Der Teufel Gottes

„Gleichwohl behaupte ich, dass die Dämonenvorstellungen des Neuen Testaments barer Aberglaube sind; die Kirche sollte schleunigst das ihre tun, ihn auszurotten.“ Rudolf Bultmann, deutscher Theologe, fällte 1948 ein vernichtendes Urteil über den Teufel- und Dämonenglauben in der Kirche.
Viele kluge Menschen folgen ihm und kommen zum Schluss, dass man den Teufel nicht mehr ernst nehmen darf. Das Böse ist für sie nicht auf einen persönlichen Teufel zurückzuführen, sondern auf unsere gesellschaftlichen Strukturen und soziale Realität. Das Böse ist lediglich Ausdruck einer ungerechten Politik und Gesellschaft.
Ein persönlicher Teufel?
Den Teufel nicht ernst zu nehmen, ist alles andere als klug. Seit die Menschen nicht mehr an Satan glauben, hat er sie erst recht in seinen Klauen. Treffend bemerkte Papst Johannes Paul II., die wirksamste Taktik des Teufels sei, die Menschen glauben zu lassen, dass es ihn nicht gebe. Der grösste Geniestreich gelingt dem Teufel folglich dann, wenn wir nicht mehr an seine Existenz glauben. Doch wer nicht glaubt, dass es einen Teufel gibt, bleibt mit einer schwierigen Frage zurück: Woher stammt das Böse? Lediglich aus dem inneren Horrorkabinett des einzelnen Menschen, wie Ludwig Hasler seine Leser in der Weltwoche fragt? Und er grübelt weiter: «Aber können wir Auschwitz, Archipel Gulag und Kindermassenmord von Beslan zureichend verstehen als Folge psychischer Debakel? Oder kommen wir dem Bösen näher, wenn wir es auch als aussermenschliche Macht fassen?» Studieren wir die Bibel, so stellen wir schon auf den ersten Seiten fest, dass der Teufel eine ernst zu nehmende Realität ist. Dabei hält die Heilige Schrift es noch nicht einmal für nötig, seine Herkunft zu erklären. Sie stellt einfach fest: Es gibt den Teufel als Person mit Intellekt, Emotionen und Willen.
Alle Macht dem Teufel?
Während der Teufel in liberalen Kreisen unterschätzt oder gar verneint wird, machen ihn viele gläubige Christen mächtiger als er ist. Immer mehr Christen sehen im Teufel die Ursache für praktisch jedes Problem, einige halten ihn schon fast für so gut wie allmächtig. Sie lassen sich wahrscheinlich mehr von den Star- Wars-Episoden inspirieren als von der Bibel. George Lucas lässt dort zwei gleich starke Mächte im Universum gegeneinander kämpfen. Ob das Gute am Schluss siegt, bleibt bloss zu hoffen – zum Glück enttäuscht uns Hollywood aber diesbezüglich nie! Man sagt, der Teufel besitze sehr viel Macht und sei ein ernst zu nehmender Gegenspieler Gottes. Obwohl zwar Gott mächtiger und weiser als Satan sei (immerhin klarere Verhältnisse als bei Star Wars!), müsse er immer wieder schmerzliche Niederlagen einstecken. Doch ist das das biblische Bild vom Teufel? Wie viel Macht hat der Teufel? Die Antwort ist klar: Der Teufel hat genauso viel Macht, wie Gott sie ihm gibt! Als Satan Hiob angreifen wollte, musste er zuerst bei Gott um Erlaubnis bitten (Hiob 2,1–7)! Bis zum bitteren Ende wird Gott den Teufel als Diener gebrauchen, um sein Gericht über die Gottlosen auszuführen oder seine Kinder zu erziehen (1. Könige 22,22; Hiob 42,11; 2. Korinther 4,3–4; Markus 4,15; 1. Korinther 5,3–6; 2. Korinther 12,7–9; 1. Timotheus 1,20). Calvin schrieb deshalb: «Gott hält den Teufel so im Zaum, dass dieser gezwungen ist, ihm Dienste zu leisten, wann immer Gott ihn dazu treibt.» Luther verglich den Teufel mit einer Hacke in Gottes Hand, die er benutzt, um seinen Garten zu kultivieren. Obgleich sich die Hacke daran erfreuen mag, die Unkräuter zu vernichten, kann sie sich doch niemals aus Gottes Hand befreien noch da jäten, wo er es nicht will, noch seine Absicht vereiteln, seinen wunderbaren Garten anzulegen. In der von Heinrich Heine spöttisch genannten «Marseillaise- Hymne der Reformation» brachte Luther die wichtigste Botschaft der Bibel über Gottes Feind auf den Punkt: «Und wenn die Welt voll Teufel wär’ und wollt’ uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt, tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’: Ein Wörtlein kann ihn fällen.»
