Religiöser Stumpfsinnigkeit entfliehen

In ein oder zwei Generationen wird das, was jetzt noch Evangelikalismus ist, zu Liberalismus werden.
Die Gemeinde Christi lechzt heutzutage nach Menschen, die zur Lösung geistlicher Probleme ihren durchläuterten, engagierten Verstand gebrauchen. Unglücklicherweise hat der Fundamentalismus niemals einen großen Denker hervorgebracht. Wenn man das Werk der religiösen Presse seit der Jahrhundertwende überprüft, wird man nicht ein einziges Buch von einem Fundamentalisten finden, das den Beweis unabhängigen Denkens erbringt. Und was jene christlichen Gelehrten anbetrifft, die, obwohl orthodox, keinen besonderen Wert darauf legen, mit den Fundamentalisten in einen Topf geworfen zu werden, so haben sie es nicht viel besser gemacht.
Ich bin immer ein Evangelikaler gewesen und bin auch jetzt einer. Ich akzeptiere die Bibel als das wahre Wort Gottes und glaube felsenfest, dass sie alles zum Leben und zur Gottseligkeit Notwendige enthält. Ich stehe auf den Grundsätzen des historischen christlichen Glaubens und bin mir keiner geistlichen Sympathie mit dem Liberalismus in irgendeiner Form bewusst.
Doch ist es meine bittere Pflicht, festzustellen, dass ich nicht nur völlig kalt gelassen wurde von der intellektuellen Arbeitsleistung der Evangelikalen, sondern dass ich auch noch Beweise dafür gefunden habe, dass echtes religiöses Denken fast ausschließlich auf der Seite derjenigen geschieht, die sich aus dem einen oder anderen Grunde gegen den Fundamentalismus auflehnen. Wir, in den Evangeliumsgemeinden, haben still dabeigesessen und denen auf der anderen Seite das Denken überlassen. Wir haben uns damit zufrieden gegeben, die Worte anderer Männer nachzuplappern und religiöse Klischees ad nauseam [bis zur Seekrankheit] zu repetieren. Obwohl meine geistlichen Sympathien ganz auf der Seite des orthodoxen christlichen Glaubens stehen, muss ich dennoch bemerken, dass der Evangelikalismus, wie er im letzten halben Jahrhundert verfochten und gelehrt worden ist, die Tendenz hat, kritischgeistige Fähigkeiten zu paralysieren und konkretes Denken zu verhindern. Moderne Evangeliumschristen sind Papageien, keine Adler, und anstatt auf und ab zu segeln, um die grenzenlose Weite des Himmelreichs Gottes zu erforschen, sind sie damit zufrieden, auf ihren vertrauten Ästen zu sitzen und mit Fistelstimmen religiöse Worte und Phrasen nachzuplappem, deren Bedeutung sie kaum verstehen. In ein oder zwei Generationen wird das, was jetzt noch Evangelikalismus ist, zu Liberalismus geworden sein. Kein lebendiges Wesen kann lange von seiner Erinnerung existieren.
Die Christen dieser Generation müssen selbst hören und sehen, wenn sie der religiösen Stumpfsinnigkeit entfliehen wollen. Abgenutzte Schlagworte können sie nicht retten. Wichtige Gedanken werden in Worten ausgedrückt, doch ist es eine der Tragödien im Leben, dass Worte selbst dann noch widerhallen, wenn ihre Bedeutung schon lange verblasst ist. Das führt zudem Ergebnis, dass gedankenlose Männer und Frauen glauben, die Realität gepachtet zu haben, nur weil sie sich der Worte noch bedienen. Genau an diesem Punkt befinden wir uns heute. A. W. Tozer(1897-1963) Gott liebt keine Kompromisse.
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Endlose Unsicherheit

