Glaube als Verdrängung?

Georg Huntemann geht in Angriff auf die Moderne der Frage nach, ob der Mensch, wie Freud behauptet hat, das Glück auch ohne Umweg über den Glauben finden kann (1966, S. 55–56):
Auf die Frage, ob die Religion dem Menschen irgendwie nützlich sein könnte, antwortet Freud: »Wenn der Gläubige sich endlich genötigt findet, von Gottes unerforschlichem Ratschluss zu reden, so gesteht er damit ein, daß ihm als letzte Trostmöglichkeit und Lustquelle im Leiden nur die bedingungslose Unterwerfung übrig geblieben ist. Und wenn er zu dieser bereit ist, hätte er sich wahrscheinlich den Umweg ersparen können.« Es stellen sich einige herausfordernde Fragen: Ist man nur »religiös«, weil man mit dem Leben nicht fertig wird? Sind nur diejenigen Christen, die sich in ihrem Leben nicht durchsetzen können?
Viele Schüler Freuds (sie bestimmen insbesondere in Amerika die psychologische Forschung) meinen: Die Triebe und Wünsche des Menschen müssen erfüllt werden. Wir müssen ihn locken und reizen, daß er seine Wünsche nicht unterdrückt. Der Mensch ist ein Triebwesen. Erfüllt ihm seine Wünsche, und die Religion wird überflüssig. Ist die Religion nicht schon überflüssig geworden, weil wir heute viel unbefangener unsere Wünsche aussprechen und erfüllen als in der »gläubigen«, letzten Endes »gehemmten« Welt unserer Väter und Großväter? Unsere Hobbys, unsere Reisen, unsere sexuellen Befriedigungen, die vielen Dinge auf dem Konsummarkt — die zunehmende Befreiung von der Qual der Arbeit — ist das alles nicht viel handfester als die letztlich ungedeckten Versprechungen der Religion? Haben wir nicht das Glück heute erfunden?
In vollem Ernst meinen viele Psychologen, den Menschen dadurch glücklich machen zu können, daß sie die Welt in einen riesigen Spielplatz für Erwachsene verwandeln und das Leben zu einem einzigen Vergnügen, in dem immer wieder neue Freuden ersonnen, geplant und geliefert werden.
Als Freud um die Jahrhundertwende seine Entdeckungen über die menschliche Seele verkündete, war man zunächst erschüttert. Man dachte, der Mensch sei ein moralisches und geistiges Wesen, das von Ideen, aber nicht von Trieben geleitet würde. Diese »Erschütterung« ist heute längst abgekühlt. Sie war eigentlich auch unberechtigt. In einem gewissen Sinne hatte Freud ja recht.
Die Bibel weiß seit je, daß der Mensch von der Gier nach Welt überfallen wird. Der Apostel Paulus gebraucht den Ausdruck »Fleisch«, wenn er die Zügellosigkeit der Weltverkrampfung meint. Stand nicht auf den ersten Seiten der Bibel, daß der Mensch – wissend geworden – sterben muß, daß Kain seinen Bruder Abel erschlägt, daß neben der Gier nach Leben die Lust am Zerstören und Morden steht?
In diesem Punkt aber unterscheiden wir uns von Freud und seinen Schülern: Die Kräfte der Seele können nicht wie die Wasser eines Stauwerkes manipuliert werden. Man kann dem Menschen keine restlose Triebbefriedigung »verschaffen«. Man würde ihn dadurdi audi nidit glücklich machen können. Im Gegenteil: Wenn der Mensch alles bekommt, wonach er giert, dann hat er gar nichts mehr. Es ist noch etwas anderes in der Seele des Menschen. Es ist ein Verlangen, das die Welt nicht befriedigen kann, weil es über die Welt hinausgeht.
http://theoblog.de/glaube-als-verdraengung/27450/#comments

Das Alte Testament und Mythologie

Gibt es mythologische Elemente im Alten Testament? Und falls ja, was bedeutet das für die Auslegung der hebräischen Bibel? Da sich die Diskussionen bezüglich der Präsenz und Bedeutung von Mythologie im AT leider oftmals auf Genesis 1-11 beschränkt, möchte ich zur Beantwortung der oben genannten Fragen an einer anderen Stelle, nämlich bei Psalm 74 ansetzen. Das heißt nicht, dass das hier besprochene für die Urgeschichte irrelevant ist, bedeutet aber auch nicht, dass es schlicht übertragbar wäre.

chaoskampf

Zunächst einmal zum Begriff des “Mythos”. Bedingt durch den Einfluss der Gräzistik und des griechischen Wortes “μῦθος (mythos)”, welches bekanntlich auch in 2 Petr 1, 16 vorkommt, ist das Mythologische häufig mit dem Erfundenen gleichgesetzt worden. Während ein solches Verständnis vielleicht für bestimmte Sparten griechischer Literatur zutreffen mag, wird der Begriff der Mythologie im Bereich der Altorientalistik anders verwendet. Was der Altorientalist meint, wenn er vom “Mythos” spricht, ist keine erfundene Geschichte, sondern eine bestimmte Literaturgattung deren Verhältnis zur Realität zunächst nicht genauer definiert ist. Kenton Sparks nennt hier das funktionelle Kriterium, welches einen Text zum Mythos macht: eine heilige Geschichte, die den menschlichen Zustand beschreibt oder eine Institution bestätigt (Sparks, Kenton, Ancient Texts for the Study of the Hebrew Bible, Peabody [Hendrickson] 2005, 306). Richard Averbeck unterscheidet zusätzlich die Literaturgattung des “historischen Mythos”, der sich durch “analogical thinking about what is perceived by the writer(s) as reality, specifically historical, natural, geographical, cultural, economic, or social reality” auszeichnet. Nach Averbeck beschreibt die Literaturgattung des Mythos den Eindruck des altvorderorientalischen Menschen von seinem Zustand oder der Welt im Ganzen (Averbeck, Richard, Ancient Near Eastern Mythography. In: The Future of Biblical Archeology. James Hoffmeier & Alan Millard [Ed.]. Grand Rapids [Eerdmans] 2004, 332f).
Aber gibt es solche Mythographie auch im Alten Testament? Der jüdische Exeget Jon Levenson versucht in seinem breit gelesenen Buch “Creation and the Persistence of Evil” aufzuzeigen, wie das Weltbild des Alten Testamentes das Problem des Bösen mythologisch auflöst. Während Levenson diese Annahme zwar auch in der Genesis beweisen will, möchte ich an dieser Stelle gerne seinen Gebrauch von Ps 74 diskutieren (vgl. Levenson, John, Creation and the Persistence of Evil. Princeton [Princeton University Press] 1988).
Ps 74,12-18 lautet nach Luther 1984 folgendermaßen:

