Viele biblische Themen und Fragen haben wie gesagt zwei Seiten, die gleichermaßen wichtig sind, und manche theologische Diskussion in Geschichte oder Gegenwart ergibt sich nur daraus, dass die Diskussionspartner eine Seite betonen und die andere vernachlässigen. Die Bibel macht den Menschen als einzelne Person voll verantwortlich. Und dennoch bezieht sich diese Verantwortung nur auf den Verantwortungsbereich, den Gott den Menschen gegeben hat. Darüber steht Gott in seiner Allmacht und lenkt die Schöpfung. Aus dieser Allmacht heraus wird überhaupt erst die Verantwortung des Menschen und das Gebot an den Menschen begründet. Dies macht etwa Phil 2,12-13 deutlich: “Schaffet euer Heil mit Furcht und Zittern, denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen, als auch das Vollbringen schafft, nach seinem Wohlgefallen”. Hier führt das Wissen dar um, dass Gott alles wirkt, nicht zur Passivität, sondern gerade zum ‘Schaffen’. Weiterlesen
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Zur Komplementarität des biblischen Denkens Teil III
In der Physik hat man viele Phänomene entdeckt, die man nur komplementär (von Lat. ‘complementum’, Ergänzung, Vervollständigung) beschreiben kann, und zwar in einer Zweier- und Dreierkomplementarität. So spricht man von Komplementärfarben, wenn sich zwei Farben (z. B. Rot und Grün) zu Weiß ergänzen. Ein Elektron kann im Experiment nur getrennt einerseits als Teilchen und andererseits als Welle erwiesen werden und ist doch immer beides zugleich. Das gilt somit auch für das Licht. Ein solches komplementäres Denken war lange umstritten. Der Däne Niels Bohr (1885-1962), der 1922 den Nobelpreis erhielt, führte den Begriff 1927 in die Physik ein und sorgte für den Siegeszug des komplementären Denkens in der Phsyik des 20. Jahrhunderts. Komplementäres Denken bedeutet also, dass man zwei, drei oder mehrere Seiten eines Phänomens nur nacheinander untersuchen und beschreiben kann, obwohl man weiß, dass die einzelnen Ergebnisse und Aussagen gleichzeitig wahr sind und man ein exaktes Ergebnis nur hat, wenn man beide oder alle beteiligten Seiten ins richtige Verhältnis setzt – man denke etwa an die Komplementärfarben, die nur dann ein klares Weiß ergeben, wenn sie richtig gemischt sind. Inzwischen hat sich dieses Denken weit über die Physik hinaus in allen Wissenschaften und Lebensbereichen durchgesetzt. Nicht die ‘Unlogik’, sondern die Begrenztheit des Menschen sorgt dafür, dass der Mensch gerade auch im Bereich der biblischen Offenbarung und der Theologie auf komplementäre Aussagen angewiesen ist. Die Frühe Kirche hat bewusst die zentralsten Dogmen des christlichen Glaubens komplementär formuliert, als sie verteidigte, dass Gott dreieinig ist und Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist. Diese Komplementarität spielt meines Erachtens auch eine herausragende Rolle im Überwinden unnötiger Streitigkeiten unter Christen. Wir neigen dazu, eine Seite der Komplementarität gegen die andere zu stellen oder einen Teil der Komplementarität überzubetonen. So wurde zur Zeit der Frühen Kirche das Menschsein Jesus gegen sein Gottsein ausgespielt, und die Tatsache, dass Jesus seinem Vater gehorsam war, gegen die Tatsache, dass er eines Wesens und Ranges mit seinem Vater ist, gestellt. In der Bibel werden häufig zwei Seiten einer Münze (oder auch noch mehr Seiten) aufgezeigt, also zwei biblische Lehren, die sich scheinbar widersprechen, in einem Atemzug genannt. Die Tatsache, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist und die Dreieinigkeit sind die beiden zentralsten Beispiele. Es gibt viele Beispiele für komplementäre Lehren in der Bibel, so zum Beispiel: Prädestination und Verantwortung, Glaube und