Die Autoren des Neuen Testaments

10 Gründe, warum die Autoren des Neuen Testaments die Wahrheit sagten:
(Unser Thema letzten Sonntag in der Sonntagsschule).
1. Die Autoren des NT schrieben Dinge auf, die ihre Bewegung in ein ungünstiges Licht rückten. (Jünger waren fortwährend schwer von Begriff, Jünger verließen Jesus, Petrus verleugnete Jesus, etc.)
2. Die Autoren schrieben unangenehme Aussagen anderer über Jesus auf. (Jesus sei ein „Fresser und Weinsäufer“, von Dämonen besessen, etc.)
3. Die Autoren schrieben Worte Jesu mit sehr schwer zu erfüllenden Anforderungen auf. (Feindesliebe, Scheidungsverbot etc.)
4. Die Autoren des NT unterschieden klar zwischen Jesu Worten und ihren eigenen Worten. (Sie schrieben Jesus nicht Worte zu, um theologische Dispute zu regeln)
5. Die Autoren des NT beschrieben Ereignisse bei Begräbnis und Auferstehung Jesu, die sie nicht erfunden hätten. (Z.B. dass nicht sie, sondern ein Mitglied des Sanhedrin (Joseph von Arimathäa) das Begräbnis für Jesus organisierten; dass Frauen die ersten Zeugen der Auferstehung waren, u.a. die früher dämonenbesessene Maria Magdalena).
6. Die Autoren des NT erwähnten mehr als 30 Personen, die durch außerbiblische Quellen historisch bestätigt wurden. (Wäre daran etwas falsch gewesen, hätte man es leicht nachprüfen und widerlegen können, z.B. die Begegnungen und Gespräche von Paulus mit Festus, Felix, etc.).
7. Die Schriften des NT enthalten genügend Abweichungen in Details, um unabhängige Zeugenberichte zu sein, und genügend Übereinstimmungen in der Kernbotschaft, um über die gleichen Ereignisse zu schreiben. (Simon Greenleaf, Harvard Professor in Law: „Die Evangelien würden heute vor Gericht problemlos als Augenzeugen-Aussagen anerkannt“.)
8. Die Autoren des NT fordern ihre Leser heraus, die Fakten zu überprüfen, und auch Wunder nachzuprüfen. (Paulus spricht in 1. Kor. 15 von 500 Augenzeugen der Auferstehung, „von denen die meisten noch leben“).
9. Die NT Autoren beschreiben Wunder wie alle anderen Ereignisse: mit einfachen Worten, ohne Ausschmückungen.
10. Die Autoren des NT gaben tief verwurzelte, 1500 Jahre alte Überzeugungen auf (Tieropfer, Gesetz, Beschneidung, Sabbat am Samstag, etc.), und nahmen radikale neue Überzeugungen an (Abendmahl: Brot und Wein (Leib und Blut Jesu), vollkommenes Opfer Jesu am Kreuz (also Rettung nicht durch Gesetz), Feiertag am Sonntag, Taufe etc.) und waren bereit, dafür in den Tod zu gehen. Rod Nolte
(Quelle: Turek, Geisler: I don’t have Enough Faith to Be an Atheist).
„Undesigned Coincidendes“: Wie sich die Evangelien gegenseitig als wahr erweisen.
Auf einen kürzlichen Vortrag von Tim McGrew zurückgehend.
(Eine neue – oder wieder neu bekannt gewordene – Argumentform dafür, dass die Evangelien Augenzeugenberichte sind.)
Wenn zwei Bibelstellen aus verschiedenen Evangelien sich hervorragend ergänzen, und es gleichzeitig unwahrscheinlich ist, dass dies mit Absicht so verfasst wurde, ist dies ein Hinweis auf die historische Verlässlichkeit der Berichte. (Es ist ein Hinweis darauf, dass beide Berichte entweder Augenzeugenberichte desselben Ereignisses sind, oder auf verlässliche Augenzeugenberichte zurückgehen).
