Postmoderne: „Jeder hat recht“ ist unlogisch

Der Religionsphilosoph Professor Daniel von Wachter hat in einem Interview dem Medienmagazin pro über das Denken der Postmoderne den Wahrheitsrelativismus scharf kritisiert:

Daniel von Wachter: Postmodernismus ist nicht eine Analyse des Denkens der Mehrheit der heutigen Menschen, sondern besteht aus bestimmten Behauptungen bestimmter Autoren. Zum Beispiel: Es gibt keine objektive Wahrheit; es gibt keine Wirklichkeit, die von uns unabhängig ist; Vernunft und Wissenschaft sind nur Herrschaftsinstrumente; Texte haben keine zu entdeckende Bedeutung. Interessant ist, dass die vier Hauptautoren dieser Art von Rhetorik – Lyotard, Derrida, Rorty, Foucault – alle einen sozialistischen Hintergrund haben.

Wie denken Postmodernisten über den christlichen Glauben?

Die Postmodernisten greifen die bloße Tatsache an, dass das Christentum eine Lehre hat; eine Botschaft, die wahr sein soll. Sie greifen die christliche Lehre nicht so an, wie es redlich und sinnvoll wäre, indem sie ihr Argumente entgegenhalten und sagen: Das ist falsch aus den und den Gründen. Stattdessen behaupten sie, Wahrheit und Wirklichkeit gebe es gar nicht. Zweitens greifen die Postmodernisten die Lehre der Christen an, dass die Bibel Gottes Wort und verbindliche Quelle der Lehre sei. Wieder geben sie keine Argumente, sondern sie sagen: Ein Text hat gar keine zu entdeckende Bedeutung. Jeder schafft sich seine eigene Bedeutung.

Wenn es keine Wahrheit gäbe, wäre jede Meinung gleichermaßen richtig?

Es hat keinen Sinn, zu sagen: „Wenn jemand das anders sieht als ich, dann hat er ebenfalls recht.“ Das ist ein Widerspruch, es ist unvernünftig, so etwas zu sagen. Die Idee, dass man so einen Widerspruch „aushalten soll“, wird oft als menschlich und liebevoll dargestellt. Es ist aber unlogisch, wenn ich etwas glaube und das Gegenteil auch für richtig halte. Das bringt niemanden weiter. Wir wollen doch wissen, was richtig ist, und uns entsprechend entscheiden. Man darf die Wahrheit nicht gegen die Liebe ausspielen. Daher sollte man nicht sagen: Damit ich mehr Liebe übe, darf ich niemandem mehr widersprechen. Es ist sogar liebevoller, wenn ich versuche, ihn zu überzeugen, weil ich ja will, dass der andere auch die Wahrheit, also die richtige Auffassung erlangt. Manchmal ist es zum Beispiel in einer Gemeinde richtig zu sagen: „Wegen dieser Meinungsverschiedenheit trennen wir uns nicht“. Aber es ist töricht zu sagen: „Ich meine X, aber ich will nicht sagen, dass Nicht-X falsch wäre.

Mehr: www.pro-medienmagazin.de.

Siehe dazu auch: Ron Kubsch: „Warum das Christentum für François Lyotard eine Emanzipationserzählung ist“, mbstexte085.pdf sowie „Vom Ende der großen Erzählungen Jean François Lyotard und das Das postmoderne Wissen“, mbstexte003.pdf.
http://theoblog.de/postmoderne-jeder-hat-recht-ist-unlogisch/28142/

Unser unsinniger Glaube

„Sie treffen sich jeden Freitag um zehn Uhr. Dann feiern die Angehörigen der ‘Kirche des fliegenden Spaghettimonsters’ im brandenburgischen Templin ihren Gottesdienst, natürlich nach angemessenem Zeremoniell: Piratenkappen als Kopfbedeckung sind die Regel, alternativ akzeptieren die Gläubigen auch Nudelsiebe.“

So hieß es im „Spiegel Online“ unter der Überschrift „Ausgenudelt“. Doch an den vier Ortseingängen des Ortes in der Uckermark dürfen die selbsternannten Pastafaris laut Gerichtsbeschluss nun doch nicht ihre Hinweisschilder auf die „Nudelmesse“ anbringen. Auch mit dieser Aktion wollten die Anhänger der satirischen Religionsgemeinschaft gegen die Bevorzugung der großen Kirchen protestieren.

Die Pastafaris geben vor, an die Existenz eines Fliegenden Spaghettimonsters (FSM), eines Ungetüms mit Nudel-Tentakeln und Frikadellen-Augen, zu glauben. Die Kirche um den Kult dieses Phantasiewesens wurde 2005 vom US-Physiker Bobby Henderson gegründet, der damit vor allem den angeblich zunehmenden Einfluss des Kreationismus auf den Schulunterricht kritisieren will. 2006 erschien sein The Gospel of the Flying Spaghetti Monster.

Inzwischen sind die Pastafari eine weltweite Bewegung. In Neuseeland ist die Pseudokirche seit vergangenem Dezember sogar als Religionsgemeinschaft anerkannt und darf daher kirchliche Trauungen durchführen. In Wellington hat jüngst das erste Paar der Pastafaris im Piraten-Outfit legal geheiratet (s. hier). Für die Hochzeit hat die „Kirche des Fliegenden Spaghetti-Monsters“ auch noch alle möglichen Traditionen erfunden.

Spaghetti

Von Einhörnern und Teekannen

Das fliegende Spaghettimonster ist nicht die erste Religionspersiflage dieser Art. Schon vor Jahrzehnten dachten sich Kritiker des Christentums das „unsichtbare rosafarbene Einhorn“ aus. Dazu heißt es: „Der Sinn dieser Albernheit besteht darin, den Theisten vor Augen zu führen, dass ihre Predigten den Atheisten wahrscheinlich ebenso glaubwürdig und ernsthaft erscheinen wie ihnen selbst das Predigen des unsichtbaren rosafarbenen Einhorns durch die Atheisten […].“

Als Vater dieses Denkmusters gilt der Philosoph Bertrand Russell (1872–1970). Der kämpferische Atheist sprach in seinem Essay „Is there a God?“ vom Glauben an eine fliegende Teekanne im Kosmos:

2000px-Russell's_teapot.svg„Wenn ich behaupten würde, dass es zwischen Erde und Mars eine Teekanne aus Porzellan gäbe, welche auf einer elliptischen Bahn um die Sonne kreise, so würde niemand meine Behauptung widerlegen können, vorausgesetzt, ich würde vorsichtshalber hinzufügen, dass diese Kanne zu klein sei, um selbst von unseren leistungsfähigsten Teleskopen entdeckt werden zu können. Aber wenn ich nun zudem auf dem Standpunkt beharrte, meine unwiderlegbare Behauptung zu bezweifeln sei eine unerträgliche Anmaßung menschlicher Vernunft, dann könnte man zu Recht meinen, ich würde Unsinn erzählen. Wenn jedoch in antiken Büchern die Existenz einer solchen Teekanne bekräftigt würde, dies jeden Sonntag als heilige Wahrheit gelehrt und in die Köpfe der Kinder in der Schule eingeimpft würde, dann würde das Anzweifeln ihrer Existenz zu einem Zeichen von Exzentrik werden. Es würde dem Zweifler in einem aufgeklärten Zeitalter die Aufmerksamkeit eines Psychiaters einbringen oder die eines Inquisitors in früherer Zeit.“

Russells Teekanne wurde in Anlehnung an den ICHTHYS-Fisch der Christen als Aufkleber und Anstecker gestaltet: „RUSSELL“ statt „JESUS“.

