Wo ist die Hölle geblieben?

„Die Hölle ist weg. Keiner hat es bemerkt“
Der Philosoph Bertrand Russell meinte in Why I Am Not a Christian (Warum ich kein Christ bin, 1927) selbstsicher, Jesus habe einen „schweren Charakterfehler“ gehabt. Russell glaubte, dass niemand, „der zutiefst menschenfreundlich ist, an eine ewigwährende Strafe [in der Hölle] glauben kann.“ Und Christus „glaubte ganz gewiss an eine ewige Strafe“. „Rachsüchtige Wut“ finde sich in den Evangelien, aber nicht bei Sokrates. Die ganze Lehre von der Hölle sei eine „grausame Lehre“, ja sie habe sogar „die Grausamkeit in die Welt gebracht“.
Der Psychiater Franz Buggle, ein weiterer Atheist, schrieb in Denn sie wissen nicht, was sie glauben (1992) zur Hölle, diese sei „eine Strafandrohung, deren unheilvolle, psychisch verheerende Wirkung in der Geschichte des Christentums auf unzählbare Menschen gar nicht übertrieben werden kann… Kann ein ethischer und religiöser Lehrer…, kann ein solcher Mann heute noch als Verkörperung des absolut Guten, der absoluten Liebe, als Gott verkündet werden?“ „Ewig dauernde Qualen“ sind für ihn neben der Kreuzeslehre der eigentlich „unheilbare Skandal“ des Neuen Testaments.
Die Kritik der säkularen Kultur ist also äußerst massiv. So massiv, dass führende Kirchenvertreter im Westen sich nicht mehr zur Hölle bekennen wollen. Im Jahr 2013 interviewte der deutsche „Spiegel“ (30/2013) die bekannteste evangelische Pastorin des Landes, die ehemalige Hannoversche Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende (2009–2010) Margot Käßmann: „Glauben Sie eigentlich noch an Himmel und Hölle?“ Sie glaube an die Auferstehung, aber „ob es eine ewige Verdammnis der Sünde und eine Hölle gibt, diese Frage überlasse ich lieber Gott.“ Die lutherische Theologin kritisiert diejenigen, die den „strafenden Donnergott“ zurückhaben wollen. „Es gibt die Hölle auf Erden…“ „Aber als Jenseitsort?“ fragt „Der Spiegel“ bohrend zurück. Antwort: „Ich glaube, dass der Mensch für seine Taten nach dem Tod Rechenschaft ablegen muss. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott Menschen Jahrhunderte in irgendeinem Feuer brennen lässt. Das sind für mich eher die Vorstellungen von Leuten, die ihren Feinden das Schlimmste wünschen.“ „Die Idee der ewigen Verdammnis hat auch etwas Tröstliches“, wenden die Journalisten ein. So würde schlimmen Verbrechern Gerechtigkeit widerfahren. Käßmann sieht hinter so einem Denken allerdings nur „Rachebilder“. Weiterlesen

Ist jeder Christ ein Theologe?

Wir sind wahrscheinlich damit vertraut, dass es im Raum unserer Gemeinden und Kirchen unterschiedliche Auffassungen über den Nutzen der Theologie gibt. Auf der einen Seite des Spektrums haben wir Leute, die überhaupt nicht wiedergeboren sind, aber Theologie studieren. Sie treten mit dem Anspruch auf, dass nur ein studierter Theologe das Recht habe, theologische Aussagen zu machen. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es Christen, die die Theologie für ein Werk des Teufels halten. Sie treten in der Regel sendungsbewusst auf und sind sich – so jedenfalls meine Erfahrung – sehr sicher, dass die Beschäftigung mit der Theologie in den allermeisten Fällen den persönlichen Glauben und die Lehre in der Gemeinde beschädige. Weiterlesen

Eine Geschichte von zwei Reichen

Es gibt keine bessere Zeit, uns an die Zwei-Reiche-Lehre zu erinnern, als in Wahlperioden, wenn Protestanten oft mehr durch ihre politische Meinung als durch ihren Glauben und ihre Praktiken getrennt werden.
In den Nachwehen der Plünderung Roms durch die Germanen im Jahr 410 schrieb der große Kirchenvater Augustinus, Bischof von Hippo, sein berühmtes Werk Vom Gottesstaat. Hieronymus, ein weiterer bekannter Kirchenvater, war in Verzweiflung zusammengebrochen: „Was wird aus der Kirche werden, jetzt wo Rom gefallen ist?“ Als Patriot fühlte Augustinus ohne Zweifel die gleiche Verletzung, aber als christlicher Pastor begrüßte er das Ereignis als eine Gelegenheit, die durch Gottes Vorsehung herbeigeführt wurde: Gott hatte das Missionsfeld zu den Missionaren gebracht. Die Frage war nur, ob noch viele „Missionare“ in einem Reich übriggeblieben waren, das den Glauben genau in dem Maße geschwächt hat, wie es ihn mit einer bürgerlichen Religion verschmolzen hat.
Egal ob wir vor einer gleichen Gefahr in unserer Zivilisation stehen, wir brauchen auf jeden Fall die Weisheit, mit der Augustinus dieser Krise begegnet ist. Wie alle großen Bücher wird sein Gottesstaat von verschiedenen Schulen ziemlich unterschiedlich interpretiert. Aber es ist unbestreitbar, dass das Buch dabei geholfen hat, das zu schaffen, was später als die Lehre von den zwei Reichen bekannt wurde. Weiterlesen

Blutspende?