Eine Absprache zwischen zwei Evangelien-Autoren (z.B. Matthäus und Lukas) über das Weglassen oder Hinzufügen von unwesentlichen Details erscheint unwahrscheinlich.
Erstmalige Erwähnung dieser Argumentform: William Paley 1850: Horae Paulinae. Zwischen Apg. und Paulusbriefen. Danach entwickelte John James Blunt diesen Ansatz weiter und wandte die „Methode“ auf das gesamte AT, das NT, sowie auf das NT im Verhältnis zu Josephus an. Danach geriet der Ansatz in Vergessenheit. Kürzlich wurde er von Tim und Lydia McGrew (USA) wieder neu „entdeckt“ und in einigen Youtube-Videos popularisiert.
Beispiel 1:
Matth 14,1-2 „Herodes sprach zu seinen Dienern: Das ist Johannes der Täufer; er ist von den Toten auferstanden.“ (Man fragt sich: woher wusste Matthäus, dass Herodes dies zu seinen Dienern sprach?)
Lk 8,3 hat die Antwort: „Und Johanna, die Frau des Chuzas, eines Verwalters [Dieners] des Herodes, und Susanna und viele andere, die ihnen dienten mit ihrer Habe“.
Beispiel 2:
Joh 2,6-7: Sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung, die leer waren. (Man fragt sich: Warum sind die leer? Reinigen die sich nicht mehr rituell?)
Matth 15,1-2 hat die Antwort: „Da kamen zu Jesus Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem und sprachen: Warum übertreten deine Jünger die Satzungen der Ältesten? Denn sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen.“
Beispiel 3:
Lk 9,28-35: Verklärung Jesu: Sie sagten es niemanden. (Man fragt sich: Warum sollte man ein so extremes Erlebnis nicht sofort weitererzählen?)
Mk 9,9 hat die Antwort: „Er gebot ihnen, es niemandem weiterzusagen.“
Beispiel 4:
Joh 6,5: Jesus fragt Philippus: „Wo kann man hier etwas zu essen kaufen?“
Philippus ist einer der unbedeutendsten Jünger; hätte man die Story erfunden, hätte man eher geschrieben: Jesus fragte Petrus, oder Jesus fragte Judas (Kasse) etc. Man fragt sich also: Warum fragt Jesus gerade den Philippus?
Lk 9,10: Speisung der 5000 war in Betsaida. Joh. 12: Philippus stammte aus Bethsaida. (Lukas bestätigt Joh)
Beispiel 5:
Lk 23,1-4: Pilatus sagt: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen“, V4. (Man fragt sich: Warum „keine Schuld“, denn Jesus hatte in Vers 3 doch zugegeben, dass er der „König der Juden“ sei, was als gegen die Autorität des Kaisers gerichtet gedeutet werden konnte).
Joh. 18,33-38: Jesus zu Pilatus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. (Deshalb war es kein Angriff auf die Autorität des Kaisers.)
Beispiel 6:
Joh. 21,15-17: Jesus fragte Petrus drei Mal: „Hast du mich lieb?“ (Man fragt sich: Warum fragt Jesus ihn genau drei Mal? Das würde sich aus dem Johannesevangelium nicht so klar ergeben).
Mk 14,30 erklärt dies: Jesus sprach zu Petrus: „Heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“. Mk 14, 66-72: Petrus verleugnet Jesus 3x. ==> Diese Ankündigung der dreimaligen Verleugnung fehlt in Johannes.
Zu dieser „Argumentform“ (Undesigned Coincidences) erscheint ca. 1. Halbjahr 2017 ein Buch von Lydia McGrew mit viel mehr Beispielen, auch mit gegenseitigen Bestätigungen zwischen Evangelien, Apostelgeschichte sowie den Paulusbriefen.

