„Langweile“

Lassen Sie Ihren Gedanken einmal freien Lauf. Sie haben einen freien Abend und es gibt nichts mehr zu tun. Was ist wohl Ihr erster Gedanke? Kino – oder ein Video (vielleicht sogar zwei)? Stellen Sie sich nun vor, wie es wäre, wenn wochenlang der Strom ausfiele – kein Fernsehen, kein Computer, keine Videos, keine DVDs, keine CDs, kein Radio. Wie würden wir einen so entsetzlichen Entzug der Unterhaltung überleben, an die wir uns in unserer Kultur so sehr gewöhnt haben? St. Louis, die Stadt in der ich lebe, bietet jedes Wochenende Baseball und Footballspiele, eine Vielzahl von Konzerten, Filme in Kinos und auf Video, Theaterstücke und Kunstausstellungen an. Zudem steht einem zu Hause eine unübersehbare Anzahl an Fernsehkanälen zu Verfügung. Wie kann in einer solchen Kultur der Unterhaltung irgend jemandem langweilig sein? Eigentlich scheint das unmöglich. Und doch belegt eine kürzlich in den USA durchgeführte Studie einen „Langeweile-Boom“. Die meisten der befragten Teilnehmer wünschten sich mehr Neues in ihrem Leben.
Die Krankheit unserer Zeit
Uns ist langweilig, obwohl wir in einer außergewöhnlichen Zeit leben. Ähnlich wie ein Drogenabhängiger, dessen Toleranzschwelle allmählich steigt und der immer höhere Dosen braucht, um den gleichen Effekt zu erzielen, haben wir eine gewisse Toleranzschwelle gegenüber erstaunlichen Ereignissen und vielleicht auch Unterhaltung im allgemeinen entwickelt. Reader’s Digest beleuchtete dies in einem Artikel mit dem folgenden Titel – „Wie Sie mit Langeweile umgehen können“. Darin steht: „Trotz der außergewöhnlichen Vielfalt an Abwechslung und Möglichkeiten, der Jagd nach Spektakeln und dem fieberhaften Streben nach Unterhaltung ist Amerika gelangweilt. Die regen Bemühungen der Vereinigten Staaten, gegen die Langeweile vorzugehen, haben das Gegenteil bewirkt: Langeweile ist zur Krankheit unserer Zeit geworden.“ Dies gilt nicht nur für die Vereinigten Staaten. In Großbritannien zitierte eine bekannte Zeitung den Erzbischof von Wales: „Wir sind eine zutiefst und in gefährlichem Maß gelangweilte Gesellschaft und wir scheuen uns, nach den Wurzeln dessen zu fragen. Was ist mit uns geschehen? Warum ist uns so langweilig?“
Die Grundelemente der Langeweile
Denken wir einmal über die Grundelemente der Langeweile nach. Es gibt zwei verschiedene Haupttypen von Langeweile. Zum ersten gibt es die zeitlich begrenzte Langeweile. Sie wird beispielsweise ausgelöst durch langweilige Sitzungen, eine langweilige Aufgabe, Menschen, die nur von sich selber sprechen, einen langen Flug oder eine lange Autofahrt, eine langweilige Predigt oder sogar durch einen langen Vortrag über Langeweile. Allen diesen Erfahrungen ist ein Mangel an Stimulation sowie ständige Wiederholung gemeinsam. Glücklicherweise gibt es ein Mittel gegen diese Art von Langeweile. Eine langweilige Veranstaltung kann man verlassen, man kann sich kurzfristig ablenken oder (wenn’s gut geht) einen neuen Job suchen. Diese Art von Langeweile geht vorbei. Eine zweite, länger anhaltende Art von Langeweile entsteht, wenn es nichts zu tun gibt, das einem Freude macht. Webster’s Dictionary verknüpft Langeweile mit Unbehagen, dem französischen Wort „ennui“ verwandt, das soviel bedeutet wie „etwas lästig finden“. Es ist eine Erfahrung der Müdigkeit und Unzufriedenheit, die aus einem Mangel an Aktivität und Interesse hervorgeht. Es ist wie eine dunkle Wolke, die über allem hängt oder wie eine trübe Linse, durch die der Tag wahrgenommen wird. Eine Person schrieb: „Mein Leben war jeden Tag gleich – morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, eine Arbeit tun, die ich nicht mag, nach Hause kommen, duschen, essen, ins Bett gehen…“ Hier haben wir eine sehr existentielle Wahrnehmung von der Sinnlosigkeit des Lebens und eines tief greifenden Mangels an Sinn und Ziel. Bei dieser zweiten, tiefer gehenden Art der Langeweile, zeigt sich ein Verlust an Leidenschaft für das Leben und an Engagement für irgendetwas Sinnvolles oder Zufriedenstellendes. Dennoch ist in dieser Art von Langeweile die Sehnsucht nicht völlig abgestorben; eine Person sehnt sich immer noch nach etwas – etwas, das durch die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht gestillt werden kann. Man hat die erste Art der Langeweile manchmal mit der Seekrankheit verglichen. Diese ist unerfreulich so lange sie andauert, aber sie ist auch bald vorbei, wenn die Ursache behoben ist. Die zweite Art gleicht mehr einer chronischen, schmerzhaften und manchmal tödlichen Krankheit.