Bei weltlichen Christen ist häufig eine Verherrlichung des Zweifels zu finden. Frei nach Descartes: „Ich zweifle, also bin ich.“ Es gehört fest zum eigenen Selbstverständnis alles in Frage zu stellen. Verschiedene Positionen zu einem Sachverhalt einander gegenüberzustellen, nur um dann die Relativität von beiden zu behaupten. Der grundsätzliche Zweifel ist das erstrebte Lebensgefühl, obwohl er natürlich gleichzeitig beklagt wird. In keinem Fall will man irgendetwas einfach akzeptieren oder von anderen übernehmen. Als authentisch gilt der, der zu allem noch ein „aber“ formuliert und dann auf sein Bauchgefühl hört. Ganz allgemein wird der eigene Bauch, die Emotion, das irgendwo tief in einem liegende Ahnen als einzig verlässliche Instanz gelten gelassen. Man ist gefangen in einer endlosen Schleife des Zweifels und einer bitter-süßen Unsicherheit. Weiterlesen

Ein Gott, der wirklich da ist

Der Theologe, der sagt, man solle Gott lieben, der aber nicht genau weiß, welche Beziehung zwischen seinem Wort »Gott« und dem Gott, der wirklich da ist, besteht, redet Unsinn. Es ist lächerlich, von der Liebe zu einem Gott zu reden, der gar nicht da ist. Betrachten Sie z. B. den modernen Theologen, der behauptet, das Gebet habe keine reale Grundlage. Das sagt Robinson in seinem Buch Gott ist anders eindeutig, indem er behauptct, es gebe keine wirkliche vertikale Beziehung zu Gott. Ein solches vertikales Verhältnis zu Gott ist einfach deshalb unmöglich, weil Gott — für Robinson — nicht ein solcher Gott ist, der einer vertikalen Beziehung einen Sinn verleihen könnte. Aber Gott ist ein persönlicher Gott, und deshalb ist die Aufforderung, ihn zu lieben, kein Unsinn.
Oder betrachten Sie andererseits den Humanisten, der den Menschen für eine Maschine hält. Wenn ich eine Maschine bin, chemisch oder psychologisch determiniert, dann ist mein Versuch der Liebe zu Gott bedeutungslos. Weiter: wenn Gott jenes große philosophische »Andere«, das unpersönliche All, ein panthcistisches »Etwas« ist, dann ist die Aufforderung, Gott zu lieben, entweder eine Illusion oder ein grausamer Schwindel.
Das gesamte Christentum steht und fällt mit der Existenz und dem Wesen Gottes und der Existenz und der Natur des Menschen — der Existenz und Natur des »Ich«. Aus diesem Grunde ist die einzige hinreichende Basis für das christliche Leben des einzelnen und der Gemeinde eine persönliche Beziehung zu dem Gott, der da ist und der persönlich ist.
Darüber hinaus müssen wir aber durch unser Leben zeigen, daß wir wissen: Gott ist wirklich da. Wir sagen allzu oft, Gott existiere, und bleiben dann in einer scholastischen, theoretischen Orthodoxie stecken. Allzu oft bekommt die Welt den Eindruck, daß wir unser ganzes organisatorisches Programm aufstellen, als existiere Gott gar nicht und als ob wir alles selbst auf der Grundlage moderner Reklametheorien machen müßten.
Stellen wir uns einmal vor, wir wachten morgen früh auf, öffneten die Bibel und stellten fest, daß zwei Dinge herausgenommen worden seien, nicht wie die Liberalen sie herausstreichen, sondern wirklich herausgenommen. Stellen wir uns vor, Gott hätte sie entfernt. Der erste fehlende Punkt sei die wirkliche Kraft des Heiligen Geistes und der zweite Punkt die Realität des Gebets. Folglich würden wir weiter den Befehlen der Schrift gehorchen und auf der Basis dieser neuen Bibel zu leben beginnen, die nichts über die Kraft des Heiligen Geistes und nichts über die Kraft des Gebets aussagte. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen: Würde sich dadurch morgen unser Leben wirklich von dem Leben unterscheiden, das wir gestern noch geführt haben? Glauben wir wirklich, daß Gott lebt? Wenn wir es tun, dann leben wir anders.
Francis Schaeffer schreibt in Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1971, S. 49–50): http://theoblog.de/gott-ist-wirklich-da/25662

Darf ein Atheist seinem Denken vertrauen?

