Stephen Hawkings Gottesproblem

„Die Zeit begann mit der Entstehung des Universums. Wenn es also vorher keine Zeit gab, konnte es auch keinen Schöpfer geben, der ein bestimmtes Ereignis verursacht hat, da dies ohne Zeit nicht möglich ist. Es gibt also keinen Gott.“(Stephen Hawking)
Tut mir leid, Mister Hawking, aber bei all Ihrer Genialität machen Sie doch immer den gleichen gewaltigen Denkfehler. Ich bin 14 Jahre alt und so etwas wie ein „Astrophysikfreak“, weshalb ich immer wieder auf derartige Aussagen stoße. Und weil Physik und Religion sich eben nicht ausschließen, versuche ich jetzt zu erklären, warum Stephen Hawking genial, aber nicht genial genug ist. Sein Problem ist der Verstand, weil dieser es nicht zulässt, dass Hawking über den Rand eben dieses Verstandes hinausdenkt. Er hält alles für berechenbar. Aber Gott kann man nicht berechnen, weil unser Verstand ihn gar nicht erfassen kann. Hawking begründet weiterhin: „Die Natur lässt nichts Übernatürliches zu, weil sie ausschließlich nach den Naturgesetzen funktioniert“.
Warum sollte Gott sich kleiner machen, als er ist? Sich in Formeln und Zahlen quetschen, die ihn nicht annähernd erfassen können? Und das Wichtigste: Warum sollte Gott an Raum und Zeit gebunden sein, wenn er eben diese erschaffen hat? Warum sollte ein Universum unter genau richtigen Bedingen einfach zufällig entstehen? Will man auf all diese Fragen eine annähernd sinnvolle Antwort geben, kommt man um die Existenz eines Gottes eigentlich gar nicht mehr herum. Gott ist notwendig, um dem Leben einen Sinn zu geben, denn ohne Gott ist das Leben sinnlos, nichts hat Konsequenzen, ob man lügt, stiehlt oder sogar mordet. Alles in der Natur verfällt früher oder später ins Chaos, nur wir Menschen folgen Regeln, Gesetzen und einer Moral.
Warum sollten wir all das benötigen, wenn unser Handeln keine Folgen hätte? Aber weil mir eine solche Erklärung für die kurze Begegnung auf dem Gang zu lang ist, entgegne ich meistens nur: „Und was ist Religion für dich? Glauben oder Verstand?“
Zur Autorin: Laetitia Jennißen ist 14 Jahre jung und kommt aus Deutschland. Sie ist Mitglied bei der Katholischen Pfadfinderschaft Europas. In ihrer Freizeit versucht sie, wissenschaftliche Theorien zu hinterfragen und selbst welche aufzustellen. Sie sieht sich als ein „Astrophysikfreak“.
Der Beitrag erscheint im Rahmen des Jugend-Schreibwettbewerbs von kath.net.
Mehr Infos unter: http://www.kath.net/news/59054

Über Etwas und Nichts – der (pantheistische) Gott den Jeder irgendwie kennt und der Gott des Christentums.

Unter den Menschen, die sich als religiös bezeichnen, gibt es viele, die den Glauben an einen personalen Gott verneinen, aber bekennen, an „etwas Größeres“, an „das Universum“ oder „das Ganze“ zu glauben. Diese Sichtweise entspricht dem Denken des kosmologischen Gottesbeweises, wonach alle Ursachen dieser Welt auf einer letztendlichen Urursache – Gott, dem Universum, einer höchsten Kraft – fußen. Gott in der Natur zu finden ist eine weitere Spielart. Gott wird dann in den Dingen gesucht, die man „sehen“ und „begreifen“ kann, von denen man annimmt, dass sie „existieren“. Grob lässt sich all dies unter Pantheismus bzw. dem davon nicht ganz sauber abzugrenzenden Panentheismus zusammenfassen.
Ein gemeinsamer Aspekt dieser verschiedenen Denkweisen ist, dass dabei Gott bzw. die eine höchste Kraft etwas völlig nebelhaftes bleibt. Es ist unklar, was das ist und in welcher Beziehung wir zu diesem Etwas stehen. Es ist zwar da, aber es hat keine Relevanz. Ein solcher Gott ist ein Gott, den es gibt und gerade deshalb nicht gibt. Er lässt sich erkennen und begreifen – doch nur soweit, dass daraus nichts folgt, außer eventuell einige moralische Impulse, für die die Vorstellung eines solchen Wesens aber nicht notwendig ist (die Natur bewahren, weil sie für uns Gott ist, können wir  genauso auch dann, wenn wir lediglich erkennen, dass sie für unser Leben und das Leben unserer Kinder wichtig ist). Der so gefundene Gott ist irrelevant: Ich bilde ihn mir, nach meinen Überlegungen, nach meiner Vorstellungskraft, gerne auch als Etwas, was nichts ist. Habe ich dieses Gottesbild, so wird es nichts an meinem Leben ändern; verwerfe ich es, so wird auch das nichts an meinem Leben ändern. Er ist ein Paradebeispiel des von Menschenhand gemachten Götzens des alten Testaments. Weiterlesen

Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Wie in angekündigt, wollen wir mit der Ausstellung Weltreligionen in Unterschleißheim zu einem toleranteren Umgang der Menschen verschiedener Religionen in unserem Umfeld beitragen. In diesem Rahmen wollen wir auch unseren Glauben an Jesus Christus begründen.

In meinem Umfeld kenne ich Personen, denen sich die Nackenhaare aufstellen, wenn sie lesen, dass hier eine „religiöse Sondergruppe“ Toleranz in einem Zug mit Religion und dem Glauben an Jesus Christus nennt. Diese Christen, die sich hier so tolerant geben, können eigentlich nichts anderes wollen, als auf listige Weise, quasi durch die Hintertür, ihre angebliche Frohbotschaft einführen und ihren Absolutheitsanspruch durchsetzen. Mir fiel der Titel eines Buchs ein, das ich vor langer Zeit las: Toleranz und Wahrheit – wie Hund und Katze? Ich höre es schon fauchen und bellen.

Wahrheit und Toleranz. Haben wir eine Vorstellung, was diese Begriffe bedeuten? Wenn ich mir vergegenwärtige wie in den heutigen Medien damit umgegangen wird, traue ich mich fast gar nicht, diese großen Worte in den Mund zu nehmen. Bevor wir zu der Gretchenfrage kommen, stellen wir doch zuerst die Pilatusfrage: Was ist Wahrheit? Und was meinen wir überhaupt, wenn wir von Toleranz reden?

Stellen Sie sich folgende Situation vor:
Das Ergebnis des Schülers in der Mathematikaufgabe 2+2=5 bewertet der Lehrer als falsch und korrigiert es zu 4. Daraufhin urteilt der Schüler: Dieser Lehrer ist doch intolerant! 4 oder 5, was spielt das für eine Rolle? Die Differenz ist so klein! Es kann doch nicht auf diese einzelne Eins ankommen. Hauptsache ich habe das Plus richtig angewendet. Plus sagt doch, dass unter dem Strich mehr rauskommen muss, als oben drüber reingekommen ist. Und darauf kommt es doch an!

Man kann den Begriff Toleranz überstrapazieren. Das habe ich hier getan. Im Grunde ist es ein triviales Beispiel und hat mit Toleranz nichts zu tun. Für viele andere Fragen und Probleme, mit denen der Mensch konfrontiert ist, sehen die Lösungswege und die Beweise ganz anders aus. Dazu zählen beispielsweise auch naturwissenschaftliche und geschichtswissenschaftliche Fragestellungen: Wann hat Alexander der Große gelebt? Wie kam es zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges? Wie entstand das Universum? Gibt es Leben auf anderen Planeten? In diesen Bereichen würde auch keiner auf die Idee kommen und behaupten, dass es hier kein Richtig oder Falsch gibt, oder dass es nicht wichtig ist, ob man überhaupt eine Antwort bekommt und man aufhören soll, Fragen zu stellen. Das Gegenteil ist der Fall.
Dasselbe gilt für ethische oder moralische Fragen. Soll ich meine Eltern belügen? Soll ich am Bau der Atombombe mitarbeiten? Ist Gewalt in der Ehe zulässig? Soll die Sklaverei abgeschafft werden? Darf ein Staat Folter anwenden?
Dasselbe gilt auch für religiöse Fragen. Gibt es einen Gott? Was geschieht nach dem Tod? Ist Jesus Christus Gott oder war er nur ein Mensch?