Eine unmittelbar anwendbare Bibelstelle zum medizinisch begründeten Blutspenden gibt es nicht. Ganz eindeutig wird sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament der Konsum von Blut (z.B. 1. Mose 9,2-4; 3. Mose 7,26.27; 5. Mose 12,23-25; Apg. 15, 19-21; 21, 25 ) und das Vergießen von menschlichem Blut (z.B. 1Mose 9, 6) verboten. Auf eine Blutspende treffen beide Aussagen nicht zu. Zum einen wird dabei kein Blut gegessen; schon gar nicht aus religiösen Gründen, wie es zur Zeit des Alten Testaments weit verbreitet war. Zum anderen wird beim Blutspenden im alttestamentlichen Sinne kein „Blut vergossen“ (darunter wird im biblischen Zusammenhang die Tötung eines Menschen verstanden).
Manchmal wird in entsprechenden Diskussionen auch auf die Aussage „im Blut ist das Leben / die Seele“ (z.B. 3. Mose 17,11.12) hingewiesen. Auch hier besteht aber kein direkter Bezug zur Blutspende. Es geht an diesen Stellen ganz offensichtlich um den Verlust der Gesamtheit des Blutes, um die Tötung eines Menschen (z.B. Hes. 14, 19; 28, 23). Wenn ein Mensch alles Blut verliert, verliert er auch seine Seele. Da die Seele aber keine materielle, sondern eine geistliche Größe ist, kann man sie nicht vereinfacht mit der Materie Blut identifizieren. Mit einer kleinen Menge Blut, die man infolge eines Unfalls oder beim Blutspenden vergießt, verliert man eben nicht einen Teil seiner Seele. Im Alten Testament werden zahlreiche Kämpfe beschrieben, bei denen durch Verletzungen selbstverständlich auch eine gewisse Menge Blut vergossen wurde. An keiner Stelle aber wird in diesem Zusammenhang von einer Schädigung oder dem Verlust der Seele / des Lebens berichtet. Die Seele / das Leben des Menschen wird nur dann unwiederbringlich geschädigt, wenn jemand sein ganzes Blut verliert, bzw. den größten Teil.
Blutspenden kann aber auch als Akt christlicher Nächstenliebe gedeutet werden, mit dem Menschen in medizinischen Notlagen das Leben erhalten wird. In diesem Fall wäre sie sogar positiv zu werten, solange keine andere biblische Norm verletzt wird.
Bei der „Spende“ lebensnotwendiger Organe ergibt sich das schwerwiegende ethische Problem, der angemessenen Todesdefinition; weil der Körper des Hirntoten bis zur Explantation des Herzens abgesehen vom Gehirn eben noch lebt. Auf die Blutspende trifft dieser Sachverhalt natürlich nicht zu, weil hier das Leben des Spenders in keiner Hinsicht gefährdet wird. Insofern ist Blutspende aus christlicher Sicht durchaus legitim. Allerdings kann und soll niemand dazu gedrängt werden, weil es sich dabei um eine sehr persönliche Entscheidung handelt, nicht um eine biblische Verpflichtung. Michael Kotsch
https://www.facebook.com/michael.kotsch.9

