Wahrheit eine Begriffserklärung

Bei der Untersuchung von «Wahrheit» ist zu beachten, dass der Begriff zwei unterschiedlichen Hintergründen entspringt: dem hebräisch-alttestamentlichen und dem griechisch-hellenistischen Denken.
WAHRHEIT im klassischen Griechisch
1. Wahrheit als «Nicht-Verborgenheit»
Der griechische Begriff alaetheia ist ein vom Verb lanthano (= «verborgen sein») abgeleitetes Substantiv. Alaetheia bedeutet also wörtlich «Nicht-Verborgenheit», was – ins Positive gewendet – das «Offensichtliche, Offenbarte», im Sinne von «Wahrheit» ist. Alaetheia ist das, was durch den Einsatz der menschlichen Erkenntnis und Vernunft aufgedeckt und erhellt wird.
2. Abgeleitete Begriffe
Davon abgeleitet ist das seit den Vorsokratikern gebräuchliche Verb alaetheuo, das von Personen ein «Wahrhaftig-sein» bzw. «Die-Wahrheit-reden» aussagt. Die Adjektive alaethaes (seit Homer) und alaethinos (seit Heraklit) bedeuten beide «wahr» (alaethaes in Bezug auf die Richtigkeit einer Aussage; alaethinos in Bezug auf die Wirklichkeit der in einer Aussage gemeinten Sache). Das Adjektiv alaethaes kann auch Attribut einer Person werden und einen Menschen als «zuverlässig, wahrhaftig» charakterisieren. Ähnlich bringt das Adverb alaethos die Wirklichkeit, Tatsächlichkeit und Wahrhaftigkeit von Sachverhalten und Personen zum Ausdruck: «wirklich, tatsächlich, wahrhaftig».
3. Griechisches Wahrheitsverständnis
Das griechische Wahrheitsverständnis zielt auf die Erkenntnis des Wahren im Unterschied zum Falschen, bzw. zur Lüge. Die Wahrheitsfrage ist eine Suche nach dem wahrhaft Seienden. So verstehen die frühen griechischen Denker unter Wahrheit zunächst einen wirklichen Tatbestand, bzw. einen wahren Sachverhalt. Dabei ist die Unterscheidung von Schein und Sein von grosser Wichtigkeit. Aristoteles sieht es als Aufgabe der Philosophie, durch den verhüllenden Schein zum wahren Sein der Dinge vorzudringen. Das Verhältnis von Sein und Erkennen bildet daher das Grundproblem der griech. Wahrheitsfrage. Der griechische Mensch begreift die Wahrheit als zeit- und geschichtsloses Sein.
WAHRHEIT im Alten Testament
1. Wahrheit = Glaube und Treue
Das alttestamentliche Wahrheitsverständnis erhält dadurch seine besondere Prägung, dass aemaet, das hebräische Wort für Wahrheit, von demselben Stamm abgeleitet ist wie das hebräische Äquivalent für Glauben (aemuna). Aemaet gehört der Wortgruppe an, die aus dem Wortstamm aman («fest, sicher, zuverlässig, tragfähig») keit». abgeleitet ist; dazu gehören u. a. die Wörter «Amen», «Glaube», «glauben». Aemaet drückt also in seiner Grundbedeutung die Dauerhaftigkeit aus und ist mit «Beständigkeit, Zuverlässigkeit» zu übersetzen. In Bezug auf Gott, aber auch auf Menschen, bedeutet aemaet «Treue, Verlässlichkeit».
2. Gottes Treue
Wahrheit im alttestamentlichen Verständnis ist das, was sich als verlässlich und beständig erweist, und das ist in erster Linie Gottes Treue. Der gemeinsame Wortstamm von «Glauben» (aemuna) und «Treue» im Alten Testament macht deutlich, dass beide aufeinander bezogen sind: Israels Glaube ist das Sich-Verlassen auf Gottes Treue. Das Bekenntnis zu Gottes Treue findet sich besonders häufig in den Psalmen. Aemaet steht dort oft gemeinsam mit chaesaed («Huld») und bringt so die Beständigkeit von Gottes Güte zum Ausdruck («Güte und Treue» = «beständige Güte»). Die beständige Güte Gottes erweist sich vor allem darin, dass Gott sich seinem Volk Israel persönlich offenbart und nahbar wird. Jahwe wird sogar als «treuer Gott» (el aemaet; Ps 31, 6) bezeichnet, mit dessen zuverlässiger Hilfe der Beter rechnen kann (Ps 40,12; 69,14; 91, 4 b). Ist Gott treu, so sind auch seine Worte verlässlich (vgl. 2. Sam 7, 28).