Alle Schuld dem Teufel?
Im englischsprachigen Raum gibt es einen Satz, den Menschen oft nach einer bösen Tat zitieren: «The Devil made me do it!» (frei übersetzt: «Der Teufel hat mich dazu getrieben!»). Nachdem Mijailo Mijailovic die schwedische Aussenministerin Anna Lindh ermordet hatte, behauptete er, der Teufel habe ihn zu dieser Tat gezwungen. Natürlich hoffte Mijailovic, mit der Abschiebung seiner Schuld auf fremde Mächte seine Haut zu retten. Doch es gibt auch Christen, die bei Sünde ähnlich argumentieren. Während sie lügen, betrügen, die Ehe brechen, lieblos handeln etc., behaupten sie, der Teufel habe sie dazu getrieben. Damit versuchen sie, sich aus der Verantwortung zu stehlen und die Schuld auf den Teufel zu schieben. Diese Taktik ist so alt wie die Menschen. Schon Eva versuchte, ihre Schuld auf die Schlange abzuschieben (1. Mose 3,13). Gott entlässt Eva jedoch nicht aus ihrer Verantwortung. Für ihr Tun muss sie selber geradestehen (3,16). Obwohl wir ständig unter dem Einfluss des Teufels leben, tragen wir die Verantwortung für unser sündiges Handeln. Jakobus weist die Ausübung der Sünde eindeutig dem menschlichen Willen zu: «Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird.» (Jakobus 1,14)
Der Teufel ist los?
R.C. Sproul meint, die grösste Gefahr der Menschen bezüglich des Teufels sei, dass man ihn entweder wie Inspektor Columbo unterschätzt, so dass er uns in eine verborgene Falle locken kann – oder dass man ihn überschätzt, so dass er uns einschüchtern kann. Keine Frage, der Teufel ist ein raffinierter Taktiker, der alle Tricks kennt, um uns zu Fall zu bringen. Er operiert im Unsichtbaren (Epheser 6,12), passt sich jeder Situation an (2. Korinther 11,14), kann perfekt lügen und verführen (Matthäus 24,5.11.24) und verfügt über ein mächtiges Heer zerstörerischer Kräfte (Offenbarung 12,3–4). Petrus mahnt die Gläubigen deshalb, die Augen offenzuhalten (1. Petrus 5,8). Wir dürfen den Teufel keinesfalls unterschätzen. Aber genauso wenig sollen wir ihn überschätzen und uns von ihm einschüchtern lassen. Denn eines ist gewiss: Zwischen dem Teufel und Gott gibt es kein Kopf-an- Kopf-Rennen! Satan ist längst als Verlierer ausgemacht. Jesus Christus hat ihn besiegt und gebunden (Lukas 10,18; Johannes 12,31; Hebräer 2,14; 1. Johannes 3,8; Offenbarung 20,2–3). Der Teufel ist alles andere als los! Es ist und bleibt der Teufel Gottes. Felix Aeschlimann Impuls 10/2008

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