12 Gott ist ja mein König von alters her,

der alle Hilfe tut, die auf Erden geschieht.

13 Du hast das Meer gespalten durch deine Kraft,

zerschmettert die Köpfe der Drachen im Meer.

14 Du hast dem Leviatan die Köpfe zerschlagen

und ihn zum Fraß gegeben dem wilden Getier.

15 Du hast Quellen und Bäche hervorbrechen lassen

und ließest starke Ströme versiegen.

16 Dein ist der Tag und dein ist die Nacht;

du hast Gestirn und Sonne die Bahn gegeben.

17 Du hast dem Land seine Grenze gesetzt;

Sommer und Winter hast du gemacht.

18 So gedenke doch, HERR, wie der Feind schmäht

und ein törichtes Volk deinen Namen lästert.

Levenson bemerkt nun völlig zurecht, dass sich hier ein offensichtlicher Anklang an das sogenannte Chaoskampf-Motiv aus der Kanaanäischen Literatur wiederfindet, die wir aus Ugarit kennen. Der Ba’al-Mythos z.B. beschreibt das Ringen des Gottes Ba’al mit dem Seegott Yammu (dem Leviathan), welchen Ba’al besiegen muss, um das Gleichgewicht zwischen Chaos und Ordnung bzw. Gut und Böse einhalten zu können.
Hier nun der Vergleich zum ugaritischen Text:

“Du schlugst den Leviathan, the fliehende Schlange, hast zu Ende gebracht die gewundene Schlange, den Tyrannen mit sieben Köpfen” (KTU 1.5 i.1-3; Vgl. außerdem mit Jesaja 27,1)
In der Vorstellung der altorientalischen Menschen geschah Schöpfung oftmals durch den Kampf gegen das Chaos (“Chaoskampf”). Die gute Gottheit besiegt sowie schlachtet die böse Gottheit, welche das Chaos verkörpert und typischerweise als ein Seemonster oder in Form einer Schlange dargestellt wird. Im babylonischen Mythos “Enuma Elisch” z.B. stiegt Gottheit Marduk an die Spitze des Pantheons und wird zum Herrn aller Götter, weil sie die Gottheit  Tiamat besiegt und die Welt in Ordnung aus dem Chaos heraus erschafft.

Da nun Psalm 74 als Ganzes an vielen Stellen die Schöpfung rekapituliert und durch die Parallelen mit dem ugaritischen Ba’alsmythos offensichtlich das Element des Chaoskampfes enthält, geht Levenson ganz selbstverständlich davon aus, dass sich hier der mythologische Hintergrund des Alten Testamentes zeigt. Im Angesicht dieser sprachlichen Parallelen, muss ich ihm zumindest zustimmen, dass das Chaoskampf-Motiv aus dem alten vorderen Orient in Psalm 74 erkennbar ist. Das Alte Testament ist daher nicht frei von Mythologie. Da diese Beobachtung nun die erste oben genannte Frage beantwortet, muss noch geklärt werden, welche Bedeutung die Präsenz mythologischer Motive im AT hat. Was ist das Verhältnis zur Wirklichkeit? Was bedeutet dies für die Auslegung des AT? Levenson führt eine weitere Stelle auf, der er meiner Meinung nach zu wenig Beachtung schenkt, um das Chaoskampf-Motiv in Ps 74 adäquat zu erklären.
In Jes 51,9-11 lesen wir:

9 Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat? 10 Warst du es nicht, der das Meer austrocknete, die Wasser der großen Tiefe, der den Grund des Meeres zum Wege machte, dass die Erlösten hindurchgingen? 11 So werden die Erlösten des HERRN heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen.