Wider die Vernachlässigung der Ethik

Der anglikanische Pfarrer und Theologe John Stott (1921–2011) über Ethik in seinem Kommentar zu den Thessalonicherbriefen (The Gospel & the End of Time – The Message of 1&2 Thessalonians; IVP, 1991):
„Wir haben euch gelehrt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, und ihr handelt auch danach. Doch nun bitten wir euch im Namen des Herrn Jesus mit allem Nachdruck: Macht darin auch weiterhin Fortschritte! Ihr kennt ja die Anweisungen, die wir euch im Auftrag des Herrn Jesus gegeben haben. Gott will, dass ihr ein geheiligtes Leben führt…“ 1 Thess 4,1–3a
Eine der größten Schwächen der heutigen evangelikalen Christenheit ist unsere relative Vernachlässigung der christlichen Ethik – sowohl in unserer Lehre als auch in der Praxis. Als Folge davon sind wir besser bekannt als solche, die das Evangelium predigen, und weniger als die, die es leben und verehren. Es fällt Außenstehenden zu selten auf, dass wir eine Gemeinschaft sind, die sich der Heiligkeit des menschlichen Lebens verschrieben hat, die soziale Gerechtigkeit anstrebt, die persönliche Ehrlichkeit und Integrität im Geschäftsleben betont, die einen einfachen Lebensstil praktiziert – im Gegensatz zur Gier in unserer Konsumgesellschaft, und deren Heime von Stabilität gekennzeichnet sind, wo Untreue und Scheidung praktisch unbekannt sind und Kinder in der sicheren und liebenden Obhut ihrer Eltern aufwachsen. Zumindest in der Ehe- und Familienstatistik schneiden die Juden besser ab als die Christen!
Einer der Hauptgründe für all dies ist, dass unsere Kirchen im Großen und Ganzen zu wenig Ethik lehren. Wir sind so sehr damit beschäftigt, das Evangelium zu verkündigen, dass wir nur selten das Gesetz lehren. Wir haben Angst davor, uns den Vorwurf der „Gesetzlichkeit“ einzuhandeln. „Wir leben nicht unter dem Gesetz“, sagen wir fromm – als ob wir frei wären, es zu ignorieren oder ihm gar ungehorsam zu sein. Dagegen meinte Paulus doch, dass unsere Annahme bei Gott nicht von unserer Beachtung des Gesetzes abhängt. Christen sind jedoch immer noch verpflichtet, das moralische Gesetz und die Gebote zu halten. Tatsächlich war der Zweck von Christi Tod, dass „die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde“ (Röm 8,4), und der Heilige Geist, der in unseren Herzen wohnt, schreibt Gottes Gesetz in diese (s. Jer 31,33; Hes 36,27; 2 Kor 3,3–8). Weiterlesen

Über die Geltung der Zehn Gebote heute

Eine Ortsbestimmung des Dekalogs
„Mose sprach: Und nun höre, Israel, die Gebote und die Rechte, die ich euch lehre, dass ihr danach tut, damit ihr am Leben bleibt… und in das Land hineinkommt, das euch der Herr, der Gott eurer Väter, geben will. Ihr sollt nichts hinzutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davon tun, sondern die Gebote des Herrn, eures Gottes, halten, die ich euch gebe.“ (5 Mose 4,12)
Gelten die Zehn Gebote heute noch für uns? Gelten sie für uns, weil wir Christen sind? Oder gelten sie allen Menschen überhaupt? Weiterlesen

Gott Ist König

Die Regierung des Universums ist nicht demokratisch, aristokratisch, republikanisch oder verfassungsstaatlich, sondern monarchisch. Gott allein gehört die eine ungeteilte legislative, richterliche und exekutive Macht. Seine Allmacht ist nicht abgeleitet, sondern ewig, unbegrenzt und reich in Segen. Er ist der König der Könige und der Herr der Herren (1 Tim 6: 15; Off 19: 6). Sein Königtum ist das ganze All. Ihm gehören die Himmel und die Erde (2 Mose 19: 5; Ps 8: 1; 103: 19; 148: 13). Er besitzt alle Nationen (Ps. 22:28; 47:8–9; 96:10; Jer. 10:7; Mal. 1:14). Und Er ist erhaben über die ganze Welt (Ps. 47:2, 7; 83:18; 97:9).
Er ist König auf ewig (Ps. 29:10; 1 Tim. 1:17); aller Widerstand gegen ihn ist hoffnungslos (Ps. 93:3–4).Sein Reich wird sicherlich kommen (Matt. 6:10; 1 Kor. 15:24; Off. 12:10); seine Herrlichkeit wird geoffenbart werden und sein Name wird vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang gefürchtet (Jes 40:5; 59:19); Er wird König über die ganze Erde sein (Sach 14:9).
Durch seine Herrschaft erhält Er die Welt und etabliert sie so dass sie nicht wankt (Ps 93:1). Er verordnet das Licht und die Dunkelheit (Ps 104:19–20), befiehlt den Regen und hält ihn zurück (1 Mos 7:4; 8:2; Hiob 26:8; 38:22ff.), schenkt Schnee, Raureif und Eis (Ps 147:16), ermahnt und stillt das Meer (Nah 1:4; Ps 65:7; 107:29), sendet Flüche und Zerstörung (5 Mose. 28:15ff.).
Alle Dinge müssen seinen Befehlen gehörchen (Ps 148:8). Mit der gleichen souveränen Macht und Majestät herrscht Er über die Welt der vernünftigen Geschöpfe. Er herrscht über die Heiden (Ps 22:28; 82:8). Er hält die Nationen für nichtig und weniger als nichts (Jes 40: 17), geht mit den Bewohnern der Erde nach seinem Willen um (Dan 4: 35) und lenkt das Herz und die Gedanken aller Menschen (Spr 21: 1).
Herman Bavinck, Reformed Dogmatics: God and Creation, vol. 2 615–616.
http://mehrerekanonen.blogspot.de/2016/05/gott-ist-konig.html