Richard Dawkins dazu im Gotteswahn: „Russells Teekanne steht natürlich für eine unendlich große Zahl von Dingen, deren Existenz man sich ausmalen und nicht widerlegen kann. […] Russells entscheidende Aussage lautet: Die Beweislast liegt nicht bei den Ungläubigen, sondern bei den Gläubigen.“ Im Klartext: der Christengott ist so real wie Russells Teepott im All.

Dawkins geht aber natürlich noch einen Schritt darüber hinaus. Dass Christen Gründe für ihren Glauben vorlegen sollen, ist nachvollziehbar. Er spricht jedoch von Beweislast und gibt zu verstehen, dass für den christlichen Glauben keinerlei Beweise vorliegen. Daher sei dieser so vernünftig wie der Glaube an die kosmische Teekanne.

Der recht primitive Positivismus und Naturalismus des Briten hält aber selbst keiner genauen Prüfung stand. Die Existenz Gottes und der Glaube an ihn sind im strengen Sinn nicht beweisbar, woraus aber gerade nicht folgt, dass das Christentum Unsinn ist. Zahlreiche Dinge können wir nicht beweisen, ja alles außerhalb der Mathematik und Logik entzieht sich der Beweisbarkeit; auch in den Naturwissenschaften gibt es keine Beweise im eigentlichen Sinn. Unwiderlegbarkeit als solche besagt ebenfalls nicht viel. Dass nur das existiert, was man mit den Sinnen wahrnehmen kann, lässt sich ebenfalls nicht völlig widerlegen.

Gewiss müssen Gläubige Argumente für die Wahrheit ihrer Überzeugungen auf den Tisch legen, aber dies gilt genauso für Atheisten. Beide Seite stehen vor der gleichen Herausforderung: Welches Glaubenssystem erklärt die Phänomene unserer Welt besser? Und beide Seiten müssen Offenheit für kritische Anfragen zeigen und falsche Immunisierung, d.h. Verschließen vor Kritik, meiden.

Der Glaube an Jesus ist Quatsch

Wie verlassen hier die philosophische Diskussion und gestehen mit den Fans des fliegenden Spaghettimonsters ein: Ja, ihr habt schon recht; es war schon immer so, dass der Glaube an den Christengott in den Augen vieler als Blödsinn erscheint.

Jede Zeit lässt dabei jeweils andere Lehren des Christentums ins Visier geraten. In der Aufklärung war es neben den Wundern die Dreieinigkeit. Immanuel Kant stellte im Streit der Facultäten (1798) dar, dass es Aufgabe der Philosophen ist, den Ursprung und Wahrheitsgehalt der christlichen Lehren „mit kalter Vernunft öffentlich zu prüfen und zu würdigen, ungeschreckt durch die Heiligkeit des Gegenstandes […].“ Der Königsberger Philosoph war sich sicher: „Aus der Dreieinigkeit… läßt sich schlechterdings nichts fürs Praktische machen […].“ Man könne daher getrost auf sie verzichten. Damals sprach Thomas Jefferson (3. US-Präsident) spöttisch vom „unverständlichen Kauderwelsch trinitarischer Rechenkunst“; dieses „künstliche Gerüst“ müsse nur abgerissen werden, und dann würden die „reinen und einfachen Lehren Jesu“ wieder zu Tage treten. Schon 1764 geizte Voltaire im Dictionnaire Philosophique nicht mit Spott über die Trinität.

Im römischen Reich zur Zeit der Apostel hatte man mit der Todesart Jesu große Probleme, und das ist noch gelinde ausgedrückt. Paulus gestand in 1 Kor 1,18 ein, dass das „Wort vom Kreuz“ keinen Sinn macht – „in den Augen derer, die verloren gehen“. Das gr. moria hier und z.B. in 1 Kor 1,23 wird meist mit „Torheit“ widergegeben; die NGÜ übersetzt heute angemessener mit „völliger Unsinn“.

Diese Wahrnehmung der christlichen Botschaft im 1. Jahrhundert ist tatsächlich nachzuvollziehen. Der jüdische Monotheismus, der Glaube an einen einzigen Gott, fand damals durchaus Anklang in der intellektuellen Elite des römischen Reiches. In den Spuren Platos lösten sich viele Nachdenkende von einer eher primitiven Art des Heidentums. Bernhard Kaiser schreibt hier:

„Der denkerische Aufstieg zur Ideenwelt und der Entschluß, den jenseitigen ethischen Idealen zu folgen, konnte die Griechen begeistern. Mit dieser Anschauung mußten sie nicht mehr zu den Tempeln laufen und vor stummen Götzen irgendwelche religiösen Übungen verrichten. Weise wollten sie sein, aufgeklärter als das primitive Volk mit seinen Tempeln und Opfern. Klüger auch als die Juden mit ihrem Tempel in Jerusalem und ihren Synagogen und ihrem für nichtjüdische Augen seltsamen Kultus mit seinen Reinheitsvorschriften, seinem Zeremoniell und seiner Gesetzlichkeit.“

Den Platonikern und Stoikern predigten die Christen aber keine ferne Ideenwelt und auch keinen „unbewegten Beweger“ (Aristoteles), sondern einen in der fernen Provinz gekreuzigten Juden, der dann auch noch von den Toten auferstanden sein soll. Eine absurdere Kombination konnten sich die damaligen Denker wohl kaum vorstellen. Schließlich war das Kreuz so verachtet, dass das Wort den Menschen damals noch nicht einmal über die Lippen kam. Und wozu soll eine leibliche Auferstehung gut sein? Ist doch der Körper das Gefängnis der Seele, das es hinter sich zu lassen gilt. Mit einem „denkerischen Aufstieg zur Ideenwelt“ hatte all das nichts, aber auch gar nichts gemein.

Kern der Guten Nachricht ist außerdem die Überzeugung, dass Jesus der einzige Weg zur Erlösung ist. Auch diese Botschaft von der Vermittlung des Heils durch einen einzigen Erlöser war schon damals äußerst anstößig. Keiner der Götter oder der halbgöttlichen Helden oder der vergöttlichten Imperatoren verlangte exklusive Anbetung, Verehrung und Loyalität. Damals wie heute müssen sich die Christen deshalb den Vorwurf der Intoleranz gefallen lassen.

„Alexamenos betet seinen Gott an“

Die Christen verkündeten dennoch unerschrocken das Wort vom Kreuz. Die Kreuzesbalken als Symbol ihres Glaubens setzten sich aber erst Jahrhunderte später durch. Selbst Kreuzesdarstellungen finden sich in der frühen Christenheit nicht. Jesus wird bevorzugt als Guter Hirte und Wundertäter dargestellt.

alexamenos-graffiti

Die älteste bekannte Kreuzesdarstellung wurde im Jahr 1856 auf dem römischen Palatin entdeckt: eine Kritzelei an der Wand einer Kaserne aus dem Jahre 125. Auf dem Kreuz hängt eine menschliche Gestalt mit einem Eselskopf, darunter kniend ein Soldat und der Spruch „Alexamenos betet seinen Gott an“ (Alexamenos sebete theon). Ein römisches Graffito, ein Spottkreuz. Bei den Römern war ein Esel die hämische Darstellung eines Juden (vergleichbar mit der „Judensau“ des Mittelalters). Gott am Kreuz? Dieser Gott ist ein Esel, und wer ihn anbetet, ist es auch!

