Kreativer und existenzieller Zweifel

„Niemand braucht zu zweifeln, dass wir ab und zu zweifeln!“ (Karl Barth)
Kreativer Zweifel – das Fragen, ob es sich auch wirklich so verhält, schult einen darin, genauer hinzusehen und in seinem Urteil kritisch zu sein. Das ist gut so, schliesslich haften uns häufig falsche Denkvoraussetzungen und Unwissenheit an. Von den Christen in Beröa wird berichtet, dass sie sich „vorteilhaft von den Christen in Thessalonich unterschieden, da sie in aller Bereitwilligkeit das Wort annahmen und täglich in den Schriften nachforschten, ob sich die Dinge so verhielten“ (Apostelgeschichte 17,11).
Existenzieller Zweifel ist der Zweifel, der uns das Gefühl vermittelt, dass die Antworten auf unsere Fragen für unser ganzes Dasein bestimmend sind. Die Glaubenshelden der Bibel wurden immer wieder von solchen Zweifeln heimgesucht. Zum Beispiel Thomas, Jünger von Jesus: Er wollte lieber mit Jesus sterben, als ohne ihn zu leben. Er hatte Sehnsucht danach, alles hinzugeben und gleichzeitige Angst davor, alles hinzugeben.
Zeichen einer höheren Wirklichkeit
Wir leben in einer Welt, in der eigentlich an allem gezweifelt wird und in dem in gewisser Hinsicht Zweifel einen viel höheren Stellenwert bekommt als Gewissheit.
Ich kann gar nicht anders, als dasjenige, was ich glaube, anhand der Wirklichkeit zu überprüfen. Dafür bieten sich zwei Bereiche an:
1. Die Struktur der Welt um uns herum: Die Wirklichkeit ausserhalb unserer selbst weist über sich selbst hinaus.
2. Die Wirklichkeit in mir: Nach Peter Berger gibt es fünf Zeichen, die auf eine höhere Wirklichkeit hinweisen: Eine Mutter, die ihr Baby tröstet (Worte in Richtung einer letztendlichen, alles umfassenden Harmonie); spielende Menschen (sie schaffen sich eine Welt, in der andere Regeln gelten); das Phänomen der Hoffnung; die Radikalität, mit der jeder Mensch Formen des Bösen verurteilt; Humor – zwei Wirklichkeiten, die in einem Vorfall miteinander zusammenstoßen.
Gefühl ist Folge, nicht Ursache des Glaubens
Der christliche Glaube beruht nicht auf Gefühl, auch nicht auf unbewussten Sehnsüchten, sondern auf historischen Tatsachen. Gefühl, Erfahrung und Empfinden sind Folge und nicht die Ursache des Glaubens.
Es ist eine der auffälligsten Dinge, dass die Bibel Glaube nicht an Bedürfnisse oder deren Befriedigung knüpft, sondern an historische Geschehnissen. Der christliche Glaube steht und fällt mit historischen Geschehnissen.
Gottes Führung verläuft ohne Untertitel
Nur zu gerne würden wir wissen, ob Gott an unseren Entscheidungen beteiligt ist und wenn ja, was er entsprechend von uns will und was dann die beste Entscheidung ist.
Gott wird häufig als jemand gesehen, der alles für uns ausgedoktert und für jedes seiner Kinder einen fix-und-fertigen Plan vorbereitet hat. Als würde unser Leben der Bauzeichnung eines Architekten gleichen, der ein Haus entworfen hat, wobei die Handwerker sich nur den Entwurf ansehen müssen, um dann das Haus zu errichten. Die Aufgabe des Gläubigen bestünde entsprechend darin, in grossen und kleinen Dingen Gottes spezifisches Ziel im Hinblick auf das persönliche Leben zu suchen.
Das Problem bei dieser Art von Umgang mit Führung ist mehrschichtig: Zum einen, wenn man davon ausgeht, dass Gott so das individuelle Leben führt, bildet dies häufig eine Quelle für Sorgen und Angespanntheit. Denn man hat immer Angst davor, dass man den Plan Gottes für sein Leben verpassen könnte. Zweitens lähmt es Menschen im Hinblick darauf, Verantwortung zu übernehmen. Zum Dritten führt es häufig zu sehr armseligen Entscheidungen, die nicht auf einer gesunden Abwägung sämtlicher Umstände beruhen, sondern auf einer plötzlichen Eingebung oder einem zufälligen Geschehnis.
Aus: Wim Rietkerk, „In dubio, Handbuch für Zweifler“, 186 Seiten, Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 2010 Pb.190 S. 16.00 €. ISBN 978-3-938116-96-8

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