Geistliches Leben zeigt sich in vier Dingen

Ohne das Wirken Jesu können wir nichts tun, aber mit ihm werden wir über alle Maßen gesegnet. Diese Wahrheit verbaut jeden eigenwilligen Aktivismus, aber sie befreit zu großem Glauben gegenüber dem Herrn, der sich bitten lassen will.
Geistliches Leben zeigt sich in vier Dingen:
Im einfältigen Gebet: Hier weiß der Glaubende, wo alle Macht und Vollmacht verfügt wird!
Im Ernst nehmen der Heiligen Schrift: Hier sucht der Glaubende, um nichts aus sich, sondern alles aus dem Wort Gottes zu tun!
Im Wagnis der kleinen Schritte: Der Glaubende weiß, daß alle Nachfolge auch zu Wagnissen führen muss!
In der Einmütigkeit der Gemeinde: Wo in Wahrheit und Liebe das Leben gestaltet und geführt wird, und wo aller Dienst seinen Platz hat.
Wie nun jeder von uns geführt wird, und wie er seinen Glauben umzusetzen gedenkt, darüber soll jeder seine Gewissheit erlangen. Aber wir kommen alle nicht an der Einfalt des Glaubens, an der Reinigung von unseren Sünden, am Ernstnehmen der Heiligen Schrift, am Wagnis der kleinen Schritte und an der Liebe zum Aufbau der Gemeinde vorbei, wenn wir als geistliche Menschen angesprochen sein wollen. Klaus Vollmer
(Alte Wege – neu entdeckt, 1975, S. 91–92)

Sechs Dinge, die wir über die Entstehung der Bibel wissen sollten

1. Der Kanon des Neuen Testaments wurde nicht durch ein Kirchenkonzil festgelegt.
Die Kirchenkonzile entschieden nicht, was kanonisch ist und was nicht. Indem regionale Kirchenkonzile Erklärungen über den Kanon abgaben, bestätigten sie diejenigen Bücher, von denen sie glaubten, dass sie als Gründungsdokumente des christlichen Glaubens fungierten. Die Konzile erklärten bloß, was schon seit der Zeit der Apostel galt. Deshalb schufen, autorisierten oder bestimmten diese Konzile nicht den Kanon. Sie waren einfach Teil des Prozesses, den Kanon offiziell anzuerkennen, der bereits existierte.
2. Die frühen Christen glaubten, dass die kanonischen Bücher selbstbeglaubigend sind.
Ein weiterer beglaubigender Faktor waren die internen Merkmale jedes Buches. Diese Bücher etablierten sich innerhalb der Kirche durch ihre internen Merkmale und durch ihre Einzigartigkeit in der Darstellung von Christus und seinem Rettungswerk. Der Kanon des Neuen Testaments, den wir heute besitzen, ist nicht aus geheimen Absprachen zwischen den Kirchenvätern entstanden oder durch die politische Autorität von Kaiser Konstantin, sondern durch die einzigartige Stimme und den Ton, den jede dieser Schriften besaß.
3. Die neutestamentlichen Bücher sind die hauptsächlichen, christlichen Schriften, die wir haben.
Die neutestamentlichen Bücher sind die frühesten Schriften, die wir in Bezug auf Jesus haben. Das Neue Testament wurde im ersten Jahrhundert abgefasst. Das bedeutet, dass die Schriften Augenzeugenberichte beinhalten und innerhalb von fünfzig Jahren der Ereignisse geschrieben wurden, was von keiner apokryphen Schrift gesagt werden kann, die oft in den Medien diskutiert werden. Das ist besonders deutlich, wenn wir zu den vier Evangelien kommen. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sind die einzigen Evangeliumsberichte, die aus dem ersten Jahrhundert stammen.
4. Die neutestamentlichen Bücher beziehen sich direkt auf das apostolische Zeugnis.
Anders als jedes andere Buch aus dieser Zeitepoche oder aus dem darauffolgenden Jahrhundert waren die neutestamentlichen Bücher direkt verknüpft mit den Aposteln und ihrem Zeugnis von dem auferstandenen Christus. Der Kanon ist eng verknüpft mit ihren Aktivitäten und ihrem Einfluss. Die Apostel hatten die Autorität von Christus selbst (Mt 28,18-20). Neben dem Alten Testament bildete ihre Lehre das Fundament der Kirche. Die Kirche ist „auferbaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten“ (Eph 2,20).
5. Manche Verfasser des Neuen Testaments zitieren andere Verfasser des Neuen Testaments als Heilige Schrift.
Der Glaube an neue Offenbarung oder an ein Testament in Buchform war keine späte Entwicklung. Von den Tagen der Apostel selbst wurden diese Schriften als einzigartig in ihrer Autorität und ihrem Zeugnis erachtet. Dieser Glaube scheint schon in den frühesten Phasen des Christentums präsent gewesen zu sein. In 2. Petrus 3,15-16 spricht Petrus von den Briefen des Paulus als Teil der „Schriften“, was sie auf eine Stufe hebt zu den Büchern des Alten Testaments. Das ist eine bedeutsame Tatsache, die oft übersehen wird.
6. Die frühen Christen gebrauchten nicht-kanonische Schriften nicht mit der gleichen Autorität.
Die Christen zitierten oft nicht-kanonische Literatur mit einer positiven Bekräftigung ihrer Funktion zur Erbauung. Aber die Christen gebrauchten diese Bücher bloß als hilfreiche, erleuchtende oder erbauende Texte. Selten gab es Unklarheit, ob sie auf der gleiche Stufe wie die Heilige Schrift standen. Diese Bücher wurden schließlich unbeachtet gelassen in Bezug auf den Kanon des Neuen Testaments, da sie keine allgemeine Annahme, Apostolizität und Selbstbeglaubigung besaßen.
Dieser Artikel von Timothy Massaro erschien zuerst bei Core Christianity. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
https://www.evangelium21.net/ressourcen/sechs-dinge-die-wir-ueber-die-entstehung-der-bibel-wissen-sollten