Menschen werden Menschen

Unsinn ist aber nicht gleich Unsinn. Mit manchen Vorwürfen oder Anwürfen ringen Christen bis heute wie die genannte Exklusivität. Vieles andere ist dem Wandel der Zeit unterworfen. Dass ihr Erlöser ein Jude war, stellte in den ersten Jahrhunderten ein großes Problem dar; später blendete man die Nationalität Jesu weitgehend aus. Die Wundertätigkeit Jesu wurde erst in der Neuzeit ein Anstoß, war es in der Antike aber ganz und gar nicht. Den Christen warf man in Antike sogar Atheismus vor, weil sie sich am Kult der Staatsgötter nicht beteiligten, existieren diese doch nicht. Die Religionskritik der Juden und Christen, die ersten ‘Atheisten’, wurde ab dem 19. Jahrhundert gegen sie selbst gerichtet.

Auch in der Sozialethik erschien der christliche Glaube in den ersten Jahrhunderten als purer Unsinn, brach er doch mit den Konventionen der Zeit. Drei Beispiele zum Abschluss.

Die heidnischen antiken Religionen entwickelten keine Sozialethik im eigentlichen Sinne, weil ihnen die Liebe zu Gottheiten und damit auch Nächstenliebe fremd war. Ganz anders im Christentum. In Antike Kultur und Neues Testament schreiben U. Victor, C.P. Thiede und U. Stingelin: „Die antike Religion ist im Wesentlichen ein Regelwerk, wie die Götter zu verehren sind. Außerdem ist sie der Weg, wie man sich ihres Wohlwollens versichert, wenn man Hilfe in den Wechselfällen des Lebens braucht. […] Den Göttern liegt daran, dass die Menschen sich ihnen gegenüber korrekt verhalten. Es ist ihnen nur ausnahmsweise wichtig, wie die Menschen sich untereinander verhalten. […] Ein Mensch konnte also fromm sein, aber gleichzeitig in seinem Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen vieles zu wünschen übrig lassen.“

Dagegen gehören im Judentum und Christentum Gottesverehrung, Gottesdienst, Herzensglaube und ethisches Verhalten zusammen. Der Soziologe Rodney Stark in The Rise of Christianity: Im Denken der Heiden „wurde die Einstellung, dass es die Götter kümmert, wie wir miteinander umgehen, als völlig absurd angesehen.” Selbst der französische Philosoph und Atheist Luc Ferry muss zugeben: „In moralischer Hinsicht hat das Christentum eine echte Revolution ausgelöst.“ (Apprendre à vivre)

Von dieser Revolution profitierten die Schwächsten in der Gesellschaft. So kannten Griechen und Römer die Vorstellung von unbedingt zu schützendem Menschenleben vor oder nach der Geburt nicht. Der Begriff der Menschenwürde war der Antike unbekannt, Abtreibungen daher an der Tagesordnung. In der Vision seines Idealstaates sah Platon auch das Verbergen von „irgendwie missgestalteten“ Kindern, ja die Beseitigung von Nachwuch vor (Der Staat, 460c). Der Philosoph nennt auch konkret Abtreibung und Sterbenlassen: „Wenn aber Frauen und Männer das Zeugungsalter überschritten haben, dann lassen wir die Männer ungehindert verkehren, mit wem sie wollen […]. Und dies alles erst, nachdem wir ihnen befohlen haben, eine Frucht womöglich überhaupt nicht austragen zu wollen, wenn sie empfangen ist; wird sie aber trotz allem geboren, dann ist sie so zu behandeln, als ob für ein solches Kind keine Pflege vorhanden wäre.“ (461b/c)

Das Aussetzen von unerwünschten Kleinkindern (ekthesis, expositio) war in der Zeit der frühen Christen nicht nur bekannt, sondern wohl auch recht weit verbreitet und in jedem Fall sozial akzeptiert. Das Haupt der Sippe, der paterfamilias, entschied letztlich über die Aufnahme der Neugeborenen in die Familie, und zwar in den ersten acht bis neun Tagen. Erst in diesem Alter fand die soziale Geburt statt, also etwas eine gute Woche nach der biologischen. Gründe für die Ablehnung von Säuglingen waren vielfältig und reichten von Armut über Illegitimität bis natürlich zur Behinderungen. Wie in so vielen Kulturen bis heute (man denke an China) führen solche Praktiken zu einem Überschuss an Jungen, so dass es auch zu Jesu Zeiten im Imperium deutlich mehr Männer gab.

Dank der Jesus-Bewegung wurden Kinder zu Menschen (s. dazu ausführlicher O.M. Bakke, When Children Became People: The Birth of Childhood in Early Christianity), ja alle Menschen erst zu vollgültigen Menschen. Doch man beachte: alle Menschen auch als Menschen anzusehen und zu behandeln, war vor zweitausend Jahren außerhalb des Judentums und Christentums ein wahrlich unsinniger Gedanken. (Natürlich löste die Kirche nicht sofort alle Missstände auf und sorgte z.B. nicht umgehend für eine allgemeine Sklavenbefreiung; dass aber Sklaven eindeutig und in jeder Hinsicht als Menschen anzusehen sind, war bald unstrittig.)

Neben dem Schutz von Leben war die Hilfe im Leid und die Krankenpflege ein wichtiger Aspekt der gelebten Barmherzigkeit. Gott zeigte seine Liebe, indem er um des Heils der Menschen willen seinen Sohn gab; daher sollen auch die Christen ihren Glauben in praktizierter Geschwister- und Nächstenliebe zeigen. Außerdem beteten die Christen einen leidenden Messias an, der seine Anhänger an die Unvermeidlichkeit des Leidens im Glaubensleben erinnerte. Das impliziert, dass Leiden kein Zeichen von Gottverlassenheit oder Versagen ist. Leiden wurde nicht mehr verdrängt, sondern in Theologie und Praxis integriert.

Rodney Stark schildert in The Rise of Christianity, dass selbst der berühmte Arzt Galen während einer Pestepidemie im 2. Jahrhundert so schnell wie er konnte aus Rom floh. „Galen fehlte der Glaube an ein Leben nach dem Tod“, so der Soziologe. „Es fehlten [den Römern] die lehrmäßigen Grundlagen und traditionellen Praktiken“ für ein System der Krankenfürsorge. Natürlich, so Stark, kannten auch die Römer Wohltätigkeit, aber dies hatte mit dem Dienst für die Götter nichts zu tun, d.h. Religion und Ethik waren, wie wir sahen, nicht verbunden. „Die heidnischen Götter straften kein unmoralisches Verhalten, weil sie selbst keine ethischen Forderungen stellten. Menschen verletzten die Götter nur durch Vernachlässigung oder Bruch der rituellen Standards.“

Ob nun Cyprian in Karthago oder Dionysius in Alexandrien – die Kirchenväter betonten unisono, dass die Epidemien keine Zeit der Verzweiflung sind, sondern der Freude, da Christen Hoffnung auf ewiges Leben haben und in dieser Hoffnung den Menschen dienen können. Daher flohen die Christen während der Pest nicht, sondern kümmerten sich um die Kranken. Berühmt wurden die Wortes des heidnischen römischen Kaisers Julian aus dem 4. Jahrhundert über die „verruchten Galiläer“, d.h. die Christen, „die nicht nur ihre eigenen Armen unterstützen, sondern auch unsere [also Nichtchristen]; jeder kann sehen, dass unseren Leute Hilfe von uns fehlt“. Christen wurden so zu Gründern der ersten Krankenhäuser.