Nehmen wir an, es gäbe keine Intelligenz hinter dem Universum, keinen kreativen Geist. In diesem Fall hätte niemand mein Gehirn designed, damit ich es benutze, um zu denken. Es wäre dann lediglich so, dass die Atome in meinem Schädel herumfallen, durch physikalische und chemische Kräfte, die sich selbst durch irgendeine Art und Weise rearrangieren, und das gibt mir – als Nebenprodukt – das Gefühl, das wir Gedanken nennen. Aber wenn dem so ist, wie kann ich dann darauf vertrauen, dass mein eigenes Denken richtig ist?
Das ist genauso wie wenn ich eine Kanne Milch aufstelle zum Kochen und dann darauf hoffe, dass sich aus den Spritzern die Stadtkarte von London bildet. Und wenn ich meinen eigenen Gedanken nicht trauen kann, dann kann ich auch nicht den Argumenten trauen, die zum Atheismus führen. Deswegen gibt es keinen einzigen Grund, Atheist zu sein. Wenn ich nicht an Gott glaube, kann ich auch nicht an den Gedanken glauben: So kann ich meinen Gedanken auch nicht benutzen, um nicht an Gott zu glauben.” C. S. Lewis

Glaube und Denken

Über die Notwendigkeit des Nachdenkens
Christen wird gerne vorgeworfen, dass sie das vernünftige Denken vernachlässigen. So schreibt der berühmte Astrophysiker Carl Sagan (1934–1996):

„Methodik und Ethik von Wissenschaft und Religion unterscheiden sich grundlegend. Die Religion fordert uns zum fraglosen Glauben auf, sogar (oder besonders) dann, wenn es keine eindeutigen Beweise gibt. Das ist ja gerade die zentrale Bedeutung des Glaubens. Die Wissenschaft dagegen fordert uns auf, nichts auf Treu und Glauben hinzunehmen, nicht unserem Hang zur Selbsttäuschung nachzugeben und angebliche Beweise abzulehnen. Der Wissenschaft gilt tiefe Skepsis als höchste Tugend. Die Religion erblickt darin oft ein Hindernis auf dem Weg zur Erleuchtung.“ (Gott und der tropfende Wasserhahn)

Gewiss ist in diesen Sätzen auch Wahrheit enthalten, dennoch zeichnet Sagan hier ein falsches Schwarz-Weiß-Bild. Noch schärfere Äußerungen in dieser Richtung gibt es natürlich beim Kopf der „Neuen Atheisten“, in Richard Dawkins Der Gotteswahn. Dort wirft der Oxforder Biologe allen Christen pauschal Irrationalismus und Unterdrückung des vernünftigen Denkens vor.

Natürlich gibt es Christen, die denkfaul sind. Doch dass das Christentum einen blinden Glauben verlangt, ist ein Mythos, der durch ständige Wiederholung nicht wahrer wird. In der griechischen Philosophie wurde der Verstand als höchster ‘Teil’ des Menschen angesehen. Dem ist tatsächlich zu widersprechen, denn die Vernunft ist nicht wichtiger als die Emotionen oder der Wille. Dennoch gilt, dass der Gläubige das Denken hoch achtet.

Das Denken ist grundsätzlich gut, denn Gott ist eine denkende Person und der Mensch denkt, weil er das Ebenbild Gottes ist. 26 Mal heißt es im AT über Gott, dass er „in seinem Herzen spricht“, d.h. nachdenkt (1 Sam 2,35; Ps 33,10–11; Jer 44,21). Natürlich denkt Gott nicht in der genau gleichen Weise wie wir. Er braucht nichts zu durchdenken, ist nicht gezwungen, mühsam zu Schlussfolgerungen zu kommen. Denn ihm sind alle seine Gedanken immer vollkommen gegenwärtig. Insofern ist Gott kein Philosoph, kein Freund der Weisheit, der diese suchen muss. Er ist die Sophia, die Weisheit, schlechthin.