3. Wahrheit muss gelebt werden
Der Treue Gottes entspricht auf Seiten des Menschen ein Verhalten, das sich an den Geboten Gottes orientiert, die «zuverlässig» sind (Ps 25,10; 119, 43.142.151.160). Aemaet stellt sozusagen die Grundlage der Weltordnung dar, die vom Menschen ebenso zu verwirklichen ist wie von Gott (vgl. Spr 3, 3; 14, 22; 16, 6; 20, 28). Wo dies ausbleibt, folgt Gottes Gericht (Hos 4,1; Mi 7, 20). Diese Auffassung von aemaet wirkt sich auch im rechtlichen Bereich des Lebens Israels aus: Zeugen sollen «wahrhaftig» sein (Gen 42,16; Dtn 13,15; Spr 14, 25; Jes 43, 9). In Neh 7, 2 wird ein zuverlässiger und gottesfürchtiger Mann mit dem Oberbefehl über Jerusalem betraut. Mose sucht zuverlässige Leute, «die sich nicht bestechen lassen» (Ex 18, 21 f) als Richter für das Volk. Als «Zuverlässigkeit» enthält aemaet das Moment der Treue wie der Aufrichtigkeit. Das gilt auch in der Beziehung zu Gott: Israel wird aufgerufen, sich Jahwe in Treue und Aufrichtigkeit zuzuwenden (z. B. Jos 24,14; 1. Sam 12, 24; 1. Kön 2, 4; Jes 10, 20).
Ebenso bezeichnet auch aemuna im Bereich zwischenmenschlicher Verhaltensweisen die «Zuverlässigkeit», die «Treue», bzw. das «Vertrauen». Wo aemuna mit «Gerechtigkeit» zusammen genannt wird, bezeichnet sie das dem Recht entsprechende Verhalten oder «aufrichtige Wahrhaftigkeit» (z. B. 1. Sam 26,12; Jes 11,5; 26, 2). Die Propheten klagen Israel an, Rechtlichkeit oder Wahrhaftigkeit verlassen zu haben (z. B. Jes 59, 4; Jer 5,1.3; 7, 28; 9, 2; Ps 12, 2). Stattdessen sucht Jahwe in seinem Volk aufrichtige Treue und Wahrhaftigkeit. Der Mensch ist aufgerufen, verantwortlich mitzutun, sich in Gottes Weg einzugliedern, «in Gottes Weg zu wandeln» und damit die göttliche Wahrheit als eigene zu übernehmen und zu tun.
4. Alttestamentliches Wahrheitsverständnis
So ist Wahrheit nach alttestamentlicher Auffassung also nicht so sehr ein Zustand, sondern mehr ein Sich-Verhalten bzw. ein Zuverlässig-Sein von Gott, Menschen, Dingen und Sachverhalten. Im Unterschied zum griechischen Denken wird die verlässliche Aufrichtigkeit, bzw. die Treue der Menschen jedoch nicht als eine vorhandene Qualität oder Tugend verstanden, sondern als ein Verhalten, das sich im gemeinsamen Leben vollzieht oder von anderen Menschen erfahren wird. Deshalb wird aemaet im AT nicht mit Verben der Wahrnehmung (sehen, hören, erfahren usw.) verbunden, sondern mit Verben, die ein Handeln oder Erfahren zum Ausdruck bringen. Wahrheit ist kein Abstraktum, sie geschieht!
WAHRHEIT in der Septuaginta (LXX)1
1. Verändertes Wahrheitsverständnis
Dadurch, dass die LXX zur Übersetzung der Wortgruppe aman und so auch des Wortes aemaet weitgehend die griechischen Wörter alaetheia, alaethaes, usw. verwendet (in der LXX ist das im hebräische 125-mal vorkommende Wort aemaet an 100 Stellen mit dem griechischen Begriff alaetheia übersetzt worden), kommt es in der LXX zu einem veränderten Wahrheitsverständnis, das sich dann auch im NT auswirkt.
WAHRHEIT im Neuen Testament
Die gesamte bereits angeführte Wortgruppe ist im NT mit 183 Belegen vertreten, von denen mehr als die Hälfte (109) auf das Substantiv alaetheia entfallen. Bis auf Philemon und Judas finden sich in allen neutestamentlichen Schriften irgendwelche Wortbildungen der Gruppe, allerdings in sehr unterschiedlicher Verteilung. Während der Begriff bei Matthäus, Markus und Lukas fast völlig fehlt, spielt er im Johannes-Evangelium eine numerisch und sachlich zentrale Rolle wie in keiner anderen neutestamentlichen Schrift (insgesamt 55 Belege). Aber auch bei Paulus hat der Wahrheitsbegriff entscheidende Bedeutung (besonders im Römerbrief und 2. Korinther).