Leidenden und Kranken helfen, die nicht zu meiner Sippe, zu meiner Klasse, zu meinem Volk, zu meiner Religion gehören – warum sollte man dies tun? Ist dies nicht völlig unsinnig?

Kein Ansehen der Person

Das Christentum schenkte der Welt die Idee des Individuums mit einer von Gott gegebenen Würde. Es ist jedoch keine individualistische Religion. Eine dritte revolutionierende sozialethische Idee war die über alle Standesgrenzen hinweg reichende Gemeinde.

Im ersten Jahrhundert gab es im römischen Imperium zahlreiche Vereinigungen (collegia) wie Zusammenschlüsse von Berufsgruppen oder die sehr populären Bestattungsvereine. Daneben wirkten auch nicht wenige kultische Gemeinschaften. Es ist aber zu beachten, dass diese Kultvereine, die sich um jeweils eine Gottheit scharten, nicht im Mittelpunkt des religiösen Lebens standen. Wie jüngst Larry Siedentop in Inventing the Individual zeigte, waren religiöse Kulthandlungen vor allem in der Familie und im Staat bzw. öffentlichen Leben angesiedelt. Frömmigkeit in den Kultvereinen trat hier nur als Ergänzung hinzu.

Im Christentum erhielt die Religion zum ersten Mal einen ganz eigenständigen sozialen Bereich – die Kirche als die Gemeinde der Gläubigen. Die Glaubensgemeinschaft als unabhängige Einheit neben Familie und Staat und gleichrangig mit ihnen war ein neues Phänomen. Wie im Heidentum gab es auch in den Gemeinden Rituale, aber das Verbindende waren nicht die Kulthandlungen im eigentlichen Sinne, sondern der gemeinsame Glaube an den Erlöser.

Die Christen versammelten sich frei und aus einem Geist der Liebe heraus, und das Allerwichtigste: in ihren Gemeinden wirkten Status, Herkunft, Nationalität, Geschlecht und alles, was der antiken Gesellschaft Struktur gegeben hat, nicht mehr als Mauer.

Heute ist nur noch schwer nachzuvollziehen, in welch hohem Maße die Gesellschaft im antiken Rom hierarchisch aufgebaut war. Alle Menschen waren streng nach Rang und Stellung bestimmten Schichten zugeordnet. Zu den wenigen honestiores ganz zuoberst zählten die Angesehensten, Mächtigsten und Reichsten, die natürlich selbst keine körperliche Arbeit verrichteten. Schon eine größere Gruppe machte den populus integer aus, die gehobene Mittelklasse, die (wir der Name schon sagt) schon etwas Integrität und Ehre beanspruchen konnten. Die große Masse der Bevölkerung wurden den humiliores zugerechnet: Arme, Bauern, einfache Handwerker, Sklaven; sie hatten keinerlei Ehre verdient. Die oberen Schichten verachteten die unteren und wollten mit ihnen natürlich möglichst wenig zu tun haben.

Das Christentum änderte dies radikal. In den örtlichen Gemeinden trafen Glaubenden aus verschiedenen Schichten aufeinander (wobei wohl nicht aus allen). Wenn in Apg 4,32 sogar betont wird, dass alle „ein Herz und eine Seele“ waren, dann war dies in der damaligen Kultur unerhört, ja nie dagewesen. Die christlichen Sakramente wurden zu echten Symbolen der Einheit, denn sie wurden allen, ob reich oder arm, Mann oder Frau, Sklave oder freier Bürger, gereicht. Und nicht zufällig wenden sich die meisten Briefe des Neuen Testaments ebenfalls an alle in den Gemeinden, denn alle unterstehen den Forderungen des Glaubens und der Ethik; alle sind zum Wachstum im Glauben berufen.

In 1 Kor 11 wird deutlich, dass es in den Gemeinden ernste Probleme durch die Spannungen zwischen Armen und Reichen gab. Auf dem Hintergrund der damaligen Gesellschaftsordnung überrascht dies überhaupt nicht. So sind auch die Warnungen im Jakobusbrief zu erklären, dass „Rang und Ansehen“ kein Kriterium für den Umgang der Christen sein dürfen (Jak 2, 1f). Man erinnere sich daran, dass dies in einer Zeit gefordert wurde, als die offene Verachtung der Armen sozial voll anerkannt war. Den Reichen mehr Ehre erweisen war das A und O der römischen Gesellschaft! Die ersten Christen schwammen gerade auch hier gegen den Strom.

Gemeinsame Grundüberzeugungen und Lehren, eine allen geltende Moral, gegenseitige Hilfe und Aufopferung; eine äußerst flache Hierarchie von die Gemeinde leitenden Ältesten als Diener aller Gläubigen, und daneben nur noch die Diakone, die sich um die Schwachen. Alten und Armen kümmern – es gab Vorbilder wie die Synagogengemeinden der Juden, aber dennoch war die christliche Gemeinde ein collegium ganz neuen Stils.

So bekam schließlich nicht zuletzt durch christlichen Einfluss der lateinische Begriff socius eine neue Bedeutung. Er verlor seinen rein politischen Sinn (die socii waren die militärischen Bundesgenossen Roms) und wurde dann in der Neuzeit zu unserem „sozial“ – das gemeinsame Leben und das Kümmern um den Anderen betreffende Dinge.

Menschenwürde für alle, Barmherzigkeit als Tugend und die Standesgrenzen überschreitende Gemeinde – was uns heute attraktiv und ganz unanstößig erscheint, war einst eine Torheit. Der Spott über das Christentum sollte sich daher in Grenzen halten, trifft man damit doch auch den Ast, auf dem man sitzt. Der christliche Glaube ist in allen Zeiten auf verschiedene Weisen provozierend und hinterfragt viele geltende Maßstäbe. Beweisen lässt er sich nicht, aber man kann gut zeigen, dass dieser Unsinn die Geschichte zum Positiven geprägt hat. Die Kirche des Spaghettimonsters muss diesen Beleg erst noch antreten – wenn sie denn will.
http://lahayne.lt/2016/04/22/unser-unsinniger-glaube/

