Gibt es heute noch Prophetie?

Prophetie und prophetisches Reden sind in den letzten Jahren in Mode gekommen. Es gibt evangelikale Gemeinden, die sich ausführlich mit diesem Thema befassen oder sogar Prophetie-Kurse anbieten. Dadurch sollen Christen lernen und trainieren, einander durch prophetisches Reden zu stärken. Der folgende Beitrag versucht, Möglichkeiten und Grenzen der Prophetie in der christlichen Kirche aufzuzeigen. Prophetie hat in der Bibel einen hohen Stellenwert – im Alten wie im Neuen Testament. Für Paulus hat sie unter den Geistesgaben den wichtigsten Platz, und er fordert dazu auf, sich am meisten nach dieser Gabe auszustrecken (1Kor 14,1). Was ist ein Prophet? Was aber ist nun „prophetische Rede“?
Worterklärungen
– Nabhi (hebr.) = Prophet, Sprecher, Botschafter; Wortherkunft: Wurzel im Akkad. „nabu“ = rufen, verkünden, nennen; abgeleitete Verben: nibba /hithnabbe = prophezeien, weissagen
– Prophetes (griech.) = Prophet, Sprecher, Vorher-Sager (Verkündiger der Zukunft), Heraus-Sager (Verkündiger von Geheimnissen), Wortherkunft: „pro“ = vorher, heraus, vorne; „phemi“ = sprechen, verkündigen etc.; Verb: propheteuo = weissagen prophezeien
– Ro ‚eh, Chozeh = Seher (1Sam 9,9; 2Sam 24,11)
– prophezeien = getrieben durch den Heiligen Geist reden (2Pet 1,21); reden zur Erbauung, Ermahnung/Ermunterung und Tröstung (1Kor 14,3); überführen, das Verborgene des Herzens offenbar machen (1Kor 14,24-25); als Aussprüche Gottes reden (1Pet 4,11); Zukünftiges offenbaren (Off 1,3); Geheimnisse enthüllen (Röm 16,25-26)
Die Bibel ist hier ganz eindeutig: Der Prophet ist ein Mund Gottes. In Gottes Auftrag redet er zu den Menschen und verkündet ihnen, was Gott über sie und ihr Verhalten denkt. Dies wird schon durch die im Alten und Neuen Testament verwendeten Wörter für „Prophet“ deutlich. Das hebräische Wort meint einen von Gott Berufenen, der Gottes Worte redet. In ähnlicher Weise bezeichnet das griechische Wort jemanden, der für Gott – an seiner Stelle – spricht. Dabei ist das, was dieser Prophet redet, keineswegs immer etwas Übernatürliches, eine Aussage über die Zukunft oder eine Enthüllung von verborgenen Dingen. Dies kann Inhalt der prophetischen Rede sein, ist es aber häufig nicht. So beschäftigt sich z.B. der größte Teil der alttestamentlichen Schriftpropheten mit dem Verhalten der Menschen und dem, was Gott über dieses Tun denkt. Aussagen über die Zukunft ergeben sich häufig erst im zweiten Schritt aus dem, was Gott durch den Propheten zu den Menschen sagt. Wenn sie nicht umkehren von ihren falschen Wegen, dann wird das geschehen, was der Prophet ihnen ankündigt. Schwerpunkt prophetischer Rede ist also die Verkündigung dessen, was Gott über das Tun und Verhalten von Menschen denkt. Deshalb zählt z.B. das Buch Josua in der hebräischen Bibel zu den Propheten, obwohl es nur eine Aussage über die Zukunft enthält (die, nebenbei gesagt, nicht eintritt, weil Gott gnädig ist), während das Buch Daniel für die Juden nicht in diese Kategorie des Alten Testaments fällt. Daniel hat zwar viel über die Zukunft geschrieben, aber er war nicht zu den Menschen seiner Zeit gesandt, um ihnen Gottes Wort zu sagen. In der hebräischen Bibel steht das Buch Daniel daher nicht im zweiten Abschnitt unter den „Propheten“, sondern im dritten Abschnitt unter den „Schriften“ (ketubim).
Menschen antworten Gott