Gott hat den Menschen den Verstand gegeben zur Kommunikation untereinander, mit ihm und für seine Aufgaben auf der Erde. Ein Gläubiger ist ein gern und bewusst denkender Mensch. John Stott betonte dies in Es kommt auch auf den Verstand an: „Durch die Heilige Schrift hat Gott gesprochen, das heißt, er hat sich durch Worte mitgeteilt… Kommunikation durch Worte setzt einen Verstand voraus, der verstehen und deuten kann“. Das Christentum ist in seinem Wesen eine Offenbarungsreligion, und diese rationale Offenbarung will verstanden werden.Stott

Stott zitiert den schottischen Theologen James Orr (1844–1913): „Wenn es eine Religion in der Welt gibt, die die Bedeutung der Lehre unterstreicht, dann ist das die Religion Christi. Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass das Lehrelement in heidnischen Religionen verschwindend klein ist – es geht hauptsächlich um die Ausführung eines Rituals. Genau an dieser Stelle unterscheidet sich das Christentum von anderen Religionen – es enthält Lehre. Es kommt zu den Menschen mit einer bestimmten, positiven Lehre; es beansprucht, die Wahrheit zu sein; es gründet Religion auf Wissen, obwohl es Wissen ist, das nur unter moralischen Voraussetzungen zu erlangen ist… Religion, losgelöst von ernsthaftem, erhabenem Denken, hat sich noch immer, durch die ganze Geschichte der Kirche, als eine Religion erwiesen, die immer schwächer, geistloser und ungesünder wurde. Der Intellekt, der so um seine Rechte innerhalb der Religion betrogen wurde, hat dann außerhalb nach Befriedigung gesucht – und dabei einen gottlosen Rationalismus entwickelt.“

Der US-Soziologe Rodney Stark hat auf diese Zusammenhänge in The Victory of Reason hingewiesen. Nur im Judentum und Christentum waren die Grundlagen für eine rationale Theologie gegeben (ein personaler, allmächtiger mit einer vernünftigen Kommunikation an seine Ebenbilder); nur dort wurde das intensive Nachdenken über Gott und seine Welt zu einer Tugend. Er schildert dann im Buch ausführlich die Folgen für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.victory_of_reason_hirez

Christen haben eine „neue Gesinnung“, sind „Umdenkende“ (gr. metanoia – Umkehr, Buße, wörtl. Umdenken; von gr. nous – Verstand). Wir sollen deshalb nicht gedankenlos in den Tag hineinleben (Spr 15,28; 14,15). Ein Christ unterstellt alles Denken dem Gehorsam Christi (2 Kor 10,3–6). Selbstbeherrschung/Besonnenheit hat auch viel damit zu tun, nicht den Trieben zu folgen, sondern erst nachzudenken und dann zu handeln (Spr 15,28; Apg 24,25; Röm 12,3; 1 Pt 4,7; 2 Pt 1,6; 1 Kor 7,29; Tit 1,8).

Gott will der Ausgangspunkt unseres Denkens sein, aber nicht unser Denken ersetzen! Der große Prediger Martyn Lloyd-Jones (1899–1981) in Studies in the Sermon on the Mount zu Mt 6,30 (das falsche Sorgen):

„Nach der Lehre unseres Herrn in diesem Abschnitt ist Glaube zunächst Denken, und die Schwierigkeit mit den Kleingläubigen ist, dass sie nicht denken. Und Gott lässt es zu, dass die Umstände sie dann strafen… Wir müssen mehr Zeit darauf verwenden, die Lektionen unseres Herrn durch Beobachtung und Anwendung zu lernen. Die Bibel ist voller Logik. Wir dürfen uns den Glauben nie als etwas rein Mystisches vorstellen. Wir setzen uns nicht einfach in den Sessel und erwarten Wunderdinge. Das ist nicht christlicher Glaube. Christlicher Glaube hat wesentlich mit dem Denken zu tun. Seht die Vögel an, denkt über sie nach und zieht eure Folgerungen, seht das Gras an und die Lilien auf dem Feld [Mt 6,26–30]… Der Glaube kann auch folgendermaßen beschrieben werden: Er ist wie ein Mann, der darauf besteht, zu denken, obwohl alles um ihn herum ihn intellektuell zu frustrieren scheint. Das Problem des Kleingläubigen ist, dass er sein Denken nicht kontrolliert und stattdessen sein Denken von etwas anderem kontrolliert wird. So bewegt er sich im Kreis. Das ist das Wesen der Sorge und der Quälerei… Das ist aber nicht Denken, sondern Gedankenlosigkeit, Unfähigkeit zu denken.“