Weiterlesen

Glaube und Gehirn

Dass religiöse Menschen sich seit einigen Jahren aus einer ganz bestimmten weltanschaulichen Ecke pausenlos anhören müssen, sie seien dumm, irrational, ja: wahnsinnig (kurz: “Religioten”) und gehörten eigentlich in die Geschlossene (so wie in der guten alten Sowjetunion), ist das eine. Nun das andere: Die Zeitschrift Focus summiert die Erträge einer Studie der Case Western Reserve University (Cleveland, Ohio) wie folgt: “Wer an Gott glaubt, verwendet mehr Hirnzellen für Mitgefühl als für analytisches Denken. Das Gehirn von Atheisten arbeitet genau andersherum. Dadurch sind sie intelligenter, aber auch kaltherziger. Diese Eigenschaften definieren auch Psychopathen.”
Das können diejenigen, die sich angesprochen fühlen, natürlich nicht auf sich sitzen lassen und beschweren sich beim Presserat über den Focus, denn: “Die dramaturgische Gegenüberstellung des Atheisten mit ‘Psychopathen’ ist provozierend geeignet, die Weltanschauung einer bestimmten Personengruppe zu schmähen” (Humanistischer Pressedienst). Hier wäre nun zu fragen, wer diese “Gegenüberstellung” auf welcher Grundlage und mit welchen Motiven vornimmt: Bereits die Autoren der Studie (aufgrund der Ergebnisse) oder erst die Journalisten beim Focus (um Atheisten zu schmähen)? Geben diese die Quelle richtig wieder, rekonstruieren sie das Studienresultat korrekt? Das müsste man jetzt prüfen, so als Presserat.
Ich darf mir das sparen, denn erstens ist jetzt Wochenende und zweitens denke ich, ein solches Urteil kann in der allgemeinen Diktion nur falsch sein. Es kommt immer auf den Einzelnen an. “Wer an Gott glaubt” ist ebenso wenig eine sinnvolle wissenschaftliche Kategorie wie “das Gehirn von Atheisten”. Beides gibt es nicht im suggerierten Singular. Jeder kennt wohl Beispiele kaltherziger Katholiken, egoistischer Evangelikaler und scharfsinniger Juden, kennt Moslems ohne Mitleid, Atheisten mit Anstand und hochempathische Heiden. Und wenn nicht, wird es Zeit, sie kennenzulernen. Oder auch nicht. Und der Unglaube allein sorgt nicht notwendig für überragende Intelligenz. Umgekehrt auch nicht.
So wenig ich von Pauschalurteilen in die eine oder die andere Richtung halte und so sehr ich eine differenzierte Analyse von Studienergebnissen (einschließlich einer standesgemäßen methodologischen Kritik) schätze, so wichtig finde ich es, einmal festzuhalten, wie dünnhäutig bestimmte Menschen reagieren, wenn unvorteilhafte Zuschreibungen, deren Vornahme zur Diffamierung des weltanschaulichen Gegners sie üblicherweise applaudieren, sich plötzlich einmal gegen sie selbst richten. Wer sich erst dann empört, wenn er selbst von unsachlichen Zuspitzungen betroffen ist, darf sich nicht wundern, damit ganz unfreiwillig als sprechender Beleg für die Ohio-Focus-These zu gelten. Denn wer sich erst dann schlecht fühlt, wenn er selbst Opfer einer wilden Pathologisierung wurde, kann nicht gleichzeitig beanspruchen, über ein hohes Maß an Mit-Gefühl zu verfügen.
Die Frage, wer hier eigentlich das pathologisch relevante Hirn aufweist, sollte jedenfalls nicht allzu voreilig beantwortet werden. Vielleicht sollte man sich mit einer Antwort insgesamt und allgemein zurückhalten. Das ist die Lehre – für alle. Für die netten Gotteswahnsinnigen und die eiskalten Intelligenzbestien. Auch kein schlechtes Ergebnis einer US-amerikanischen Studie und ihrer deutschen Rezeption.  (Josef Bordat) https://jobo72.wordpress.com/2016/04/01/glaube-und-gehirn

Religiöser Stumpfsinnigkeit entfliehen

In ein oder zwei Generationen wird das, was jetzt noch Evangelikalismus ist, zu Liberalismus werden.
Die Gemeinde Christi lechzt heutzutage nach Menschen, die zur Lösung geistlicher Probleme ihren durchläuterten, engagierten Verstand gebrauchen. Unglücklicherweise hat der Fundamentalismus niemals einen großen Denker hervorgebracht. Wenn man das Werk der religiösen Presse seit der Jahrhundertwende überprüft, wird man nicht ein einziges Buch von einem Fundamentalisten finden, das den Beweis unabhängigen Denkens erbringt. Und was jene christlichen Gelehrten anbetrifft, die, obwohl orthodox, keinen besonderen Wert darauf legen, mit den Fundamentalisten in einen Topf geworfen zu werden, so haben sie es nicht viel besser gemacht.
Ich bin immer ein Evangelikaler gewesen und bin auch jetzt einer. Ich akzeptiere die Bibel als das wahre Wort Gottes und glaube felsenfest, dass sie alles zum Leben und zur Gottseligkeit Notwendige enthält. Ich stehe auf den Grundsätzen des historischen christlichen Glaubens und bin mir keiner geistlichen Sympathie mit dem Liberalismus in irgendeiner Form bewusst.
Doch ist es meine bittere Pflicht, festzustellen, dass ich nicht nur völlig kalt gelassen wurde von der intellektuellen Arbeitsleistung der Evangelikalen, sondern dass ich auch noch Beweise dafür gefunden habe, dass echtes religiöses Denken fast ausschließlich auf der Seite derjenigen geschieht, die sich aus dem einen oder anderen Grunde gegen den Fundamentalismus auflehnen. Wir, in den Evangeliumsgemeinden, haben still dabeigesessen und denen auf der anderen Seite das Denken überlassen. Wir haben uns damit zufrieden gegeben, die Worte anderer Männer nachzuplappern und religiöse Klischees ad nauseam [bis zur Seekrankheit] zu repetieren. Obwohl meine geistlichen Sympathien ganz auf der Seite des orthodoxen christlichen Glaubens stehen, muss ich dennoch bemerken, dass der Evangelikalismus, wie er im letzten halben Jahrhundert verfochten und gelehrt worden ist, die Tendenz hat, kritischgeistige Fähigkeiten zu paralysieren und konkretes Denken zu verhindern. Moderne Evangeliumschristen sind Papageien, keine Adler, und anstatt auf und ab zu segeln, um die grenzenlose Weite des Himmelreichs Gottes zu erforschen, sind sie damit zufrieden, auf ihren vertrauten Ästen zu sitzen und mit Fistelstimmen religiöse Worte und Phrasen nachzuplappem, deren Bedeutung sie kaum verstehen. In ein oder zwei Generationen wird das, was jetzt noch Evangelikalismus ist, zu Liberalismus geworden sein. Kein lebendiges Wesen kann lange von seiner Erinnerung existieren.
Die Christen dieser Generation müssen selbst hören und sehen, wenn sie der religiösen Stumpfsinnigkeit entfliehen wollen. Abgenutzte Schlagworte können sie nicht retten. Wichtige Gedanken werden in Worten ausgedrückt, doch ist es eine der Tragödien im Leben, dass Worte selbst dann noch widerhallen, wenn ihre Bedeutung schon lange verblasst ist. Das führt zudem Ergebnis, dass gedankenlose Männer und Frauen glauben, die Realität gepachtet zu haben, nur weil sie sich der Worte noch bedienen. Genau an diesem Punkt befinden wir uns heute. A. W. Tozer(1897-1963) Gott liebt keine Kompromisse.
http://distomos.blogspot.de/2015/09/religioser-stumpfsinnigkeit-entfliehen.html#more