1. Johannes: Wahrheit ist offenbart in Jesus
Johannes verwendet in seinem Evangelium (1,14 –18) den alttestamentlichen Doppelausdruck chaesaed waeaemaet (griech. charis kai alaetheia) = «Gnade und Wahrheit». Joh 1,14: «Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit». Gottes zuverlässige Treue ist in seinem Sohn Jesus Christus direkt und vollkommen offenbart. Joh 1,17: «Das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.» Das alttestamentliche Offenbarungsgeschehen am Sinai kommt also im neutestamentlichen Offenbarungsgeschehen in der Person Jesus Christus zum Ziel. So sagt Jesus von sich selber: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben» (Joh 14, 6).
Man muss hier also von einem christologisch – d. h. von der Person Jesus Christus her gefüllten Wahrheitsbegriff sprechen, bei dem auch das alttestamentliche Wahrheitsverständnis aufgenommen, aber nun ganz auf Jesus Christus konzentriert ist. Das Wahrheitsverständnis bei Johannes geht aber noch über Jesus als personifizierte Wahrheit hinaus. Der sog. Absolutheitsanspruch des Christentums hat darin seinen Grund und seine Berechtigung, dass ausschliesslich in der Person und Verkündigung Jesu die von Gott stammende Wahrheit erscheint, bezeugt und somit offenbart wird (Joh 8, 40.45 f; 16,7; 18, 37). Daran scheitert Pilatus, wenn er relativierend fragt: «Was ist Wahrheit ?» (Joh 18, 37 f), weil er nicht erfassen kann, dass die Wahrheit in Jesus Christus Person geworden ist und nicht in irgendeiner (rational erfassbaren) Sache besteht. Die Wahrheit Gottes in Jesus Christus zeigt sich aber auch darin, dass Jesus sein Leben opfert und den Leidensweg geht (Joh 17,17.19). Diese Wahrheit erschliesst sich den Jüngern durch den «Geist der Wahrheit» (Joh 14,17; 15, 26; 16,13); sie beansprucht ihr ganzes Leben in der Nachfolge Jesu und erweist sich in ihrer Anbetung des Vaters «im Geist und in der Wahrheit» (Joh 4, 24 f). Ihnen ist es gegeben, die freimachende Wahrheit zu «erkennen» (Joh 8, 32), die Wahrheit, die im Gegensatz zur Lüge steht (Joh 8, 44).
2. Paulus : Wahrheit muss zur Tat werden
Auch Paulus fasst Wahrheit zum einen auf dem Hintergrund des Alten Testaments auf, setzt sie zum anderen aber zur Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus und zur Offenbarung Gottes in seinem Sohn in Beziehung.
Die Bedeutung von «Beständigkeit, Treue» hat das Wort alaetheia in Röm 15, 8; Gal 2, 5 und Röm 3, 3 –7, wo die Wahrheit in Gottes Treue zu seinen Worten (Vers 4) und zu seinem Handeln (Vers 5) besteht. Dass mit der Gotteserkenntnis im biblischen Sinn und mit dem biblischen Wahrheitsbe­griff immer das entsprechende Tun, das der Wahrheit gemässe Verhalten, verbunden ist, zeigen zum Beispiel Röm 1,18 –25; Röm 2, 8 und Gal 2,14.
3. Neutestamentliches Wahrheitsverständnis
Die entscheidende neutestamentliche Interpretation hat der Wahrheitsbegriff durch das Johannes-Evangelium erhalten. Im johanneischen Wahrheitsbegriff verbindet sich die griechische alaetheia als unverborgene Seinswirklichkeit mit der alttestamentlichen amaet als glaubwürdige Zuverlässigkeit zu einer neuen untrennbaren Einheit.
Entscheidend neu dabei ist, dass Johannes den Wahrheitsbegriff mit Jesus selber identifiziert. In diesem Sinn meint Wahrheit hier nicht das griechische Ewig-und-immer-für-sich-Seiende, sondern die Erschliessung der göttlichen Wirklichkeit durch ein geschichtliches Ereignis. Dieses Ereignis wird mit dem Namen Jesus Christus umschrieben. Die Wahrheit hat also nach johanneischem Verständnis ereignishaften, personalen und geschichtlichen Charakter.
Quellen
Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde
Band 3, herausgegeben von H. Burkhart und U. Swarat, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal und Zürich, 1994, Seiten 2122–2127.
Jerusalemer Bibellexikon herausgegeben von K. Hennig, Hänssler-Verlag, Neuhausen-Stuttgart, 1990, 3. Auflage, Sei-ten 921–923.
Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament herausgegeben von L. Coenen / E. Beyreuther / H. Bietenhard, R. Brockhaus Verlag, Wupper­tal und Zürich, 1. Sonderausga­be 1993, Seiten 1343 –1355.
Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament Band 1, herausgegeben von G. Kittel, W. Kohlhammer Ver­lag, Stuttgart, 1933, Seiten 233–251.
1 Die Septuaginta ist die älteste Übersetzung des Alten Testaments. Sie wurde in Griechisch, der Sprache der hellenistischen Welt, in Alexandrien (Ägypten) im 3. / 2. Jh. v. Chr. abgefasst.

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