Das zwölfte Gebot

Manchmal haben Anekdoten eine Kraft in sich, weil sie den Sinn fürs Skurrile ansprechen. Natürlich muss ich sehr vorsichtig sein, denn es handelt sich um eine Art Tradition der Väter, dass es falsch ist, am Sonntag zu lachen. Das elfte Gebot lautet, dass wir einander lieben sollen, und sodann, folgt man einigen Leuten, lautet das zwölfte Gebot: „Ihr sollt am Sonntag ein langes Gesicht machen.“
Ich muss gestehen, dass ich die Leute lieber lachen höre, als dass ich sie im Hause Gottes schlafen sehe; und ich würde lieber die Wahrheit in sie hineinbekommen und mich des Lachens bedienen, als dass ich die Wahrheit vernachlässige… Ich glaube in meinem Herzen, dass Lachen genauso heilig ist wie Weinen, und dass, manchmal, das Lachen das bessere von beiden ist, denn ich mag weinen und raunen und murren und alle möglichen bitteren Gedanken gegen Gott hegen, während ich andererseits ein sarkastisches Lachen gegen die Sünde von mir geben kann und so einen heiligen Ernst bei der Verteidigung der Wahrheit bekunde.
Ich weiß nicht, warum Hohn dem Satan als Waffe gegen uns überlassen werden soll und wir sie nicht als Waffe gegen ihn wenden sollen. Ich will wagen zu behaupten, dass wir der Reformation einen Sinn für das Lächerliche in der menschlichen Natur wie auch alles andere verdanken, und dass diese humorigen Glossen und Karikaturen, die von den Freunden Luthers veröffentlicht wurden, mehr dazu beitrugen, die Augen der Deutschen für den Gräuel der Priesterschaft zu öffnen als die äußerst gründlichen und schwerfälligeren Argumente gegen die römische Kirche. Ich kenne keinen Grund, warum wir nicht auch bei passenden Gelegenheiten versuchen sollten, den gleichen Stil der Argumentation anzuwenden. „Es ist eine gefährliche Waffe“, wird man sagen, „und die Leute werden sich in den Finger schneiden.“ Nun, das ist ihre eigene Sicht; aber ich weiß nicht, warum wir uns so sehr darum kümmern sollten, dass sie sich in den Finger schneiden können, wenn sie zugleich der Sünde die Kehle durchschneiden und dem großen Feind der Seelen großen Schaden zufügen können.
Spurgeon, C. H. (2009). Lectures to my Students, Vol. 3: The Art of Illustration; Addresses Delivered to the students of the Pastors‘ College, Metropolitan Tabernacle (43–44). Bellingham, WA: Logos Research Systems, Inc.

Glaube als Verdrängung?