In der deutschen pietistischen und erwecklichen Tradition wird dagegen das Denken nicht unbedingt hochgeschätzt. Recht einflussreich war Otto Riecker (1896–1989), Gründer der Bibelschule Adelshofen, mit seinem Buch Bildung und Heiliger Geist. Darin findet sich neben berechtigter Kritik am „Theologismus“ teilweise scharfe Polemik gegen den „griechischen Geist“. Manchmal ist nicht ganz klar, was Riecker meint, wenn er z.B. fordert, man solle „liebend“ statt „philosophisch denken“. Riecker bevorzugt die „unmittelbare Erfahrung“; der Glaube habe seinen Platz „in der unmittelbaren Erlebnissphäre“, nicht im „begrifflichen Denken“. Die direkte Steuerung durch den Hl. Geist stellt er der Lenkung durchs Gehirn, d.h. durch das Denken gegenüber. Wir müssten erlöst werden „von diesem ewigen Denkenmüssen“.Riecker

Zu Calvins (aber nicht nur Calvins!) Lehre von der doppelten Prädestination meint er selbstsicher: „Das war eine klare, theologistische Operation, die viel Streit hervorrief und die niemals christlich ist. So kann ein Jünger nicht denken. Das ist griechisches Denken… Niemals bestimmt Gott Menschen zur Verdammnis!“ Es wäre gerade an dieser Stelle zu fragen (und dies gilt aber auch für seinen gesamten Ansatz), wie er dies biblisch fundiert begründet. Riecker ist selbst viel stärker von seinen (platonistischen?) Denkvoraussetzungen geprägt, als ihm das bewusst ist. Intensiveres und selbstkritisches Nachdenken hätte ihm an mancher Stelle sicher geholfen. So presst er alles in sein doch arg enges Schema Philosophie/Scholastik/Theologismus gegen lebendigen Glauben/Geistesleitung/spirituelle Erfahrung.

Für hilfreicher halte ich die Schriften der Mitarbeiter der „L’Abri fellowship“, gegründet von Francis A. Schaeffer (1912–1984) Mitte der 50er Jahre in der Schweiz. L’Abri verbindet tiefe Frömmigkeit, evangelistische Motivation, Bibeltreue und eine Betonung von Kultur, Denken, Weltanschauung. Auf Deutsch zugänglich ist z.B. Jerram Barrs Artikel „Das vernachlässigte Denken“ (s. hier). Der langjährige Mitarbeiter des britischen L’Abri-Zweiges (nun in den USA lehrend) schreibt dort:

„Wir haben es versäumt, ein christliches Denken zu entwickeln, und wir haben es versäumt, dieses Denken auf unsere Kultur zu beziehen und anzuwenden, wenn wir versuchen, ihre Götzen bloßzustellen und Menschen für Jesus Christus zu gewinnen. Man braucht nur an die gängigen Redensarten zu denken, die es in der Kirche und um uns her gibt. Die Leute reden von einem „Sprung des Glaubens“, und sie sagen,  „Stell’  keine Fragen, glaub’ einfach!“, „Verlass dich nicht auf deinen Verstand“,  „Folge dem Herzen und nicht dem Verstand“, „Das Herz hat Gründe, von denen der Verstand nichts weiß.“ Ein christliches Denken und Bewusstsein ist von grundlegender Bedeutung, und darüber muss sich diese Generation von Christen Gedanken machen, wenn sie die Herausforderung der Zeit annehmen will…  Gott hat uns mit einem Verstand erschaffen, ob wir das nun mögen oder nicht. Wenn wir es nun versäumen, ein christliches Denken und Bewusstsein zu entwickeln oder in unseren jungen Leuten zu fördern, dann werden wir uns entweder in ein kulturelles Ghetto zurückzuziehen oder wir werden uns dem Denken der Welt anpassen.“ (s. auch www.labri-ideas-library.org/ und die Seite der britischen Studentenbewegung UCCF www.bethinking.org)