Problem der modernen Theologie

„Obwohl ihre Position also auf einem kritisch-liberalen Schriftverständnis beruht, ist doch das eigentliche Problem der modernen Theologie nicht ihr Bibelverständnis, sondern ihr Konzept der zweigeteilten Wahrheit.“ S. 58
„Die moderne Theologie (Neo-Orthodoxie, D.J.) bedient sich jedoch gewisser religiöser Wörter, die den Zuhörer an Persönlichkeit und einen festen Inhalt denken lassen. Tatsächlich herrscht aber keine wirkliche Kommunikation, sondern lediglich die Illusion einer Kommunikation, indem Wörter mit einem weiten Bedeutungshorizont gewählt werden. Der Inhalt des unaussprechlichen existentiellen Grenzerlebnisses wird mit Hilfe von assoziationsbeladenen religiösen Wörtern nur scheinbar mitgeteilt.“ S. 61
„Am besten lässt sich die Konzeption der modernen Theologie als ‚Glaube an den Glauben‘ beschreiben, im Gegensatz zu einem Glauben an ein tatsächlich vorhandenes Gegenüber.“ S. 67
„In der modernen Theologie dagegen ist der Glaube nach innen gekehrt, denn er hat kein festes Gegenüber, und die Verkündigung unangreifbar, denn sie kann nicht rational diskutiert werden.“ S. 68
„Es gibt keinen grundlegenden Unterschied zwischen Heideggers weltlichem Mystizismus und dem Mystizismus der modernen Theologie.“ S. 76
„Bei näherer Betrachtung kann man die Theologen des oberen Bereichs entweder als Atheisten im klassischen Sinne oder als Pantheisten bezeichnen, das hängt nur von der Perspektive ab. Auch ihr Gott ist tot.“ S. 88
„Den einzigen Ausweg aus ihrem Dilemma bildet die Rückkehr zur Methodologie der Antithese. Ohne diesen Schritt geht alles Reden über die leibliche Auferstehung Christi am Kern des Problems vorbei.“ S. 89
„Dennoch werden die Theologen ihre hoffnungslosen Versuche bestimmt weiter fortsetzen, denn einerseits ist der Zwiespalt unerträglich, sie müssen ihn aber auch aufrecht erhalten, weil die Zweiteilung der Wahrheit die Grundlage der modernen Theologie ist.“ S. 91
„Inzwischen dürfte klar sein, dass Christentum und moderne Theologie lediglich in einer gemeinsamen Terminologie übereinstimmen – und selbst diese ist mit verschiedenen Inhalten gefüllt.“ S. 110
„Wer die ersten drei Kapitel der Bibel ablehnt, der kann weder eine wahrhaft christliche Position vertreten, noch die Lösung des Christentums verkünden.“ S. 116
„Der Christ ist der eigentliche Revolutionär unserer Generation, denn er widersetzt sich der monolithischen modernen Auffassung, nach der alle Wahrheit relativ ist – wir glauben an die Einheit der Wahrheit.“ S. 120
„Der moderne Mensch muss sich die Frage gefallen lassen, ob er die Antwort des Christentums nicht deshalb ablehnt oder einfach übergeht, weil er bereits in blindem Glauben die Denkvoraussetzung der Naturkausalität in einem geschlossenen System übernommen hat.“ S. 125
„Da nun das Christentum die Wahrheit verkündet über das, was wirklich da ist, bedeutet seine Ablehnung aufgrund eines anderen philosophischen Systems eine Entfernung von der wirklichen Welt.“ S. 135
„Der christliche Glaube ruht auf zwei Eckpfeilern: Der Wirklichkeit der Existenz Gottes, also der Tatsache, dass er da ist, und der Einsicht, dass das Dilemma des Menschen moralisch und nicht metaphysisch begründet ist.“ S. 149
„Das Denken geht dem Glauben voraus. Nur so verstehen wir die Bibel richtig. Wenn wir erklären, dass nur der Glaube, der aufgrund von Erkenntnis an Gott glaubt, wahrer Glaube ist, so sagen wir etwas, das in der Welt des zwanzigsten Jahrhunderts wie eine Explosion wirkt.“ S. 159
„Die Bibel, die historischen Glaubensbekenntnisse und die Orthodoxie sind deshalb wichtig, weil Gott da ist; diese Tatsache verleiht ihnen letztlich erst ihre Wichtigkeit.“ S. 162
„Christliche Wahrheit gründet sich also auf das, was existiert – und letztlich auf den Gott, der existiert. Dann bedeutet wahres geistliches Leben, das rechte Verhältnis zu dem Gott haben, der wirklich da ist – zunächst im einmaligen Akt der Rechtfertigung, dann im Erleben dieses Verhältnisses als fortwährende existentielle Realität. Das meint die Bibel mit wahrem geistlichem Leben – eine andauernde existentielle Beziehung zu dem Gott, der existiert.“ S. 163
Der Sinn des Lebens: „Dieser besteht nicht in der Rechtfertigung, sondern in der Wiederherstellung unserer persönlichen Beziehung zu einem persönlichen Gott, die wir erlangen, wenn wir Christus als unseren Erlöser annehmen.“ S. 174
Francis A. Schaeffer, Gott ist keine Illusion: Ausrichtung der historischen christlichen Botschaft an das zwanzigste Jahrhundert (Originaltitel: The God who is there), Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1984.

Umkehr im Neuen Testament

​​​​​​Dies ist der zweite Teil der biblischen Theologie der Umkehr. Der erste Teil „Umkehr und die Geschichte Israels“ kann hier gelesen werden.

Umkehr lässt sich als „das Abwenden von der Sünde und dem Hinwenden zu Gott” definieren. Der Vers, der das wahrscheinlich am besten zusammenfasst, steht im ersten Thessalonicherbrief 1,9: „Denn sie selbst erzählen von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, dem lebendigen und wahren Gott zu dienen.“

Wir sehen hier die beiden Elemente der Bekehrung sehr deutlich – ein Abwenden von Götzen und ein Hinwenden zu Gott.

Umkehr im Neuen Testament: Von der Verheißung bis zur Erfüllung

Der im Alten Testament verheißene Triumph Gottes über die Schlange (1Mo 3,15) wird im Neuen Testament zur Realität. Das Alte Testament verhieß einen neuen Bund, eine neue Schöpfung, einen neuen Exodus und neue Herzen für Gottes Volk. Die Erfüllung all dieser Verheißungen wurde durch das Leben, Sterben und die Auferstehung von Jesu Christi, die im Neuen Testament verkündigt werden, eingeleitet.

Umkehr in den Synoptikern

In den synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas), wird das Rettungswerk Gottes, das im Alten Testament verheißen wurde, mit dem Begriff „Reich Gottes“ zusammengefasst und spielt eine zentrale Rolle in den Synoptikern. Allerdings müssen wir auch verstehen, dass das Reich Gottes zur Umkehr aufruft. Die zwei Elemente der Umkehr können auch mit den Begriffen „Buße” und „Glaube” beschrieben werden.

Wir lesen in Mk 1,14-15: „Jesus kam nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!” (Mk 4,17) Die von Jesaja angekündigte gute Nachricht der Rückkehr aus dem Exil, die gute Nachricht der Erfüllung der Verheißung auf Rettung, wird nur denen zuteil, die sich von ihren Sünden abkehren und dem Evangelium glauben.

Das Evangelium in den Synoptikern konzentriert sich auf den Tod und die Auferstehung Jesu, was in allen drei Bibelbüchern einen großen Anteil ausmacht. Es ist der Höhepunkt der Geschichte! Denn ohne das Kreuz gäbe es kein Reich Gottes. Jesus kam „um sein Volk von seinen Sünden zu retten“ (Mt 1,21) und diese Rettung geschah allein durch seinen stellvertretenden Tod, als er „sich als Lösegeld für viele“ gab (Mt 20,28; Mk 10,45). Einige, die über das Reich Gottes sprechen, reden nur wenig über Umkehr, doch schon ein kurzer Blick in die synoptischen Evangelien zeigt wie grundlegend die Umkehr ist. Denn ohne Umkehr kann niemand in das Reich Gottes hineinkommen (Mk 10,17-31).