Warum ich die gewöhnliche Gemeinde liebe

Ich gehöre zu einer ganz gewöhnlichen Gemeinde. Mit um die 100 Mitgliedern ist sie nicht besonders groß. Unsere Gemeinde ist logischerweise auch (über unsere Stadt hinaus) nicht bekannt. Wir sind keine Trend-Gemeinde, die Christen aus anderen Städten (oder gar Ländern) besuchen und sich zum Vorbild nehmen. Über unsere Gemeinde hat auch noch nie jemand ein Buch oder auch nur einen Zeitschriftenartikel verfasst. Wir sind auch keine besonders innovative Gemeinde, die irgendetwas noch nie dagewesenes machen würde. Und unser Gemeindehaus ist auch weder besonders hübsch noch beeindruckend groß. Nein, Gemeinden ähnlich der unseren gibt es Hunderte in ganz Deutschland.
Und doch bin ich sehr gerne Teil (und Pastor) dieser Gemeinde. Ja, ich liebe meine Gemeinde. Ich liebe generell die gewöhnliche Gemeinde. Und dafür gibt es gute Gründe:
Hier leben Menschen den Glauben
Hier in ganz gewöhnlichen Gemeinden leben Christen ihren Glauben. Hier geschieht Jüngerschaft. Hier wird sich gegenseitig unterstützt und geholfen. Hier erleben Menschen Ermutigung aber auch Korrektur. In ganz gewöhnlichen Gemeinden wie bei uns kommen Menschen zusammen, um Gottesdienst zu feiern und die Bibel zu lesen. Man trifft sich, um miteinander zu beten und sich über den Glauben auszutauschen. Kurz gesagt: in gewöhnlichen Gemeinden steckt eine ganze Menge vitales geistliches Leben!
Hier wird Gottes Wort verkündigt
In ganz gewöhnlichen Gemeinden wird aber auch das Wort Gottes verkündigt. Das Wort, von dem der Herr sagt, dass es so kräftig ist, „wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt“ (Jer 23,29). Den gewöhnlichen Gemeinden mag manches fehlen, aber mit dem verkündigten Wort Gottes haben sie das wertvollste Pfund überhaupt, mit dem sie wuchern können. In gewöhnlichen Gemeinden an allen Orten gibt es auch viele völlig gewöhnliche Prediger, die sich Woche für Woche größte Mühe geben, dieses Wort zu verkündigen. Damit tragen gerade die gewöhnlichen Gemeinden dazu bei, dass das Wort Gottes in das ganze Land hinausgeht: in einzelne Stadtteile größerer Städte genauso wie in die vielen Kleinstädte und eher provinziellen Gegenden unseres Landes. Ja, gewöhnliche Gemeinden – die über das ganze Land verstreut sind – sind im Grunde wichtige Missionsstationen in unserem Land.
Hier wirkt der allmächtige Gott
Mancher mag es vielleicht nicht glauben, aber ja, auch in ganz gewöhnlichen Gemeinden wirkt der allmächtige Gott. Auch hier finden Menschen, die nichts von Gott wissen wollten, zum lebendigen Glauben an Jesus Christus. Auch hier werden Menschen so verändert, dass sie schlechte Eigenschaften ablegen können. Auch in gewöhnlichen Gemeinden werden Gebete erhört und Menschen reifen in ihrem Glauben. Warum? Weil auch in gewöhnlichen Gemeinden der allmächtige Gott durch seinen Geist wirkt!
Auch sie sind Braut Christ
Das NT bezeichnet die Gemeinde Jesu Christi als seine Braut. Auch gewöhnliche Gemeinden gehören dazu. Interessant ist doch, dass Paulus gerade über die Gemeinde in Korinth zu solchen Worten greift: „Denn ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte.“ (2Kor 11,2). Auch die schwierige Gemeinde von Korinth ist Braut Christi und damit in Gottes Augen von sehr großem Wert. Wie viel mehr gilt das dann für die vielen gewöhnlichen Gemeinden unserer Tage, auf die manche Christen so verächtlich herabblicken.
Wie denken wir über die gewöhnlichen Gemeinden?
Ja, gewöhnliche Gemeinden haben natürlich ihre Schwächen. Manche sind in bestimmten Traditionen zu sehr verhaftet. Andere haben wenig personelle und finanzielle Ressourcen ein breites Gemeindeleben anzubieten. Wieder andere kreisen zu sehr um sich selbst oder sind zu abhängig von einzelnen Mitgliedern und hipp und modern sind gewöhnliche Gemeinden natürlich überhaupt nicht… Und natürlich gibt es noch ganz andere Baustellen.
Und dennoch: es ist wichtig und ein großer Segen, dass es so viele gewöhnliche Gemeinden gibt! Wenn du zu so einer Gemeinde gehörst, dann schätze sie, fördere sie und sei dankbar für deine Gemeinde! Und wenn du zu einer anderen – nicht ganz so gewöhnlichen Gemeinde gehörst – dann hüte dich vor Hochmut und geistlicher Arroganz diesen gewöhnlichen Gemeinden gegenüber.

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Warum ich die gewöhnliche Gemeinde liebe