Hier in Jesaja verschwimmt das Chaoskampf-Motiv mit dem Auszug aus Ägypten (welcher offensichtlich nicht im Chaoskampf erwirkt wurde), um den zukünftigen Exulanten Hoffnung zu geben, dass Yahweh auch sie aus der Gefangenschaft in Babylon befreien wird. Ebenso beschreibt der Psalmist in Ps 74 eine konkrete historische Begebenheit (das Heiligtum ist zerstört, die Propheten sind weg), in welcher er Trost in Yahwehs Hilfe sucht. Durch die Anspielungen auf das Trockenlegen der Wasser in Psalm 74, könnte man sogar hier von Anklängen an das Exodus-Motiv ausgehen. Averbeck zeigt auf, dass in Jes 51,9-11 und in Ps 74 die konkrete und reale historische Situation Israels “mythologisiert,” jedoch nicht “fiktionalisiert” wird. Der Prophet Jesaja und der Psalmist bedienen sich des mythologischen Chaoskampf-Motives, um ihre Situation analogisch zu beschrieben. Der Punkt ist schlichtweg, dass Israel keinen Chaoskampf in Genesis 1 kannte. Einige Alttestamentler würden sicher mit dem Einwand antworten, dass spätere Redaktoren in der nachexilischen Zeit die mythologischen Aspekte der israelitischen Religion entfernt haben könnten. Warum aber haben es diese Redaktoren dann nicht geschafft Psalm 74 oder Jesaja 51 von der Mythologie zu befreien?
Ich glaube, Ps 74 und Jes 51 sind hilfreiche Beispiele, um zu verstehen welche Funktion altvorderorientalische Mythologie im Alten Testament hat: eine analoge Beschreibung der historischen Situation, keine Fiktionalisierung oder Abwanderung in den Bereich der Fabeln und Legenden, denn weder der Exodus noch das Exil sind fabelartige Ereignisse. Das heißt nun auch, dass Mythographie nicht fiktional sein muss, historische Wahrheit jedoch über andere sprachliche “Codes” als Historiographie vermittelt. Durch den Gebrauch dieser mythologischen Elemente machen sowohl der Prophet Jesaja als auch der Psalmist eine Aussage über eine historische Wirklichkeit, die in analoges bzw. mythologisches Denken gekleidet ist. Eventuell ist der Chaoskampf hier sogar eine Rekapitulation von Gottes Kampf gegen die ägyptischen Gottheiten. Auf jeden Fall aber wird er verwendet, um analog über Gottes rettendes Handeln in der Geschichte zu reflektieren. Somit ist die Präsenz von Mythologie im AT nicht zwangsläufig ein Indikator für Fiktion. Es ist daher sinnvoller über den “historischen Mythos” zu sprechen, welcher sich durch konzeptuelle Analogien zwischen der Welt der Götter und der Menschen auszeichnet.
(Vgl. Averbeck, Richard, Ancient Near Eastern Mythography. In: The Future of Biblical Archeology. James Hoffmeier & Alan Millard [Ed.]. Grand Rapids [Eerdmans] 2004, 336)
Ein kurzes Nachwort: Während Averbeck die Frage nach dem Locus der Mythologie in der Religionsgeschichte Israels offen lässt, verstehe ich Mythologie vor allem als Mythographie. Mythologische Sprache ist ein “code”, um Informationen zu vermitteln. Daher ist Mythologie für mich vor allem eine sprachliche Kategorie, ein Motiv oder ein literarisches Genre. Ich glaube nicht, dass die Autoren der Bibel ernsthaft an einen urgeschichtlichen Chaoskampf zwischen Yahweh und dem Leviathan glaubten, aus welchem schlussendlich die Schöpfung resultierte. Sie verwenden dieses Motiv oder diese Sprache, um Aspekte ihrer eigenen Geschichte wie den Exodus zu mythologisieren und dadurch mit tieferem Inhalt zu füllen.
https://gesellschaftsfaehigblog.wordpress.com/2016/01/30/das-alte-testament-und-mythologie/

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Jesus mehr als Paulus?

„Die biblischen Aussagen von Jesus Christus sind am wichtigsten! Schließlich sind es wörtliche Zitate von Gott selbst. Was Paulus, Petrus und Jakobus oder Mose, David und Jeremia gesagt haben ist zwar auch irgendwie Gottes Wort, aber eben doch nicht auf derselben Stufe der Wichtigkeit und Autorität.“ Unterschiede in der Bedeutung biblischer Aussagen zu machen ist verbreitet. Und irgendwie würde spontan auch fast jeder Christ der Feststellung zustimmen, dass Jesus wichtiger ist als Mose oder Paulus.
Und doch ist das nach dem Selbstanspruch der Bibel und ihrer Autoren nicht ganz so einfach. Zum einen gibt es im Alten Testament zahlreiche wörtliche Zitate des Redens Gottes, Z.B. „Aber Gott sprach zu Abraham: […]“ (1.Mose 21, 12) oder „So spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels: […]“ (Jeremia 44, 25) Also werden auch hier wörtliche Aussagen Gottes wiedergegeben, ganz wie in den Evangelien, wenn Jesus zu den Menschen spricht. Weiterlesen

Jesus – der alleinige Weg zu Gott?

Christen sind es gewohnt, Antworten auf Fragen zu geben, die keiner stellt. Das ist nicht unser Fehler! Nur weil niemand die Frage stellt, heißt das nicht, dass die Frage nicht wichtig wäre Mal ehrlich: Wollen die Leute überhaupt wissen, ob es einen Weg zu Gott gibt? „Wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben“. Was zunächst im Blick auf die neuen Bundesländer so festgehalten wurde, gilt zunehmend auch für den Westen der Republik. Für die meisten Menschen ist Gott überhaupt kein Thema mehr. Die atheistische Erziehung und der Machbarkeitswahn der Wohlstandsgesellschaft haben Gott weitestgehend aus dem gesellschaftlichen Diskurs, der Gedankenwelt des Einzelnen und den Herzen der Menschen ausgegrenzt. Weiterlesen

Auf der Achterbahn der Seligpreisungen

Viele Menschen finden heute reine Wortbeiträge, Vorträge, politische Reden und auch Predigten langweilig. Ihnen reicht das Wort nicht mehr. Mindestens die Bebilderungsmaschine von Powerpoint muss noch dazu kommen, so als würden die Redner ihren eigenen Worten nicht mehr trauen. Dann projizieren sie die Zerstreuung lieber auf einen Bildschirm. Denn die Augen des Zuhörers lassen sich leicht ablenken. Weiterlesen