Umkehr im Johannesevangelium

Die Zentralität der Umkehr ist auch im Johannesevangelium klar zu erkennen. Schließlich schrieb Johannes sein Evangelium, damit Menschen „glauben, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes und dass sie durch den Glauben Leben haben in seinem Namen“ (Joh 20,31). Johannes verwendet das Verb „glauben“ ganze 98 Mal in seinem Evangelium und unterstreicht damit die Bedeutung dieses Themas. Der Glaube im vierten Evangelium ist nicht passiv. Johannes gebraucht eine Reihe von Begriffen, die vermitteln sollen, dass der Glaube etwas Aktives ist: glauben ist wie essen, trinken, hören, ausharren, kommen, eintreten, empfangen und gehorchen. Die Radikalität der Umkehr wird auch dadurch deutlich, dass Johannes verschiedene Verben gebraucht um zu zeigen, was es bedeutet, dass Jesus der Messias ist. Umkehr bildet den Kern der Botschaft des Johannesevangeliums. Ewiges Leben (Leben im kommenden Zeitalter) wird nur denjenigen zuteil, die an Jesus als das „Lamm Gottes [glauben], das hinwegnimmt die Sünde der Welt“ (Joh 1,29). Mit anderen Worten, nur diejenigen, die umgekehrt sind erleben auch das ewige Leben.

Umkehr und das Königreich in der Apostelgeschichte

Es scheint klar zu sein, dass Umkehr eine zentrale Rolle in den Evangelien spielt. Ebenso lassen sich klare Schlussfolgerungen aus der Apostelgeschichte ableiten. Hier finden wir eine ganze Reihe von Predigten, in denen das Evangelium den Zuhörern erklärt wird (z.B. Apg 2,14-41; 3,11-26; 13,16-41). Die Zuhörer werden häufig zur Buße aufgefordert (Apg 2,38; 3,19; 8,22; 17,30; 26,20), was auch als „sich zu Gott wenden“  definiert wird (3,19; 9,35.40; 11,21; 14,15; 15,19; 26,18.20; 28,27). Die Evangeliumsbotschaft beinhaltet einen dringlichen Aufruf sich von der Sünde und dem alten Leben abzuwenden. Zur selben Zeit werden all jene, die die gute Nachricht hören, aufgefordert ihr zu glauben und im Glauben zu leben (Apg 16,31; 26,18). Das Wort „glauben“ wird in der Apostelgeschichte fast 30 Mal verwendet um Christen zu charakterisieren. Das zeigt, dass der Glaube ein Merkmal derer ist, die zu Christus gehören.

Es ist keine Überraschung, dass Umkehr eine wesentliche Rolle in der Apostelgeschichte spielt. Denn schließlich berichtet sie davon, wie sich das Evangelium von Jerusalem bis nach Rom ausbreitet (Apg 1,8; vgl. auch 16; 14,22). Doch sollte man nicht übersehen, dass das Reich Gottes ein ebenso zentrales Thema in der Apostelgeschichte ist. Es zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, von Anfang (Apg 1,3) und bis Ende (Apg 28,31). Paulus hat das Königreich in Rom verkündigt (Apg 20,35; 28,23.31) und Philippus „verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und den Namen Jesu Christi“ (Apg 8,12), womit sie zeigen, dass das Evangelium im Zentrum des Königreichs steht. Wie wir gesehen haben rief das verkündigte Evangelium die Hörer dazu auf umzukehren und zu glauben. Dies zeigt wie grundlegend die Umkehr für jegliche Verkündigung des Reiches Gottes ist. Die Erneuerung der Welt unter Gottes Herrschaft ist die herrliche Hoffnung der Gläubigen. Doch nur diejenigen, die umkehren und glauben werden die neue, kommende Welt genießen. Diejenigen, die sich weigern zu glauben, wie es die Apostelgeschichte immer wieder betont, werden gerichtet werden.

Umkehr bei Paulus

Auch wenn Paulus den Begriff „Reich Gottes” nicht häufig verwendet, steht seine bekannte eschatologische Weltsicht im Einklang mit dem eschatologischen Charakter des Königreiches. Wie die Evangelien, so verkündigt auch Paulus eine „schon und noch nicht“ Eschatologie. Die meisten Exegeten sind sich darüber einig, dass Glaube und Buße wesentliche Themen in den Paulusbriefen sind. Paulus lehrt häufig, dass Rechtfertigung und Rettung Menschen allein durch Glauben zuteilwerden (vgl. Röm 3,21-4,25; 9,30-10,17; 1Kor 15,1-4; Gal 2,16-4,7; Eph 2,8-9; Phil 3,2-11). Zwar gebraucht er das Wort „Buße” nicht ganz so häufig, doch kommt es an einigen Stellen vor (z.B. Röm 2,4; 2Kor 3,16; 1Thess 1,9; 2Tim 2,25). Paulus gebraucht mehrere Begriffe für das Rettungswerk Gottes in Christus, z.B. Rettung, Rechtfertigung, Erlösung, Versöhnung, Adoption, Sühne, usw. Daher muss man nicht darüber diskutieren, ob das Rettungswerk Gottes in Christus in der paulinischen Theologie eine zentrale Rolle spielt. Allerdings zeigt auch das, dass Rettung nur denjenigen zuteil, die glauben und Buße getan haben.

Laut Paulus warten die Gläubigen sehnsüchtig auf die Wiederkunft Jesu Christi und auf die Erneuerung der Schöpfung (Röm 8,18-25; 1 Thess. 4,13-5,11; 2 Thess 1,10) und nur diejenige, die sich bekehrt haben, werden Teil der neuen Schöpfung sein. Deshalb arbeitet Paulus hart daran das Evangelium zu den Heiden zu bringen (Kol 1,24-2,5), die es noch nie gehört haben (Röm 15,22-29), damit auch sie zu den Erretteten gehören werden.