BlamiresSchon vor fast 50 Jahren beklagte der Brite Harry Blamires in The Christian Mind: How Should Christians Think? die Vernachlässigung des christlichen Denkens: „Der Verstand der Christen hat sich dem Trend der Zeit gebeugt. Er ist schwach und rückgratlos geworden wie nie zuvor“. Damit hat man sich selbst in der Öffentlichkeit zum Schweigen verdammt; der Glaube wurde privatisiert, die Wahrheit subjektiviert. Stott geht im Kapitel „Können wir konsequent denken?“ in Christsein in den Brennpunkten unserer Zeit I auf Blamires berühmtes Buch ein und formuliert gut: „Wenn wir ein rechtschaffenes, aufrichtiges Leben führen wollen, dann müssen wir auch in unserem Denken rechtschaffen und aufrichtig sein“ (im Original prägnanter: „If we want to live straight, we have to think straight“). Diese Tradition setzt der US-Theologe David F. Wells (geb. 1939) fort mit Werken wie God in the Wasteland oder No Place for Truth, or, Whatever Happened to Evangelical Theology?

All dies ist relevant für die Praxis, ja für die Ethik entscheidend wichtig. Denn Gott will nicht, dass wir seine Gebote einfach nachplappern, sondern über sie nachdenken, sie durchdenken und sie dann richtig anwenden – in unserer jeweiligen Situation; wir müssen gezielt und bewusst nachdenken, um gute Entscheidungen im Alltag fällen zu können. Und wir müssen uns meist viel mehr Gedanken darüber machen, warum wir nun so handeln wie wir handeln. Thomas Schirrmacher nennt den Bereich der Familie:

„Für Kinder christlicher Familien stellt es ein großes Problem dar, dass ihre Eltern oft einen frommen Lebensstil pflegen, aber nicht wissen, warum sie so oder so handeln. Das Vorbild der Eltern ist enorm wichtig, aber wenn Eltern nicht darüber nachgedacht haben, warum sie dieses für wichtig halten und jenes für grundfalsch, haben die Kinder keine Möglichkeit, einen eigenen Standpunkt zu finden. Entweder kopieren sie alles, oder werfen alles über Bord. Das Ziel ist aber, dass die Kinder verstehen, warum die Eltern so handeln, damit sie später in völlig anderen Situationen dieselbe Wahrheit anwenden können.“ (Führen in ethischer Verantwortung)TS

Ohne Nachdenken kommt man besonders in der Ethik nicht weit, da die Bibel ja zu vielen Themen gar nicht direkt Stellung nimmt. Wir müssen daher nachdenken, um aus der Bibel die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das Westminster-Bekenntnis (Art. 1,6): „Der ganze Ratschluss Gottes – bezüglich alles dessen, was notwendig ist zu seiner eigenen Ehre, zum Heil, Glauben und Leben der Menschen – ist entweder ausdrücklich in der Schrift niedergelegt oder kann mit guter und notwendiger Folgerichtigkeit aus der Schrift abgeleitet werden..“.

Als Beispiele aus der Sexualethik seien hier nur die Abtreibung, die künstliche Befruchtung  und der voreheliche Geschlechtsverkehr genannt, zu denen die Bibel herzlich wenig direkt sagt. Dennoch können gut begründete Positionen durch Exegese und eben Denken aus der Schrift abgeleitet werden. Schirrmacher weißt schließlich sehr gut auf den Zusammenhang von Nachdenken und Liebe hin: „Liebe ist zwingend auf das Denken und die Kommunikation angewiesen. Wer Liebe umsetzen will, muss bereit sein, viel Zeit zu investieren, um auf dem Wege des Denkens, des Gewissens und der Beratung zu einer Entscheidung zu gelangen, die den größten Nutzen für alle hat und gerechtfertigt werden kann.“
http://lahayne.lt/2014/10/20/glaube-und-denken/