Predigt als Hauptaufgabe im Verhältnis zu anderen Methoden

(Es ist nicht die Hauptaufgabe der Kirche), den Menschen zu erziehen, ihn körperlich oder psychologisch zu heilen oder ihn glücklich zu machen. Ich möchte noch weiter gehen; es ist noch nicht einmal ihre Aufgabe, ihn gut zu machen. Dies sind allenfalls Dinge, die die Erlösung begleiten… Ich sage aber, dass all jene Dinge nicht im Vordergrund stehen dürfen; keines davon ist ihr Hauptziel. Es geht ihr vielmehr darum, Menschen in die rechte Beziehung zu Gott hineinzustellen, den Menschen mit Gott zu versöhnen. Dies muss gegenwärtig wirklich betont werden, denn dies ist meines Erachtens im Kern der moderne Irrtum … diese Auffassung, dass es die Aufgabe der Kirche sei, Menschen glücklich oder ihr Leben harmonisch zu machen oder ihre Umstände zu erleichtern oder ihren Zustand zu verbessern. … Durch die Linderung von Symptomen kann man die wirkliche Krankheit verbergen, was schädlich sein kann.
… Diese ‚Wohlstandsgesellschaft‘, in der wir leben, betäubt die Menschen und vermittelt ihnen das Gefühl, dass mit ihnen alles in Ordnung sei. Sie haben bessere Löhne, bessere Häuser, bessere Autos, jedes praktische Gerät im Haus, das wünschenswert ist; das Leben ist befriedigend, und alles scheint in Ordnung zu sein. Das ist der Grund, weshalb die Menschen nicht mehr nachdenken und sich nicht mehr mit den wirklichen Problemen konfrontieren lassen. Sie sind mit dieser oberflächlichen Ruhe und Genugtuung zufrieden, und sie wollen ihren tatsächlichen Zustand nicht ehrlich und radikal untersuchen. … Die Menschen sind vergnügungssüchtig, und Fernsehen und Rundfunk dringen mit ihrem Einfluss direkt in die Häuser ein. All diese Dinge überzeugen den Menschen davon, dass alles in Ordnung sei; sie geben ihm ein zeitliches Glücksgefühl; und so nimmt er an, dass alles gut sei, und denkt nicht länger nach. Die Folge ist, dass er seinen wirklichen Zustand nicht erkennt und sich dann auch nicht mit ihm konfrontieren lässt.
D. Martyn Lloyd-Jones. Die Predigt und der Prediger. 3L Verlag: Friedberg, 2005. (35-36)
http://hanniel.ch/2016/01/03/zitat-der-woche-predigt-als-hauptaufgabe-im-verhaeltnis-zu-anderen-methoden

Wo steckt der Antichrist?

In Rom, wo denn sonst! – So hätte im siebzehnten Jahrhundert wohl so gut wie jeder Engländer geantwortet. Die Mitglieder der Kirche von England zunindest. 1534 hatte Heinrich VIII die Kirche in seinem Land von Rom gelöst und sich selbst an die Stelle des Papstes gesetzt. Unter der Herrschaft seiner Tochter Elisabeth ab 1553 festigte sich die Reformation im Land. Die Monarchin konnte sich über vier Jahrzehnte an der Macht halten, und das trotz zahlreicher Verschwörungen, gerade auch von katholischer Seite. Schließlich hatte Papst Pius V Elisabeth 1570 als Häretikerin offiziell exkommuniziert und die Untertanen von ihrer Gehorsamsverpflichtung entbunden. Hinzu kam, dass Hunderte katholische Priester ins Land geschmuggelt wurden, um die Katholiken im Untergrund zu betreuen und gerade unter den Adeligen für Rom zu missionieren. 1585 erklärte das Parlament es für Hochverrat, wenn ein katholischer Priester englischen Boden auch nur betritt. Ein paar Jahre später konnte der Invasionsversuch durch den spanischen König Philipp II abgewehrt werden.

Auch nach ihrem Tod sah sich die Insel weiter von den katholischen Mächten bedroht, und tatsächlich versuchten englische Katholiken bei der Parlamentseröffnung im November 1605 mit zweieinhalb Tonnen Schießpulver die gesamte Staatsspitze auf einen Schlag zu beseitigen. Der Putsch („gunpowder plot“) schlug fehl und führte zu weiteren scharfen antikatholischen Maßnahmen. So blieben den Katholiken bis ins 19. Jahrhundert viele Bereiche im Bildungssektor und Staatsdienst verschlossen.

Auf dem Hintergrund dieser allein schon politisch sehr aufgeheizten Situation wundert es nicht, dass auch die Autoren des Westminster-Bekenntnisses von 1647 deutlich formulierten: „Es gibt kein anderes Haupt der Kirche außer dem Herrn Jesus Christus. Auch der Papst von Rom kann nicht in irgendeinem Sinn ihr Haupt sein, sondern er ist der Antichrist, der Mensch der Sünde und Sohn des Verderbens, der sich selbst in der Kirche gegen Christus und alles, was Gott genannt wird, erhebt.“ (25,6)

„Der rechte Endchrist“

Die Überzeugung, dass der Antichrist in Rom sitzt, war allerdings ganz und gar keine Erfindung der Briten und nicht ganz neu. Schon im Mittelalter wurden einige der Päpste als Antichristen bezeichnet (durch Joachim von Fiore oder die Franziskaner-Spiritualen). Auch die Vorreformatoren wie John Wycliff (14. Jhdt.) oder Jan Hus (15. Jhdt.) identifizierten das Papsttum mit dem Antichristen. Martin Luther sah ab 1520 den Papst in Rom eindeutig als den endzeitlichen Widersacher Christi an. In den Schmalkaldischen Artikeln von 1537 findet sich dann ein längerer Abschnitt zum Papsttum (II,4), in dem der Reformator den Papst direkt Antichrist nennt: er ist „der rechte Endchrist (Antichrist) oder Widerchrist“. Das Kapitel endet mit einem scharfen Bibelzitat: „Strafe dich Gott, Satan!“ (Sach 2,3). Noch kurz vor seinem Tod brachte Luther 1545 die Schrift Wider das Papsttum zu Rom vom Teufel gestiftet heraus. (Als Illustrator wirkte damals zu dem Thema vor allem Lucas Cranach, s. o. der kolorierte Schnitt.)