Einfach glauben

Christsein allein scheint häufig nicht mehr zu genügen. Mancher fühlt sich schon deshalb minderwertig, weil er sich nicht täglich mit Gott zum Kaffee trifft oder in Blütenblättern eine göttliche Ermutigung auf Suaheli entdeckt.
Seit endlosen Zeiten gibt es Leute, die Christen suggerieren, geistlich auf dem Schlauch zu stehen, an irgendeiner wichtigen Erkenntnis oder der Fülle des Geistes vorbeigegangen zu sein. Zumeist haben die Betreffenden dann auch gleich das passende Rezept, das sie wortgewaltig und mit entsprechender Begeisterung präsentieren.
Solche neuen Konzepte und Ideen sind gewöhnlich durchaus anregend. Echte und scheinbare Defizite des geistlichen Lebens können dadurch ausgemacht werden. Manchmal hilft das dabei, lange eingefahrene Traditionen neu wahrzunehmen und zu überdenken.
Sehr häufig allerdings geht es bei den „durchschlagend“ neuen Sichtweisen oder Praktiken in Wirklichkeit nur um neue Moden, um Macht, Anhänger oder irgendeine bibelfremde Ideologie, die nur ein bisschen auf christlich getrimmt wurde. Wer solcher Werbung folgt, kommt geistlich schon nach kurzer Zeit vom Regen in die Traufe.
Im günstigsten Fall entsteht durch die ständig wechselnden Frömmigkeits- und Theologietrends eine nie endende Aufgabe. Alle Jahre wird dann neu analysiert und umorganisiert. Ständig ist man auf dem Weg zu einer ganz neuen Struktur oder Vision, zumeist aber ohne echtes geistliches Wachstum. Das erinnert dann manchmal an das Motto Mark Twains: „Als wir die Orientierung verloren, verdoppelten wir die Geschwindigkeit!“.
Da werden einem auf dem evangelikalen Markt „todsichere“ Methoden angeboten, um das eigene Erbgut von der Erbsünde zu reinigen, durch Lachkrämpfe die „Freude der Kinder Gottes“ zu erzwingen, mit vorgeblichen Erkenntnissen der Bibelkritik die ärgerlichen Glaubenswahrheiten solange umzuinterpretieren bis sie zum aktuellen Zeitgeist passen oder mit einer Umstrukturierung der spirituellen Dekoration endlich den Zeitgeschmack zu treffen.
In 2000 Jahren christlicher Gemeinde hat sich vor allem eine Strategie bewährt: herzliche Gemeinschaft, aufmerksames Bibellesen, beständiges Beten, liebevolle Diakonie und ausdauernde Evangelisation. In der Geschichte hat sich das immer wieder als äußerst hilfreich erwiesen. Außerdem entspricht es dem Vorbild neutestamentlicher Christen. Wenn die Liebe zu Jesus Christus aus dem Reden und Handeln des Christen strahlt, wird es nicht lange dauern, bis sich Menschen angenommen wissen und für das Evangelium Gottes öffnen. Zumeist kommen suchende Menschen nicht wegen einem topmodernen Gebäude oder moderaten Politikempfehlungen zum Glauben.
Manchmal braucht es Mut und Freiheit einfach zu glauben, ohne beständig auf jeden frommen oder weniger frommen Trend aufspringen zu müssen. Sei einfach Christ und lebe auf die Weise, wie auch schon Titus oder Timotheus es gemacht haben.
So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, 2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“ (1.Timotheus 2, 1f.)
„Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.“ (2.Timotheus 3, 14-17) Michael Kotsch

Der Geist ist da!

Ein Christ kann darum niemals entscheiden, ob er an der Gemeinde mitbauen will oder nicht; er kann nur entscheiden, ob er an Christus glauben will oder nicht. Gehört er zu Christus, dann gehört er zur Gemeinde, und er wird befähigt, an der Gemeinde mitzutun! Der Christ wird in die Gemeinde ‚hineingebaut’, ‚und baut die Gemeinde mit auf’. Das ist keine Entscheidung, die ein Christ fällt, sondern diese Entscheidung wurde durch Christus über ihn gefällt. Anders formuliert: Bau der Gemeinde ist Wille unseres Herrn. Die Ströme des Lebens sind längst über die Gemeinde beschlossen, das Leben müssen wir nicht in die Gemeinde tragen, das Leben ist wirklich da, der Heilige Geist ist gegenwärtig, den müssen wir nicht erst machen! Und wenn wir ihn herabflehen, dann nur insofern, als wir beten: „Nun laß uns, Herr, die wir in dieser Geschichte, in dieser Situation leben, auch teilhaben an Deinem Geist, der längst Deiner Gemeinde verheißen ist.“ Es gäbe doch keine Gemeinde, es gäbe doch keinen Glauben, es gäbe doch keinen Trost, es gäbe doch keine Hoffnung, wenn der Geist Gottes nicht jetzt und hier in der Gemeinde herrschen und regieren würde. Es gäbe doch kein Verständnis des Evangeliums, wenn der Geist nicht jetzt unter uns herrschen würde. Klaus Vollmer, Die Gemeinde kennt keine Stars (Alte Wege – neu entdeckt, 1975, S. 44–45)

Nashville Erklärung – Für Meinungsfreiheit bei Gender- Fragen

Gegenwärtig wird in den Niederlanden heftig um die sogenannte „Nashville Erklärung“ gestritten. Diese 2017 in den USA verabschiedete Stellungnahme zu Fragen von Ehe und Sexualität wurde vor kurzem ins Niederländische übersetzt und von rund 300 Pfarrern und Politikern unterzeichnet (neben 30 000 Gemeindegliedern). Niederländische und deutsche Prominente laufen seitdem dagegen Sturm, dass sich Christen hier ganz eindeutige hinter ethischen Aussagen der Bibel stellen, die noch bis vor wenigen Jahren gemeinsame Überzeugung aller christlichen Kirchen gewesen waren. Medienvertreter und Politiker bemühen sich, die Aussagen der „Nashville Erklärung“ lächerlich zu machen und sie als Meinungsäußerung religiöser Extremisten zu diffamieren.
Dabei geht es in dem Papier weder um eine gesamtgesellschaftliche Forderung noch um den Versuch, säkular gesinnte Menschen zu zwingen, nach biblischen Maßstäben zu leben. In Übereinstimmung mit jahrhundertelanger christlicher Tradition und im Einklang mit Aussagen der biblischen Autoren wird hier lediglich für eine Ehe zwischen einem Mann und einer Frau in Treue und Liebe plädiert. Viele der heutigen Kritiker haben lange Zeit für sexuelle Meinungsfreiheit gekämpft. Heute fordern dieselben Interessengruppen abweichende Überzeugungen zu verbieten oder unter Strafe zu stellen. So schnell entwickeln sich gesellschaftliche Randgruppen offensichtlich zu Meinungs- Diktatoren des Mainstreams, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.
Die 14 Punkte umfassende „Nashville Erklärung“ umfasst folgende Aussagen: 1. Gott ist für Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, 2. Sexualität hat ihren Platz in der Ehe, 3. Gott hat den Menschen unterschiedlich als Mann und Frau geschaffen, 4. Es tut dem Menschen gut, die von Gott gewollten Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu beachten, 5. Im Normallfall entspricht das biologische Geschlecht auch dem sozialen, 6. Auch sexuell uneindeutige Menschen verfügen über die ganze Würde als Geschöpfe Gottes, 7. Gender- Ideologie stimmt nicht mit dem Willen des Schöpfers überein, 8. Wer homosexuell empfindet kann als erfüllter Christ leben, 9. Sexuelle Wünsche widersprechen manchmal dem guten Konzept Gottes, 10. Die Befürwortung unbiblischer Modelle von Sexualität ist Sünde, 11. Christen sind verpflichtet auch in sexuellen Fragen wahrhaftig miteinander zu sprechen, 12. Sexuelle Sünden können vergeben werden, 13. Gott kann sexuelle Orientierungen verändern, 14. Sündenvergebung ist für alle Menschen offen, die das wollen.
Christen sollten sich deutlicher und mutiger zu Gottes Aussagen über Sexualität stellen und sich gleichzeitig davor hüten, die Bibel lediglich nach dem jeweils vorherrschenden Zeitgeschmack umzuinterpretieren. Michael Kotsch