Endlose Unsicherheit

Bei weltlichen Christen ist häufig eine Verherrlichung des Zweifels zu finden. Frei nach Descartes: „Ich zweifle, also bin ich.“ Es gehört fest zum eigenen Selbstverständnis alles in Frage zu stellen. Verschiedene Positionen zu einem Sachverhalt einander gegenüberzustellen, nur um dann die Relativität von beiden zu behaupten. Der grundsätzliche Zweifel ist das erstrebte Lebensgefühl, obwohl er natürlich gleichzeitig beklagt wird. In keinem Fall will man irgendetwas einfach akzeptieren oder von anderen übernehmen. Als authentisch gilt der, der zu allem noch ein „aber“ formuliert und dann auf sein Bauchgefühl hört. Ganz allgemein wird der eigene Bauch, die Emotion, das irgendwo tief in einem liegende Ahnen als einzig verlässliche Instanz gelten gelassen. Man ist gefangen in einer endlosen Schleife des Zweifels und einer bitter-süßen Unsicherheit. Weiterlesen

Ein Gott, der wirklich da ist

Der Theologe, der sagt, man solle Gott lieben, der aber nicht genau weiß, welche Beziehung zwischen seinem Wort »Gott« und dem Gott, der wirklich da ist, besteht, redet Unsinn. Es ist lächerlich, von der Liebe zu einem Gott zu reden, der gar nicht da ist. Betrachten Sie z. B. den modernen Theologen, der behauptet, das Gebet habe keine reale Grundlage. Das sagt Robinson in seinem Buch Gott ist anders eindeutig, indem er behauptct, es gebe keine wirkliche vertikale Beziehung zu Gott. Ein solches vertikales Verhältnis zu Gott ist einfach deshalb unmöglich, weil Gott — für Robinson — nicht ein solcher Gott ist, der einer vertikalen Beziehung einen Sinn verleihen könnte. Aber Gott ist ein persönlicher Gott, und deshalb ist die Aufforderung, ihn zu lieben, kein Unsinn.
Oder betrachten Sie andererseits den Humanisten, der den Menschen für eine Maschine hält. Wenn ich eine Maschine bin, chemisch oder psychologisch determiniert, dann ist mein Versuch der Liebe zu Gott bedeutungslos. Weiter: wenn Gott jenes große philosophische »Andere«, das unpersönliche All, ein panthcistisches »Etwas« ist, dann ist die Aufforderung, Gott zu lieben, entweder eine Illusion oder ein grausamer Schwindel.
Das gesamte Christentum steht und fällt mit der Existenz und dem Wesen Gottes und der Existenz und der Natur des Menschen — der Existenz und Natur des »Ich«. Aus diesem Grunde ist die einzige hinreichende Basis für das christliche Leben des einzelnen und der Gemeinde eine persönliche Beziehung zu dem Gott, der da ist und der persönlich ist.
Darüber hinaus müssen wir aber durch unser Leben zeigen, daß wir wissen: Gott ist wirklich da. Wir sagen allzu oft, Gott existiere, und bleiben dann in einer scholastischen, theoretischen Orthodoxie stecken. Allzu oft bekommt die Welt den Eindruck, daß wir unser ganzes organisatorisches Programm aufstellen, als existiere Gott gar nicht und als ob wir alles selbst auf der Grundlage moderner Reklametheorien machen müßten.
Stellen wir uns einmal vor, wir wachten morgen früh auf, öffneten die Bibel und stellten fest, daß zwei Dinge herausgenommen worden seien, nicht wie die Liberalen sie herausstreichen, sondern wirklich herausgenommen. Stellen wir uns vor, Gott hätte sie entfernt. Der erste fehlende Punkt sei die wirkliche Kraft des Heiligen Geistes und der zweite Punkt die Realität des Gebets. Folglich würden wir weiter den Befehlen der Schrift gehorchen und auf der Basis dieser neuen Bibel zu leben beginnen, die nichts über die Kraft des Heiligen Geistes und nichts über die Kraft des Gebets aussagte. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen: Würde sich dadurch morgen unser Leben wirklich von dem Leben unterscheiden, das wir gestern noch geführt haben? Glauben wir wirklich, daß Gott lebt? Wenn wir es tun, dann leben wir anders.
Francis Schaeffer schreibt in Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1971, S. 49–50): http://theoblog.de/gott-ist-wirklich-da/25662

Darf ein Atheist seinem Denken vertrauen?

Nehmen wir an, es gäbe keine Intelligenz hinter dem Universum, keinen kreativen Geist. In diesem Fall hätte niemand mein Gehirn designed, damit ich es benutze, um zu denken. Es wäre dann lediglich so, dass die Atome in meinem Schädel herumfallen, durch physikalische und chemische Kräfte, die sich selbst durch irgendeine Art und Weise rearrangieren, und das gibt mir – als Nebenprodukt – das Gefühl, das wir Gedanken nennen. Aber wenn dem so ist, wie kann ich dann darauf vertrauen, dass mein eigenes Denken richtig ist?
Das ist genauso wie wenn ich eine Kanne Milch aufstelle zum Kochen und dann darauf hoffe, dass sich aus den Spritzern die Stadtkarte von London bildet. Und wenn ich meinen eigenen Gedanken nicht trauen kann, dann kann ich auch nicht den Argumenten trauen, die zum Atheismus führen. Deswegen gibt es keinen einzigen Grund, Atheist zu sein. Wenn ich nicht an Gott glaube, kann ich auch nicht an den Gedanken glauben: So kann ich meinen Gedanken auch nicht benutzen, um nicht an Gott zu glauben.” C. S. Lewis

Glaube und Denken

Über die Notwendigkeit des Nachdenkens
Christen wird gerne vorgeworfen, dass sie das vernünftige Denken vernachlässigen. So schreibt der berühmte Astrophysiker Carl Sagan (1934–1996):

„Methodik und Ethik von Wissenschaft und Religion unterscheiden sich grundlegend. Die Religion fordert uns zum fraglosen Glauben auf, sogar (oder besonders) dann, wenn es keine eindeutigen Beweise gibt. Das ist ja gerade die zentrale Bedeutung des Glaubens. Die Wissenschaft dagegen fordert uns auf, nichts auf Treu und Glauben hinzunehmen, nicht unserem Hang zur Selbsttäuschung nachzugeben und angebliche Beweise abzulehnen. Der Wissenschaft gilt tiefe Skepsis als höchste Tugend. Die Religion erblickt darin oft ein Hindernis auf dem Weg zur Erleuchtung.“ (Gott und der tropfende Wasserhahn)

Gewiss ist in diesen Sätzen auch Wahrheit enthalten, dennoch zeichnet Sagan hier ein falsches Schwarz-Weiß-Bild. Noch schärfere Äußerungen in dieser Richtung gibt es natürlich beim Kopf der „Neuen Atheisten“, in Richard Dawkins Der Gotteswahn. Dort wirft der Oxforder Biologe allen Christen pauschal Irrationalismus und Unterdrückung des vernünftigen Denkens vor.

Natürlich gibt es Christen, die denkfaul sind. Doch dass das Christentum einen blinden Glauben verlangt, ist ein Mythos, der durch ständige Wiederholung nicht wahrer wird. In der griechischen Philosophie wurde der Verstand als höchster ‘Teil’ des Menschen angesehen. Dem ist tatsächlich zu widersprechen, denn die Vernunft ist nicht wichtiger als die Emotionen oder der Wille. Dennoch gilt, dass der Gläubige das Denken hoch achtet.