Ein Blick in die Geschichte
Das Wort Langeweile taucht in der englischen Sprache erst im 18. Jahrhundert auf. Patricia Spacks zeigt in ihrem Buch (Boredom: The Literary History of a State of Mind) auf, wie die Erwähnung der Langeweile vom 18. zum 20. Jahrhundert erstaunlich zunimmt. Vielleicht als einer der ersten erwähnte sie Charles Dickens in seinem Roman „Bleak House“, in dem Lady Deadlock unter der chronischen Krankeit der Langeweile leidet. Eine der weiblichen Charaktere bei George Eliot klagt: „Wir werden erzogen wie die Blumen. Wir sollen so schön aussehen wie es uns möglich ist, dabei aber langweilig sein ohne uns zu beklagen. So stelle ich es mir bei den Pflanzen vor: sie sind oft gelangweilt und deswegen wurden manche von ihnen giftig.“ Wenn man sich unserer Zeit nähert, beobachtet man, dass sich viele zeitgenössische Autoren mit der Langeweile auseinandersetzen. Saul Bellow beispielsweise erfindet in seinem Roman „Humboldt’s Gift“ einen Ich- Erzähler, der ein Buch über „Die langweiligsten Typen der Modernen Welt“ plant. Neuere Rocksongs reflektieren das Thema ebenfalls. Die „Buzzcocks“ haben ein Lied mit dem Titel „Boredom“ („Langeweile“). Die Punk Rock -Gruppe „Meanwhile“ spielt Lieder mit den Titeln „Boredom on Repeat“ („Immer wieder Langeweile“) und „Life is Hollow“ („Das Leben ist hohl“). Merril Bainbridge hat einen Song „Being Bored“ („Gelangweilt“). Einige Musikkritiker nennen dies mittlerweile „angst and roll“-Musik. Wie kommt es zu dieser Zunahme an Langeweile seit dem 18. Jahrhundert? Was hat sich verändert? Ich danke Patricia Spacks, dass sie mich auf einige Spuren gesetzt hat, die ich etwas weiter verfolgt habe.
Zunahme an Freizeit
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts haben für viele Menschen die Freizeitstunden und das durchschnittliche Lebensalter enorm zugenommen. Die Menschen in der Mitte des 19. Jahrhunderts haben 70 Stunden in der Woche gearbeitet und wurden ungefähr 40 Jahre alt; heute arbeiten die Menschen in den entwickelten Ländern circa 40 Stunden und werden 70 Jahre alt (oder sogar noch älter). Ein Autor berechnete, dass wir heute ca. 33.000 Stunden mehr Freizeit haben als ein Mensch vor 150 Jahren. Zudem hat sich die Art der Freizeitbeschäftigungen verändert. Viel Zeit wird alleine mit irgendeiner Art von elektronischer Unterhaltung verbracht. Früher wurde die Freizeit oft mit der Familie verbracht: es wurde gemeinsam musiziert, Geschichten wurden erzählt oder man hat die Freizeit mit Freunden und im lokalen Umfeld verbracht. Die allein verbrachte Zeit hat auch dadurch zugenommen, dass Menschen aus den kleinen, ländlichen Gemeinschaften in Industriezentren gezogen sind. Anonymität ist in einer großen Stadt viel leichter zu erreichen als in kleinen Städten. Wenn die Menschen heute nach Hause kommen, treffen sie sich nur noch selten, um gemeinsam Musik zu machen oder zu spielen. Sie sitzen vor diesen flimmernden Götzen jeglicher Art, die Musik und Bilder ausschütten, um sie zu unterhalten. Wir brauchen unsere Nachbarn nicht mehr. Wir sitzen nicht mehr draußen auf der Veranda (wozu auch die Klimaanlagen beigetragen haben) und reden mit unseren Nachbarn; wir gehen hinein, schließen die Tür und suchen unsere privaten Unterhaltungsorte auf.
