2.Petrus1,13 Ich halte es aber für richtig, solange ich in dieser Hütte bin, euch zu erwecken und zu erinnern;

Petrus weist in diesem Vers nach, dass es notwendig für ihn ist, die Wahrheit im Licht seines baldigen Abscheidens neu darzulegen. Die Wahrheit überdauert ihren Diener. Da er als anerkannter Führer der Zwölf ein enger Vertrauter Jesu war, lebte der Apostel Petrus wie kaum ein anderer fortwährend in ungemein großer Nähe zur göttlichen Wahrheit. Dennoch verstanden oder erfassten weder er noch seine Mitapostel die Wahrheit vollständig, nicht einmal gegen Ende des irdischen Dienstes Christi, wie die Frage des Herrn an Philippus erkennen lässt: „So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich noch nicht erkannt, Philippus?“ (Joh 14,9). Wir erkennen sogar Petrus’ ungeheuer großes, kurzzeitiges Versagen hinsichtlich des Treuebruchs gegenüber seinem Meister – obschon Jesus ihn gewarnt hatte (s. Lk 22,31-34.54-62). In der Erwartung, daß er bald beim Herrn sein wird, will Petrus das Gedächtnis seiner Leser erwecken (das Präsens bezeichnet eine fortdauernde Handlung), so lange er noch nach dem Willen des Herrn in dieser Hütte seines Leibes wohnt (vgl. “irdisches Haus” und “diese Hütte” in 2. Kor 5,1.4). Denn er wird diese Hütte bald verlassen, wie es ihm der Herr … eröffnet hat. Das könnte eine Anspielung auf Jesu Worte an Petrus über seinen Tod am Kreuz sein (Joh 21,18 – 19).
Der Begriff erwecken umfasst eine zusammengesetzte Verbform (diegeirō) mit der Bedeutung von „völlig wach rütteln“ oder „gründlich erwachen“ und beschreibt den Vorgang, bei dem jemand aus seiner Lethargie, seiner Trägheit oder seinem Schlaf gerissen wird bzw. all dies abschüttelt. Gläubige können träge werden (vgl. Mk 13,35-37; Röm 13,11; 1Thes 5,6; Hebr 6,12), sodass sie ihre Wachsamkeit und ihre klare Sicht in Bezug auf geistliche Dinge oder andere Pflichten verlieren (vgl. Spr 13,4; 24,30-31).
Bei diesem Erinnern fällt den Aposteln eine einzigartige Aufgabe zu. Sie sind die Urzeugen des Retters Jesus Christus und die Träger der ersten Gemeinde gründenden Verkündigung. »durch Erinnerung wach zu halten« (hypomnesis, Erinnerung, lediglich hier, 3,1 und 2 Tim 1,5.
Petrus konnte von Jesus, von seinen Lehren, Handeln, Leiden, Sterben, Auferstehen sprechen wie kaum ein anderer, er der „Felsen” des großen Bekenntnisses, auf den Jesus seine Gemeinde bauen wollte.

2.Petrus1,12 Darum will ich’s nicht lassen, euch allezeit daran zu erinnern, obwohl ihr’s wisst und gestärkt seid in der Wahrheit, die unter euch ist.