 

Erbsünde

„Die Strafe der Erbsünde ist eigentlich, Gott nicht zu erkennen und nichts von ihm zu wissen. Das ist eine schwere Lästerung. Dazu gehört auch, den Nächsten nicht zu kennen, ihn nicht zu achten, ihm alles Mögliche Schlimme anzutun, ihn manchmal sogar zu töten. Zum Dritten ist es eine Folge der Erbsünde, sich selber nicht wirklich zu kennen. Man denkt nur an sich, geht nur den eigenen Wünschen nach. Man sucht nur seinen Vorteil und nimmt dabei Schaden für Andere in Kauf.“ Martin Luther (1483-1546)
Für viele ist die „Erbsünde“ eine ungerechte Sache. Gott verurteilt einen Menschen, obwohl der nichts getan hat, so wird angenommen. Scheinbar muss man dann für die Schuld seiner Vorfahren büßen. In der Realität ist das natürlich nicht so einfach, weil nach Gottes Maßstäben jeder ganz von alleine schuldig wird und das immer wieder. Allerdings sind Menschen zumeist sehr erfindungsreich beim Ausdenken von Entschuldigungen die das Fehlverhalten erklären sollen oder darauf verweisen, dass die Schuld der anderen immer noch bedeutend größer ist.
Seltsamerweise beschwert sich aber kaum ein Menschen wegen der unverdienten Vorteile, die man seinen Vorfahren zu verdanken hat: das geerbte Haus oder Geld, die vererbten Begabungen, die gute Erziehung und Bildung usw. Dabei hat man doch ganz offensichtlich auch nichts getan, mit dem man diese Dinge verdient hätte.
Aus Luthers Sicht gehören zur Erbsünde nicht nur das eigene Fehlverhalten und die Schuld der Eltern, sondern auch die mangelnde Erkenntnis von Gott, dem Nächsten und sich selbst. Menschen werden heute ohne natürliche Verbindung zu Gott geboren und das hat Auswirkungen. Weil der Mensch Gott nicht kennt, gibt er ihm nicht den Dank und den Gehorsam, der ihm eigentlich zusteht. Man erfindet eigene Maßstäbe für Gut und Böse und wundert sich, dass die dann zu viel Leiden führen. Wie schon Luther es sagt, erkennt der Mensch ohne Gott auch nicht den Wert seines Nächsten. Zumeist sucht er bei ihm nur seinen eigenen Vorteil: Anerkennung, Lob, Spaß, Gemeinschaft, Geschenke, …
Sich selbst und seine eigene Bedeutung übersehen viele ebenso. Lebenslang sind sie auf der Suche nach wirklichem Glück und wirklicher Erfüllung und finden es doch immer nur für wenige Augenblicke, die sie ständig zu wiederholen versuchen. Bevor sie Gott kennenlernen, der alle Sünde ausräumt, wissen sie sich aber nie dauerhaft angekommen und angenommen.
Augustin hat etwas sehr Wichtiges durch sein Bibelstudium erkennen dürfen, das das Wesen dessen, was wir „Erbsünde“ nennen, beschreibt (Sünderzustand als ontologische Prädisposition!):
Sünder sündigen, weil sie Sünder sind. Ursache ist das Sein: non posse non peccare (nennt das Augustin), auf Deutsch: als natürlicher Mensch nicht mehr in der Lage zu sein, nicht zu sündigen, ja, sündigen – als Notwendigkeit – zu müssen.
Genau das finde ich auch in der biblischen Sündenlehre (NT) vor: tot in Sünde als Sein (Eph. 2 u.v.a.). Dagegen kann kein Mensch etwas ausrichten mit menschlichen Mitteln: non posse non peccare ist die Folge. Deshalb: das Heil wird geschenkt sola gratia ! Anders ginge es ja auch gar nicht, hat man erst einmal begriffen, wer der Mensch (die Menschheit) als Sünder geworden ist.
Die Lehre der Gegner des Augustinus nennt man Pelagianismus oder Semi-Pelagianismus. Sie vertreten eine verhängnisvolle soteriologische Irrlehre zum Verhältnis von Gnade und Sünde und der Potenz des Menschen als Sünder. Solche „Pelagianer“ gibt es noch heute, allerdings unter modifizierter Benennung