Unterhalten bis zum Exzess
Langeweile ist verständlich, wenn es nichts zu tun gibt. Aber was halten Sie von dem Gedanken, dass Langeweile durch ein Zuviel an Unterhaltung entsteht? Nicht nur zu Hause werden wir zu fast jeder Zeit mit Unterhaltung und Information berieselt. Fast überall, wo wir hingehen, versucht irgendetwas uns zu unterhalten. An den langen Warteschlangen in den Freizeitparks gibt es nun Fernseher, damit einem die Zeit des Wartens nicht zu lange wird. Fluggesellschaften zeigen Filme. Autos sind mit Radios, CD-Playern und DVD-Playern ausgestattet. Als ich neulich an einer Tankstelle hielt, habe ich erstaunt an jeder Zapfsäule einen kleinen Videobildschirm entdeckt – damit es mir während der wenigen Minuten des Tankens auch bloß nicht langweilig wird! Wenn man von allen Seiten stimuliert wird, erreicht man einen Punkt, an dem man nicht mehr mit Tiefgang auf irgendetwas reagieren kann. Die Langeweile, die wir heute empfinden, ist wahrscheinlich eher auf Über- als auf Unterforderung zurückzuführen. Wenn eine Person von so viel Information und Stimulation umgeben ist, fällt es ihr schwer, Wichtiges und Bedeutungsvolles herauszufiltern. Überstimulation nehme ich am ehesten im Bereich der Unterhaltungs und Werbeindustrie wahr. Anstatt für unsere eigene Unterhaltung zu sorgen, verlassen wir uns auf Radio, Fernseher, Video, Computerspiele, Surfen im Internet etc. Ich sage nicht, dass diese Dinge an sich schlecht sind. Ein Problem entsteht allerdings dann, wenn wir zu abhängig davon werden. Wir müssen keine Mühe mehr aufwenden, um unterhalten zu werden. Man kann sich als „couch potato“ (=„Sofakartoffel“) rundum berieseln lassen. Neil Gablar hat ein Buch mit dem Titel „Life: The Movie, How Entertainment Conquered Reality“ geschrieben („Das Leben: Der Film, Wie Unterhaltung die Realität besiegt hat“). Hierin beschreibt er, wie heute alles aufregend sein muss, damit es überhaupt noch unsere Aufmerksamkeit erregt. Der Unterhaltungswert einer Sache wird zu ihrem zentralen Wert. So schaffen die Medien Erwartungen, die das normale Leben immer langweiliger erscheinen lassen. Wir werden immer unzufriedener. Wie Drogenabhängige brauchen wir beim nächsten Mal eine höhere Dosis. Zudem wirken Güte und Schönheit auf den heutigen Menschen oft langweilig und nicht stimulierend. Sie lösen nicht den gleichen Adrenalin oder Testosteronschub aus wie Sex und Gewalt. Abnormale Verhaltensweisen werden dargestellt, um die Einschaltquoten zu verbessern. Auch extreme Sportarten verzeichnen ein wachsendes Interesse. In einem Sportmagazin wurde ein professioneller „Skydiver“ und „Skysurfer“ zitiert: „Nur, wenn mein Körper nach der Erde schreit, fühle ich mich wirklich lebendig.“ Diejenigen von uns, die kein Interesse an solch extremer Stimulation haben, finden immer noch genügend Unterhaltung in einem der unzähligen Einkaufszentren, Restaurants, Fitnessclubs, Buchläden, Tennisclubs, Golfplätzen, Spielcasinos, Pornoshops, Peepshows Kinos, Theatern etc. Wie wirkt sich das alles nun auf uns aus? Ich denke, dass durch solche Dauerunterhaltung unsere Vorstellungskraft und unsere kreativen Kapazitäten verkümmern. Das innere Potential, das wir haben, um uns selbst zu unterhalten bzw. gute Unterhaltung zu finden, trocknet dadurch aus. Es ist so, als ob wir unsere Muskeln nicht mehr gebrauchen; irgendwann wissen wir nicht mehr, wie wir unsere „Phantasiemuskeln“ bewegen sollen. Dadurch, dass das innere Potential austrocknet, brauchen wir möglicherweise immer mehr äußere Stimulation, die immer größere Dosis, um das gleiche Gefühl der Unterhaltung in uns zu erzeugen.