Das Denken ist grundsätzlich gut, denn Gott ist eine denkende Person und der Mensch denkt, weil er das Ebenbild Gottes ist. 26 Mal heißt es im AT über Gott, dass er „in seinem Herzen spricht“, d.h. nachdenkt (1 Sam 2,35; Ps 33,10–11; Jer 44,21). Natürlich denkt Gott nicht in der genau gleichen Weise wie wir. Er braucht nichts zu durchdenken, ist nicht gezwungen, mühsam zu Schlussfolgerungen zu kommen. Denn ihm sind alle seine Gedanken immer vollkommen gegenwärtig. Insofern ist Gott kein Philosoph, kein Freund der Weisheit, der diese suchen muss. Er ist die Sophia, die Weisheit, schlechthin.

Gott hat den Menschen den Verstand gegeben zur Kommunikation untereinander, mit ihm und für seine Aufgaben auf der Erde. Ein Gläubiger ist ein gern und bewusst denkender Mensch. John Stott betonte dies in Es kommt auch auf den Verstand an: „Durch die Heilige Schrift hat Gott gesprochen, das heißt, er hat sich durch Worte mitgeteilt… Kommunikation durch Worte setzt einen Verstand voraus, der verstehen und deuten kann“. Das Christentum ist in seinem Wesen eine Offenbarungsreligion, und diese rationale Offenbarung will verstanden werden.Stott

Stott zitiert den schottischen Theologen James Orr (1844–1913): „Wenn es eine Religion in der Welt gibt, die die Bedeutung der Lehre unterstreicht, dann ist das die Religion Christi. Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass das Lehrelement in heidnischen Religionen verschwindend klein ist – es geht hauptsächlich um die Ausführung eines Rituals. Genau an dieser Stelle unterscheidet sich das Christentum von anderen Religionen – es enthält Lehre. Es kommt zu den Menschen mit einer bestimmten, positiven Lehre; es beansprucht, die Wahrheit zu sein; es gründet Religion auf Wissen, obwohl es Wissen ist, das nur unter moralischen Voraussetzungen zu erlangen ist… Religion, losgelöst von ernsthaftem, erhabenem Denken, hat sich noch immer, durch die ganze Geschichte der Kirche, als eine Religion erwiesen, die immer schwächer, geistloser und ungesünder wurde. Der Intellekt, der so um seine Rechte innerhalb der Religion betrogen wurde, hat dann außerhalb nach Befriedigung gesucht – und dabei einen gottlosen Rationalismus entwickelt.“

Der US-Soziologe Rodney Stark hat auf diese Zusammenhänge in The Victory of Reason hingewiesen. Nur im Judentum und Christentum waren die Grundlagen für eine rationale Theologie gegeben (ein personaler, allmächtiger mit einer vernünftigen Kommunikation an seine Ebenbilder); nur dort wurde das intensive Nachdenken über Gott und seine Welt zu einer Tugend. Er schildert dann im Buch ausführlich die Folgen für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.victory_of_reason_hirez

Christen haben eine „neue Gesinnung“, sind „Umdenkende“ (gr. metanoia – Umkehr, Buße, wörtl. Umdenken; von gr. nous – Verstand). Wir sollen deshalb nicht gedankenlos in den Tag hineinleben (Spr 15,28; 14,15). Ein Christ unterstellt alles Denken dem Gehorsam Christi (2 Kor 10,3–6). Selbstbeherrschung/Besonnenheit hat auch viel damit zu tun, nicht den Trieben zu folgen, sondern erst nachzudenken und dann zu handeln (Spr 15,28; Apg 24,25; Röm 12,3; 1 Pt 4,7; 2 Pt 1,6; 1 Kor 7,29; Tit 1,8).

Gott will der Ausgangspunkt unseres Denkens sein, aber nicht unser Denken ersetzen! Der große Prediger Martyn Lloyd-Jones (1899–1981) in Studies in the Sermon on the Mount zu Mt 6,30 (das falsche Sorgen):

„Nach der Lehre unseres Herrn in diesem Abschnitt ist Glaube zunächst Denken, und die Schwierigkeit mit den Kleingläubigen ist, dass sie nicht denken. Und Gott lässt es zu, dass die Umstände sie dann strafen… Wir müssen mehr Zeit darauf verwenden, die Lektionen unseres Herrn durch Beobachtung und Anwendung zu lernen. Die Bibel ist voller Logik. Wir dürfen uns den Glauben nie als etwas rein Mystisches vorstellen. Wir setzen uns nicht einfach in den Sessel und erwarten Wunderdinge. Das ist nicht christlicher Glaube. Christlicher Glaube hat wesentlich mit dem Denken zu tun. Seht die Vögel an, denkt über sie nach und zieht eure Folgerungen, seht das Gras an und die Lilien auf dem Feld [Mt 6,26–30]… Der Glaube kann auch folgendermaßen beschrieben werden: Er ist wie ein Mann, der darauf besteht, zu denken, obwohl alles um ihn herum ihn intellektuell zu frustrieren scheint. Das Problem des Kleingläubigen ist, dass er sein Denken nicht kontrolliert und stattdessen sein Denken von etwas anderem kontrolliert wird. So bewegt er sich im Kreis. Das ist das Wesen der Sorge und der Quälerei… Das ist aber nicht Denken, sondern Gedankenlosigkeit, Unfähigkeit zu denken.“

In der deutschen pietistischen und erwecklichen Tradition wird dagegen das Denken nicht unbedingt hochgeschätzt. Recht einflussreich war Otto Riecker (1896–1989), Gründer der Bibelschule Adelshofen, mit seinem Buch Bildung und Heiliger Geist. Darin findet sich neben berechtigter Kritik am „Theologismus“ teilweise scharfe Polemik gegen den „griechischen Geist“. Manchmal ist nicht ganz klar, was Riecker meint, wenn er z.B. fordert, man solle „liebend“ statt „philosophisch denken“. Riecker bevorzugt die „unmittelbare Erfahrung“; der Glaube habe seinen Platz „in der unmittelbaren Erlebnissphäre“, nicht im „begrifflichen Denken“. Die direkte Steuerung durch den Hl. Geist stellt er der Lenkung durchs Gehirn, d.h. durch das Denken gegenüber. Wir müssten erlöst werden „von diesem ewigen Denkenmüssen“.Riecker

Zu Calvins (aber nicht nur Calvins!) Lehre von der doppelten Prädestination meint er selbstsicher: „Das war eine klare, theologistische Operation, die viel Streit hervorrief und die niemals christlich ist. So kann ein Jünger nicht denken. Das ist griechisches Denken… Niemals bestimmt Gott Menschen zur Verdammnis!“ Es wäre gerade an dieser Stelle zu fragen (und dies gilt aber auch für seinen gesamten Ansatz), wie er dies biblisch fundiert begründet. Riecker ist selbst viel stärker von seinen (platonistischen?) Denkvoraussetzungen geprägt, als ihm das bewusst ist. Intensiveres und selbstkritisches Nachdenken hätte ihm an mancher Stelle sicher geholfen. So presst er alles in sein doch arg enges Schema Philosophie/Scholastik/Theologismus gegen lebendigen Glauben/Geistesleitung/spirituelle Erfahrung.