Schüler der Schrift

„Niemand kann auch nur zum geringsten Verständnis rechter und gesunder Lehre gelangen, wenn er nicht Schüler der Schrift wird.“
(Johannes Calvin, 1509-1564)
Immer wieder, in allen Jahrhunderten wurde Christsein professionalisiert. Die „normalen“ Menschen können sich beruhigt zurücklehnen und ihren Alltagsgeschäften nachgehen, während sich die „Spezialisten“ stellvertretend für alle anderen der Frage nach Gott widmen. Für die großen Kirchen wurde das zeitweilig auch zu einem einträglichen Geschäft. Man ließ sich die Vermittlung eines guten Gewissens oder die Zusage der himmlischen Herrlichkeit gut bezahlen. Außerdem schmeichelte es ungemein dem Ego, wenn man über einen wichtigen Bereich der Realität sozusagen alleine bestimmen konnte.
In der Gegenwart, in der es für alles und jedes eine Bescheinigung braucht, erwartet man das natürlich auch von einem Pfarrer und Theologen. Der soll seine Aufgabe ebenso professionell erledigen wie der Arzt oder Automechaniker. In der zumeist akademischen Ausbildung an deutschen Universitäten muss sich der Theologe in erster Linie mit den Annahmen der Gesellschaftswissenschaften und den verschiedenen Meinungen einflussreicher Professoren beschäftigen. Die persönliche Beziehung des Studenten zu Gott, seine Bekehrung oder sein Umgang mit der Bibel sind Privatangelegenheit, so wird vermittelt. Deshalb gibt es immer mehr vollamtliche Theologen, die zwar alle erforderlichen Scheine und Diplome besitzen, aber kaum eigene Glaubensfestigkeit. Dabei sind es gerade die Charaktereigenschaften und die Stabilität des Glaubens die in der Bibel Als entscheidende Qualifikationen für ein geistliches Leitungsamt genannt werden.
Calvin hat zweifellos vollkommen Recht, wenn er fordert, dass ein geistlicher Lehrer oder gemeindlicher Theologe vor allem Vorbild sein muss in seinem Umgang mit Gott und seinem Wort. Denn die Bibel will nicht in erster Linie das theologische Wissen erweitern, sondern das Leben verändern und die Beziehung zu Gott stärken. Nach den Reformatoren forderten deshalb auch die Väter des Pietismus eine Erneuerung der theologischen Ausbildung, hin zu mehr Glaubwürdigkeit und persönlicher Glaubenspraxis.
„Ein Ältester aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, besonnen, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren, kein Säufer, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig, einer, der seinem eigenen Haus gut vorsteht und gehorsame Kinder hat, in aller Ehrbarkeit. Denn wenn jemand seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie soll er für die Gemeinde Gottes sorgen? Er soll kein Neugetaufter sein, damit er sich nicht aufblase und dem Urteil des Teufels verfalle. Er muss aber auch einen guten Ruf haben bei denen, die draußen sind, damit er nicht geschmäht werde und sich nicht fange in der Schlinge des Teufels.“ (1.Timotheus 3, 2-7) Michael Kotsch

Jesu Tod als stellvertretendes Sühnopfer

Wenn wir uns mit dem stellvertretenden Opfer Jesu beschäftigen, dann handelt es sich dabei um ein Thema, gegen das sich in den letzten 200 Jahren besonders großer Widerstand formiert hat.

Jesu Tod als Gottes Bestimmung

Während wir es gewohnt sind, davon zu sprechen, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat (vgl. Apg 4,10; 5,30), macht es uns gewisse Schwierigkeiten, zu akzeptieren, dass die Kreuzigung ebenso ein von Gott bestimmtes Ereignis ist. Dabei spricht die Bibel durchaus davon, dass in der Kreuzigung Gott seinen Sohn in den Tod gegeben hat und Er sterben musste. Während wir auf der einen Seite daran festhalten, dass die Menschen durch ihre Sünde den unschuldigen Sohn ans Kreuz gebracht haben, halten wir Golgatha zugleich für ein Heilshandeln Gottes.

Einige sehr starke biblische Aussagen diesbezüglich finden wir bei Paulus: „Er [Gott], der seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,32). „Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden hingegeben hat, damit er uns herausreiße aus der gegenwärtigen bösen Welt nach dem Willen unseres Gottes und Vaters, dem die Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Gal 1,3).

Auch Petrus spricht davon, dass Jesus gemäß Gottes „unumstößlichem Ratschluss“ getötet werden musste (vgl. Apg 2,23).

Kurzum: Jesus starb, weil Gott es so geplant hat!

Immer wieder wird in den Evangelien betont, dass Jesus leiden musste: „Und er begann sie zu lehren: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten und den Hohen Priestern und den Schriftgelehrten verworfen und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen“ (Mk 8,31). Markus gebraucht hier für das „Muss“ seines Todes das griechische δε (dei), welches eine Notwendigkeit bezeichnet, dessen Zeitform für eine göttliche, unabwendbare Bestimmung steht.

Bei Lukas ist die Rede von der Notwendigkeit des Leidens und Sterbens Jesus ebenfalls zu finden. Bevor der Menschensohn wiederkommt, „muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht“ (Lk 17,25). Und „der Menschensohn muss in die Hände von sündigen Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen“ (Lk 24,7).

Im Johannesevangelium ist ähnlich von einem „Muss“ des Erhöhtwerdens des Menschensohnes die Rede. So sagt Johannes 3,13-15 beispielsweise: „Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Menschensohn. Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.“

Dass diese Erhöhung Jesu die Kreuzigung mit einschließt, wird anhand von Johannes 12,32-33 deutlich: „Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt, jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich von der Erde weggenommen und erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das aber sagte er, um anzudeuten, welchen Tod er sterben sollte.“

Dieses „Muss“ des Sterbens erschließt sich uns noch tiefer, wenn wir erkennen, dass hier an die alttestamentliche Prophezeiungen des leidenden Messias angeknüpft wird. Jesu Tod ist schriftgemäß, da er schon im Alten Testament ankündigt ist. Der Sohn des Menschen geht dahin, „wie von ihm geschrieben wird“ (Mt 26,24). Bei seiner Verhaftung begründet Jesus gegenüber den Jüngern die Gewaltlosigkeit mit der Aussage: „Doch wie würden dann die Schriften in Erfüllung gehen, nach denen es so geschehen muss?“ (Mt 26,54). Lukas berichtet in seinem Evangelium, das schon im Gesetz, bei den Propheten und in den Psalmen darüber geschrieben ist, dass der Menschensohn sterben muss. Weiter lesen wir in Lukas 24,44-48: „Alles muss erfüllt werden, was im Gesetz des Mose und bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht. Dann öffnete er [Jesus] ihren Sinn für das Verständnis der Schriften und sagte zu ihnen: So steht es geschrieben: Der Gesalbte wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen“(vgl. auch Lk 9,22-23).