Georg Huntemann geht in Angriff auf die Moderne der Frage nach, ob der Mensch, wie Freud behauptet hat, das Glück auch ohne Umweg über den Glauben finden kann (1966, S. 55–56):
Auf die Frage, ob die Religion dem Menschen irgendwie nützlich sein könnte, antwortet Freud: »Wenn der Gläubige sich endlich genötigt findet, von Gottes unerforschlichem Ratschluss zu reden, so gesteht er damit ein, daß ihm als letzte Trostmöglichkeit und Lustquelle im Leiden nur die bedingungslose Unterwerfung übrig geblieben ist. Und wenn er zu dieser bereit ist, hätte er sich wahrscheinlich den Umweg ersparen können.« Es stellen sich einige herausfordernde Fragen: Ist man nur »religiös«, weil man mit dem Leben nicht fertig wird? Sind nur diejenigen Christen, die sich in ihrem Leben nicht durchsetzen können?
Viele Schüler Freuds (sie bestimmen insbesondere in Amerika die psychologische Forschung) meinen: Die Triebe und Wünsche des Menschen müssen erfüllt werden. Wir müssen ihn locken und reizen, daß er seine Wünsche nicht unterdrückt. Der Mensch ist ein Triebwesen. Erfüllt ihm seine Wünsche, und die Religion wird überflüssig. Ist die Religion nicht schon überflüssig geworden, weil wir heute viel unbefangener unsere Wünsche aussprechen und erfüllen als in der »gläubigen«, letzten Endes »gehemmten« Welt unserer Väter und Großväter? Unsere Hobbys, unsere Reisen, unsere sexuellen Befriedigungen, die vielen Dinge auf dem Konsummarkt — die zunehmende Befreiung von der Qual der Arbeit — ist das alles nicht viel handfester als die letztlich ungedeckten Versprechungen der Religion? Haben wir nicht das Glück heute erfunden?
In vollem Ernst meinen viele Psychologen, den Menschen dadurch glücklich machen zu können, daß sie die Welt in einen riesigen Spielplatz für Erwachsene verwandeln und das Leben zu einem einzigen Vergnügen, in dem immer wieder neue Freuden ersonnen, geplant und geliefert werden.
Als Freud um die Jahrhundertwende seine Entdeckungen über die menschliche Seele verkündete, war man zunächst erschüttert. Man dachte, der Mensch sei ein moralisches und geistiges Wesen, das von Ideen, aber nicht von Trieben geleitet würde. Diese »Erschütterung« ist heute längst abgekühlt. Sie war eigentlich auch unberechtigt. In einem gewissen Sinne hatte Freud ja recht.
Die Bibel weiß seit je, daß der Mensch von der Gier nach Welt überfallen wird. Der Apostel Paulus gebraucht den Ausdruck »Fleisch«, wenn er die Zügellosigkeit der Weltverkrampfung meint. Stand nicht auf den ersten Seiten der Bibel, daß der Mensch – wissend geworden – sterben muß, daß Kain seinen Bruder Abel erschlägt, daß neben der Gier nach Leben die Lust am Zerstören und Morden steht?
In diesem Punkt aber unterscheiden wir uns von Freud und seinen Schülern: Die Kräfte der Seele können nicht wie die Wasser eines Stauwerkes manipuliert werden. Man kann dem Menschen keine restlose Triebbefriedigung »verschaffen«. Man würde ihn dadurdi audi nidit glücklich machen können. Im Gegenteil: Wenn der Mensch alles bekommt, wonach er giert, dann hat er gar nichts mehr. Es ist noch etwas anderes in der Seele des Menschen. Es ist ein Verlangen, das die Welt nicht befriedigen kann, weil es über die Welt hinausgeht.
http://theoblog.de/glaube-als-verdraengung/27450/#comments

Das Alte Testament und Mythologie

Gibt es mythologische Elemente im Alten Testament? Und falls ja, was bedeutet das für die Auslegung der hebräischen Bibel? Da sich die Diskussionen bezüglich der Präsenz und Bedeutung von Mythologie im AT leider oftmals auf Genesis 1-11 beschränkt, möchte ich zur Beantwortung der oben genannten Fragen an einer anderen Stelle, nämlich bei Psalm 74 ansetzen. Das heißt nicht, dass das hier besprochene für die Urgeschichte irrelevant ist, bedeutet aber auch nicht, dass es schlicht übertragbar wäre.