Leider haben die Menschen häufig nicht auf Gottes Wort und seine Propheten gehört (vgl. Jer 35,15 u.ä.). Und auch im Neuen Testament betont Jesus diese menschliche Hartherzigkeit und die fehlende Bereitschaft, auf Gott und sein Wort zu hören (Lk 13,34). Aber es gibt auch Beispiele dafür, dass Propheten Gottes gehört wurden. So tritt z.B. der Prophet Haggai auf und erklärt den Menschen in Israel, warum es ihnen zurzeit so schlecht geht. Sie scheinen vom Unglück verfolgt zu sein, und all ihr Tun hat keinen Erfolg. Haggai macht im Namen Gottes deutlich, dass der Grund dafür in ihrer Entscheidung liegt, den Tempel Gottes nicht weiterzubauen. Feinde hatten ihnen gedroht, und sie hatten sich abschrecken lassen. Haggai macht nun deutlich, dass dies falsch war. Und er erklärt ihnen, dass eine Wiederaufnahme des Tempelbaues dazu führen wird, dass sie wieder gesegnet werden. Diese Perspektive in die Zukunft erwächst also aus dem Wort Gottes über die Gegenwart. Haggais Botschaft wurde gehört und verstanden. Das Buch Esra berichtet uns davon, wie die Menschen in Israel sich von ihm (und dem Propheten Sacharja) wieder neu motivieren und ermutigen ließen und den Tempelbau fortsetzten (Esra 5,1ff).
Prophetie dient zur Erbauung, Ermahnung und Tröstung
Ein Prophet ist also jemand, der Gottes Wort in die Situation der Menschen hinein spricht. Paulus schreibt aber auch: „Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung“ (1Kor 14,3). Prophetisches Reden geschieht immer dann, wenn Gottes Wort so gesagt wird, dass es die Menschen in ihrer Existenz trifft. Drei Aspekte sind es, die Paulus dabei nennt: Erbauung, Ermahnung, Tröstung. Unter „Erbauung“ versteht die Bibel geistliches Wachstum. Es geschieht dadurch, dass Menschen in ihrer Beziehung zu Gott gefestigt und vorangebracht werden. Dazu trägt auch die „Ermahnung“ bei. Sie ist notwendig, wenn Menschen einen falschen Weg gehen. Ermahnung hilft auf den richtigen Weg zurückzukehren. Und auch „Tröstung“ richtet Menschen wieder neu auf Gott aus, ermutigt und hilft zurecht. Wie ereignet sich Prophetie? In alttestamentlicher Zeit begegnete dieses Wort Gottes dem Propheten meist durch direktes Reden Gottes. Der Prophet sah eine Vision oder hörte Gottes Stimme und wusste von daher, was er sagen sollte. „So spricht der Herr“ ist deshalb eine der markantesten Einleitungen prophetischer Rede im Alten Testament. Immer wieder finden wir aber auch bei den Propheten Aussagen, in denen das, was Gott schon vor längerer Zeit gesagt hat, und was schriftlich fixiert in der Thora (dem Gesetz des Mose) vorlag, zitiert wird. Und auch das, was frühere Propheten gesagt haben, wird später hin und wieder von Amtskollegen zitiert (1Petr 1,10-12). Wenn es darum geht, Gottes Wort in die Situation der Menschen hinein zu sagen, erhält natürlich auch das schriftlich vorliegende Wort Gottes einen wichtigen Platz.
Prophetie heute
Heute liegt uns Gottes Wort in schriftlicher Form vor. In den vielen Büchern des Alten und Neuen Testaments können wir schwarz auf weiß lesen, was Gott will. Es ist daher nur logisch, dass sich prophetisches Reden auch zu einem hohen Prozentsatz auf dieses geoffenbarte Wort Gottes bezieht. Dass ein Mensch dieses Reden Gottes hört und versteht und zugleich erkennt, wie es in das Leben von Menschen hinein spricht, das ist prophetisches Reden. Natürlich kann Gott auch heute noch direkt zu jemandem sprechen. Er kann einem Menschen den Auftrag geben, zu einem anderen zu gehen und ihm in seinem Namen seine Botschaft weiterzugeben. Aber dies ist nicht der „Normalfall“ prophetischer Rede. Es geht vielmehr heute in erster Linie darum, Gottes Wort für alle verständlich auszulegen und so weiterzugeben, dass es als eine persönliche Anrede Gottes gehört werden kann. Und auch wenn Gott direkt spricht, bleibt das schriftlich geoffenbarte Wort Gottes der Maßstab, an dem alles geprüft werden muss.
Es gibt mehr Prophetie als vermutet