Doch es war keineswegs nur der gern mal polternde Luther. Auch in anderen Bekenntnissen wie der Konkordienformel (FC SD X,20,22) und auch schon in Melanchtons Von der Gewalt und Obrigkeit des Papstes (39, 41, 42, 57) und dessen Apologie des Augsburger Bekenntnisses finden sich klare Aussagen (in letzterem Bekenntnis wird die Kirche in Rom „antichristliches Reich“ genannt, XV,18; außerdem fallen dort in XXVI,98 im Hinblick auf die Messe neben Antichrist auch Begriffe wie „Abgötterei“ und „öffentliche Ketzerei“).

Der Antichrist sitzt in Rom. In diesem Punkt waren sich so gut wie alle Reformatoren einig. In den reformierten Bekenntnissen des 16. Jahrhunderts findet sich der Papst als Antichrist aber nur im wenig bedeutsamen Zweiten schottischen Bekenntnis (1581), später dann erst wieder im Westminster-Bekenntnis. Auch die Methodisten (John Wesley) und die Baptisten (C.H. Spurgeon) folgten dieser Linie recht konsequent. Bis ins 19. Jahrhundert bestand in dieser Frage ein breiter protestantischer Konsens.

Rückblickend war die Kritik am Papsttum während der Reformationsepoche im Grunde berechtigt, denn der moralische Verfall Roms war tatsächlich erschreckend. Calvin verurteilte in der Institutio (IV,7,24) Lehre und Lebenswandel der Päpste; sie seien von zahlreichen Irrtümern geblendet und in viel Abgötterei versunken. Mit „Wut“ unterdrückten die Päpste „die wieder aufkommende Lehre des Evangeliums“, und sie feuern auch noch die Fürsten zu „grausamen Wüten“ gegen die Christen an. Er nennt einige grausame und blutrünstige Kirchenfürsten mit Namen, die nur „ihre Macht aufrechterhalten“ wollten. „Mag Rom wohl vorzeiten die Mutter aller Kirchen gewesen sein, so hat es jedenfalls, seitdem es begonnen hat, der Sitz des Antichristen zu werden, aufgehört, das zu sein, was es war.“ Historiker wie Barbara Tuchman bestätigen die tiefe Verderbtheit der damaligen Päpste (s. das sehr gute Kapitel über die Renaissance-Päpste in ihrem The March of Folly / Die Torheit der Regierenden, 1985).

„Das päpstliche System in Geist, Form und Wirkung“

Nun liegt die konfessionelle Feindschaft der Reformationsepoche lange hinter uns. Wie ist diese Frage nun heute zu betrachten? Gilt diese Gleichsetzung von Papst und Antichrist heute noch? Auf höchster Ebene zwischen den großen Kirchen ist der Konflikt gleichsam ausgeräumt: „Der Papst ist nicht der Antichrist… Alle Christen und Kirchen haben Anlass, das Inerscheinungtreten des Antichristen bei sich selbst zu fürchten und um Bewahrung davor zu beten. Kein Amt als solches kann aber mit dem Antichristen identifiziert werden.“ (W. Pannenberg, K. Lehmann, Lehrverurteilungen – kirchentrennend?)

Also alles bloß olle Kamellen? Konservative protestantische Kirchen halten jedoch meist daran fest, dass das Papsttum als Institution antichristlich ist, nicht unbedingt einzelne Päpste (so z.B. die Lutherische Kirche – Missouri-Synode in den USA). Tatsächlich ist das Papstamt für Protestanten weiterhin unakzeptabel, und die kirchliche Macht des Papstes wurde bekanntlich im 19. und 20. Jahrhundert noch ausgebaut, zuletzt noch im neuen Kanonischen Recht (CIC) von 1983. Der Papst als Stellvertreter Christi und als absoluter Herrscher in der Kirche stellt aus evangelischer Sicht das solus Christus massiv in Frage. Alle Protestanten unterstreichen weiterhin, was das Westminster-Bekenntnis in 25,6 positiv bekräftigt: Christus allein ist das Haupt seiner Kirche.

Die amerikanischen Presbyterianer haben in ihrer Redaktion des Westminster-Bekenntnisses von 1788 den Abschnitt zum Haupt in der Kirche und zum Papsttum abgeändert. Es wird geleugnet, dass der Papst in Rom in irgendeiner Weise Haupt sein könne; er wird jedoch nicht mit dem Antichristen identifiziert. (S. auch zu diesem Punkt recht ausführlich das Zweite helvetische Bekenntnis, XVII,6) So deutete dann auch A. A. Hodge im 19. Jhdt.: „Sie [die Autoren des Westminster-Bekenntnisses] meinten wahrscheinlich, dass das päpstliche System in Geist, Form und Wirkung gänzlich antichristlich ist und eine Abweichung vom apostolischen Christentum darstellt.“ (The Confession of Faith, 1869)

Ein Tropfen Papstblut

Aus deutscher Perspektive scheint all dies heute aus einer anderen Galaxie zu stammen. Ist der Papst der Antichrist? Was für eine Frage?! Was für eine törichte Frage! Man schaue sich bitte den Reformer Franziskus an… In Deutschland, wo die Nettigkeit zwischen den großen Kirchen schon seit geraumer Zeit fast keine Grenzen kennt, hält man nichts von Kraftausdrücken à la Antichrist. Und natürlich ist es nur zu begrüßen, dass sich nach Jahrhunderten der Feindschaft die Wogen geglättet haben und sich ein anderer Umgangston eingebürgert hat. Seit 50 Jahren sind die Protestanten in den Augen Roms nicht mehr per se Häretiker, und die Evangelischen haben begriffen, dass die Päpste spätestens seit Johannes XXIII von ganz anderem Zuschnitt sind als die machtlüsternen Fürsten Jahrhunderte zuvor.