chaoskampf

Zunächst einmal zum Begriff des “Mythos”. Bedingt durch den Einfluss der Gräzistik und des griechischen Wortes “μῦθος (mythos)”, welches bekanntlich auch in 2 Petr 1, 16 vorkommt, ist das Mythologische häufig mit dem Erfundenen gleichgesetzt worden. Während ein solches Verständnis vielleicht für bestimmte Sparten griechischer Literatur zutreffen mag, wird der Begriff der Mythologie im Bereich der Altorientalistik anders verwendet. Was der Altorientalist meint, wenn er vom “Mythos” spricht, ist keine erfundene Geschichte, sondern eine bestimmte Literaturgattung deren Verhältnis zur Realität zunächst nicht genauer definiert ist. Kenton Sparks nennt hier das funktionelle Kriterium, welches einen Text zum Mythos macht: eine heilige Geschichte, die den menschlichen Zustand beschreibt oder eine Institution bestätigt (Sparks, Kenton, Ancient Texts for the Study of the Hebrew Bible, Peabody [Hendrickson] 2005, 306). Richard Averbeck unterscheidet zusätzlich die Literaturgattung des “historischen Mythos”, der sich durch “analogical thinking about what is perceived by the writer(s) as reality, specifically historical, natural, geographical, cultural, economic, or social reality” auszeichnet. Nach Averbeck beschreibt die Literaturgattung des Mythos den Eindruck des altvorderorientalischen Menschen von seinem Zustand oder der Welt im Ganzen (Averbeck, Richard, Ancient Near Eastern Mythography. In: The Future of Biblical Archeology. James Hoffmeier & Alan Millard [Ed.]. Grand Rapids [Eerdmans] 2004, 332f).
Aber gibt es solche Mythographie auch im Alten Testament? Der jüdische Exeget Jon Levenson versucht in seinem breit gelesenen Buch “Creation and the Persistence of Evil” aufzuzeigen, wie das Weltbild des Alten Testamentes das Problem des Bösen mythologisch auflöst. Während Levenson diese Annahme zwar auch in der Genesis beweisen will, möchte ich an dieser Stelle gerne seinen Gebrauch von Ps 74 diskutieren (vgl. Levenson, John, Creation and the Persistence of Evil. Princeton [Princeton University Press] 1988).
Ps 74,12-18 lautet nach Luther 1984 folgendermaßen:

12 Gott ist ja mein König von alters her,

der alle Hilfe tut, die auf Erden geschieht.

13 Du hast das Meer gespalten durch deine Kraft,

zerschmettert die Köpfe der Drachen im Meer.

14 Du hast dem Leviatan die Köpfe zerschlagen

und ihn zum Fraß gegeben dem wilden Getier.

15 Du hast Quellen und Bäche hervorbrechen lassen

und ließest starke Ströme versiegen.

16 Dein ist der Tag und dein ist die Nacht;

du hast Gestirn und Sonne die Bahn gegeben.

17 Du hast dem Land seine Grenze gesetzt;

Sommer und Winter hast du gemacht.

18 So gedenke doch, HERR, wie der Feind schmäht

und ein törichtes Volk deinen Namen lästert.

Levenson bemerkt nun völlig zurecht, dass sich hier ein offensichtlicher Anklang an das sogenannte Chaoskampf-Motiv aus der Kanaanäischen Literatur wiederfindet, die wir aus Ugarit kennen. Der Ba’al-Mythos z.B. beschreibt das Ringen des Gottes Ba’al mit dem Seegott Yammu (dem Leviathan), welchen Ba’al besiegen muss, um das Gleichgewicht zwischen Chaos und Ordnung bzw. Gut und Böse einhalten zu können.
Hier nun der Vergleich zum ugaritischen Text:

“Du schlugst den Leviathan, the fliehende Schlange, hast zu Ende gebracht die gewundene Schlange, den Tyrannen mit sieben Köpfen” (KTU 1.5 i.1-3; Vgl. außerdem mit Jesaja 27,1)
In der Vorstellung der altorientalischen Menschen geschah Schöpfung oftmals durch den Kampf gegen das Chaos (“Chaoskampf”). Die gute Gottheit besiegt sowie schlachtet die böse Gottheit, welche das Chaos verkörpert und typischerweise als ein Seemonster oder in Form einer Schlange dargestellt wird. Im babylonischen Mythos “Enuma Elisch” z.B. stiegt Gottheit Marduk an die Spitze des Pantheons und wird zum Herrn aller Götter, weil sie die Gottheit  Tiamat besiegt und die Welt in Ordnung aus dem Chaos heraus erschafft.