Ich erkläre hier nicht Meinungsfragen zu Wissensfragen, deren Antworten man ausrechnen, mit bloßem Auge sehen, oder in einem Lehrbuch oder Lexikon nachschlagen kann. Aber Moment mal. An dieser Stelle kam mir in Erinnerung, dass es in der Sowjetunion, wo ich aufgewachsen bin, eine Zeit gab, wo Lehrbücher an die Staatsdoktrin angepasst wurden. Die Geschichte wurde in gewisser Weise neu erfunden und neu geschrieben. Fotografien wurden nachträglich bearbeitet, um bestimmte Personen daraus zu tilgen. Nicht jedes Foto bildet die Realität ab. Nicht jedem Lehrbuch kann man in jeder Aussage Glauben schenken. Im Dritten Reich gab es eine Deutsche Physik. Jüdische Wissenschaftler waren nicht mehr geduldet. In der Sowjetunion hatte man sich kreative Wege einfallen lassen, um die Zahl jüdischer Studenten an Universitäten sehr gering zu halten. Solcherlei Beispiele gibt es viele. Jahrhundertelang hielt man am geozentrischen Weltbild fest, weil es mit der vorherrschenden religiösen Lehre verwoben war. Man findet beides in der Menschheitsgeschichte: Den Versuch, Wahrheit mit Gewalt zu verbreiten und den Versuch, sie gewaltsam zu unterdrücken. Auch Wissenschaftler, nicht nur Politiker oder Kleriker, können sich irren und sind manipulierbar und korrumpierbar. Und es gibt Wahrheiten, die mit wissenschaftlichen Methoden nicht erfasst werden können. Ich würde von keinem Physiker erwarten, dass er mit Hilfe seiner Disziplin eine wissenschaftliche Erklärung dafür liefern kann, wie es möglich war, dass Petrus auf dem Wasser gehen konnte, oder von einem Mediziner eine wissenschaftliche Erklärung für die Jungfrauengeburt, oder von einem Chemiker, wie Jesus Wasser zu Wein machen konnte. (Früher hatte man wohl versucht aus Pech Gold zu machen. Heute nennt man das Alchemie und es hat wenig mit der Wissenschaft Chemie wie sie heute verstanden und ausgeübt wird zu tun.) Wissenschaftliche Methoden sind ein Weg, die Wahrheit in bestimmten Fragen heraus zu finden. Wir wollen aber auch in anderen Bereichen die Wahrheit herausfinden.

Wenden wir uns der religiösen Frage zu, stehen wir vor der Annahme (oder vielleicht ist es eine Unterstellung? und manchmal ist es ein Vorwurf), dass die drei großen monotheistischen Religionen einen absoluten Wahrheitsanspruch haben. Auch viele Atheisten, atheistische Gruppierungen und Vereinigungen haben ihn. Sie alle beanspruchen für sich, wahre Überzeugungen zu vertreten. Die einen werfen „es gibt einen Gott“ in die Waagschale, die anderen „es gibt keinen Gott“. Die Waage scheint ausgeglichen, das Spiel ist unentschieden, belassen wir es doch dabei. Lasst uns essen und trinken, denn morgen sterben wir! Was soll das ganze Theater? Ist das überhaupt eine wichtige Frage? Darum soll es hier gehen.