Trotzdem bleiben Fragen, und sie kommen gerade aus den Ländern mit dominant katholischer Bevölkerungsmehrheit wie in Südeuropa oder auch im Nordosten, in Litauen. Im deutschsprachigen Raum nimmt man die bescheidenen Gesten des Papstes aus Argentinien wahr; in Litauen begegnet einem der Kult um den verstorbenen Papst auf Schritt und Tritt. 1993 besuchte Johannes Paul II das Land, und wo er damals auch nur seinen Fuß hingesetzt hat, findet man heute in Bronze gegossene Denkmäler oder Gedenktafeln oder Straßennamen oder Pilgerzentren. Will man seinem Seelenheil etwas Gutes tun, pilgert man den Weg des Papstes vom Herbst ’93 nach.

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In diesen Tagen erhielt die Jesuitenkirche in Šiauliai, in der der Papst aus Polen bei seinem Besuch vor über zwei Jahrzehnten einen Gottesdienst hielt, eine wertvolle Reliquie: ein paar Tropfen Papstblut. Vor solchen Objekten der Verehrung, und hinzu kommen die zahlreichen wundertätigen Marienbilder und andere Kanäle besonderer göttlicher Gnade, gehen katholische Christen auf die Knie und erhoffen sich Hilfe. ‘Aufgeklärte’ Katholiken buchen all dies gerne unter dem Stichwort „Volksfrömmigkeit“ ab, aber das macht die Sache in den Augen der Protestanten ja nicht besser: Ist das wirklich wahre Frömmigkeit?

Protestantischer Konsens vs. Sola Scriptura

Aus der Perspektive der Länder mit einem Anteil von 1% Evangelischen wie Italien oder Litauen sind die ollen Kamellen nicht ganz so uninteressant. Am 2. Oktober warf Leonardo De Chirico auf seinem Blog Vaticanfiles die alte Frage auf: „Is the Pope the Anti-Christ?“ Ist der Papst der Antichrist? Darin schilderte der Theologie und Pastor einer reformiert-baptistischen Gemeinde aus Rom die historische protestantische Sicht. Er erläuterte vor allem, was François Turrettini, reformierter Theologe im Genf des 17. Jahrhunderts, zu sagen hatte. De Chirico, auch einer der Leiter der Evangelischen Allianz Italiens, riss ein Thema an und stellte eine Frage, die er aber leider nicht angemessen beantwortete – der Sack blieb nicht zugebunden.

Erst Mitte November nahm der Italiener eindeutiger Stellung. In diesem Interview:

„Luther, Calvin, die protestantischen Bekenntnisse des siebzehnten Jahrhunderts, die Puritaner, Wesley, Spurgeon usw. glaubten, dass das Papsttum (nicht dieser oder jener Papst) die Institution ist, aus der der Anti-Christ schließlich kommen wird. Ich teile diesen breiten protestantischen Konsens. Das Papsttum beansprucht christologische und pneumatologische Titel und Vorrechte (z.B. Stellvertreter Christi, unfehlbarer Lehrer, Oberhaupt der Kirche mit voller, unmittelbarer und universaler Macht), und dies wird mit irdischer politischer Macht gekoppelt. Man bedenke, dass Päpste Monarchen eines souveränen politischen Staates sind. Im Papsttum vermischt sich auf tragische Weise, was Gott und was dem Kaisers gehört. Diese vergiftete Mischung ist das potenzielle Milieu, aus dem der Antichrist emporsteigen kann.“

ChiricoWie wir sahen, hat sich diese Deutung unter den konservativeren Protestanten nach der Reformationsepoche irgendwann  weitgehend durchgesetzt. Nur ganz wenige wagen es nun, die Päpste der jüngeren Zeit direkt als Antichristusse zu bezeichnen. Meist wird das Papsttum als System und Institution antichristlich genannt. De Chirico teilt dem Leser jedoch nicht mit, dass zumindest im 16. und 17. Jahrhundert die jeweiligen Päpste ganz gewiss in die Verwerfung miteingeschlossen wurden. Die klare Differenzierung zwischen Papst und Papsttum und das Erwarten des Antichristen bloß in der Zukunft (die Institution, „aus der der Anti-Christ schließlich kommen wird“) ist sicher in dieser Form nicht der frühe protestantische Konsens. De Chirico betont, dass Turrettini den Antichristen nicht als eine einzelne Person ansah, sondern als eine Reihe von Personen und als ein Amt. Das mag so sein, doch in diese Reihe bezog Turrettini den jeweiligen Amtsinhaber sicher mit ein. Auch ein Puritaner der Zeit, Cotton Mather, meinte unzweideutig: „Noch regiert der Teufel durch seinen Stellvertreter in Rom.“ Hier hätte De Chirico ehrlicher sein sollen und besser behauptet, dass er (wie z.B. Hodge, s.o.) die historische Auffassung in diese Weise deutet.

Wohl nicht zufällig erschien De Chiricos Beitrag kurz vor der Familiensynode im Vatikan im Oktober. Als Gast nahm an der Bischofsversammlung auch Thomas Schirrmacher als Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) teil. Schirrmacher ist wie De Chirico Mitglied der World Reformed Fellowship. Mitte Oktober reagierte er mit „Is The Pope the Antichrist? Not According to Sola Scriptura!“ Ist der Papst der Antichrist? Nicht nach dem Prinzip „Allein die Schrift“.