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Gott erkennen in der Natur? Chancen und Grenzen der natürlichen Gotteserkenntnis

1. Was macht die Gotteserkenntnis anhand der Schöpfung so problematisch?
Es gibt mehrere Gründe, die eine Gotteserkenntnis anhand der Schöpfung problematisch machen. Der erste ist die Tatsache, dass Gott unsichtbar ist. Dazu gehört, dass er sich jeder direkten, empirischen Wahrnehmung entzieht; man kann ihn auch nicht hören, schmecken, riechen oder betasten. Infolgedessen hat der Mensch überhaupt keine Anschauung von Gott. Er kann sich anhand der Schöpfung nur einen sehr unklaren Gottesbegriff bilden. Hinzu kommt, dass ein Mensch auch keine Vorstellung haben kann vom Vorgang der Schöpfung, denn kein Mensch hat je beobachten können, wie Gott geschaffen hat. Insofern ist auch die Rede von der Schöpfung aufgrund der beobachtbaren Naturdaten in höchstem Maße unklar. Weiterlesen

Glauben und denken damals

In seiner Schrift „Scholia in Epistolam Pauli ad Collossenses“ von 1527 (1) hat sich Melanchthon (2) ausführlich zur Stellung der Vernunft und auch zu ihren Grenzen geäußert. Ausgangspunkt seiner Betrachtung ist die Warnung des Paulus an die Kolosser (2,8), sich nicht „durch Philosophie und leeren Trug“ einfangen zu lassen. Ihm seien Menschen bekannt, die diese Stelle dazu missbrauchen, um grundsätzliche Vorbehalte gegen denkerische Betätigung anzumelden, „als bestünde die christliche Religion in nichts anderem als tiefster Unwissenheit“. Dem stellt Melanchthon die „Ratio“ als „Geschenk Gottes“ gegenüber, die allein deshalb zu gebrauchen und auszubilden, sorgfältig zu verfeinern sei. Weiterlesen

Vorsicht „ismus”

Zwölf Regeln für einen Glauben ohne Scheuklappen
Da Fundamentalismus seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in der Öffentlichkeit meist einfach als radikaler, gewaltbereiter, religiös motivierter Extremismus verstanden wird, könnte als kürzeste Definition ein militanter Wahrheitsanspruch gelten. Für eine sachdienliche Verwendung des Begriffs als Bezeichnung für Personen, Bewegungen und Gruppen schlage ich folgende Definition vor:
Fundamentalismus ist ein militanter Wahrheitsanspruch, der aus nicht hinterfragbaren höheren Offenbarungen, Personen, Werten oder Ideologien einen Herrschaftsanspruch ableitet, der sich gegen Religionsfreiheit und Friedensgebot richtet und nichtstaatliche oder nichtdemokratisch-staatliche Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele rechtfertigt, fordert oder anwendet. Dabei beruft er sich oft gegen bestimmte Errungenschaften der Moderne auf historische Größen und Zeiten, nutzt diese Errungenschaften aber zugleich zur Ausbreitung und schafft meist eine moderne Variante alter Religionen und Weltanschauungen. Weiterlesen

Buchbesprechung: Gott und Menschen lieben mit unserem ganzen Verstand

In den USA gibt es bereits eine ganze Auswahl von Büchern, die sich mit dem evangelikalen Anti-Intellektualismus auseinandersetzen (ganz im Gegensatz zum deutschen Sprachraum, wo mir keine vergleichbare Veröffentlichung bekannt wäre). John Piper ist sich dieser Ausgangslage wohl bewusst und grenzt seine Publikation gegenüber Mark Noll und Os Guiness mit dem Hinweis ab, dass er weniger historisch bzw. pointiert schreibe (16). Um was geht es ihm? Piper zeigt auf, dass unser Denken ein Mittel ist, um Gott und Menschen zu lieben (15). „Ich ermutige Sie zu denken und gleichzeitig nicht davon beeindruckt zu sein, wenn Sie es tun.“ (17) Wer stolz ist, liebt nämlich Menschen nicht (20). Gott mit dem Verstand zu lieben bedeutet, die Fülle des von Gott geschenkten Reichtums wahrzunehmen und auszudrücken. Weiterlesen