Wie ich andeutete, war es vielleicht schon falsch, überhaupt von einem „Anspruch“ zu reden. Ich bin Christ und erhebe keinen Anspruch irgendeine Wahrheit in der Hand zu halten, zu besitzen, für mich gepachtet zu haben, oder dergleichen. Ich glaube dennoch, dass ich in der Frage nach Gott zu wahren Überzeugungen gelangt bin. Ich glaube, Jesus Christus ist Gott. Ich glaube nicht nur, dass das ein sinnvoller Satz ist, sondern, dass er wahr ist. Was hat das mit Wahrheit zu tun, wenn man es nicht ausdrücken kann, ohne das Wort „glauben“ zu verwenden? Als Kind haben wir in der Schule immer gehört, glauben heißt nichts wissen, und nicht wissen heißt ein Esel sein. Ich habe soeben aus einem Dialog unter Wissenschaftlern zitiert, die dieser Frage auf den Grund gegangen sind. Pinchas Lapide sagt: Das Verhängnis ist, dass im Deutschen dem Wort „Glauben“ der schlechte Beigeschmack von Nicht-Wissen anhaftet. Wenn ich sage, ich glaube, dass Gott ist, so schwingt da immer mit: Ich weiß es aber nicht.
Darauf antwortet Viktor Frankl: Glaube wurde als eine Minus-Variante von einem geistigen Akt hingestellt. Ich glaube, gerade das Gegenteil ist richtig. Ich glaube nicht, dass der Glaube ein Denken vermindert um die Realität des Gedachten ist, sondern im Gegenteil, Glaube ist ein Denken vermehrt um die Existenzialität des Denkenden. Das bedeutet in Wirklichkeit, dass der Akt des Glaubens auf einem existenziellen Akt beruht.
In meinen eigenen Worten ausgedrückt, zu sagen, ich glaube an etwas heißt, ich denke an etwas, dem in der Realität nichts entspricht – das ist falsch. Glaube an Gott hat mit einer existentiellen Wahrheit zu tun, die sich in meinem Leben verwirklicht. Jesus Christus sagt, ich bin die Wahrheit, er sagt nicht, ich sage die Wahrheit. Wahrheit und Person sind nicht voneinander zu trennen. Jesus Christus ist die existenzielle Wahrheit, in die mein ganzes Sein mit hinein gezogen wird. Wir haben das Gefühl dafür, was eine existenzielle Frage ist, verloren. Es geht nicht darum, wie ich meinen Sonntagvormittag gestalte oder ob ich bei meiner Steuererklärung schummeln soll. Mit meiner Behauptung Jesus ist Herr, werfe ich meine ganze Existenz, mein Leben, in die Waagschale und lasse mein Dasein sprechen. Jesus Christus sagt in einem Atemzug, ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er ist mein Weg zu Gott. Er ist mein Leben. Das ist mein Glaube und nicht bloß ein Für-Wahr-Halten irgendwelcher Aussagen oder das Befolgen irgendwelcher Lehren.
Um dem Einwand zu begegnen, das sei eine seltsame Vorstellung von Wahrheit und ich würde die Begriffe verbiegen bis sie in meine Weltsicht passen, nach dem MottoIch mach‘ mir die Welt / Widdewidde wie sie mir gefällt. Nein. Die Aussage, dass Jesus Christus Gott ist, ist für mich genauso schlicht wahr und gewiss wie die Aussagen, dass Napoleon tatsächlich gelebt hat, die Erde um die eigene Achse rotiert, oder dass 2+2=4 ist.
Wenn ich hier „mein“ sage, relativiere ich nichts oder gebe Raum für ein alternatives ebenso wahres „dein“, etwa: mein Weg ist Jesus und dein Weg ist der edle achtfache Pfad, oder meine Mama ist für mich die beste Mama auf der Welt und deine Mama ist für dich die beste Mama auf der Welt. Die Betonung liegt nicht auf meinem individuellen „mein“, sondern auf dem göttlichen universellen „Ich bin“. Wir reden nicht über Geschmacksfragen oder persönliche Empfindungen, sondern Fragen von existenzieller Bedeutung und Antworten, die einander ausschließen. Hier gibt es keine Neutralität, es wird je behauptet, eine allgemein-gültige Weltsicht zu vertreten. In dieser ungeheuerlichen Anmaßung liegt ja gerade der Stein des Anstoßes und man kann fragen, wo hier Toleranz ihren Raum hat.