Wissen, Gesetz und Gnade, Gericht und Begnadigung, Liebe und Zorn Gottes, Lehre und Leben, die Taufe als Handeln Gottes und des Menschen, die Notwendigkeit von Amt und allgemeinem Priestertum oder die Unterschiedlichkeit und Zusammengehörigkeit von Mann und Frau werden uns in der Bibel jeweils mit zwei oder mehr Seiten vorgestellt, die unlösbar zusammengehören und doch nur nacheinander zu denken sind. Der Christ ist frei vom Gesetz und lebt dennoch nach den Geboten Gottes. Der Christ ist frei von der Sünde und dennoch nicht sündlos. Der Teufel ist längst entmachtet und hat dennoch große Macht. Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott; Gott ist einer und doch drei. Der Christ hat ewiges, unverlierbares Leben und wird dennoch eindringlich gewarnt, den Glauben festzuhalten. Auch an Bibelabschnitten mit komplementärer Botschaft kann man dies deutlich machen: 5Mose 28-30 spricht vom “Segen oder Fluch, die ich euch vorgelegt habe” (5Mose 30,1). Der Bund mit Gott bringt Vorzüge, aber auch ein ernsteres Gericht mit sich (vgl. Röm 2,9+10). In 1Mose 2,15 erhält der Mensch den Auftrag, die Welt zu “bearbeiten” und zu “bewahren”, also zu verändern und zu erhalten, was sich theoretisch ausschließt, doch im Alltag untrennbar zusammengehört. In Ps 73,23: “Dennoch bleibe ich stets bei dir, denn du hältst mich an meiner rechten Hand.” Dass der Gläubige sich an Gott festhält, wird damit begründet, dass Gott ihn festhält. Wer hält hier wen fest? Beide Seiten gehören untrennbar zusammen. In 1Joh 1,5-3,10 wechselt Johannes ständig mit immer neuen Formulierungen zwischen vier Grundaussagen: “Jeder, der aus Gott geboren ist, sündigt nicht” (1Joh 3,9); “Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, betrügen wir uns selbst” (1Joh 1,8); “So wir unsere Sünden bekennen …” (1Joh 1,9) und: “Das schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt” (1Joh 2,1). Die vier Aussagen, 1) dass der Christ nicht sündigt, 2) dass jeder Christ Sünde tut, 3) dass jeder Christ seine Sünde bekennen soll und 4) dass der Christ von der Sünde ablassen soll, widersprechen sich nicht, sondern gehören zusammen.
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http://bibelkreis-muenchen.de/?p=2471 Teil I
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=2476 Teil 2
Die Komplementarität des biblischen Denkens II
Die frühen Konzile
Es war die Stärke der Frühen Konzile (Nizäa 325, Konstantinopel 381, Ephesus 431, Chalkedon 451), sich in der Frage des Verhältnisses von Vater, Sohn und Heiliger Geist und des Verhältnisses des Mensch und des Gottseins Jesu nicht auf eine Seite festlegen zu lassen, sondern alle in der Bibel bezeugten Wahrheiten gleichzeitig festzuhalten und zu betonen. Denn immerhin waren die zahllosen Richtungen und Sichtweisen der beiden größten Kontroversen der Frühen Kirche nicht nur durch den Einfluss nichtchristlicher Religionen und Zeitströmungen von außen entstanden, sondern maßgeblich bei dem Versuch, die biblischen Aussagen zusammenzuschauen. Man berief sich meist auf ganz verschiedene Aspekte der Heiligen Schrift, anstatt die gesamte Wahrheit zusammenzuschauen. Die Konzile wählten glücklicherweise nicht den Weg, eine ‘vernünftige’ Formulierung zu finden, sondern alle biblischen Einsichten in einer Aussage zusammenzuführen. Deswegen heißt es zu Christus in der Entscheidung des Konzils von Chalcedon (22.10.451 n.Chr.): “[Definition] In der Nachfolge der heiligen Väter also lehren wir alle übereinstimmend, unseren Herrn Jesus Christus als ein und denselben Sohn zu bekennen: derselbe ist vollkommen in der Gottheit und derselbe ist vollkommen in der Menschheit: derselbe ist wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch aus