Da nun Psalm 74 als Ganzes an vielen Stellen die Schöpfung rekapituliert und durch die Parallelen mit dem ugaritischen Ba’alsmythos offensichtlich das Element des Chaoskampfes enthält, geht Levenson ganz selbstverständlich davon aus, dass sich hier der mythologische Hintergrund des Alten Testamentes zeigt. Im Angesicht dieser sprachlichen Parallelen, muss ich ihm zumindest zustimmen, dass das Chaoskampf-Motiv aus dem alten vorderen Orient in Psalm 74 erkennbar ist. Das Alte Testament ist daher nicht frei von Mythologie. Da diese Beobachtung nun die erste oben genannte Frage beantwortet, muss noch geklärt werden, welche Bedeutung die Präsenz mythologischer Motive im AT hat. Was ist das Verhältnis zur Wirklichkeit? Was bedeutet dies für die Auslegung des AT? Levenson führt eine weitere Stelle auf, der er meiner Meinung nach zu wenig Beachtung schenkt, um das Chaoskampf-Motiv in Ps 74 adäquat zu erklären.
In Jes 51,9-11 lesen wir:

9 Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat? 10 Warst du es nicht, der das Meer austrocknete, die Wasser der großen Tiefe, der den Grund des Meeres zum Wege machte, dass die Erlösten hindurchgingen? 11 So werden die Erlösten des HERRN heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen.

Hier in Jesaja verschwimmt das Chaoskampf-Motiv mit dem Auszug aus Ägypten (welcher offensichtlich nicht im Chaoskampf erwirkt wurde), um den zukünftigen Exulanten Hoffnung zu geben, dass Yahweh auch sie aus der Gefangenschaft in Babylon befreien wird. Ebenso beschreibt der Psalmist in Ps 74 eine konkrete historische Begebenheit (das Heiligtum ist zerstört, die Propheten sind weg), in welcher er Trost in Yahwehs Hilfe sucht. Durch die Anspielungen auf das Trockenlegen der Wasser in Psalm 74, könnte man sogar hier von Anklängen an das Exodus-Motiv ausgehen. Averbeck zeigt auf, dass in Jes 51,9-11 und in Ps 74 die konkrete und reale historische Situation Israels “mythologisiert,” jedoch nicht “fiktionalisiert” wird. Der Prophet Jesaja und der Psalmist bedienen sich des mythologischen Chaoskampf-Motives, um ihre Situation analogisch zu beschrieben. Der Punkt ist schlichtweg, dass Israel keinen Chaoskampf in Genesis 1 kannte. Einige Alttestamentler würden sicher mit dem Einwand antworten, dass spätere Redaktoren in der nachexilischen Zeit die mythologischen Aspekte der israelitischen Religion entfernt haben könnten. Warum aber haben es diese Redaktoren dann nicht geschafft Psalm 74 oder Jesaja 51 von der Mythologie zu befreien?
Ich glaube, Ps 74 und Jes 51 sind hilfreiche Beispiele, um zu verstehen welche Funktion altvorderorientalische Mythologie im Alten Testament hat: eine analoge Beschreibung der historischen Situation, keine Fiktionalisierung oder Abwanderung in den Bereich der Fabeln und Legenden, denn weder der Exodus noch das Exil sind fabelartige Ereignisse. Das heißt nun auch, dass Mythographie nicht fiktional sein muss, historische Wahrheit jedoch über andere sprachliche “Codes” als Historiographie vermittelt. Durch den Gebrauch dieser mythologischen Elemente machen sowohl der Prophet Jesaja als auch der Psalmist eine Aussage über eine historische Wirklichkeit, die in analoges bzw. mythologisches Denken gekleidet ist. Eventuell ist der Chaoskampf hier sogar eine Rekapitulation von Gottes Kampf gegen die ägyptischen Gottheiten. Auf jeden Fall aber wird er verwendet, um analog über Gottes rettendes Handeln in der Geschichte zu reflektieren. Somit ist die Präsenz von Mythologie im AT nicht zwangsläufig ein Indikator für Fiktion. Es ist daher sinnvoller über den “historischen Mythos” zu sprechen, welcher sich durch konzeptuelle Analogien zwischen der Welt der Götter und der Menschen auszeichnet.
(Vgl. Averbeck, Richard, Ancient Near Eastern Mythography. In: The Future of Biblical Archeology. James Hoffmeier & Alan Millard [Ed.]. Grand Rapids [Eerdmans] 2004, 336)
Ein kurzes Nachwort: Während Averbeck die Frage nach dem Locus der Mythologie in der Religionsgeschichte Israels offen lässt, verstehe ich Mythologie vor allem als Mythographie. Mythologische Sprache ist ein “code”, um Informationen zu vermitteln. Daher ist Mythologie für mich vor allem eine sprachliche Kategorie, ein Motiv oder ein literarisches Genre. Ich glaube nicht, dass die Autoren der Bibel ernsthaft an einen urgeschichtlichen Chaoskampf zwischen Yahweh und dem Leviathan glaubten, aus welchem schlussendlich die Schöpfung resultierte. Sie verwenden dieses Motiv oder diese Sprache, um Aspekte ihrer eigenen Geschichte wie den Exodus zu mythologisieren und dadurch mit tieferem Inhalt zu füllen.
https://gesellschaftsfaehigblog.wordpress.com/2016/01/30/das-alte-testament-und-mythologie/

