen werde. 8 Ein Zweifler ist unbeständig in allen seinen Wegen.“ 3.3 Mangelndes Gebet: Ein weiterer Grund für das nicht Empfangen ist nicht Beten (Jakobus 4,2 Luther 1912): „Ihr habt nicht, darum daß ihr nicht bittet“. 3.4 Beten mit falschen Motiven: Jakobus 4,3 (Elberfelder 1905): „… ihr bittet und empfanget nichts, weil ihr übel bittet, auf daß ihr es in euren Lüsten vergeudet.“ 3.5 Sünde: Nach Jesaja 59,1-2 (Luther 1912) verhindert unvergebene Sünde das Erhören von Gebeten: „1 Siehe, des HERRN Hand ist nicht zu kurz, daß er nicht helfen könne, und seine Ohren sind nicht hart geworden, daß er nicht höre; 2 sondern eure Untugenden scheiden euch und euren Gott voneinander, und eure Sünden verbergen das Angesicht vor euch, daß ihr nicht gehört werdet.“ 3.6 Mangelnde Vergebung der Sünden von anderen: Im Kontext vom Erhören von Gebet ermahnt Jesus in Markus 11,25 (Luther 1912) zu vergeben: „25 Und wenn ihr stehet und betet, so vergebet, wo ihr etwas wider jemand habt, auf daß auch euer Vater im Himmel euch vergebe eure Fehler.“ 3.7 Das heidnische Missverständnis, dass man durchs viele Worte Machen oder durchs viele Gebete Sprechen erhört werde (Matthäus 6,7 Luther 1912): „7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viel Worte machen.“ 3.8 Mangelnde Einheit im Gebet: Wenn positiv das Einswerden von zwei Betern zur Erhörung führt, so kann man umgekehrt sagen, dass das mangelnde Einswerden genauso vieles verhindert (Matthäus 18,19 Luther 1912; vgl. auch Jakobus 4,1-3 den Streit im Gebetskontext): „19 Weiter sage ich euch: wo zwei unter euch eins werden, warum es ist, daß sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.“ 4. Einerseits soll ich nicht zu schnell bei einem Gebetsanliegen aufgeben, aber andererseits muss ich auch ein eventuelles Nein Gottes akzeptieren. Wie soll ich erkennen, was in meinem Fall zutrifft? Wir hatten schon gesehen, dass das Klopfen in Matthäus 7,7 ein gutes Bild für Beharrlichkeit ist. Auch Lukas 11,5-10 scheint das Gleiche noch einmal zu unterstreichen. Berühmt geworden ist das Gleichnis von der bittenden Witwe in Lukas 18,1-8, die mit ihrer Beharrlichkeit sogar den ungerechten Richter zum Einlenken bewegt. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass hier ein Kontrastgleichnis vorliegt. Beharrlichkeit im Gebet ist gut, aber Gott ist nicht ungerecht wie dieser Richter. Im Gegenteil, er ist willig zu helfen und auch schnell in seiner Hilfe (Lukas 18,6-8 Luther 1912): „6 Da sprach der HERR: Höret hier, was der ungerechte Richter sagt! 7 Sollte aber Gott nicht auch retten seine Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s mit ihnen verziehen? 8 Ich sage euch: Er wird sie erretten in einer Kürze. Doch wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinst du, daß er auch werde Glauben finden auf Erden?“ 6 Das Problem liegt nicht bei Gott, sondern darin, ob der Menschensohn Glauben finden wird auf Erden, wenn er kommt, und die Haltung, dass man allezeit betet und darin nicht nachlässt. Ich glaube, das Hauptproblem im Gleichnis von Lukas 18,1-8 ist nicht, ob Gott Gebete erhört oder nicht, sondern ob das Verhältnis der Beter zum Vater in Ordnung ist, ob sie allezeit beten und nicht nachlassen. Ich denke, es geht weniger um die Gebetsanliegen als um die ungebrochene Beziehung zu Gott. Wenn ich mich auf die Gemeinschaft mit Gott freue, wenn ich gerne in seine Gegenwart eintrete und mein Herz vor ihm ausschütte, dann ist es leicht, „allezeit zu beten und nicht nachzulassen“. Es ist ein Kontrastgleichnis. Die Witwe hatte keine Beziehung zu dem ungerechten Richter, sie war nich verwandt mit ihm und hatte nichts in der Hand, nur ihre Beharrlichkeit. Die Gläubigen aber sind Gottes „Auserwählte“ (18,7), denen er Recht schafft „in Kürze“ (18,8). Das Gleichnis endet mit der Frage, ob Jesus bei seiner Wiederkunft Glauben auf der Erde finden wird. Das ist die Pointe des Gleichnisses. Glauben heißt Vertrauen, volles Vertrauen in Gott. Noch einmal unsere Frage: „Einerseits soll ich nicht zu schnell bei einem Gebetsanliegen aufgeben, aber andererseits muss ich auch ein eventuelles Nein Gottes akzeptieren. Wie soll ich erkennen, was in meinem Fall zutrifft?“ Ich glaube, solange bis Gott definitiv ein „Nein“ klar macht, dürfen wir vertrauensvoll und kindlich bitten, was wir uns oder anderen wünschen. Paulus hat für das Problem seines Stachels im Fleisch dreimal zum Herrn gefleht (2 Korinther 12,7-8). Ich glaube, erst als der Herr ihm klar gesagt hat, dass seine Gnade ihm genügt und er ihm diese seine Schwachheit nicht wegnimmt, hat er aufgehört, darum zu bitten. Er hat das Nein Gottes akzeptiert (12,9-10). Im Alten Testament hat Gott Baruch, dem Helfer von Jeremia, gesagt, dass er gewisse grosse Anliegen von Baruch nicht erhören werde, weil es eine Zeit des Gerichtes war. Baruch musste damit zufrieden sein, dass sein Leben gerettet wurde (Jeremia 45). Eddy Lanz, 2008/7
http://www.lanz.li/gersu/gebet.pdf

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