Mit starken Worten im Griechischen, die kaum übersetzbar sind, betont Petrus in Vers 12 seinen festen Willen und Vorsatz, von dem er sich nicht abbringen lassen will, die Gemeinden zu erinnern, auch wenn es ihnen gar nicht gefallen sollte.
In dem Bewusstsein, dass seine Tage gezählt sind, legt der Apostel seinen Lesern diesen Brief besonders ans Herz. Dreimal sagt er ihnen: “Darum will ich’s nicht lassen, euch allezeit daran zu erinnern” (V. 12); “Ich halte es aber für richtig, … euch … zu erinnern” (V. 13); und “Ich will mich aber bemühen, dass ihr dies allezeit … im Gedächtnis behalten könnt” (V. 15; vgl. 2. Petr 3,1).
In dieser Bibelstelle schweift Petrus von seinem Thema der Errettung ab und fügt eine Aussage darüber ein, wie wichtig es ist, Menschen an die grundlegende Wahrheit zu erinnern. Jeder gute Lehrer kennt den Wert von Wiederholungen. Forschungsarbeiten haben aufgezeigt, dass Menschen innerhalb einer Stunde, nachdem sie eine gesprochene Mitteilung gehört haben, bis zu 90 Prozent ihres Inhalts vergessen.
Wir mögen vielleicht denken: “Ja, ich habe verstanden, was gemeint ist und stimme dem zu, infolgedessen ist bei mir alles in Ordnung.” “Keineswegs”, sagt der Apostel, “du musst es dir immer wieder vorhalten!” Das heißt, die Regeln des christlichen Lebens erfordern, dass kein Tag verstreichen darf, wo ich mir nicht gewisse Dinge ins Gedächtnis rufe. Es genügt nicht zu sagen: “Christus ist mein Erlöser”, nein, von dem Augenblick an, wo mir das klar wird, muss er mir ständig gegenwärtig sein. Das ist der Sinn des Bibellesens und des Darüber-Nachsinnens, das ist der Zweck des Betens. Entweder wir rufen uns die Glaubensgrundsätze täglich in Erinnerung, oder sie ruhen als verschwommene Begriffe auf dem Grunde unseres Gedächtnisses und sind dort zu nichts tauglich.
In der zweiten Hälfte des Satzes entschuldigt sich Petrus beinahe für die Dringlichkeit seiner Mahnung. Er möchte nicht, dass seine Leser seine Absicht missverstehen. Es liegt ihm fern, sie zu kritisieren, und er nimmt auch keinesfalls an, dass sie in ihrem Glauben schwankend geworden sind. Im Gegenteil: Er weiß, dass sie die Wahrheiten, die er ihnen geschrieben hat, kennen (ihr wisst), und er zweifelt nicht daran, dass sie gestärkt … in der Wahrheit sind.
Christus hatte Petrus zum Hirtendienst unter Menschen berufen (Joh 21,15-19), wobei Petrus’ Worte seine Fürsorge als Hirte anhand von vier Punkten verdeutlichen: Dringlichkeit, Güte, Treue und Kürze. Deshalb geht es Petrus darum, die in der Vergangenheit erfassten, heute noch ebenso gültigen Wahrheiten in der Gegenwart zur Wirkung kommen zu lassen.

Apostelgeschichte 2:41a.42-47, Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nahe zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, sodass sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.
Der Erfinder dieser Fabel, der Philosoph Arthur Schopenhauer, war ein großer Pessimist und scharfer Kritiker von Kultur und Gesellschaft. Was soll diese Fabel bedeuten? Schopenhauer selbst hat dazu geschrieben: Wie die Stachelschweine, so treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Inneren entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte.
Welch ein Gegensatz dazu der Text in der Apostelgeschichte, in dem das Leben der frühesten Gemeinde beschrieben wird, derjenigen, die nach der Pfingstpredigt des Petrus „das Wort annahmen und sich taufen ließen“ (Apg 2,41a).
Und dieser Text lautet (Apg 2,42-47):
(42) Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
(43) Es kam aber Furcht über ihre Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.
(44) Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.
(45) Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.
(46) Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.
(47) und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.
Zwei Geschichten, zwei Bilder: hier die Gesellschaft, wie sie der kritische Philosoph wahrnimmt, dort die Gemeinde in ihren Anfängen, wie sie in der Apostelgeschichte erzählt wird.
Hier der raue Winter, der die Stachelschweine zusammentreibt: die Menschen auf der Flucht vor sich selbst, vor ihrer inneren Leere und Monotonie, auf der Suche nach etwas, das ihrem Leben Sinn und Richtung gibt – dort die ersten Anhänger Jesu, die sich in der Stadt Jerusalem im Tempel und in Häusern treffen: die erste Gemeinde, die nach den unglaublichen Ereignissen des Todes, der Auferstehung und der Himmelfahrt Jesu zusammenkommt und ein so nie gekanntes, so nie erfahrenes Miteinander erlebt;
hier die spitzen Stacheln, die widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler der anderen, unersättlich in ihrem Egoismus, abstoßend in ihrer Selbstbezogenheit und Eitelkeit – dort jene, die gläubig geworden sind, und zusammen halten und alle Dinge gemeinsam haben, die ihre eigenen Güter und ihre Habe verkaufen und sie so verteilen, wie es für den einzelnen nötig ist;
hier schließlich die Sitte und Höflichkeit, um überhaupt miteinander auskommen zu können, der freundlich distanzierte Umgang, um sich nur ja nicht zu nahe zu kommen – dort das gemeinsame Essen und Trinken, die tiefe Freude aneinander, das Glück geteilter Zeit und in allem und über allem: der Lobpreis und Ehre für Gott.