Schirrmacher zeigte sich darin „dankbar für die Hinweise auf die Reformation und frühe reformierten Quellen [in De Chiricos Text]. Es gibt viel, dass wir modernen Evangelikalen aus diesen Quellen lernen können, was die Arbeit des Evangeliums heute stärken wird.“ Er ist aber überzeugt, dass „die zentralen Beschreibungen des Antichristen in allen Texten des Johannes das Gegenteil von dem sind, wofür der [heutige] Papst steht.“ Weiter schreibt der Theologe aus Bonn:

„Soweit ich es überblicken kann, entdeckt keiner der heutigen evangelikalen exegetischen Kommentare zu 1. Johannes und Offenbarung den Papst oder die katholische Kirche in diesen Texten. Dies sollte, so glaube ich, das Ende der Debatte sein. Wenn wir eine Stellungnahme nicht durch die Exegese der Heiligen Schrift beweisen können, erlaubt uns die Geschichte nicht solch ein hartes Urteil. Selbst Luther hat die Texte bei Johannes nicht exegetisiert, um zu beweisen, dass der Papst der Antichrist ist; er gebrauchte den Begriff einfach gegen den Papst. Lasst uns Luther und der Reformation folgen, indem wir das Prinzip Sola Scriptura anwenden, auch wenn das bedeutet, dass wir mit einigen Meinungen dieser Reformatoren nicht einverstanden sind.“
Beide Artikel finden sich nun hier auf der Seite der World Reformed Fellowship – mit Nachträgen zum jeweiligen Beitrag des anderen. De Chirico meint, dass Schirrmacher seine Sicht völlig falsch dargestellt habe. Er habe nicht behauptet, dass Papst Franziskus der Antichrist sei. Schirrmacher wiederum sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, manche evangelikale Leiter hätten eine naive Sicht gegenüber dem heutigen Papst. Er verteidigt hier die Gespräche der WEA im Vatikan und ruft dazu auf „den Charakter des heutigen Papstes und die Theologie, für die er und seine Kirchen stehen“, als „zwei sehr unterschiedliche Dinge“ zu erkennen. Und aus eigener Erfahrung und aktiver Teilnehmer der Familiensynode unterstreicht er, wie viel sich geändert hat: „Nun kann man als Evangelikaler die eigenen Überzeugungen im Vatikan vorbringen.“

Antichristliches – aber wo?

Eine richtige Debatte hat sich auf dem Blog der World Reformed Fellowship leider nicht entwickelt. Viele Missverständnisse und ein aneinander Vorbeireden, so scheint es doch, hat die Diskussion gekennzeichnet. De Chirico wählte eine etwas reißerische Überschrift, wenn auch mit Fragezeichen, nimmt nicht klar Stellung und wundert sich dann, dass er nicht präzise verstanden wird. Warum ausgerechnet zu so einem Zeitpunkt so ein Text, der ja wohl bei den meisten Lesern so verstanden wird, dass der Papst eben der Antichrist sein könnte? Und die Kritik an die Adresse der WEA-Vertreter kommt nur zwischen den Zeilen daher und ist nicht konkret genug.

Auf der anderen Seite sieht Schirrmacher mit einer exegetischen Frage die Debatte beendet, sagt aber nicht, wo denn die Reformatoren z.B. im Hinblick auf das Papsttum richtig lagen. Hier stellt sich die Frage, was wir denn heute konkret für die Beziehung mit Rom „aus diesen Quellen lernen können“? Evangelikale und Rom – hat uns die strenge Sicht der vergangenen Jahrhunderte noch irgendetwas zu sagen? Wenn ja, was?

Man sollte mit Identifikationen heute tatsächlich vorsichtig sein, da die Deutung der entsprechenden Bibelstellen schwierig ist. Der „Antichrist“ (gr. antichristos) wird im NT nur in den Johannesbriefen erwähnt (1 Joh 2,18.22; 4,3; 2 Joh 7). Der „Mensch der Bosheit“ und der „Sohn des Verderbens“ (2 Thess 2,3) sowie die „falschen Christusse und falschen Propheten“ (Mt 24,24) werden ebenfalls traditionell mit dem Antichristen in Verbindung gebracht. Dann gibt es noch die Ausführungen zum widergöttlichen Tier in  Off 12–13, Dan 7–9, 11 und weitere Widersacher Gottes im AT.

Ohne hier ins Detail zu gehen ist ja zu erkennen, dass es um eine Person und um mehrere Personen geht (Plural in 1 Joh 2,18); dass sowohl die Zukunft, als auch die Gegenwart (1 Joh 4,3) im Blick sind; dass daher mehrfache Erfüllungen von Prophezeiungen denkbar scheinen. Hinzu kommt, dass daneben auch von antichristlichem Geist oder einer Art System (2 Thess 2,7) die Rede ist.

Bei Johannes steht die falsche Lehre des Antichristen im Mittelpunkt, eine falsche Christologie (2 Joh 7), und im Blick waren damals wohl die ersten Gnostiker, die die Inkarnation leugneten. Nun leugnet die römische Kirche die Fleischwerdung Christi natürlich nicht, aber ist damit das ganze Thema schon vom Tisch? Wie sind in diesem Zusammenhang die anderen falschen Lehren der römischen Kirche einzuordnen?

Im Westminster-Bekenntnis geht es im betreffenden Abschnitt einzig um das Haupt der Kirche; auch in der ersten der zehn Berner Thesen (1528) wird unterstrichen, dass allein Christus das Haupt der Kirche ist und diese nur auf seine Stimme zu hören habe. Wie ist das heutige Papstamt in dieser Hinsicht zu bewerten? Wenn das gr. „anti“  im Sinne der Konkurrenz gedeutet wird, dann kann Louis Berkhof gefolgt werden, der in seiner systematischen Theologie von 1938 „Elemente des Antichristen“ im Papsttum sieht; weitere Identifizierung will dieser aber nicht vornehmen.

Die widerchristlichen Lehrelemente sind also am besten konkret zu benennen. Dabei gilt es aber schließlich zu bedenken, dass jede Kirche zu einer der „Synagogen des Satans“ (Westminster, 25,5) werden kann. Dies ist ja auch die richtige Warnung bei Pannenberg/Lehmann, wenn vor dem „Inerscheinungtreten des Antichristen“ (s.o.) in der jeweils eigenen Kirche gewarnt wird. Aber hier sollte man dann auch hier und da konkret werden. So denke ich, dass Johannes Paul II sicher nicht der Antichrist war, aber wie soll man den für Protestanten äußerst abstoßenden Kult um sein Blut anders bezeichnen als widerchristlich?