Bei uns Deutschen hat die Toleranz schon eine sehr lange Tradition. Hier sind wir zwar in Bayern, erlauben Sie mir dennoch einen preußischen König als Vorbild zu zitieren, der seiner Toleranz wegen gerühmt wird. Von Friedrich dem Großen ist der Ausspruch bekannt:
Katholiken, Lutheraner, Reformierte, Juden und zahlreiche andere Sekten wohnen in Preußen und leben friedlich beieinander!

(Man beachte: Alle sind Sekten.)
Das ist ja hocherfreulich, dass man sich auf deinem Territorium nicht die Köpfe einschlägt. Worauf führst du das denn zurück? Dazu erklärt Friedrich der Große in seinem politischen Testament:
Geht man allen Religionen auf den Grund, so beruhen sie auf einem mehr oder minder widersinnigen System von Fabeln. Ein Mensch von gesundem Verstand, der diese Dinge kritisch untersucht, muß unfehlbar ihre Verkehrtheit erkennen. Allein diese Vorurteile, Irrtümer und Wundergeschichten sind für die Menschen gemacht, und man muß auf die große Masse soweit Rücksicht nehmen, daß man ihre religiösen Gefühle nicht verletzt, einerlei, welchem Glauben sie angehören.

Friedrichs Haltung drückt ziemlich gut aus, wie viele Menschen in unserer Gesellschaft über Religion denken. Die Religiösen (manchmal auch religiösen Fanatiker oder Fundamentalisten genannt) sind nur eine große einfältige Masse, im Grunde nichts als Narren. Und was muss man Narren gewähren? Narrenfreiheit natürlich!
Genau diese Gesinnung steht hinter Friedrichs berühmtem Satz: Hier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden.
Wobei er der Meinung ist, dass jede „Fasson“ nur eine Variante von Dummheit ist. Da steht also der Große Friedrich von Sanssouci und schaut leicht amüsiert und leicht angewidert von oben herab auf die große Masse mit ihren seltsamen religiösen Vorstellungen und sagt: Lassen wir sie! Narren sind sie allesamt!
Genau diese Haltung ist nicht, was wir unter Toleranz verstehen. Friedrich der Große bringt den Gläubigen aller Religionen Verachtung entgegen. Das ist etwas anderes als Toleranz.

Vielleicht kommen wir der Sache mit dem Zitat eines anderen näher, dessen Name und Gedächtnis der deutschen Nation auf dem ganzen Erdkreis Ruhm und Schmuck verleiht. Goethe notiert in Maximen und Reflexionen: Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.

Anerkennung kann es in Fragen, in denen man gegensätzlicher Meinung ist, nur gegenüber der Person geben. Ich anerkenne, dass mein Gegenüber eine andere Meinung vertritt. Ich bejahe und respektiere den anderen als Person mit einem Recht auf eigene Meinung – ich lehne seine Meinung in der Sache aber ab. Das ist ein Dulden ohne zu beleidigen, das ist Toleranz der ursprünglichen Wortbedeutung nach als tragen oder ertragen. Ein Anerkennen und Ernst-Nehmen der Person, ohne die Wahrheit in der Sache über Bord zu werfen. Ein Aushalten der offensichtlichen Differenzen und der Andersartigkeit der konkurrierenden Glaubensbekenntnisse, ohne die eigene Identität zu verwischen. Das Gegenteil wäre weder authentisch noch höflich, noch politisch korrekt oder intellektuell redlich. Und schließlich heißt Toleranz nicht: „Du hast recht, ich habe recht, wir alle haben recht. Es bestätigt, was wir schon immer gewusst haben: Alles viel zu schwierig. Man kann die Wahrheit überhaupt nicht erkennen!“

In der Begegnung mit Gläubigen anderer Religionen oder mit Menschen anderer Weltanschauung ist genau das dornige Feld der Toleranz (Kettling) abgesteckt, auf den wir uns mit dieser Ausstellung begeben wollen. Wir laden Sie auf diese Reise mit uns zusammen ein. Lernen Sie verschiedene Religionen kennen und gehen Sie den „letzten Fragen“ auf den Grund.