„Der einzige Beweis für die Existenz Gottes ist seine Existenz.“

1. Das allgemeinste Indiz für die Existenz Gottes ist, daß es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Es wäre einfacher, und damit eher zu erwarten, wenn es gar nichts gäbe. Gott andererseits hat Grund, etwas zu erschaffen.
2. Hinzukommt, daß sich in den letzten Jahrzehnten die naturwissenschaftlichen Beweise dafür gehäuft haben, daß unser Universum nicht unendlich ist, sondern einen Anfang hatte. Einen Urknall ohne Ursache anzunehmen, ist aber unvernünftig.
Wenn wir uns dann ansehen, was es in diesem Universum gibt, fällt auf, daß es viele Dinge gibt, die wertvoll sind. Viele Dinge, deren Existenz ohne die Existenz Gottes sehr unwahrscheinlich wäre und die hervorzubringen Gott gewisse Gründe hat.
3. Das Reich der Tiere und Pflanzen ist ein unglaublich komplexes, vielfältiges und schönes System. Das sieht mehr danach aus, als ob Gott es erschaffen hat als ob es keinen Gott gibt. Wen die Indizien für die Evolutionstheorie überzeugen, der muß nach einer Erklärung für die Entstehung des Lebens und für die Rahmenbedingungen der Evolution suchen.
4. Warum existiert ein Universum, das so ordentlich ist? Warum existiert Materie, die sich nach Naturgesetzen verhält, die noch dazu für uns erkennbar sind, so daß wir mit ihnen das Verhalten materieller Gegenstände vorhersagen können?
5. Warum gibt es Menschen? Warum gibt es Lebewesen, die ein Bewußtsein haben, mit dem sie Gründe abwägen können und Mathematik und Logik erkennen und betreiben können? Wie kommt es, daß wir die Fähigkeit haben, naturwissenschaftliche Experimente zu ersinnen und durchzuführen und dadurch mathematische Formeln prüfen können, mit denen wir das Verhalten der Materie vorhersagen können? Warum gibt es Lebewesen, welche ein Bewußtsein haben, so daß sie damit persönliche Beziehungen mit anderen Personen aufbauen können und Gedanken austauschen können, Versprechen abgeben können, und vieles mehr? Evolution allein, wenn sie überhaupt funktioniert, hätte eher Apparate ohne Bewußtsein hervorgebracht.
6. Warum hat der Mensch ein moralisches Bewußtsein, ein Gewissen? Warum kann der Mensch Gut und Böse erkennen? Gott hätte ein Interesse daran, solche Lebewesen zu erschaffen, die Evolution hingegen nicht.
7. Es gibt eine beträchtliche Menge von Berichten und Beweisen für Wunder. Insbesondere die Auferstehung Jesu ist historisch gut belegt und stellt ein Indiz für die Existenz Gottes und für die Wahrheit des Christentums dar.
Soweit die Indizien im Schnelldurchlauf. Die gründlichste Darlegung dieser Indizien heute finden Sie in den Büchern des Oxforder Religionsphilosophen Richard Swinburne. Ich empfehle sein auf deutsch erhältliches Buch „Gibt es einen Gott?“.
Diese Liste von Indizien weist darauf hin, daß diese Welt nicht so aussieht, als ob es keinen Gott gäbe. Hinzu kommt, daß viele Menschen mehr oder weniger eindrückliche Gotteserfahrungen hatten. Es scheint ihnen, daß Gott ihnen begegnet ist. So wie wir Zeugenaussagen im allgemeinen einen gewissen Wert zuschreiben, sollten wir dies auch hier tun.
Ich komme zu dem Schluß, daß diese Welt weit eher so aussieht, als ob es einen Gott gibt als daß es keinen Gott gibt. Die Annahme der Existenz Gottes ist weit wahrscheinlicher und damit vernünftiger als der Atheismus. Daniel von Wachter, Prof. Dr. phil. Dr. theol., Professor für Philosophie