Protestanten wiederum müssen auf die Warnung J. Gresham Machens hören. In Christianity and Liberalism (1923) betonte der reformierte Theologe, dass der theologische Liberalismus seiner presbyterianischen Konfession höchst destruktiv und „antichristlich bis zur Wurzel“ war. Machen unterstrich sogar, „wie groß das gemeinsame Erbe mit der Kirche Roms ist“. Naiv war er natürlich dennoch nicht: Zwischen Rom und den konservativen Protestanten erstreckt sich ein tiefer Graben. Doch dieser ist geradezu flach „verglichen mit dem Abgrund, der zwischen uns und den [liberalen] Geistlichen unserer eigenen Kirche liegt“. Deren Lehre bezeichnet Machen äußerst streng als „im Kern antichristlich“. Wir sollten also durchaus in diesen Kategorien der Widerchristlichkeit denken. Die Frage nach dem Antichristen und dem Antichristlichen ist berechtigt und muss konkret gestellt werden. Den Katholiken und Protestanten gerade auch im Hinblick auf das eigene Lager.

Lernen von Franziskus

Eine letzte Bemerkung: der heutige Papst ist bekannt dafür, dass er den bürokratischen Apparat des Vatikans umgeht und gerne mal selbst zum Hörer greift. Schirrmacher schildert dies aus eigener Erfahrung. Nun zeigt aber die „Debatte“ zwischen den WEA-Vertretern und dem Italiener einmal wieder, dass die Chemie hier irgendwie nicht stimmt – wer auch immer dafür die Hauptverantwortung trägt (wie so oft hat so eine Missstimmung gewiss zwei Seiten). Die Kommunikation der evangelikalen Leiter ist offensichtlich verbesserungsfähig. Sollte man sich nicht den Papst zum Vorbild nehmen und einfach mal zum Telefon greifen, wenn unterschiedliche Sichtweisen durch die Luft wabern und die Atmosphäre zu vergiften drohen?
http://lahayne.lt/2015/12/05/wo-steckt-der-antichrist/

Worin besteht das Heil des Menschen?

In einem Religionsbuch für die Oberstufe habe ich gerade einen Beitrag von Gerhard Szcesny (1918-2002) gelesen. Er erörtert darin die Frage: Worin besteht das „Heil“ des Menschen?
Die „Antwort“ lautet:
In der möglichst vollkommenen Ausbildung und Ausschöpfung seiner Anlagen und der bestmöglichen Erfüllung der individuellen und gesellschaftlichen Aufgaben, die ihm seine Zeit stellt, oder in der Konzentration auf jene Talente und Tugenden, die ihn mit der „anderen Wirklichkeit“ in Berührung bringen und auf sie vorbereiten? Ist es vor allem wichtig, dass der Mensch sich unablässig darum bemüht, die Heilswahrheiten seiner Religion zu erkennen, oder ist es wichtiger, dass er sich in seinem Leben den ethischen Erfordernissen seiner Religion entsprechend verhält?
Meine erste Reaktion: Eine Antwort, die der Erwartungshaltung des Fragenden entspräche, wäre (a) unevangelisch und (b) unkatholisch.
Meine zweite Reaktion: Eigentlich ist das genau das, was viele Menschen in und außerhalb der Kirche über das Heil denken. Leider. Viel Aufklärung braucht es. Die Verkündigung des Evangeliums, der guten Nachricht nämlich, dass das Heil außerhalb von uns in Christus zu finden ist, tut Not.
http://theoblog.de/worin-besteht-das-heil-des-menschen/26500/#comments

Das Privileg der Adoption

„Was ist ein Christ? Man kann diese Frage verschieden beantworten, aber die Antwort, die am meisten aussagt, ist: ein Christ ist jemand, der Gott zum Vater hat. (…)
Die Rechtfertigung ist nicht der höchste Segen des Evangeliums. Die Annahme als Kinder ist ungleich höher, denn sie bedingt eine wesentlich höhere Beziehung zu Gott. (…) Rechtfertigung ist eigentlich ein juristischer Terminus, von Gesetzen abgeleitet, wobei Gott Richter ist. Im Zusammenhang mit der Rechtfertigung erklärt Gott bußfertigen Gläubigen, dass sie nicht mehr und nie mehr dem durch Sünde verdienten Tod anheimfallen werden, weil Jesus Christus, ihr Fürsprecher und Opfer, an ihrer Stelle am Kreuz den Tod gekostet hat. Diese Gabe der Tilgung und des Friedens, deren Kosten auf Golgotha getragen wurden, ist wunderbar genug, wirklich. Aber sie schließt keineswegs eine tiefe und unmittelbare Beziehung zu dem Richtergott ein. Wenn man rein theoretisch überlegt, wäre Rechtfertigung auch ohne ein näheres Verhältnis zu Gott denkbar.
Mit der Annahme als Kind dagegen ist das anders. Dem liegt der Gedanke einer familiären Beziehung zugrunde, mit Liebe und mit Gott als Vater. Durch die Adoption nimmt uns Gott in seine Familie und seine Umgebung auf. Er erklärt uns zu seinen Kindern und Erben. Nähe, Zuneigung und Großmut sind Kern dieser Beziehung. Mit Gott dem Richter ins reine zu kommen, ist sicher sehr viel. Von Gott, dem Vater, geliebt und umsorgt zu werden aber, ist viel mehr.“ J I Packer, Gott Erkennen. Aus dem Kapitel „Kinder Gottes.“
http://mehrerekanonen.blogspot.de/2015/10/das-privileg-der-adoption.html