2.Petrus1,10 Darum, liebe Brüder, bemüht euch desto mehr, eure Berufung und Erwählung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr nicht straucheln

Die Berufung und Erwählung macht uns nicht zu „Marionetten” in Gottes Hand, er läßt uns „Person” bleiben mit eigener Verantwortung.
Die Erwählung ist kein Freibrief zum Sündigen. Gegen eine unberechtigte Selbstsicherheit wendet sich das NT mit seinen Imperativen, den Aufforderungen zum Gehorsam. Darum betont Petrus den Eifer, „Berufung und Erwählung festzumachen“. „Fest“ ist ein Begriff der Rechtssprache und bedeutet „rechtskräftig“ (vgl. Mk 16,20; Hebr 2,2f.; Phil 1,7). Die Heilsgewissheit beruht auf der rechtsgültigen Verheißung und im Wort Gottes (1. Kor 1,6.8; Hebr 6,16.19; 2. Petr 1,10.19).
Wir können unsere „Berufung und Erwählung“ nicht noch fester machen, als sie es schon sind, denn Gottes ewige Pläne können nicht umgestoßen werden. Leben in der Heiligung hält uns vom Straucheln ab. Es geht dabei nicht darum, dass wir in ewige Verdammnis fallen könnten, denn das Werk Christi errettet uns davor.
Hier ein versuch, anhand eines unvollkommenen Beispiels. Angenommen, jemand, der wohlhabend und gütig ist, ermöglicht einem armen Jungen, der von sich aus keine Gelegenheit dazu gehabt hätte, ein Universitätsstudium. Der junge Mann kann jedoch erst dann von ihm zuteil gewordenen Vorrecht Gebrauch machen, wenn er bereit ist, zu arbeiten, zu studieren und keine Mühe zu scheuen. Je härter er arbeitet, desto mehr nützt ihm das Vorrecht. Erst wenn das großzügige Angebot sich mit persönlicher Anstrengung verbindet, kann es voll wirksam werden. So verhält es sich auch mit Gott und uns. Gott hat uns zwar in seiner unverdienten Gnade und Barmherzigkeit berufen, doch wir selbst müssen uns gleichzeitig mit allem Fleiß darum bemühen, voranzukommen auf dem Wege zu ihm.

2.Petrus1,9 Wer dies aber nicht hat, der ist blind und tappt im Dunkeln und hat vergessen, dass er rein geworden ist von seinen früheren Sünden.

Je mehr wir mit und für Christus leben, desto besser lernen wir ihn kennen. Uns in den genannten Tugenden immer mehr zu vervollkommnen heißt, Jesus Christus immer besser kennen und ihm immer näher kommen.
Wenn wir diese Mühe jedoch scheuen, geschieht folgendes, a) Wir werden blind; wir bleiben ohne das Licht, das uns die Erkenntnis Jesu Christi bringt. Ohne Christus leben, heißt nach Petrus im Dunkeln tappen und den Weg nicht erkennen können, b) Wir werden, was Petrus myöpazön nennt. Dieses Wort kann zweierlei bedeuten. Erstens kurzsichtig. Es ist nicht schwer, kurzsichtig zu sein im Leben und alles nur so zu nehmen, wie es sich im Augenblick darbietet, statt auf weite Sicht zu denken. Es ist nicht schwer, immer nur das Vordergründige, niemals aber das Hintergründige zu sehen. Das Wort kann aber auch heißen blinzeln, die Augen schließen. Auch das ist nicht schwer: die Augen vor dem zu verschließen, was wir nicht sehen möchten, zu leben, als hätten wir Scheuklappen, die unser Blickfeld auf das einengen, was zu erkennen uns angenehm ist, sowohl im Hinblick auf uns selbst als auch im Hinblick auf die Welt.
Der Vorwurf, sie hätten vergessen, dass sie die »Reinigung« ihrer „alten Sünden empfangen“ haben, ist hart. Schon David mahnt sich selbst: „… vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: Der dir alle deine Sünde vergibt“ (Ps 103,2f.). Wer die Sündenvergebung vergisst, missachtet als Erstes Jesu und Gottes Liebe; der nimmt zum anderen Gottes Willen nicht ernst; schließlich steckt in diesem Wort die Mahnung, doch ja nicht vergebene Sünde neu in sich aufleben zu lassen bzw. alte (Lieblings -) Sünden, die eigentlich vergeben sein sollten, weiter mit sich zu tragen oder sich von ihnen beschweren zu lassen (1. Joh 3,19-21).
Reinigung ist die Übersetzung von katharismos, von dem sich das eingedeutschte Wort Katharsis („Läuterung“) herleitet. Die derartige Sünde eines Gläubigen macht ihn unsicher bezüglich seiner Reinigung und Errettung von seinem früheren Leben (Eph 2,4-7; 5,8.26; Tit 3,5-6; Jak 1,18; 1Petr 1,23; 1Jo 1,7). Diese Art geistlicher Vergesslichkeit führt dazu, dass solche Christen alte Sünden erneut begehen. Außerdem raubt sie ihnen ihre Heilsgewissheit.
Ohne Christus leben heißt der Gefahr ausgesetzt sein, einen kurzsichtigen oder engbegrenzten Lebensstandpunkt einzunehmen.