Umkehr in den allgemeinen Briefen

Auch die weiterenBriefe des Neuen Testamentes, die in ganz konkrete Situationen hineingeschrieben wurden, bringen die Bedeutsamkeit der Umkehr zum Ausdruck – oder implizieren diese zumindest. Ein Beispiel davon finden wir im Hebräerbrief. Hier erklärt der Schreiber, dass nur diejenigen in die endzeitliche Ruhe einkehren werden, die glauben und Gottgehorchen (Heb 3,18.19; 4,3; 11,1-40). Auch wenn Jakobus häufig falsch verstanden wird, so lehrt er, wenn richtig verstanden, dass Glaube maßgeblich durch Buße gekennzeichnet ist, was notwendig für die Rechtfertigung ist (Jak 2,14-26). Genauso lehrt Petrus, dass Rettung allein durch Glaube kommt (1Pet 1,5; 2Pet 1,1) und der erste Johannesbrief wurde geschrieben um den Gläubigen zu versichern, dass sie wirklich ewiges Leben haben (1Joh 5,13).

Umkehr in der Offenbarung

Das Buch der Offenbarung bringt die biblische Geschichte zu ihrer Vollendung. Es versichert den Gläubigen, dass Gottes Reich, das durch Jesus Christus angebrochen ist, vollendet werden wird. Diejenigen, die Böses tun und Kompromisse mit dem Tier eingehen, werden für immer bestraft werden. Doch diejenigen, die zum Ende ausharren, werden in die himmlische Stadt einziehen, dem neuen Jerusalem. Die Offenbarung betont, dass nur diejenigen, die Buße tun Leben finden werden (Offb 2,516. 21. 22; 3,3. 19; 9,20. 21; 16, 9. 11).

Nicht das zentrale Thema, aber grundlegend für die ganze Geschichte

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Umkehr sicherlich nicht das zentrale Thema der Schrift ist. Denn Gläubige wurden geschaffen, um Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen, sowohl in dieser als auch in der kommenden Welt.

Doch Umkehr ist grundlegend und wichtig für die ganze Geschichte. Denn nur diejenigen, die sich bekehrt haben, werden auch die neue Schöpfung genießen. Menschen müssen sich von ihrer Sünde abwenden und sich zu Gott wenden, um gerettet zu werden. Sie müssen von ihren Sünden umkehren und dem Evangelium Jesu Christi, seiner Kreuzigung und Auferstehung, glauben. Auch wenn jemand einen kleinen oder sogar einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung der Welt beigetragen hat (so hilfreich das auch sein mag), wird es am letzten Tag keinen Trost geben für diejenigen, die sich nicht zuvor von ihrer Sünde hin zu Gott bekehrt haben.
Thomas R. Schreiner ist Professor für Neues Testament am The Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kentucky und einer der Ältesten in der Clifton Baptist Church. Außerdem ist er Autor zahlreicher Bücher. Der Artikel erschien zuerst bei 9Marks. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