vernunftbegabter Seele und Leib; derselbe ist der Gottheit nach dem Vater wesensgleich und der Menschheit nach uns wesensgleich, in allem uns gleich außer der Sünde [vgl. Heb 4,15]: derselbe wurde einerseits der Gottheit nach vor den Zeiten aus dem Vater gezeugt, andererseits der Menschheit nach in den letzten Tagen unsertwegen und um unseres Heiles willen aus Maria, der Jungfrau (und) Gottesgebärerin, geboren: ein und derselbe ist Christus, der einziggeborene Sohn und Herr, der in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt, und unteilbar erkannt wird, wobei nirgends wegen der Einung der Unterschied der Naturen aufgehoben ist, vielmehr die Eigentümlichkeit jeder der beiden Naturen gewahrt bleibt und sich in einer Person und einer Hypostase vereinigt; der einziggeborene Sohn. Gott, das Wort, der Herr Jesus Christus, ist nicht in zwei Personen geteilt oder getrennt, sondern ist ein und derselbe, wie es früher die Propheten über ihn und Jesus Christus selbst es uns gelehrt und das Bekenntnis der Väter es uns überliefert hat.” Die Abschnitte 2.3. und 8.2. des Westminster Bekenntnisses von 1647 fassen die altkirchliche Lehre zur Dreieinigkeit und zu den zwei Naturen Jesus gut zusammen und zeigen, dass die komplementären Entscheidungen der frühen Konzile auch für spätere Generationen Bestand hatten: “In der Einheit der Gottheit sind drei Personen mit einem Wesen, einer Macht und Ewigkeit, Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist. Der Vater ist von niemandem weder geboren noch ausgehend; der Sohn ist ewig vom Vater geboren; der Heilige Geist ist ewig vom Vater und vom Sohn ausgehend.” “Der Sohn Gottes, die zweite Person in der Dreieinigkeit, wahrer und ewiger Gott, eines Wesens mit dem Vater und ihm gleich, hat in der Fülle der Zeit, empfangen durch die Kraft des Heiligen Geistes im Leib der Jungfrau Maria, aus ihrem Wesen die menschliche Natur mit allen wesentlichen Eigenschaften und allgemeinen Schwachheiten angenommen, jedoch ohne Sünde, so dass die beiden ganzen, vollkommenen und unterschiedenen Naturen, die göttliche und die menschliche, in der Einheit der Person unzertrennlich miteinander verbunden waren, ohne Verwandlung, Zusammensetzung oder Vermischung, die Person wahrer Gott und wahrer Mensch ist, jedoch ein einiger Christus, der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen.” Ich bedauere es außerordentlich, dass eine solche weise Zusammenschau den späteren Konzilien zu Fragen des menschlichen und göttlichen Wirkens beim Erlangen des Heils (bes. Ephesus 431, Orange 529) nicht gelungen ist. Grund dafür ist wesentlich, dass man zwar negativ die Lehren des Pelagius und anderer verworfen hat, aber nicht die Kraft hatte, wie im Falle der Dreieinigkeit und der Natur Jesu einfach die gesamte biblische Offenbarung zusammenzuschauen. Hätte man dies getan, hätte eine solche komplementäre Lösung wohl die Christenheit genauso geprägt und zusammengehalten, wie diese anderen beiden Themen, was sich immerhin daran zeigt, dass der verurteilte Pelagianismus (reine Werkgerechtigkeit) nie wieder sein Haupt erhob, auch nicht in der katholischen Kirche
Dr. Thomas Schirrmacher
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Zur Komplementarität des biblischen Denkens I