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Jesus mehr als Paulus?

„Die biblischen Aussagen von Jesus Christus sind am wichtigsten! Schließlich sind es wörtliche Zitate von Gott selbst. Was Paulus, Petrus und Jakobus oder Mose, David und Jeremia gesagt haben ist zwar auch irgendwie Gottes Wort, aber eben doch nicht auf derselben Stufe der Wichtigkeit und Autorität.“ Unterschiede in der Bedeutung biblischer Aussagen zu machen ist verbreitet. Und irgendwie würde spontan auch fast jeder Christ der Feststellung zustimmen, dass Jesus wichtiger ist als Mose oder Paulus.
Und doch ist das nach dem Selbstanspruch der Bibel und ihrer Autoren nicht ganz so einfach. Zum einen gibt es im Alten Testament zahlreiche wörtliche Zitate des Redens Gottes, Z.B. „Aber Gott sprach zu Abraham: […]“ (1.Mose 21, 12) oder „So spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels: […]“ (Jeremia 44, 25) Also werden auch hier wörtliche Aussagen Gottes wiedergegeben, ganz wie in den Evangelien, wenn Jesus zu den Menschen spricht. Weiterlesen

Jesus – der alleinige Weg zu Gott?

Christen sind es gewohnt, Antworten auf Fragen zu geben, die keiner stellt. Das ist nicht unser Fehler! Nur weil niemand die Frage stellt, heißt das nicht, dass die Frage nicht wichtig wäre Mal ehrlich: Wollen die Leute überhaupt wissen, ob es einen Weg zu Gott gibt? „Wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben“. Was zunächst im Blick auf die neuen Bundesländer so festgehalten wurde, gilt zunehmend auch für den Westen der Republik. Für die meisten Menschen ist Gott überhaupt kein Thema mehr. Die atheistische Erziehung und der Machbarkeitswahn der Wohlstandsgesellschaft haben Gott weitestgehend aus dem gesellschaftlichen Diskurs, der Gedankenwelt des Einzelnen und den Herzen der Menschen ausgegrenzt. Weiterlesen

Auf der Achterbahn der Seligpreisungen

Viele Menschen finden heute reine Wortbeiträge, Vorträge, politische Reden und auch Predigten langweilig. Ihnen reicht das Wort nicht mehr. Mindestens die Bebilderungsmaschine von Powerpoint muss noch dazu kommen, so als würden die Redner ihren eigenen Worten nicht mehr trauen. Dann projizieren sie die Zerstreuung lieber auf einen Bildschirm. Denn die Augen des Zuhörers lassen sich leicht ablenken. Weiterlesen