„Ich bin kein Heiliger“

Was verbindet Silvio Berlusconi, Franz Josef Strauß, Jon Bon Jovi und Angelina Jolie miteinander? Sie alle sagten in einem Interview schon einmal den Satz „Ich bin kein Heiliger“, bzw. „Ich bin keine Heilige“.
Was heißt das eigentlich, „heilig“, was ist damit gemeint? Wer wissen möchte, wie heutzutage in Deutschland über Heiligkeit gedacht wird, braucht sich eigentlich nur die Berichterstattung über den Bundespräsidenten anzuschauen.
An dem Tag, an dem Christian Wulff als Bundespräsident zurücktrat, sagte ein Politiker: „Wir brauchen keinen Heiligen im Schloss Bellevue, sondern einen, der sich an Recht und Gesetz hält.“
Einige Wochen vorher hatte der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse schon gesagt: „Man darf von Politikern nicht verlangen, dass sie unfehlbare Menschen, also Heilige sind. Aber man kann und soll von ihnen erwarten, dass sie sich an Regeln und Gesetze halten“.
Von dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck hörte man immer wieder Stimmen, die die übergroßen, vielleicht sogar übersteigerten Erwartungen an ihn zu mäßigen versuchten. Der ehemalige Politiker Rainer Eppelmann sagte beispielsweise: „Auch die, die politische Verantwortung übernehmen in unserem Land – bis hin zum Bundespräsidenten, sind keine Heiligen, sondern auch nur Menschen mit Fehlern, mit Schwächen, (…). Ich bin sicher, all das hat auch Joachim Gauck.“
Interessant und viel sagend ist, dass verschiedene Medien die Selbstaussage Gaucks „Ich bin kein Supermann, kein fehlerfreier Mensch“, kurz nachdem er als Bundespräsident vorgeschlagen wurde, mit den Worten „Ich bin kein Heiliger“ zusammenfassten.
Es scheint so zu sein: Nach dem alltäglichen Sprachgebrauch – offensichtlich geprägt durch die katholische Tradition der Heiligsprechung – ist Heilig-Sein mehr als sich an Recht und Gesetz halten. Heilig-Sein geht darüber hinaus, es heißt unfehlbar sein, es heißt keine Fehler und Schwächen haben, es heißt ein Supermann sein – und das muss man nicht sein den zitierten Stimmen zufolge, zumindest nicht als Bundespräsident.
„Ich bin nun mal kein Heiliger“, sagen Menschen über sich. „Ihr braucht keine Heiligen zu sein“, sagen Menschen zu anderen Menschen.
Und doch! Ihr solltet es sein! – insofern ihr euch als Christen versteht.
„Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“ – so spricht Gott zum Volk Israel im Buch Levitikus. Der 1. Brief des Apostels Petrus wiederholt diese Aussage Gottes. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“
Damit ist nun aber nicht gemeint: Ihr sollt fehlerfreie Menschen sein. Da wäre Petrus, oder als der Autor des Briefes, der diesen Namen trägt, wohl der Letzte, dies von Menschen einzufordern: fehlerfreie Supermenschen zu sein. Da weiß er doch selber nur zu gut um seine Fehler – und vor allem um ihre Vergebung bei Gott.
Als Jesus gefangen genommen und die Situation sehr brenzlig wurde, sagte Petrus, dass er Jesus nicht kenne – Jesus, seinen Freund und Meister. Er verleugnete ihn dreimal hintereinander. Aus Angst?
„Die biblischen Autoren bezeichnen die Glaubenden immer wieder mit‚heilig‘. Wobei sie sicher nicht meinen, dass da alles makel- und fehlerlos sei bei den Christen.“
Petrus und alle, Schreiber der Bibel, sind die Letzten, die fehlerfreie Supermenschen einfordern und die Ersten, die wissen, dass Menschen Menschen sind und bleiben, immer auch fehlerhaft, immer auch irgendwie ängstlich, verzagt, träge, egoistisch, hochmütig, aggressiv, starrsinnig und so weiter – und damit dauerhaft auf Gott und sein großes Herz angewiesen, der Einsicht schenkt, und Umkehr, und Vergebung der Sünden.
Aber wie ist Heiligkeit im biblischen Sinne denn zu verstehen? Was sind heilige Christen gemäß der Bibel?
Antwort: Das Wort Heiliger stammt vom griechischen Wort „hagios“ ab, was soviel wie „gottgeweiht, heilig, sakral, fromm“ bedeutet. Es wird meistens in der Mehrzahl benutzt, „Heilige“. „…Herr, ich habe von vielen über diesen Mann gehört, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem getan hat“ (Apostelgeschichte 9:13). „Es geschah aber, als Petrus, indem er überall hindurchzog, auch zu den Heiligen hinabkam, die zu Lydda wohnten“ (Apostelgeschichte 9:32). „…was ich auch in Jerusalem getan habe; und viele der Heiligen habe ich in Gefängnisse eingeschlossen…“ (Apostelgeschichte 26:10). Es gibt nur einen Fall, wo das Wort in der Einzahl benutzt wird, „ Grüßt jeden Heiligen in Christus Jesus!“ (Philipper 4:21). In der Schrift wird das Wort „Heilige“ in der Mehrzahl 67 mal benutzt, wo hingegen die Einzahl nur einmal gebraucht wird. Aber sogar in diesem einen Fall ist die Mehrzahl der Heiligen in Sicht „…jeden Heiligen…“ (Philipper 4:21).
Der Gedanke des Wortes „Heilige“ ist eine Gruppe von Menschen die für den Herrn und Sein Königreich ausgezeichnet sind. Es gibt drei Referenzen, die vom frommen Charakter eines Heiligen berichten; „…damit ihr sie im Herrn aufnehmt, der Heiligen würdig…“ (Römer 16:2). „…zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi…“ (Epheser 4:12). „Unzucht aber und alle Unreinheit oder Habsucht sollen nicht einmal unter euch genannt werden, wie es Heiligen geziemt…“ (Epheser 5:3).
Deshalb sind, biblisch gesprochen, die „Heiligen“ der Leib Christi, Christen, die Gemeinde. Alle Christen werden als Heilige angesehen. Alle Christen sind Heilige…und gleichzeitig dazu berufen, geheiligt zu sein. Im 1. Korintherbrief 1:2 wird es klar ausgedrückt, „ ..an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, den Geheiligten in Christus Jesus, den berufenen Heiligen…“ Die Wörter „geheiligt“ und „heilig“ kommen vom selben griechischen Stammwort wie das Wort, das üblicherweise als „Heilige“ übersetzt wird. Christen sind Heilige kraft ihrer Verbindung mit Jesus Christus. Christen sollen heilig sein, und in zunehmendem Maße ihrem täglichen Leben ihre Position in Christus anpassen. Dies ist die biblische Beschreibung und Berufung der Heiligen.
 

 

Pfingsten kennen wir alle. Denn wir haben schul- und arbeitsfrei. Aber nur die Hälfte der deutschen Bürger weiß, was „hinter“ Pfingsten steht.