In der Physik hat man viele Phänomene entdeckt, die man nur komplementär (von Lat. ‘complementum’, Ergänzung, Vervollständigung) beschreiben kann, und zwar in einer Zweier und Dreierkomplementarität. So spricht man von Komplementärfarben, wenn sich zwei Farben (z. B. Rot und Grün) zu Weiß ergänzen. Ein Elektron kann im Experiment nur getrennt einerseits als Teilchen und andererseits als Welle erwiesen werden und ist doch immer beides zugleich. Das gilt somit auch für das Licht. Ein solches komplementäres Denken war lange umstritten. Der Däne Niels Bohr (1885-1962), der 1922 den Nobelpreis erhielt, führte den Begriff 1927 in die Physik ein und sorgte für den Siegeszug des komplementären Denkens in der Physik des 20. Jahrhunderts. “Komplementarität [lat.], die zuerst von N. Bohr erkannte Erfahrungstatsache, dass atomare Teilchen zwei paarweise gekoppelte, scheinbar einander widersprechende Eigenschaften haben, z. B. sowohl Teilchen- als auch Wellencharakter. Die Beobachtung zweier komplementärer Eigenschaften … ist jedoch nicht gleichzeitig möglich, sondern erfordert entgegengesetzte, nicht miteinander verträgliche Messvorgänge.” Komplementäres Denken bedeutet also, dass man zwei, drei oder mehrere Seiten eines Phänomens nur nacheinander untersuchen und beschreiben kann, obwohl man weiß, dass die einzelnen Ergebnisse und Aussagen gleichzeitig wahr sind und man ein exaktes Ergebnis nur hat, wenn man beide oder alle beteiligten Seiten ins richtige Verhältnis setzt – man denke etwa an die Komplementärfarben, die nur dann ein klares Weiß ergeben, wenn sie richtig gemischt sind. Carl Friedrich von Weizsäcker definiert Komplementarität wie folgt: “Die Komplementarität besteht darin, dass sie nicht gleichzeitig benutzt werden können, gleichwohl beide benutzt werden müssen.” Inzwischen hat sich dieses Denken weit über die Physik hinaus in allen Wissenschaften und Lebensbereichen durchgesetzt. Nicht die ‘Unlogik’, sondern die Begrenztheit des Menschen sorgt dafür, dass der Mensch gerade auch im Bereich der biblischen Offenbarung und der Theologie auf komplementäre Aussagen angewiesen ist. Die Frühe Kirche hat bewusst die zentralsten Dogmen des christlichen Glaubens komplementär formuliert, als sie verteidigte, dass Gott dreieinig ist und Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist. Diese Komplementarität spielt meines Erachtens auch eine herausragende Rolle im Überwinden unnötiger Streitigkeiten unter Christen. Wir neigen dazu, eine Seite der Komplementarität gegen die andere zu stellen oder einen Teil der Komplementarität überzubetonen. So wurde zur Zeit der Frühen Kirche das Menschsein Jesus gegen sein Gottsein ausgespielt, und die Tatsache, dass Jesus seinem Vater gehorsam war, gegen die Tatsache gestellt, dass er eines Wesens und Ranges mit seinem Vater ist. Es gibt viele Beispiele für komplementäre Lehren in der Bibel, nicht nur die Dreieinigkeit und das Gott und Menschsein Jesu, so zum Beispiel Prädestination und Verantwortung, Gericht und Begnadigung, Liebe und Zorn Gottes, Lehre und Leben, die Taufe als Handeln Gottes und des Menschen, Glaube und Wissen, Gesetz und Gnade, die Notwendigkeit von Amt und allgemeinem Priestertum oder die Unterschiedlichkeit und Zusammengehörigkeit von Mann und Frau werden uns in der Bibel jeweils mit zwei oder mehr Seiten vorgestellt, die unlösbar zusammengehören und doch nur nacheinander zu denken sind. Fortsetzung in 11/2001 Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher
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Gedenke Deines Gegners
Kant und die Theologie (Teil 2)
Im Oktober 2012 kam es in der chilenischen Presse zu einem Schlagabtausch zwischen dem Kantianer Pfarrer Richard Wagner und dem Philosophieprofessor Daniel von Wachter. Ich geben den Disput in zwei Teilen mit freundlicher Genehmigung wieder. Hier die Replik von Daniel von Wachter auf den Beitrag von Richard Wagner:
Die Anti-Vernünftigkeit Kants und die Umdeutung des Gottesbegriffs
Herr Wagner trägt in diesem Artikel eine Lehre Immanuel Kants und die Auffassung vor, man könne durch das Universum keine Erkenntnis über Gott gewinnen. Das folgende ist eine Gegendarstellung.