Apathisch durch Werbung
Unsere Gesellschaft wird nicht nur mit zahllosen Unterhaltungsmöglichkeiten bombardiert, sondern wir treffen auch täglich auf Botschaften aus der Werbeindustrie, die darauf zielen, uns mit dem, was wir haben, unzufrieden zu machen. Ich kann dieses Phänomen nur kurz ansprechen, aber wir müssen uns fragen, ob nicht manche Menschen durch falsche Werbeversprechen so chronischer – Loslösung von der Realität führt, die irgendwann ihre sensiblen Seelen abstumpfen lässt?
Zerbruch des Glaubens
Patricia Spacks reflektiert in ihrem Buch die offensichtliche Zunahme an Langeweile während der letzten 300 Jahre. Sie glaubt, dass eine der möglichen Ursachen hierfür der allgemeine Niedergang des Christentums ist. Spacks, die sonst in ihrem Buch eigentlich kein besonderes christliches Interesse zur Sprache bringt, sagt: „Die Geschichte der Äußerungen über Langeweile zeigt einen kontinuierlichen Rückgang des Glaubens.“ Sie stellt damit die Frage, ob in dem Maße wie der christliche Glaube abnimmt, die Langeweile zunimmt. Die christliche Sicht des Lebens motivierte dazu, Kämpfe, Schwierigkeiten und Langeweile im Leben zu ertragen. Zufriedenheit wurde als wichtige Tugend gepredigt. Die Menschen fühlten sich verpflichtet, hart zu arbeiten und sich auf das Leben einzulassen, besonders im Hinblick auf ihre Familien und weitere soziale Verantwortungen. Somit wurde Langeweile entweder als Sünde verstanden oder als Zeichen moralischer Schwäche und charakterlichen Versagens gewertet. Wenn kein Gott existiert, der einem Sinn und Orientierung im Leben vermitteln kann, wie soll man da Bedeutung und Glück für das eigene Leben finden? Spacks versteht Langeweile als Metapher für die postmoderne Befindlichkeit. Hinter den grellen Lichtern, dem Optimismus und der Geschäftigkeit unserer Kultur lauern Fragen, die viele gerne ignorieren würden. Große Fragen wie „Was ist der Sinn des Lebens?“ oder „Warum bin ich hier auf diesem Planet?“ werden in den meisten Situationen zu Gesprächskillern. Sport, Sex, Beziehungen, Arbeit, die neuesten Fernsehshows oder Filme sind da schon wesentlich akzeptabler. In der Bibel beschreibt der Verfasser des Predigerbuches, wie er in allen möglichen Dingen Befriedigung suchte: Arbeit, Reichtum, Genuss, Gärten, viele schöne Frauen. Statt dessen machte sich bei ihm ein Gefühl der Leere breit, das sehr wie die Beschreibung von Langeweile klingt: „Und alles, was meine Augen wünschten, das gab ich ihnen und verwehrte meinem Herzen keine Freude, so dass es fröhlich war von aller meiner Mühe; und das war mein Teil von aller meiner Mühe. Als ich aber ansah alle meine Werke, die meine Hand getan hatte, und die Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, da war es alles eitel und Haschen nach Wind und kein Gewinn unter der Sonne.“ (Prediger 2, 10+11)
Was man gegen Langeweile tun kann – Tipps für ein aufregendes, nie mehr langweiliges Leben
Offensichtlich gibt es Dinge im Leben, die langweilig sind. In dieser gefallenen Welt sind manche Aufgaben von Natur aus mühsam. Entscheidend ist jedoch, wie man damit umgeht. Langweile kann ein gesunder Anreiz sein, aktiv zu werden und unsere Kreativität einzusetzen. Um aber mit den monotonsten Dingen im Leben umgehen zu können, hilft es, sich an das Gesamtbild zu erinnern, das den kleinen Dingen ihre Bedeutung gibt. Wenn ich zum sechsten Mal den Rasenmäher repariere und zum sechzehnten Mal diesen Sommer den Rasen mähe, sollte ich bedenken, dass all dies dazu beiträgt, einen Ort der Schönheit in meinem Garten zu schaffen – einen Ort, den Menschen genießen können. Das ist ein Teil dessen, was Gott uns in dieser Welt aufgetragen hat: Orte