2.Petrus1,8 Denn wenn dies alles reichlich bei euch ist, wird’s euch nicht faul und unfruchtbar sein lassen in der Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus.

Der Aufruf von Petrus ist sehr charakteristisch für die neutestamentlichen Belehrungen über Heiligkeit und Heiligung. Die Aufforderung zur Heiligung im Neuen Testament fußt niemals auf dem Gesetz; niemals wird uns diktiert, was wir im einzelnen zu tun und zu lassen haben. Anstelle von Hinweisen auf Einzelvorschriften werden unsere Einsicht und unser Verständnis angesprochen: Wenn ihr vorgebt, gewisse Dinge zu glauben und wirklich meint, was ihr sagt, dann müsst ihr notwendigerweise auch gewisse Dinge tun. Das Neue Testament macht die Heiligung zu einer sinnvollen und vernünftigen Angelegenheit, nicht aber zu einem gesetzlichen Zwang.
Die Wendung “wenn dies … bei euch ist” betont, dass die genannten geistlichen Eigenschaften den Christen “angehören”. Sie müssen jedoch auch etwas mit diesen Tugenden anfangen. Ein wirksames und fruchtbares geistliches Leben führen sie, wenn dies alles reichlich vorhanden ist. Nur dann kommt es zu einem Fortschreiten in der Gnade. Ein Gläubiger, der sich in diesen sieben Gebieten nicht weiterentwickelt, ist faul und unfruchtbar in seiner Erkenntnis (epignosin, wörtlich “vollständige persönliche Kenntnis”; vgl. V. 2 – 3; 2. Petr 2,20) unseres Herrn Jesus Christus. Auch hier kann wie bei Vers 2 die Vorsilbe epi vor gnosis das tiefere Eindringen in die Erkenntnis unterstreichen. Zugleich ist der Satz auch wieder gegen die neuen Strömungen gerichtet, die ihre „Erkenntnis” rühmen und gegen einen „bloßen Glauben” ausspielen.
Der Vers wird zugleich gegen falsche Gnosis gewandt sein. Gnosis, die ohne sittliche Zucht zur Erkenntnis kommen wollte, ist auf falschem Weg. Nein, zur echten Erkenntnis kommen wir auf dem Wege der „Gnostiker” gerade nicht. Nur die praktischen Betätigungen christlichen Lebens, die im Glauben ihre Wurzel haben (V. 5), bringen uns tiefer in die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus hinein. Es geht ja nicht um das gedankenmäßige Erfassen von „Wahrheiten”, sondern um das Erkennen einer „Person”, um ein unmittelbares Erkennen, durch das personhafte Gemeinschaft zustande kommt.

2.Petrus1,7 und in der Frömmigkeit brüderliche Liebe und in der brüderlichen Liebe die Liebe zu allen Menschen.

So geht der Blick von Gott wieder zu den Menschen zurück, unter denen wir leben und wirken. Die „Gnostiker” und die großen „Geistesmenschen” unter ihnen lassen es gerade an dieser Blickwendung fehlen, die es ermöglicht, den Menschen im Licht der Liebe Gottes zu sehen. Mangelnde Liebe bei allen geistigen Höhen – das ist es, was Paulus und Johannes grundlegend der „Gnosis” vorwarfen. Der Stoiker Epiktet blieb unverheiratet und behauptete halb im Scherz, er tue für die Welt als unabhängiger Philosoph wesentlich mehr, als wenn er „zwei oder drei drecksnasige Kinder” in die Welt gesetzt hätte. „Wie kann jemand, der die Menschheit unterweisen muss, sich um das Badewasser eines kleinen Kindes kümmern?” Petrus sagt also, es sei etwas falsch, wenn die Anforderungen der Menschen eine ärgerliche Unterbrechung für den Gläubigen darstellten.
Darum mahnt er: In der Frömmigkeit aber die Brüderlichkeit, in der Brüderlichkeit aber die Liebe. Natürlich kann man Philadelphia auch mit Brüderliebe übersetzen, dann muß man aber zu dem folgenden Wort „Liebe” das Wort „allgemein” hinzufügen, das im grie Text nicht steht. Philein hängt mit philos = „Freund” zusammen und bezeichnet darum das „freundliche”, herzliche Verhalten zum „Bruder”, eben die Brüderlichkeit. Mit Liebe = Agape aber ist Gottes einzigartiges, bedingungsloses Lieben gemeint, das wir in Jesus vor Augen haben. Und eben diese Gottesliebe ist durch den Heiligen Geist in unsern Herzen ausgegossen, und sie ist die Grundfrucht des Geistes (Rö 5, 5 b; Gal 5, 22).
Es fällt auf, dass dieses Loblied mit dem Glauben beginnt und mit der Liebe endet. Auf dem Fundament ihres Glaubens an Christus aufbauend können die Christen ein wahrhaft christliches Verhalten an den Tag legen, in dem diese sieben Tugenden, die in der Nächstenliebe gipfeln, wirksam sind (vgl. “Glaube” und “Liebe” in Kol 1,4 – 5; 1. Thess 1,3; 2. Thess 1,3; Phlm 5).
Die christliche Bruderliebe ist nicht bloß ein Humanitätsgefühl, wie es sich etwa in den Worten ausdrückt: „Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt”, sondern Ausdruck der sich ganz verschenkenden Liebe, des Daseins für andere. Sie ist Abbild dessen, von dem Johannes sagt: „Gott ist Liebe” (1 Jo 4,16).