Aufklärung
Herr Wagner stellt seine Position als die „aufgeklärte“ dar, welche bedauerlicher- und seltsamerweise „immer noch“ nicht alle angenommen hätten, was entweder ein Mangel an Kenntnis dieser Position oder ein Mangel an Vernunft sein müsse. Das ist die Rhetorik derjenigen Bewegung des 18. und 19. Jahrhunderts, die sich in aller Bescheidenheit „Die Aufklärung“ und ihre Gegner als die Abergläubischen, Unvernünftigen und Dogmatischen dargestellt haben. Es ist normal zu glauben, daß man selbst recht hat und die anderen irren – das liegt in der Natur einer Überzeugung. Aber die bloße Behauptung, die Vernunft gepachtet zu haben, sollte keinen vernünftigen Menschen überzeugen. Es kommt auf die Argumente, die Begründungen an, und bei jenen Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts sind die Begründungen ebenso dünn wie die Behauptungen der eigenen Aufgeklärtheit laut. Die Rhetorik des Man-kann-heute-nicht-mehr-X-glauben oder des Wir-haben-das-Mittelalter-überwunden will, ohne sich die Mühe des Begründens zu machen, den Eindruck erwecken und darauf hinwirken, daß der Glaube an den Schöpfergott, an Wunder, an die Existenz der Seele, an die Willensfreiheit und an objektive Moral aussterben werde. Doch das werden sie ebensowenig wie die materialistischen Gegenpositionen aussterben werden. Es bleibt die Aufgabe eines jeden Menschen, nach der Wahrheit zu suchen.
Immanuel Kant
Herr Wagner glaubt an die Lehren Immanuel Kants und meint zudem, diese müßten jeden Vernünftigen überzeugen. Dazu muß sich jeder selbst ein Urteil bilden. Doch es ist keineswegs so, wie Theologen manchmal meinen, daß man „seit Kant“ dieses oder jenes nicht mehr glauben könne. Es kommt in der Philosophie selten oder nie vor, daß eine Position unhaltbar wird und ausstirbt. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, daß in der Philosophie auch starke irrationale Beweggründe wirken.
Zur Auflockerung sei meine Einschätzung Kants genannt, mit der ich nicht allein stehe, und wenn ich es täte, wäre sie deshalb noch lange nicht falsch: Kant litt unter einem neurotischen Sicherheitsbedürfnis. Er wollte keine Metaphysik dulden, welche Gründe und Wahrscheinlichkeiten abwägt. „Ich verbitte mir das Spielwerk von Wahrscheinlichkeit und Mutmaßung“, schrieb er. In der Metaphysik dürfe es um nichts weniger denn „apodiktische Gewißheit“ gehen. Die Existenz von vom Menschen unabhängigen Gegenständen war ihm deshalb unerträglich. Daher machte er seine pubertäre „kopernikanische Wende“ und sagte, nicht unser Denken richte sich nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände richten sich nach unserem Denken. Wir erschaffen die Gegenstände. Das ist ein Musterbeispiel von Irrationalität, denn der vernünftige Mensch hält seine Wahrnehmungserlebnisse, seine Eindrücke weder für unfehlbar, noch verwirft er sie völlig, geschweige denn, daß er glaubt, die Gegenstände hingen von ihm ab. Passend zu seiner Irrationalität hat Kant in die deutsche Philosophie den dunklen, unklaren Stil eingeführt, der manchen zwar beeindruckt, aber das wissenschaftliche Niveau senkt.
Können wir durch das Universum Erkenntnis über Gott gewinnen?
Herr Wagner nennt die Überlegungen über Gott als Ursache des Universums „rührend-naiv“. In wenigen Zeilen will er – an entsprechende Behauptungen im Werke Kants angelehnt – zeigen, daß gleichermaßen schlüssige Gedankengänge über die letzte Ursache zu widersprüchlichen Ergebnissen führen. Das soll zeigen, daß wir durch solches Denken keine Erkenntnis über Gott gewinnen können.
Doch wie schon unzählige Kritiker Kants dargelegt haben, sind die genannten Gedankengänge keineswegs schlüssig. Kaum ein Philosoph sagt, alles müsse eine Ursache haben. Die Frage ist, ob das Universum eine Ursache hat, nämlich Gott. Entweder das Universum (in seiner gesamten zeitlichen Ausdehnung) oder Gott hat keine Ursache. Die Diskussion über diese Themen ist heute ausführlicher und gründlicher denn je. Da gibt es viele Positionen, aber wenn man da in seiner Position einen Widerspruch hat, muß man halt etwas an der Position ändern. Unvermeidliche Widersprüche gibt es da keine.