der Schönheit zu erschaffen, an denen wir uns mit anderen entspannen und echte Freizeit genießen können. Es ist wichtig, das Gesamtbild im Kopf zu haben, wenn man gerade das Geschirr abwäscht und sich fragt, welchen sinnvollen Platz diese Tätigkeiten wohl im Leben insgesamt, in Ehe, Familie usw. haben. Wir müssen es wieder mehr lernen, uns am Einfachen und Gewöhnlichen zu erfreuen – stehen zu bleiben und den Duft der Rosen zu genießen. Die Geschäftigkeit und Abhängigkeit von dauernder Unterhaltung hält uns davon ab, die einfachen Dinge des Lebens wirklich zu bewundern. Mary Pipher schreibt: „Der größte Teil des Lebens ist verhältnismäßig ruhig und reine Routine. Die meisten Freuden sind kleine Freuden: eine heiße Dusche, ein Sonnenuntergang, eine Schüssel heiße Suppe, ein gutes Buch. Das Fernsehen suggeriert, dass das Leben hauptsächlich aus Dramatik, Liebe und Sex besteht … Beschäftigungen wie Hausarbeit, Geld verdienen oder Kindern das Lesen beibringen sind im Fernsehen völlig unterrepräsentiert. Anstatt unsere alltäglichen Erfahrungen zu „adeln“, ignoriert sie das Fernsehen – sie sind anscheinend nicht von ausreichendem Interesse, um überhaupt erwähnt zu werden.“ Es ist von großer Bedeutung, dass wir in unserem Umgang mit dem Leben aktiv und nicht nur passive Empfänger sind. Kindliches Staunen über die Raupe im Gras, den Baum, der nach einem Schneesturm zu blühen beginnt, die erstaunliche Farbe und Struktur einer Orchidee – das ist eine Fähigkeit, an der wir arbeiten müssen, um sie lebendig zu erhalten. G.K. Chesterton schrieb in einem Brief an seine zukünftige Frau: „Ich glaube nicht, dass es außer mir jemanden gibt, der eine solche wilde Freude an den Dingen hat, wie sie sind. Die erstaunliche Nässe des Wassers begeistert und berauscht mich. Die Feurigkeit des Feuers, die stählerne Härte des Stahls, die unaussprechliche Matschigkeit des Matsches.“ Wenn wir diese kreativen Lebenskünste entwickeln, dann werden wir wesentlich unabhängiger von der Unterhaltung unserer Kultur, die nur auf den schnellen Kick bedacht ist. Lehnt sich Gott zurück – gelangweilt von seiner Schöpfung? Von allem, was wir in der Bibel lesen, scheint es eher so, dass er tiefe und leidenschaftliche Gefühle für alles hegt, das er geschaffen hat. In der Schöpfung gibt es einen Rhythmus und eine Ordnung, eine Wiederholung von großen Themen in den Zyklen der Natur. G.K. Chesterton schrieb sehr schön über die mögliche Monotonie von Gottes täglichen Aufgaben: „Kinder sagen immer: ‘Nochmal!’ und die Erwachsenen tun alles noch mal, bis zum Umfallen. Denn erwachsene Menschen sind nicht stark genug, um sich an Monotonie zu erfreuen. Aber vielleicht ist Gott stark genug, um sich an Monotonie zu erfreuen. Es ist möglich, dass Gott jeden Morgen zur Sonne „Nochmal“ und jeden Abend zum Mond „Nochmal“ sagt. Es ist vielleicht keine automatische Notwendigkeit, die alle Gänseblümchen gleich macht. Es mag sein, dass Gott jedes Gänseblümchen einzeln macht und dass ihm das einfach nie langweilig wird. Es mag sein, dass er den ewigen Appetit der Kindheit hat; denn wir haben gesündigt und werden alt, unser Vater aber ist jünger als wir.“ So erzählt uns die Bibel von einem Gott, der Schönheit genießt und sich an dem, was er gemacht hat, erfreut – und der sich das auch von uns wünscht. Aber auch von einem Gott, der die Hässlichkeit der Sünde und der Zerbrochenheit seiner Schöpfung betrauert. Er möchte, dass wir unsere Gaben entwickeln, aber er möchte auch, dass wir engagiert gegen das Böse und die Zerbrochenheit in unserer Kultur und unserer Welt kämpfen. Wir sollen das Wesen Gottes widerspiegeln – darin, wie wir seine Schöpfung genießen, aber auch darin, wie wir gegen das Böse kämpfen. Edmund Burke sagte vor vielen Jahren: „Das Einzige, was für den Triumph des Bösen nötig ist, ist, dass gute Menschen nichts tun.