Wirklich ein Armutszeugnis. Weißt Du, warum es Pfingsten gibt?
Jeder zweite Deutsche weiß nicht, was an Pfingsten gefeiert wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage. 16% glauben, dass an Pfingsten Jesus auferstanden sei, 10% setzen das Fest mit Maria Himmelfahrt gleich und 3% ordnen Pfingsten die Kreuzigung Jesu zu. 23% gaben sich in der Emnid-Umfrage völlig ahnungslos.
Nur 48% wussten, dass den Jüngern laut dem Neuen Testament an diesem Tag der Heilige Geist gesandt wurde. Sie konnten in mehreren Sprachen sprechen und erkannten den Missionsauftrag Jesu Christi, das Evangelium zu verbreiten. Und warum ist dieses Ereignis für uns Christen so wesentlich? Weil sich ab diesem Zeitpunkt die große Segnung für Christen erfüllt: dass eine göttliche Person auf der Erde ist – Gott, der Heilige Geist – während der Mensch Jesus Christus verherrlicht zur Rechten Gottes im Himmel thront. So sind wir mit dem Himmel verbunden und durch den Heiligen Geist hier auf der Erde gesegnet. Wir unterschätzen die Wichtigkeit des Segens, der mit dieser göttlichen Person verbunden ist. Sie ist nicht nur eine Kraft, sie ist eine Person. Gott, der Heilige Geist. Er wohnt seit Pfingsten ganz persönlich in jedem Gläubigen (1. Korintherbrief, Kapitel 6, Vers 19) und in der Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes insgesamt (1. Korintherbrief, Kapitel 3, Vers 16).
Der Geist Gottes ist es, der uns das Wort Gottes verständlich macht (Johannesevangelium, Kapitel 16, Vers 13). Ohne Ihn würden wir überhaupt nichts verstehen! Er ist es, der uns die Person des Herrn Jesus vorstellt und wertvoll macht (Johannesevangelium, Kapitel 16, Vers 14).
Es ist der Geist Gottes, der uns Heilsgewissheit gibt (2. Korintherbrief, Kapitel 1, Vers 22). Nur durch den Geist Gottes haben wir ein Verständnis von den Dingen, die Gott uns geschenkt hat. Und nur durch Ihn sind wir in der Lage, vor bösen Menschen, bösen Lehren und dem Teufel bewahrt zu werden (1. Johannes, Kapitel 2, Verse 20 und 27).
Durch den Heiligen Geist sind wir sicher, dass wir das ewige Leben – dessen vollen Genuss – im Himmel haben werden (2. Korintherbrief, Kapitel 5, Vers 5). (Bibelpraxis.de)

„Mein Wille geschehe …“

Jeder Mensch sieht die Welt aus seiner ganz eigenen Perspektive. Natürlich geht das auch nicht wirklich anders. Keiner kann sich ganz in einen anderen Menschen oder gar in ein Tier bzw. eine Pflanze hineinversetzen. Keiner weiß wirklich wie es ist, schwanger zu sein, alt zu werden oder einen Herzinfarkt zu bekommen, eher er es nicht selbst erlebt hat. Es ist wichtig sich dieser Distanz immer wieder bewusst zu werden, wenn man über Menschen in anderen Lebenszusammenhängen nachdenkt oder über sie urteilt.
Es ist auch unmöglich, sich wirklich in das Denken und Empfinden eines anderen Menschen hineinzuversetzen. Allerdings gibt es Personen, die probieren zumindest ihr Gegenüber zu verstehen. Andere entwickeln sich zu unverbesserlichen Egozentrikern, die immer nur ihren Vorteil oder ihre Probleme im Blick haben. Im Extremfall hat man irgendwann einen Soziopathen vor sich, der gar nicht mehr in der Lage ist, sich auch nur teilweise in Andere hineinzuversetzen. Solche Leute können anderen ohne jegliche Gewissensbisse Schmerzen zufügen oder ihr Gegenüber schamlos betrügen.
Ihre egozentrierte Denk- und Lebensweise wenden viele Menschen auch auf Gott an. Glaube, Gemeinde und Bibel beziehen sie dann lediglich auf ihr eigenes Leben. „Die Gemeinde muss mir etwas bringen!“, „Die Bibel muss mir in meinen persönlichen Fragen weiterhelfen!“, „Der Glaube an Gott muss mir konkrete Vorteile bieten!“ Gott wird als eine Art Dienstleister begriffen, der gute Gefühle, Schutz vor Krankheit und Schmerzen, sowie Erfolg in eigenen Lebensplänen garantieren soll. Sündenvergebung und ewiges Leben werden gerne als Zugabe genommen, auch wenn diese Ereignisse für die meisten viel zu weit in der Zukunft zu liegen scheinen. Der Glaube soll die eigenen Minderwertigkeitsgefühle wegnehmen, einen tollen Partner vermitteln, Selbstbewusstsein aufbauen, trösten, aufbauen, belustigen, unterhalten usw. usw. Die Gemeinde wird als beste betrachtet, die am wenigsten persönliche Veränderung erwartet und deren Gottesdienst am coolsten scheint; insbesondere wegen entsprechender Musik, Bühnenshow und unterhaltsamer Ansprache. Die Bibel wird nur noch herangezogen, wenn sie einem zuspricht, wie schön, gut, mitfühlend, begabt, erfolgreich usw. ich bin. Jeder ist dann ganz toll und von Gott geliebt, ganz gleich was er tut oder sagt, meint man.
Diesen weit verbreiteten Trugschluss nennt man die „anthropologische Wende“. Im Mittelpunkt des Glaubens steht nicht mehr Gott, sondern der einzelne Mensch. Die zentrale Geschichte ist die eigene, und Gott wird darin höchstens eingebaut, wenn es eben passt. Der Gott, der sich in der Bibel offenbart ist aber kein Statist im Spielfilm des eigenen Lebens. Er ist die zentrale Person des ganzen Universums. Um ihn hat sich in der Realität schon immer alles gedreht. Er ist auch dann doch unendlich wichtig, wenn sich längst kein Mensch mehr an mich erinnert.
Obwohl ein selbstverliebter und genussorientierter Zeitgeist mir jeden Tag vermittelt, wie sichtig mein Wille, meine Entscheidung oder mein Wohlergehen ist; die Realität sieht anders aus. Jedem Menschen tut es gut, diese Wirklichkeit zu akzeptieren und sich von Gott etwas sagen zu lassen. Letztlich ist eben nur ein Leben, das die Wahrheit Gottes akzeptiert, wirklich sinnvoll. Wer sich einen eigenen, immer nur segnenden und jasagenden Gott entwirft, geht an der Realität vorbei und wird gewöhnlich im Leben eines Besseren belehrt; weil Gott sich eben nicht als privater Wunscherfüller missbrauchen lässt.
Im Vaterunser heißt es: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden!“ (Mt 6, 10) Viele Christen beten stattdessen insgeheim: „Mein Wille geschehe!“ Danach sollen sich die anderen Menschen richten und die eigenen Bedürfnisse erfüllen. Auch von Gott wird erwartet, dass er sich nach meinen Wünschen richtet. Dabei sollte sich das Gebet des Christen aber eher an dem von Jesus orientieren, der in Todesangst Gott bittet, ihm diese Qualen zu ersparen, dann aber anfügt: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ (Mt 26, 39)