In diesem Sinne geschieht prophetisches Reden in unseren Gottesdiensten häufiger, als man dies vermutet. Dabei ist es dem Prediger nicht immer bewusst, dass er jetzt Gottes Mund für einen bestimmten Menschen ist. Der englische Baptistenprediger Charles H. Spurgeon (1834-92) berichtet von vielen Erfahrungen dieser Art. Menschen kamen in seine Gottesdienste und wurden von dem, was er gerade sagte, in ihrer Existenz direkt angesprochen. Sie kamen zur Erkenntnis ihrer Schuld und kehrten um. Auch dies ist es, was Paulus als Folge prophetischen Redens schildert (1Kor 14,24f). Prophetie ist eine Gabe Gottes. Und auch für Prophetie gilt: Gott verteilt seine Gaben, wie er will und wie es für die Gemeinde notwendig ist. Es ist daher falsch zu meinen, jeder Christ könne prophetisch reden. Paulus macht deutlich, dass wir als Christen alle unterschiedliche Gaben haben (Röm 12,6; 1Kor 12,10). Natürlich darf man sich nach Gaben ausstrecken, auch nach der Gabe prophetischer Rede. Aber man kann sie weder erzwingen noch erwarten. Gott ist der Geber der Gaben und gibt sie, wem er will (1Kor 12,11). Und auch das Bild des Leibes mit seinen unterschiedlichen Gliedern unterstreicht dies. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass Gaben kein Beweis von geistlichem Leben sind. Wir verwechseln dies leicht. Aber ein von Gott begabter Mensch kann trotzdem geistlich unreif sein oder in Sünde leben. Umgekehrt kann es sein, dass ein Mensch, der ein tiefes, geistliches Leben führt, keine großen und sichtbar zutage tretenden Gaben aufweisen kann. Gaben sind Gnadengeschenke Gottes, nicht eine Art Bezahlung für geistliche Leistung! Wenn Gaben Geschenke der Gnade Gottes sind, ist auch klar, dass man nicht einfach behaupten kann, jeder könne eine Gabe „lernen“, wenn er das nur will. Gaben können trainiert und ausgebaut und dadurch vervollkommnet werden. Aber man kann sie nicht erlernen. Sie sind „Gaben“, d.h. Geschenke Gottes. Und Gottes Geschenke lassen sich durch keine Übung und kein Training erzwingen.
Wo Vorsicht geboten ist
Vorsichtig sollte man daher auch sein, wenn prophetisches Reden mit großen Worten angekündigt oder in besonderer Weise als übernatürlich hervorgehoben wird. Dies finden wir bei keinem der alt- und neutestamentlichen Propheten. Sie treten meistens ganz unspektakulär auf. Nicht die Art ihrer Verkündigung oder die Umstände ihrer prophetischen Rede sind es, die die Zuhörer überzeugen, sondern der Inhalt dessen, was sie sagen. „Es geht ihnen durchs Herz“ – das geschieht nicht dadurch, dass Menschen staunen über die Propheten oder deren Erlebnisse, sondern dadurch, dass sie von Gott und seinem Wort getroffen wurden. Wenn daher Prophetie mit großen Plakaten angekündigt wird, wenn der „Prophet“ im Vordergrund steht oder das „prophetische Bild“ an die Stelle des Wortes Gottes tritt, sollten wir vorsichtig sein. Und noch eine letzte Warnung: In der Bibel hat Gott ein für alle Mal geredet – zu allen Menschen (Hebr 1,1f). Dass er auch persönlich und direkt spricht, können wir nicht „machen“. Er kann dies jederzeit tun, aber wir können es nicht erzwingen noch durch irgendwelche Methoden bewirken. Gott lässt sich nicht von uns manipulieren. Wer daher meint, durch bestimmte Techniken Gottes Reden sichtbar machen zu können, irrt. Dies ist nur auf einem Weg möglich: durch ein intensives und gründliches Bibelstudium. Denn hier, in seinem Wort, hat Gott versprochen, dass er redet (Jes 55,9f; Joh 8,31)!
Verwendete Literatur: Hans-Georg Wünsch Theologische Handreichung und Information für Lehre und Praxis der lutherischen Kirche 28 Jahrgang Oktober 2010 Nr.4
Was ist Prophetie? Was ist ein Prophet? Roger Liebi www.bibelkreis.ch/themen/prophet.htm