Herr Wagner trägt die Kantische These vor, Kausalität sei nichts in der Welt, sondern eine Weise, wie wir unsere Erfahrungen ordnen. Das glaube wer will, doch fragen Sie sich bitte, was vernünftiger ist: zu glauben, daß es eine unabhängig von unserem Denken bestehende Tatsache ist, daß das Erdbeben das Herunterfallen der Autobahnbrücke des Vespucio Norte verursacht habe, oder daß diese Verursachung nur etwas in unserem Kopf sei. Um Kants Lehren zu beurteilen muß man so direkt und einfach fragen: Ist es vernünftig, das zu glauben? Hier kommt der im Titel von Wagners Artikel genannte Kaiser ins Spiel: die Frage ist, ob der Kaiser nackt und Kant und die Kantianer unvernünftig sind.
Der Schöpfer
Herr Wagner will – Autoren wie Schleiermacher und Bultmann folgend – die Aussage „Gott ist der Schöpfer des Universums“ uminterpretieren in eine Aussage über Wert, Sinn oder Gefühl. Er behauptet wohl, daß sie nichts über eine Ursache des Universums sage, daß sie sich durch keine Beobachtungen des Universums belegen lasse. Damit wendet er sich gegen alle Überlegungen dazu, daß die Lebewesen, unser Körper oder andere Aspekte des Universums Hinweise auf Gott gäben. Doch zu sagen, die Aussage „Gott ist der Schöpfer des Universums“ sei eine Aussage nur über Sinn und Gefühl, ist so absurd und verwirrend wie zu sagen, die Aussage „Die Ampel ist rot“ bedeute in Wirklichkeit: „Ich will nicht mehr weiterfahren.“ Es ist offensichtlich falsch, d.h. es widerspricht den normalen Regeln der Sprache. Nach den normalen Regeln der Sprache bedeutet „Gott ist der Schöpfer des Universums“ das, was der normale Nicht-Theologe darunter versteht: Daß Gott das Universum erschaffen hat und es erhält. Theologen machen seit zwei Jahrhunderten diese Sinnveränderungsverrenkungen, weil sie nicht direkt und klar sagen wollen, was sie meinen, z.B. daß es nicht wahr sei, daß Gott der Schöpfer des Universums sei.
Die Frage ist, ob es einen Gott gibt. Wenn es ihn gibt, ist er der Schöpfer und Erhalter des Universums. Christliche Philosophen haben seit eh und je gründlich und auf dem jeweiligen Stand der Naturwissenschaft dargelegt, daß vieles im Universum, etwa der Menschliche Körper oder der Urknall für die Existenz Gottes spricht. Es sind Indizien für die Existenz Gottes. Das heißt, daß die Annahme der Existenz Gottes diese Dinge erklärt und es weniger wahrscheinlich ist, daß sie von niemandem geschaffen wurden.
Wagners Aussage, wir hätten „keine allgemein überzeugende philosophische Metaphysik“ und Kant habe die vergangene Metaphysik „zertrümmert“ ist, läßt Kants neurotisches Sicherheitsbedürfnis durchscheinen: Natürlich haben wir keine metaphysische Auffassung, die von allen – z.B. sowohl von mir als auch Herrn Wagner – angenommen wird, aber wir haben heute gründliche philosophische Untersuchungen der Indizien für und gegen die Existenz Gottes. Wer das nachprüfen möchte, sehe sich einmal die Sparte „Metaphysics“ auf philpapers.org an. Kant und Herrn Wagner ist das zu wenig „allgemein überzeugend“ und nennt den Streit deshalb einen „aussichtslosen Streit um des Kaisers Bart“. Zeigte die Metaphysik „allgemein überzeugend“, ob es einen Gott gibt, gäbe es dazu weder im Mercurio noch in der Philosophie Diskussionen. Alle Irrationalität würde überwunden. Herr Wagner bräuchte keine Artikel mehr schreiben, und ich auch nicht. Die Menschen müßten nicht mehr mit der Gottesfrage und dem Sinn ihres Lebens ringen. Wenn es einen Gott gibt, wäre das nicht in seinem Sinne, denn wir hätten dann keine Freiheit, ihn und das Evangelium anzunehmen oder abzulehnen, ihn zu lieben oder nicht. Die Existenz Gottes und die Wahrheit des Evangeliums sind nicht zuletzt durch die von Herrn Wagner als aussichtslos bezeichneten Überlegungen (ich empfehle, sie durch das Lesen des Buches „Gibt es einen Gott?“ des Oxforder Philosophen und Theologen Richard Swinburne zu vertiefen) hinreichend gewiß, so daß wir gerufen sind, Vergebung durch Christi Tod zu erflehen und Gott unser Leben zu verschreiben. Aber sie sind nicht so offensichtlich, daß wir nicht die Freiheit hätten, das Evangelium abzulehnen. Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter
Kant und die Theologie (Teil 1)
Kant und die Theologie (Teil 1)
Im Oktober 2012 kam es in der chilenischen Presse zu einem Schlagabtausch zwischen dem Kantianer Pfarrer Richard Wagner und dem Philosophieprofessor Daniel von Wachter. Ich geben den Disput mit freundlicher Genehmigung in zwei Teilen wieder. Zunächst der Beitrag von Richard Wagner:
Ein Streit um Kaisers Bart
Eine Leserbriefpolemik über den Ursprung des Lebens rauschte über längere Zeit durch den Blätterwald des Mercurio, wobei antik-mittelalterlich, also im Perfekt und Plusquamperfekt argumentiert wurde. Die Aufklärung und ihre Krönung und Überwindung durch Kant hat unsere Breiten offensichtlich immer noch nicht erreicht. Ein Versuch meinerseits die Freund-Feind-Positionen (Thomismus und Gegenpositionen) zu überschreiten, hatten bei dieser Zeitung und ihrer weltanschaulich-kirchlichen Festlegung verständlicherweise keine Chance, Gehör zu finden. Weiterlesen
Gibt es einen Gott?
Gibt es einen Gott? Das heißt: Wenn wir einmal die grundlegendsten Naturgesetze gefunden haben und die Geschichte des Universums einigermaßen kennen, haben wir dann damit die letzte Erklärung und das Grundlegendste, die Ursache von allem gefunden? Ist die Materie das Grundlegendste? Oder gibt es vielmehr eine weitergehende Erklärung, weil es einen Gott gibt im Sinne einer allmächtigen körperlosen und guten Person, die das Universum und uns geschaffen hat und erhält; und so geschaffen hat, wie es ist, weil das Universum so besonders gut ist. Das ist die Wahl zwischen zwei klar verständlichen und radikal verschiedenen Weltbildern. Weder die eine noch die andere Antwort ist so offensichtlich wahr, wie es wahr ist, daß die Erde kugelförmig ist. Ich glaube, daß die Existenz Gottes ziemlich offensichtlich ist, aber nicht so offensichtlich wie daß die Erde kugelförmig ist. Weiterlesen
Woher drohen die größten Gefahren für die Freiheit heute?
Was ist Meinungs- und Religionsfreiheit? Freiheit heißt hier, daß der Staat die Bürger in Frieden das machen läßt, was sie wollen, solange sie nicht die Rechte anderer verletzen, indem sie sie bestehlen oder körperlich verletzen oder Verträge brechen. Wenn beispielsweise 1837 Protestanten wegen ihres Glaubens aus dem Zillertal vertrieben wurden, ist das eine grobe Verletzung der Religionsfreiheit. Es ist ebenso eine Verletzung von Religionsfreiheit, wenn heute im Irak oder in Ägypten Christen angegriffen oder vertrieben werden oder wenn der Wechsel der Religion bestraft wird. Genauso war es eine Verletzung der Religionsfreiheit, wenn Christen in der DDR nicht studieren durften. Weiterlesen
Lässt sich die Existenz Gottes beweisen?
Das Verhältnis von Glauben und Vernunft wird häufig im Medium der Frage diskutiert, ob sich die Existenz Gottes beweisen lasse und ob ein derartiger Beweise geeignet wäre, einen Nichtglaubenden zum Glauben zu führen. Zwar haben einige Autoren dies bejaht, der allgemeine Konsens innerhalb der christlichen Theologie scheint jedoch dahin zu gehen, dass Vernunftargumente einzelne Menschen nicht zum Glauben zu bewegen vermögen, Glaubende aber dennoch imstande seien, vernünftige Gründe für ihren Glauben an Gott anzuführen. Weiterlesen