Dasselbe betont der Auferstandene Jesus bei seiner Begegnung mit Jüngern von: „Wie unverständig seid ihr doch und trägen Herzens! Dass ihr nicht glaubt nach allem, was die Propheten gesagt haben! Musste der Gesalbte nicht solches erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften über ihn steht“ (Lk 24,25-27).

Als Paulus und Silas auf der zweiten Missionsreise in Thessalonich ankamen, predigte der Apostel auf der Grundlage alttestamentlicher Schriften und „er öffnete ihnen die Augen und legte ihnen dar, dass der Gesalbte leiden und von den Toten auferstehen musste, und er sagte: Dieser Jesus, den ich euch verkündige, ist der Gesalbte!“ (Apg 7,2-3).

Aber auf welche alttestamentlichen Ankündigungen berufen sich Jesus und seine Jünger hier? Die Zahl dieser Bibelstellen ist so umfangreich, dass ich nur einige nennen kann. Im Blick auf das Leiden es Menschensohnes am Kreuz ist Psalm 22 sehr bedeutsam; dort lesen wir in den Versen 2-3 als Ankündigung der Gottesferne bei der Kreuzigung (vgl. Mt 27,46; Mk 15,34): „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meiner Rettung, den Worten meiner Klage? Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du antwortest nicht, bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.“

Doch bereits im Gesetz, also bei Mose, sind Hinweise auf den Tod des unschuldigen Menschensohnes zu finden. In Galater 3,13 teilt Paulus uns mit, dass Christus, obwohl unschuldig, den Tod eines Verbrechers am Holz starb. Hier erfüllt sich, wovon uns schon in 5. Mose 21,22-23 berichtet wird: „Und wenn jemand ein todeswürdiges Verbrechen begeht und er getötet wird und du ihn an einen Pfahl hängst, darf sein Leichnam nicht über Nacht am Pfahl hängen bleiben, sondern du musst ihn noch am selben Tag begraben. Denn ein Gehängter ist von Gott verflucht …“

Wir sind sicherlich alle mit dem bekannten Abschnitt in Jesaja 53 vertraut, wo wir die Weissagung über leidenden Gottesknecht lesen: „Durchbohrt aber wurde er unseres Vergehens wegen, unserer Verschuldungen wegen wurde er zerschlagen, auf ihm lag die Strafe, die unserem Frieden diente, und durch seine Wunden haben wir Heilung erfahren. Wie Schafe irrten wir alle umher, ein jeder von uns wandte sich seinem eigenen Weg zu, der HERR aber ließ ihn unser aller Schuld treffen. Er wurde bedrängt, und er ist gedemütigt worden, seinen Mund aber hat er nicht aufgetan wie ein Lamm, das zur Schlachtung gebracht wird, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt. Und seinen Mund hat er nicht aufgetan. Aus Drangsal und Gericht wurde er herausgenommen, doch sein Geschick – wen kümmert es? Denn aus dem Land der Lebenden wurde er herausgeschnitten, der Schuld meines Volks wegen hat es ihn getroffen. Und bei Frevlern gab man ihm sein Grab und bei Reichen, als er starb, obwohl er keine Gewalttat verübt hatte und kein Trug in seinem Mund war. Dem HERRN aber gefiel es, ihn mit Krankheit zu schlagen. Wenn du ihn zur Tilgung der Schuld einsetzt, wird er Nachkommen sehen, wird er lange leben, und die Sache des HERRN wird Erfolg haben durch ihn“ (Jes 53,5-9, vgl. Lk 22,37).

Jesu Tod ist also kein „Zufall, Missgeschick oder Betriebsunfall“, sondern eine in den Heiligen Schriften des Alten Testaments angekündigte Tat Gottes. Deshalb schreibt Paulus den Korinthern: „Denn ich habe euch vor allen Dingen weitergegeben, was auch ich empfangen habe: dass Christus gestorben ist für unsere Sünden gemäß den Schriften, …“ (1Kor 15,3).

Doch dass Jesus diesen beschwerlichen Weg aus eigenem Willen und nicht gezwungener Maßen tat, tritt ebenfalls in der Heiligen Schrift deutlich hervor. So sagt Er selbst vor den Ohren des Volkes: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen“ (Joh 10,17-18); und an Petrus gewandt, offenbart Jesus während seiner Festnahme, dass Er seinen Vater nur darum bitten brauche, und dieser würde Ihm mehr als zwölf Legionen Engel zur Hilfe schicken (vgl. Mt 26,53). Doch Jesus verzichtete auf diesen Anspruch und beugte sich dem Willen seines Vaters, weil Er wusste, dass sein stellvertretendes Leiden und Sterben der einzige Weg sein würde, um Sünder von der Macht und dem Fluch der Sünde zu erlösen (vgl. Lk 22,42).

Jesu Tod als stellvertretende Sühne

Das Verständnis von Jesu Tod als stellvertretende Sühne war seit jeher in der Kirchengeschichte das allgemeine Verständnis der biblischen Texte. Allerdings erfährt dieses Verständnis seit der Aufklärung die lebhafteste Kritik. „Wenn irgendwo theologisch über die Bedeutung des Todes Jesu diskutiert und gestritten wird, geht es immer um den Gedanken der stellvertretenden Sühne, seine Berechtigung, Möglichkeit, Problematik oder Notwendigkeit“, so bezeugt der konservative Theologe Gerhard Barth.

Im Rahmen der Aufklärung wurde die jüdisch-christliche Sühnetheologie einer einschneidenden Kritik unterzogen und die Theologen waren bemüht, den biblischen Sühnegedanken abzuändern und an die Ansprüche der Aufklärung anzupassen. Seit dem ist man bemüht, eine Sühnetheologie zu formulieren, die ohne Genugtuung und Stellvertretung auskommt.