„Mein Wille geschehe …“Jeder Mensch sieht die Welt aus seiner ganz eigenen Perspektive. Natürlich geht das auch nicht…

Gepostet von Michael Kotsch am Mittwoch, 2. Mai 2018

Warum kommen wir nicht an die Massen heran, die außerhalb der Kirche leben?

Die Frage wird immer wieder gestellt: „Warum kommen wir nicht an die Massen heran, die außerhalb der Kirche leben? Wie können wir mit ihnen in Verbindung kommen? Wie können wir sie dazu bringen, auf uns zu hören? Was können wir tun, damit die Aussagen und Lehren der Kirche vollmächtig werden?“ Achten wir mal darauf, auf welche Art und Weise diese Fragen angegangen werden! „Das Hauptproblem ist“, so wird gesagt, „die Kirche hat nicht mit der Entwicklung Schritt gehalten. Sie verkauft sich nicht so, wie sie es eigentlich sollte. Große Firmen sind erfolgreich, weil sie gute Reklame betreiben.“ Deshalb haben die großen Kirchen damit angefangen, Abteilungen für die Öffentlichkeitsarbeit einzurichten. Diese Büros sorgen dafür, daß die entsprechenden Anzeigen regelmäßig in der Tagespresse erscheinen. „Bringt das unters Volk, und das Volk wird darauf hören!“, so heißt das Schlagwort. Sie klammern sich an die große Reklame, an die laute Stimme.
Andere sagen: „Nein, das ist nicht der Weg. Was wir brauchen, ist soziales Engagement. Die Menschen sind zuallererst an materiellen Dingen, an sozialen Problemen interessiert. Die Kirche muß daher deutlich zeigen, daß sie sich auch dafür interessiert. Sie muß somit häufiger Stellung zu sozialen und politischen Fragen nehmen. Dann werden die Menschen auch darauf hören, was in der Kirche gepredigt wird. Andere sind wiederum der Ansicht, der einzige Weg, den Einfluß zurückzugewinnen, gehe über Rundfunk und Fernsehen. »Das sind die Instrumente mächtiger Beeinflussung“, so sagen sie.
„Die Kirche muß diese Möglichkeiten auskaufen. Laßt uns dort das Geld hineinstecken. Laßt uns diese großen Medien für Reklame und Propagierung gebrauchen!“ Andere setzen ihr ganzes Vertrauen auf Schriften und Bücher.
Dem allen liegt selbstverständlich der hohe Stellenwert von Bildung und Wissen zugrunde. Folgende Überzeugung trifft man häufig an: Wenn wir nur den Eindruck hinterlassen könnten, daß der moderne Christ sich gut in der Wissenschaft auskennt, daß er kein Dummkopf ist und kein Träumer, daß er vernünftig und intellektuell ist, dann wird seine Umgebung bereit sein, auf ihn zu hören. Das sind auch so die gängigen Überlegungen, die hinter den vielen Büchern stecken, die Glauben und Wissenschaft harmonisieren wollen. Das sind die Hauptargumente. Aber die allerwichtigste Frage, so sagt man uns, ist die Frage nach der Einheit und einer einheitlich organisierten Weltkirche. Das eigentliche Problem ist, so sagt man, daß die Christenheit so gespalten ist. Die Welt ist eine Einheit, dagegen ist die Kirche in viele Fragmente gespalten. Darum ist es unmöglich, von Vollmacht zu reden, wenn solche unsicheren Fundamente da sind. Es gibt nur einen Weg, so sagt man uns: „Wir brauchen eine große Weltkirche. Wenn wir nur eine wären und so der Welt gegenübertreten könnten, dann müßte sie auf uns hören. Das ist das Geheimnis der Vollmacht.“
Mit dem Gesagten beschreibe ich nicht nur die Teile der Kirche, die nicht bibelgläubig sind. Leider rede ich auch vom evangelikalen Flügel. Es erscheint mir so, als ob wir in den gleichen Fehler verfallen sind. Wir zitieren zwar sehr oft: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr.“
In der praktischen Druchführung vertrauen wir dann doch dem „allmächtigen Dollar“, der Macht der Presse und der Reklame. Wir scheinen überzeugt zu sein: unser Einfluß hinge von der Technik ab, von den Programmen, die wir produzieren, von den großen Zahlen und den Massen. Wir haben vergessen, daß Gott in der Geschichte der Kirche seine Taten meistens durch den „Rest“ getan hat. Es sieht so aus, als ob wir die große Geschichte um Gideon vergessen haben. Wie Gott dort darauf bestanden hat, die Zahl der Krieger von 32000 auf 300 zu reduzieren, bevor er das Heer gebrauchen konnte. Wir sind fasziniert von der Idee der Größe, und wir sind überzeugt, wenn wir nur etwas Großes »aufziehen« (ja, das ist der richtige Ausdruck) könnten vor der Welt, dann würden wir sie erschüttern und eine große Erweckung wäre die Folge. Das ist das heutige Konzept für Vollmacht und Autorität.
Martyn Lloyd-Jones 1970 (Vollmacht, 1984, S. 78–80)