Für hilfreicher halte ich die Schriften der Mitarbeiter der „L’Abri fellowship“, gegründet von Francis A. Schaeffer (1912–1984) Mitte der 50er Jahre in der Schweiz. L’Abri verbindet tiefe Frömmigkeit, evangelistische Motivation, Bibeltreue und eine Betonung von Kultur, Denken, Weltanschauung. Auf Deutsch zugänglich ist z.B. Jerram Barrs Artikel „Das vernachlässigte Denken“ (s. hier). Der langjährige Mitarbeiter des britischen L’Abri-Zweiges (nun in den USA lehrend) schreibt dort:

„Wir haben es versäumt, ein christliches Denken zu entwickeln, und wir haben es versäumt, dieses Denken auf unsere Kultur zu beziehen und anzuwenden, wenn wir versuchen, ihre Götzen bloßzustellen und Menschen für Jesus Christus zu gewinnen. Man braucht nur an die gängigen Redensarten zu denken, die es in der Kirche und um uns her gibt. Die Leute reden von einem „Sprung des Glaubens“, und sie sagen,  „Stell’  keine Fragen, glaub’ einfach!“, „Verlass dich nicht auf deinen Verstand“,  „Folge dem Herzen und nicht dem Verstand“, „Das Herz hat Gründe, von denen der Verstand nichts weiß.“ Ein christliches Denken und Bewusstsein ist von grundlegender Bedeutung, und darüber muss sich diese Generation von Christen Gedanken machen, wenn sie die Herausforderung der Zeit annehmen will…  Gott hat uns mit einem Verstand erschaffen, ob wir das nun mögen oder nicht. Wenn wir es nun versäumen, ein christliches Denken und Bewusstsein zu entwickeln oder in unseren jungen Leuten zu fördern, dann werden wir uns entweder in ein kulturelles Ghetto zurückzuziehen oder wir werden uns dem Denken der Welt anpassen.“ (s. auch www.labri-ideas-library.org/ und die Seite der britischen Studentenbewegung UCCF www.bethinking.org)

BlamiresSchon vor fast 50 Jahren beklagte der Brite Harry Blamires in The Christian Mind: How Should Christians Think? die Vernachlässigung des christlichen Denkens: „Der Verstand der Christen hat sich dem Trend der Zeit gebeugt. Er ist schwach und rückgratlos geworden wie nie zuvor“. Damit hat man sich selbst in der Öffentlichkeit zum Schweigen verdammt; der Glaube wurde privatisiert, die Wahrheit subjektiviert. Stott geht im Kapitel „Können wir konsequent denken?“ in Christsein in den Brennpunkten unserer Zeit I auf Blamires berühmtes Buch ein und formuliert gut: „Wenn wir ein rechtschaffenes, aufrichtiges Leben führen wollen, dann müssen wir auch in unserem Denken rechtschaffen und aufrichtig sein“ (im Original prägnanter: „If we want to live straight, we have to think straight“). Diese Tradition setzt der US-Theologe David F. Wells (geb. 1939) fort mit Werken wie God in the Wasteland oder No Place for Truth, or, Whatever Happened to Evangelical Theology?

All dies ist relevant für die Praxis, ja für die Ethik entscheidend wichtig. Denn Gott will nicht, dass wir seine Gebote einfach nachplappern, sondern über sie nachdenken, sie durchdenken und sie dann richtig anwenden – in unserer jeweiligen Situation; wir müssen gezielt und bewusst nachdenken, um gute Entscheidungen im Alltag fällen zu können. Und wir müssen uns meist viel mehr Gedanken darüber machen, warum wir nun so handeln wie wir handeln. Thomas Schirrmacher nennt den Bereich der Familie:

„Für Kinder christlicher Familien stellt es ein großes Problem dar, dass ihre Eltern oft einen frommen Lebensstil pflegen, aber nicht wissen, warum sie so oder so handeln. Das Vorbild der Eltern ist enorm wichtig, aber wenn Eltern nicht darüber nachgedacht haben, warum sie dieses für wichtig halten und jenes für grundfalsch, haben die Kinder keine Möglichkeit, einen eigenen Standpunkt zu finden. Entweder kopieren sie alles, oder werfen alles über Bord. Das Ziel ist aber, dass die Kinder verstehen, warum die Eltern so handeln, damit sie später in völlig anderen Situationen dieselbe Wahrheit anwenden können.“ (Führen in ethischer Verantwortung)TS

Ohne Nachdenken kommt man besonders in der Ethik nicht weit, da die Bibel ja zu vielen Themen gar nicht direkt Stellung nimmt. Wir müssen daher nachdenken, um aus der Bibel die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das Westminster-Bekenntnis (Art. 1,6): „Der ganze Ratschluss Gottes – bezüglich alles dessen, was notwendig ist zu seiner eigenen Ehre, zum Heil, Glauben und Leben der Menschen – ist entweder ausdrücklich in der Schrift niedergelegt oder kann mit guter und notwendiger Folgerichtigkeit aus der Schrift abgeleitet werden..“.

Als Beispiele aus der Sexualethik seien hier nur die Abtreibung, die künstliche Befruchtung  und der voreheliche Geschlechtsverkehr genannt, zu denen die Bibel herzlich wenig direkt sagt. Dennoch können gut begründete Positionen durch Exegese und eben Denken aus der Schrift abgeleitet werden. Schirrmacher weißt schließlich sehr gut auf den Zusammenhang von Nachdenken und Liebe hin: „Liebe ist zwingend auf das Denken und die Kommunikation angewiesen. Wer Liebe umsetzen will, muss bereit sein, viel Zeit zu investieren, um auf dem Wege des Denkens, des Gewissens und der Beratung zu einer Entscheidung zu gelangen, die den größten Nutzen für alle hat und gerechtfertigt werden kann.“
http://lahayne.lt/2014/10/20/glaube-und-denken/

Weiterlesen

Gott erkennen in der Natur? Chancen und Grenzen der natürlichen Gotteserkenntnis

1. Was macht die Gotteserkenntnis anhand der Schöpfung so problematisch?
Es gibt mehrere Gründe, die eine Gotteserkenntnis anhand der Schöpfung problematisch machen. Der erste ist die Tatsache, dass Gott unsichtbar ist. Dazu gehört, dass er sich jeder direkten, empirischen Wahrnehmung entzieht; man kann ihn auch nicht hören, schmecken, riechen oder betasten. Infolgedessen hat der Mensch überhaupt keine Anschauung von Gott. Er kann sich anhand der Schöpfung nur einen sehr unklaren Gottesbegriff bilden. Hinzu kommt, dass ein Mensch auch keine Vorstellung haben kann vom Vorgang der Schöpfung, denn kein Mensch hat je beobachten können, wie Gott geschaffen hat. Insofern ist auch die Rede von der Schöpfung aufgrund der beobachtbaren Naturdaten in höchstem Maße unklar. Weiterlesen

Glauben und denken damals

In seiner Schrift „Scholia in Epistolam Pauli ad Collossenses“ von 1527 (1) hat sich Melanchthon (2) ausführlich zur Stellung der Vernunft und auch zu ihren Grenzen geäußert. Ausgangspunkt seiner Betrachtung ist die Warnung des Paulus an die Kolosser (2,8), sich nicht „durch Philosophie und leeren Trug“ einfangen zu lassen. Ihm seien Menschen bekannt, die diese Stelle dazu missbrauchen, um grundsätzliche Vorbehalte gegen denkerische Betätigung anzumelden, „als bestünde die christliche Religion in nichts anderem als tiefster Unwissenheit“. Dem stellt Melanchthon die „Ratio“ als „Geschenk Gottes“ gegenüber, die allein deshalb zu gebrauchen und auszubilden, sorgfältig zu verfeinern sei. Weiterlesen