Besonders folgenschwer war hierbei das Urteil Immanuel Kants (1724-1804). Nach Kant konnte die persönliche Sündenschuld (im Gegensatz zu Geldschuld) nicht auf einen anderen Menschen übertragen werden. Umgekehrt ist auch die Zuschreibung einer fremden Gerechtigkeit für ihn unvernünftig. Kant misstraute der reformatorischen Sühnetheologie, da sie nicht zur moralischen Besserung der Welt beitrage. In seinem Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ schreibt er:

„Es ist gar nicht einzusehen, wie ein vernünftiger Mensch, der sich strafschuldig weiß, im Ernst glauben könne, er habe nur nötig, die Botschaft von einer für ihn geleisteten Genugtuung zu glauben, und sie (wie die Juristen sagen) utilitär anzunehmen, um seine Schuld als getilgt anzusehen, und zwar dermaßen (mit der Wurzel sogar), dass auch fürs künftige ein guter Lebenswandel, um den er sich bisher nicht die mindeste Mühe gegeben hat, von diesem Glauben und der Akzeptation der angebotenen Wohltat, die unausbleibliche Folge sein werde.“

So finden wir heute auch in bekenntnisorientierten Kreisen oft ein Sühneverständnis, das ohne die stellvertretende Sühnung und die Anrechnung der Gerechtigkeit Jesu auf die Gläubigen auskommt. Gott tritt demnach als Subjekt der Versöhnung auf, nicht als Objekt. Gott braucht kein sühnendes Opfer, sondern Er schafft Sühne für den Menschen. Diese Sühnetheologie gilt inzwischen als allgemein anerkannt. Es geht darum zu betonen, dass Christus nicht gekommen sei, um Gott mit der Welt zu versöhnen oder damit Gott die Menschen lieben könne. Denn schließlich sei Gott ja die absolute und vorbehaltlose Liebe, und brauche kein Opfer, um versöhnt zu werden. Jesus ist nicht als Sühnopfer gestorben, sondern als Märtyrer seiner Überzeugungen, und um uns zu zeigen, wie sehr Gott uns liebt.

Ist es tatsächlich so, dass die traditionelle Sicht des Sühneopfers auf einer jahrhundertelangen Fehlinterpretation der biblischen Texte beruht? Oder spiegelt sie doch das wider, was die Heilige Schrift zur Sühne sagt.

Schauen wir uns zunächst einige wichtige Textstellen an:

Sühne und Sühnen

Wir finden den kultischen Begriff der Sühne (hilasmos) oder des Sühnens (hilaskomai) zum Beispiel in Hebräer 2,17: „Daher musste er in allem den Brüdern und Schwestern gleich werden, um ein barmherziger und treuer Hoher Priester vor Gott zu werden und so die Sünden des Volkes zu sühnen.“

Dass sich das „Sühnen“ auf Golgatha bezieht, zeigt eindeutig der vorangehende Vers 14, der davon spricht, dass Jesus durch den Tod den entmachtet hat, der „die Macht hat über den Tod, nämlich den Teufel“.

In 1. Johannes 2,2 steht: „Er [Jesus] ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere, sondern auch für die der ganzen Welt.“ Obwohl auch hier Golgatha nicht buchstäblich angesprochen ist, ergibt sich aus dem Zusammenhang eindeutig, dass die Aussage auf den Tod von Jesus Christus bezogen ist.

In 1. Johannes 4,9-10 wird die Sühne nochmals thematisiert: „Darin ist die Liebe Gottes unter uns erschienen, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt hätten, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als Sühne für unsere Sünden.“

Der bedeutsamste Vers steht zweifellos bei Paulus im Römer 3,25: „Ihn hat Gott dazu bestellt, Sühne zu schaffen – die durch den Glauben wirksam wird – durch die Hingabe seines Lebens. Darin erweist er seine Gerechtigkeit, dass er auf diese Weise die früheren Verfehlungen vergibt, …“

Wer mit verschiedenen Bibeln arbeitet, wird feststellen, dass dieser Vers verschieden übersetzt wird. Die Elberfelder Bibel schreibt: „Ihn hat Gott dargestellt zu einem Sühneort“. Bei der Lutherbibel von 1984 heißt es: „Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne“. Die Schlachterbibel spricht davon, dass Gott ihn „zum Sühnopfer verordnet“ hat.

Der Begriff hilasterion kann die profane Bedeutung von „Sühne“ oder „Sühnemittel“ haben oder aber einen direkten Bezug zu den Opferritualen des Alten Testaments haben. Die Septuaginta, also die griechische Übersetzung des Alten Testaments, bezeichnet mit hilasterion den Sühnedeckel der Bundeslade. Denselben Begriff verwendet der Autor des Hebräerbriefs, wenn er in Hebräer 9,5 die Bundeslade im Allerheiligsten beschreibt. Martin Luther greift diesen Bezug des Opfers Jesu zum alttestamentlichen Sühneopfer auf, indem er hilasterion in Römer 3,25 mit „Gnadenthron“ übersetzt. Der Vorwurf, dass es sich hierbei um einen logischen Bruch handle – da Christus demnach gleichzeitig als Sühnedeckel und als Opfer, dessen Blut an den Deckel gesprengt wird, erscheint – erweist sich als unbegründet, sobald man erkennt, dass Paulus in Römer 3,25 von der Einsetzung eines neuen, den alten überragenden Sühneortes spricht. An die Stelle der Bundeslade, des Opfers und des bisherigen Sühneritus hat Gott Jesus treten lassen, der durch sein eigenes Blut eine ewige Erlösung erworben (vgl. Hebr 9,12).

Ausgangspunkt der Versöhnung ist, wie schon im Alten Testament, das Handeln Gottes. Gott ist derjenige, der als Subjekt auftritt und Sühne durch seinen Sohn schafft.

Die Formel „für uns“

Doch Jesu stellvertretender Tod wird nicht nur an den Stellen als Sühne für unsere Sünden gedeutet, wo der Begriff „sühnen“ verwendet wird, sondern auch überall dort, wo davon die Rede ist, dass Er „für uns“, „für euch“, „für mich“, für sein Volk“, „für die Schafe“, „für alle“, „für Gottlose“ oder auch „für unsere Sünden“ gestorben ist. Eine Konkordanz zeigt uns die riesige Vielfalt dieser Stellen.

