„Warum sollten wir katholisch werden?“

„Warum sollten wir katholisch werden?“
Thomas Schirrmacher über Evangelikale und ihre internationale Rolle
Nach 1989 auf den Philippinen hat in Kapstadt Ende Oktober der jüngste Lausanner Kongress für Weltmission stattgefunden, mitverantwortet von der Weltweiten Evangelischen Allianz. Was sind am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts die großen Themen, die evangelikale Christen bewegen?
Es sind vor allem drei große Themen.
Das erste ist sicher die enorme Verschiebung innerhalb der evangelikalen Welt; von den westlichen Ländern hin zum globalen Süden. Die Delegierten aus Afrika, Asien und Lateinamerika waren sehr stark vertreten, und aus ihren Ländern kommt heute auch die große Masse der Evangelikalen und ihrer Leiter. Damit hat sich auch die gesamte Frage der Weltmission verschoben. Noch in den 60er Jahren kam die absolute Mehrheit der Missionare aus den westlichen Ländern, während heute drei Viertel der Missionare aus Asien und Afrika kommen. Interessant auch: Missionare stammen heute oft nicht mehr aus Ländern mit vielen Evangelikalen, sondern vielfach aus Ländern, man als ..Missionsländer“ betrachten würde. Das zweite: Die Zahl der Evangelikalen weltweit ist seit 1989 enorm angewachsen. Konservativ gezählt, gibt es etwa 600 Millionen evangelikale Christen, also rund ein Zehntel der Weltbevölkerung. Das gibt der evangelikalen Welt neues Selbstbewusstsein. Sehr positiv finde ich, dass das nicht im Sinne von Macht verstanden wird, sondern dass immer stärker das Bewusstsein geweckt wird, dass wir Evangelikalen uns weder aus sozialen und politischen Fragen, noch aus den Medien dieser Welt heraushalten können. Positiv dabei: Noch nie wurde so  viel über uns Evangelikale berichtet. Natürlich kamen auch viele sehr kritische Anfragen. Aber wir sind allein aufgrund unserer Größe
Gegenstand des Interesses von Medien und Politik. Wenn man bedenkt, dass es inzwischen etliche Länder gibt, in denen wenigstens ein Viertel der Einwohner Evangelikale – und etliche davon Demokratien – sind, dann kann man nicht mehr so tun, als hätte man mit Politik nichts zu tun. So zählen in Afrika – in Uganda 37%, in Simbabwe 30%, Nigeria 30%, Burundi 27%, Ruanda 26% – wie auch in Lateinamerika – in El Salvador 31%, Nicaragua 30%, Jamaika 28% Brasilien 26%, Puerto Rico 25%, Guatemala 24% – auffällig viel‘ Bewohner zu den evangelikalen Christen.
Drittens ist eine auffällige Entwicklung, dass viele Streitthemen früherer Zeiten völlig verschwunden sind. Die Spannung mit dem Weltkirchenrat ist heute ganz weg, was vor allem daran liegt, dass der Weltkirchenrat keine radikalen Positionen in Richtung Mission mehr vertritt und Mission an sich mittlerweile unumstritten ist. Das hat viele positive Gespräche ermöglicht.
Auch innerevangelikale Auseinandersetzungen spielen eine erstaunlich geringe Rolle: Zwar stand im Plenarprogramm in Kapstadt die klassische Evangelisation im Vordergrund, aber keiner der Redner hat etwa wie früher eine Position vertreten, die das soziale Engagement irgendwie in Frage stellt. Auch das Thema „Auseinandersetzung mit der Katholischen Kirche“, was noch in Manila eine Rolle gespielt hat
– „bloß nicht katholisch werden!“ – hat sich erledigt; Denn warum sollten wir katholisch werden?
Evangelikale werden deutlich stärker wahrgenommen als früher, sagen Sie – werden sie auch anerkannt?