“ Resignation, Apathie und Langeweile sie-  gen, wenn wir uns hoffnungslos und hilflos fühlen. Eine solche Haltung bewirkt kein Verlangen, aus Hässlichkeit einen Ort der Schönheit zu schaffen, einen Ort der Ordnung aus dem Chaos. Wenn wir aber einen kurzen Eindruck vom größeren Gesamtbild erhaschen können, davon, wie unsere Lebensgeschichte mit Gottes Geschichte zusammenhängt, dann werden wir motiviert, aktiv zu werden. Engagement ist kein bequemer Weg, aber auch keine langweilige Autobahn am Leben vorbei. Unsere Spiritualität zeigt sich nicht in unseren besten Kleidern oder in unserem religiösen Umfeld, sondern in unserer Reaktion auf das Alltägliche und das Unumgängliche. Entscheidend ist unsere Fähigkeit, aus Schwierigkeiten Gutes hervorzubringen und aus Banalem Freude zu gewinnen. Wenn wir zu begreifen beginnen, welcher Natur der Kampf in diesem Leben wirklich ist, dann steigt die Spannung und den Einzelheiten kommt eine besondere Bedeutung zu. Warum also jeden Morgen aufstehen? Bilbo Beutlin, eine Figur von J.R.R. Tolkien, die mittlerweile sehr berühmt geworden ist, hätte in seinem kleinen, gemütlichen Haus mit Garten bleiben können. Die Familie der Beutlins war schließlich auch sehr angesehen. Sie erlebten nie irgendwelche Abenteuer oder taten irgendetwas Unerwartetes. Aber als Gandalf an diesem denkwürdigen Tag vorbeikam, merkte Bilbo, dass mehr auf dem Spiel stand. Er wurde in dem großen Kampf zwischen Gut und Böse gebraucht. Er wurde mit vielen Gefahren und Herausforderungen konfrontiert, aber sein Leben war sicherlich nicht so langweilig wie es gewesen wäre, wenn er sich für ein Leben zu Hause entschieden hätte. Meine These ist, dass wir alle zu einem gewissen Grad die Sicht dafür verloren haben, was unsere eigentliche Aufgabe ist. Wir wurden durch unsere Kultur – und traurigerweise auch oft genug durch die Kirchen – verführt und einer Gehirnwäsche unterzogen. Wir sehen das Gesamtbild des Lebens nicht mehr, in dem so viel auf dem Spiel steht. Wir sind herausgefordert zu einem Abenteuer des Lebens, das seine ausgesprochen langweiligen und frustrierenden Momente haben mag, aber in dem jede Situation ihre Bedeutung hat. Letzten Endes sehen wir uns vor die Wahl gestellt. Entweder entscheiden wir uns, durch die Kanäle und das Internet zu surfen, um unseren Durst nach mehr zu stillen und der Langeweile zu entkommen. Oder wir entscheiden uns, dem Ruf zu folgen, Gott zu lieben und zu dienen, der uns – ansatzweise im Jetzt, vollkommen erst in der Zukunft – verspricht, unseren tiefsten Hunger und Durst nach Sinn und Bedeutung zu stillen. Er ist derjenige, der uns einen Grund gibt, uns an seiner Welt zu erfreuen und eine Leidenschaft für das Leben zu entwickeln. Er hilft uns, die unumgänglichen Momente der Frustration und der Langeweile geduldig auszuhalten. Wenn wir in einer Beziehung zu ihm leben und im Lichte dessen stehen, was er uns über diese Welt gesagt hat, dann wird sich unsere Sicht der oftmals schwierigen und langweiligen Momente des Lebens Stück für Stück verändern.
Richard Winter Francis Schaeffer Institute Covenant Seminary St. Louis, USA
Dieser Artikel wurde der Zeitschrift „Perspectives“ des Francis Schaeffer Institutes entnommen und von Eva Walldorf übersetzt. Wer noch Genaueres zu diesem Thema nachlesen möchte, dem sei das Buch von Richard Winter empfohlen: „Still bored in a culture of entertainment“, Richard Winter, InterVarsity Press, 2002

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