Der hier verwendete griechische Begriff hyper hat einen weiten Bedeutungsumfang und kann deshalb mit „für“, „zugunsten von“ oder auch „anstelle von“ übersetzt werden. An einigen Stellen meint es aber deutlich „stellvertretend“. So heißt es in 2. Korinther 5,21: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns [d. h. an unserer Stelle] zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

Hier wird deutlich, dass dort am Kreuz ein Rollenwechsel stattfand. Der Sündlose wird zum Träger der Sünde gemacht, damit die Ungerechten vor Gott so gerecht würden, dass sie vor Gott bestehen können. Diese Tatsache finden wir auch in Galater 3,13; Johannes 11,50-52; 18,14; 2. Korinther 5,14f und 1. Petrus 3,18 für Stellvertretung. Zwar muss es nicht immer und überall den Gedanken der Stellvertretung einschließen, sondern kann auch einfach bedeuten, dass etwas zugunsten von etwas oder jemandem geschieht. Doch wenn man darüber nachdenkt und in der Bibel forscht, inwiefern Jesu Tod zu unseren Gunsten geschehen ist, kommt man unweigerlich auf den Stellvertretungsgedanken.

Sühne durch das Blut Jesu

Außerdem wird die Vorstellung der Sühne durch Jesu Tod auch dort deutlich, wo von der heilsamen Wirkung seines Blutes gesprochen wird. Auch hier ist uns Römer 3,25 im Zusammenhang eine wichtige Stelle: „Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.“

Etwas Ähnliches sagt der Apostel auch zwei Kapitel später, wenn er betont, dass wir durch Christi Blut gerecht geworden sind und deshalb vor dem Zorn Gottes bewahrt werden: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind“ (Röm 5,8-10).

Der Epheserbrief spricht ebenfalls zweimal von dieser rettenden Wirkung des Blutes Jesu: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit“ (Eph 1,7-8). Und auch wir Heiden, die wir einst fern von Gott und von seinen Verheißungen ausgeschlossen waren, sind jetzt „nahe geworden durch das Blut Christi“ (Eph 2,13).

Christi Opfer bringt Juden wie Heiden die Versöhnung mit Gott. Mehr noch: Da nun der Opferkult, der einst Juden und Heiden voneinander trennte, abgetan ist, erwächst durch das Kreuz auch Frieden zwischen Beschnittenen und Unbeschnittenen (vgl. Eph 2,11).

Der bekannte Theologe Wayne Grudem schreibt dazu:

„Das Blut Christi ist der deutliche äußere Beweis, dass sein Lebensblut vergossen wurde, als er den Opfertod starb, um für unsere Erlösung zu bezahlen ‚das Blut Christi‘ meint seinen Tod in seinen errettenden Aspekten. Obwohl wir denken mögen, dass das Blut Christi (als Beweis dafür, dass sein Leben gegeben worden war) sich ausschließlich auf die Beseitigung unserer rechtlichen Schuld vor Gott bezöge – denn darauf bezieht es sich in erster Linie –, schreiben die Verfasser des Neuen Testaments ihm auch mehrere andere Wirkungen zu. Durch das Blut Christi werden unsere Gewissen gereinigt (Hebr 9,14), erlangen wir freimütigen Zugang zu Gott in Anbetung und Gebet (Hebr 10,19), werden wir fortschreitend von der in uns bleibenden Sünde gereinigt (1 Joh 1,7; Offb 1,5b), vermögen wir den Verkläger der Brüder zu überwinden (Offb 12,10-11) und werden wir von einem sündigen Lebenswandel erlöst (1 Petr 1,18).“ (Wayne Grudem, Biblische Dogmatik)

Es ist eben nicht ein tieferes Textverständnis, das den modernen Theologen dazu bringt, die bisherige Vorstellung der Sühnetheologie abzulehnen; es sind vielmehr Vorurteile, der die klaren Texte nicht stehenlassen kann und sie zum Schweigen bringen will. Paulus hat das Herz des Evangeliums darin gesehen, dass die Gottlosen allein durch die Gnade Gottes aus dem Glauben an Jesus Christus gerettet und gerechtfertigt werden (vgl. Eph 2,8-9). Die einzige Möglichkeit, um als Sünder vor Gott als gerecht zu stehen, hat Gott selbst geschaffen, indem Er seinen Sohn dem Tod preisgegeben und Ihn von den Toten auferweckt hat (vgl. Röm 3,21-26; 4,25; 8,31-39 usw.). Petrus bezeichnet Jesus im Hinblick auf die alttestamentliche Tradition vom Brand- oder Ganzopfer als das „Lamm ohne Fehl und Makel“, dessen Blut uns erlöst, also Sühne erwirkt (vgl. 1 Petr 1,19). Dieses Bild steht auch hinter dem Bekenntnis von Johannes dem Täufer: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1,29; vgl. Jes 53,7.12).

Die unselige Behauptung, die heutzutage häufig aufgestellt wird, dass die Vorstellung vom Sühneopfer Jesu nur eine unter vielen sei und „keineswegs besonders wichtig“, verdient unseren Unmut und Widerspruch. Das Kreuz Jesu, an dem Er stellvertretend für uns starb, ist die Mitte, das Hauptanliegen und die seligmachende Hoffnung des Evangeliums. Die Entstellung der Sühnetheologie, wie sie uns in der modernen Theologie begegnet, erschüttert die Grundfesten des Glaubens und ist schlichtweg eine Preisgabe der Rechtfertigung, durch die Gemeinde Jesu steht und fällt. Wir haben daher das weiterzugeben, was wir empfangen haben, nämlich dass „Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift“ (1 Kor 15,3). Alles andere ist, wie Paulus warnend hervorhebt, eine Verdrehung des Evangeliums (vgl. Gal 1,6-8). Und Martin Luther bezeichnete es als „der ganzen Christenheit, aller Propheten und Apostel Predigt“. Die Botschaft von dem stellvertretenden Sühneopfer am Kreuz kann nicht oft genug wiederholt, nicht deutlich genug verteidigt und schlechterdings niemals in seiner Bedeutung überschätzt werden.
https://www.evangelium21.net/ressourcen/jesu-tod-als-stellvertretendes-suehnopfer


Der Artikel erschien ursprünglich in: Herold, 59. Jg., Nr. 8 (704), August 2015, S. 4-8.

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