Ein Gedanke zu “Gibt es heute noch Prophetie?

  1. Ich denke ich beginne mit meinem Verständnis, damit die jeweiligen Standpunkte deutlich werden.

    „Offenbarung“ (apokálypsis) bedeutet grundsätzlich die Enthüllung konkreter, bisher unbekannter, Fakten, Wahrheiten die ein Geheimnis darstellen etc. und in diesem Zusammenhang ist der Offenbarungsursprung Gott selbst.

    „Offenbarung“ ist überhaupt nötig, da Gott und Mensch durch die Sünde voneinander getrennt sind. Gott ist unerreichbar und kann sich dem Menschen nur durch Offenbarung mitteilen. Und dies hat Gott in der Menschheitsgeschichte ausschließlich durch Propheten und Apostel getan. Das meint Paulus als Apostel, wenn er von den „Geheimnissen“ (Röm 16,25; spricht, sich als Apostel als Haushalter der Geheimnisse bezeichnet (1Kor 4,1).

    Prophetische Rede zeugt grundsätzlich von Christus, verfolgt keinen anderen Zweck. Weder persönliche Schwierigkeiten, noch andere Informationen stehen im Mittelpunkt. Mose, die späteren Propheten, die Psalmen haben immer auf Christus hingewiesen (Lk 24,27ff). In 1Petr1, 10ff spricht Petrus darüber warum Christus stets Inhalt wahrer propetischer Rede ist: die Erlösung, das Heilswerk am Kreuz durch Christus!

    4Mo11:29 bringt wie 1Kor14,1 den jeweiligen Wunsch des Mose oder Paulus zum Ausdruck, jeder solle prophetisch reden. Dabei ist „Prophetie“ jedoch nicht mit „Offenbarung“ gleichzusetzen. Prophetie ist Rede von Gott. Wenn ich aus der Bibel vorlese, ist das prophetische Rede, aber keine Offenbarung. Offenbarung vollzieht sich in dem Vorgang, bei dem der jeweilige Prophet das Geheimnis (alles was Christus betrifft) von Gott enthüllt bekam. Die Prophetie ist dann „lediglich“ die Rede, das niedergeschriebene Dokument die prophetische Schrift.

    Wenn nun Christus aber gekommen ist, von dem die Propheten immer gezeugt haben, gibt es keinen Grund mehr für „Offenbarungen“. Das wird in Hebräer 1,1ff auch explizit gesagt:

    Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat.

    Der Text macht grammatisch – soweit mir bekannt – deutlich, dass Gott in Christus abschließend geredet hat. Es gibt nach Christus und den Aposteln keine Offenbarung mehr. Wozu auch?
    sdg
    Andreas

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