Ja. Bei den Vereinten Nationen, wo wir Evangelikale mittlerweile auf allen Ebenen eine anerkannte NGO1 sind  ob bei der UNESCO im sozialen Bereich oder über die Micha-initiative bei der Armutsbekämpfung oder im UN-Menschenrechtsrat, wo wir regelmäßig vertreten sind – werden Evangelikale wahr- und ernst genommen: als Vertreter von Weltchristenheit. Oder auch – ein ganz anderes Beispiel – bei der chinesischen Regierung, mit der die Weltweite Evangelische Allianz regelmäßige Treffen hat.  Was die deutsche Situation angeht: Wenn etwa Kritik in den Medien laut wird, beispielsweise zu evangelikalen Standpunkten aus den USA, dann haben viele evangelikale Christen hierzulande zu Recht das Empfinden, dass das mit ihnen kaum etwas zu tun hat.
dazu muss man kritisch anmerken, dass die Medien uns international überwiegend durch die Brille der Evangelikalen in Amerika sehen. Dabei ist es nüchtern betrachtet so: In keinem Land, in dem es eine nationale Evangelische Allianz gibt, vertritt sie einen so geringen Prozentsatz der Evangelikalen wie in den USA. Das heißt: Für die „National Association of Evangelicals“ (NAE) in den USA treffen die meisten Verurteilungen, die sich in den Medien finden, überhaupt nicht zu! Vielmehr prägen unabhängige Fernsehprediger mit eigenen Sendestationen oder Menschen im politischen Leben das öffentliche Bild, die über enorme Geldmittel verfügen und eine sehr große Aufmerksamkeit auf sich ziehen aber gar nicht mit den Evangelikalen zusammenarbeiten. Das ist sehr schade! Das Bild, das die Evangelikalen sonst abgeben, ist ein ganz anderes, und diese US-Darstellung hat mit den Evangelikalen etwa in Japan, Indien, in afrikanischen oder europäischen Ländern sehr wenig zu tun.
Wie äußert es sich denn, dass die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) als Gesprächspartner oder auch Berater international gefragt und anerkannt ist?
Da sollte man sicher erwähnen, dass beispielsweise UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon die WEA eigens nach New York eingeladen und sich für ihre Arbeit bedankt hat.
Es zeigt sich auch daran, dass Experten der Allianz mit immer größerer Selbstverständlichkeit bei Beratungen eingeladen sind. So bin ich gerade – und das ist nur ein aktuelles Beispiel – Ende Oktober als Experte im Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestages aufgetreten. Und bei solchen Expertenrunden kann man sagen, dass es eine enge Zusammenarbeit und übereinstimmende inhaltliche Positionen gibt. Der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, Tom Koenigs von den „Grünen“, hat zum Beispiel das Fazit gezogen, dass er erstaunt sei, wie nah die Meinung der Experten etwa beim Thema Religionsfreiheit beieinander läge. Nirgendwo jedenfalls wird die Evangelische Allianz bei solchen Runden zurückgesetzt. Und man sieht auch sehr schön, was sich getan hat, wenn man berücksichtigt, dass bei vielen internationalen Beratungen inzwischen ganz selbstverständlich Vatikan, Weltkirchenrat und Evangelische Allianz eingeladen werden. Dass wir als eigenständige, dritte Größe neben den großen Kirchen gesehen werden, wäre noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen! Früher wurden die Katholische Kirche und der Weltkirchenrat eingeladen – und das war’s!
Was können und müssen evangelikale Christen berücksichtigen. um in der öffentlichen Debatte mit ihren Kernpunkten durchzudringen?
Da wäre einmal wichtig: Einigkeit! Bei manchen Sachen sollten wir erst miteinander reden, bevor wir an die Öffentlichkeit gehen. Zweitens: Kompetenz. Wir sind zwar überzeugt, dass Jesus die Wahrheit ist, aber deswegen haben wir nicht automatisch die Wahrheit in sozialen oder politischen Fragen. Wenn wir da unsere Werte durchbringen wollen, dann müssen wir auch auf Kompetenz in der Sachesetzen und den Leuten in unseren Reihen Platz einräumen, die sich mit bestimmten Themen auskennen. Und drittens: Selbstbewusstsein und Selbstkritik. Selbstbewusst in dem Sinne, dass wir sagen: Wir sprechen für viele Menschen und deren Anliegen, und es ist das Normalste auf der Welt, dass wir ein Rechthaben, das überall zu tun. Aber dabei sollten wir auch die nötigeSelbstkritik zulassen. Eine inzwischen so große Bewegung muss auch mit Fehlern in den eigenen Reihen rechnen und darüber muss sie so deutlich reden wie über die Fehler anderer …
Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Jörg Podworny
Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher ist Sprecher für Menschenrechte der Weltweiten Evangelischen Allianz und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo). Er ist auch Geschäftsführer des Arbeitskreises für Religionsfreiheit der Deutschen und der österreichischen Evangelischen Allianz.
EiNS – Das Magazin der Evangelischen Allianz Deutschland 4/2010

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