Die Himmelfahrt und Erhöhung Jesu Christi und ihre Bedeutung

An Christi Himmelfahrt, im Volksmund Vatertag genannt, treffen sich die Männer, gehen mit einem Bollerwagen und einem Fass Bier in den Wald und kommen erst wieder zurück, wenn das Fass leer und der Vater voll ist; so will es das Klischee. Der Anlass für diesen arbeitsfreien Tag ist aber christlicher Natur, nämlich die Himmelfahrt Christi.
Von der Himmelfahrt Christi berichtet die Bibel nur in wenigen Sätzen, die Suchmaschine google kennt über 62.000 Internetseiten zu diesem Thema.
Wer sich mit der Bedeutung von Christi Himmelfahrt beschäftigt, landet sehr schnell bei zentralen christlichen Themen: Was hat Jesus von Nazareth damals gemacht, was macht er jetzt und in welchem Verhältnis steht er zu Gott Vater im Himmel. Weiterlesen

2.Petrus1,6 und in der Erkenntnis Mäßigkeit und in der Mäßigkeit Geduld und in der Geduld Frömmigkeit

Die Vorstellung, dass das Christentum eine unendliche Folge von Bergerlebnissen sei, ist unrealistisch. Es gibt tägliche Routine, unangenehme Aufgaben, entmutigende Umstände, bitteres Leid und zerstörte Pläne. „Geduld“ ist die Kunst, angesichts alles dessen auszuhalten und weiterzumachen, mag auch vieles gegen uns stehen.
Zur Mäßigkeit, zur Selbstzucht muss Standhaftigkeit hinzukommen, hypomone, wie es im griechischen Text heißt. Dieses Wort ist in der revidierten Lutherbibel mit Geduld übersetzt, einem Begriff, der leicht zu passiv aufgefasst werden kann. Der Verfasser des Hebräerbriefes sagt von Jesus, um der zukünftigen Freude willen habe er das Kreuz erduldet und der Schande nicht geachtet (Hebr. 12, 2).
Jedes echte und wirksame Leben für Gott begegnet dem mächtigen Widerstand der Welt und ihres unheimlichen Fürsten. Da gilt es viel auszuhalten und zu tragen. Darum wird auf die Tragkraft „Geduld” im NT immer wieder hingewiesen (auch Gal 5, 22). Wenn Petrus nun einfügt: in der Tragkraft aber die Frömmigkeit, dann kann uns das zunächst wundern. War nicht in V. 3 die Frömmigkeit als etwas Umfassendes und Grundlegendes genannt? Warum nun hier mitten in dieser Reihe? Vielleicht, damit wir Enthaltsamkeit und Tragkraft nicht hart und schwer empfinden, sondern es erwarten, dass gerade im Verzichten auf Lockungen, in unserer Selbstzucht und im standhaften Tragen von Leiden für Gott die Freude am Herrn und die Hingabe an ihn wächst. Vor allem aber wohl deshalb, weil wirkliche „Brüderlichkeit” und eigentliche „Liebe” erst möglich wird in unserem Verhältnis zu Gott. Immer ist es Gott, der „zuerst” „liebt” und durch die Hingabe Jesu in den Tod uns aus  dem Tod unserer Lieblosigkeit in das Leben der Liebe bringt. 
Frömmigkeit bezieht sich auf die Verpflichtung der Menschen zur Ehrfurcht vor Gott. Im heutigen Sprachgebrauch haben die Wörter “Frömmigkeit” und “fromm” leider nicht mehr den Klang und Stellenwert, der ihnen eigentlich zukommt.