Quellenangaben:
Siegried Kettling,
Toleranz und Wahrheit, wie Hund und Katze? (Der Vergleich Friedrich der Große, Der Verächter ist nicht tolerant, stammt aus diesem wunderbaren Buch.)
Viktor E. Frankl und Pinchas Lapide, Gottessuche und Sinnfrage
Friedrich II. von Preußen,
Schriften über Religion
https://brink4u.com/2016/11/04/nun-sag-wie-hast-dus-mit-der-religion/

Sind Glauben und Erkennen Gegensätze oder gehören sie zusammen?

  1. Die heutige Trennung von Glauben und Erkennen
    Auf der Titelseite einer Weihnachtsausgabe des „Spiegel“ konnte man vor einigen Jahren die Leitfrage lesen „Warum glaubt der Mensch?“
    Ganz im Vordergrund stand die Themaformulierung „Jenseits des Wissens“. Damit war die Ausrichtung vorgegeben: Was auch immer die Gründe für den Glauben an eine göttliche Wirklichkeit sein mögen, sie befinden sich jenseits dessen, was der Mensch zuverlässig erkennen kann. Diese prinzipielle Trennung von Glauben und Wissen ist typisch für die moderne und erst Recht die postmoderne nachchristliche Gesellschaft. Glaube gilt weithin als bloß „subjektive“ Meinung, die im Unterschied zum „objektiven“ Wissen oder zur Wissenschaft nicht wirklich begründet werden kann.
    Die Folgen dieser Trennung von Glauben und Wissen für die säkulare Gesellschaft sind von kaum zu überschätzender Tragweite:
    Während das „Wissen“ und erst recht die „Wissenschaft“ öffentliche Geltung beanspruchen, gilt der „Glaube“ als rein private Angelegenheit, die keinen öffentlichen Geltungsanspruch erheben darf.
    Während „Wissen“ und „Wissenschaft“ rational begründbar und insofern auch nachprüfbar sind, ist der Glaube außerhalb jeder rationalen Überprüfbarkeit.
    Auch viele Christen haben sich dieser Überzeugung angeschlossen, denn die Trennung von Glauben und Erkennen ist für die Gläubigen zunächst einmal sehr bequem. Gilt diese Trennung, dann braucht sich der Christ den vielfältigen Fragen nach den Gründen seines Glaubens durch Nichtchristen oder durch die Wissenschaft nicht mehr zu stellen, weil der Glaube ohnehin außerhalb jeder rationalen Erkennbarkeit steht. Dann würde es genügen, den Nichtglaubenden einfach nur zu bezeugen, dass wir Christen eben an das Evangelium glauben, und den Menschen die Frohbotschaft verkündigen – eine Botschaft, die sich zwar in keiner Weise begründen oder argumentativ verteidigen lässt, die sich aber immer wieder durch das übernatürliche Wirken des Heiligen Geistes bei den Menschen durchsetzen wird.
    Doch so einfach geht es nicht! Der biblische Glaube an Jesus entsteht nicht einfach „ohne“ oder gar „gegen“ das menschliche Erkennen. Zwar sind Glauben und Erkennen zu unterscheiden, sie dürfen aber nie voneinander getrennt werden. Die heute gängige Ansiedlung des Glaubens „jenseits“ des Wissens und des Erkennens lässt sich weder auf die Bibel noch auf die Reformatoren zurückführen, sondern ist ein Ergebnis der neuzeitlichen, sich vom Christentum lösenden Philosophie, die in der sog. „Aufklärung“ des 17. und 18. Jahrhunderts ihren Ausgangspunkt hatte.
    2. Die Verbindung von Glauben und Erkennen in der Bibel
    Die Heilige Schrift kennt keine grundsätzliche Trennung von Glauben und Erkenntnis. Sie verbindet im Gegenteil beide Vorgänge so, dass der Glaube aus der Wahrnehmung – und damit aus der Erkenntnis – entsteht. Konkret bedeutet dies: Aus dem Sehen und Hören der Taten und Worte des sich bezeugenden Gottes entsteht der Glaube an diesen Gott. Bei den Augen- und Ohrenzeugen der Offenbarungsgeschichte geschieht dies durch das unmittelbare Erleben, bei den nicht unmittelbar Beteiligten der nachfolgenden Generationen auf mittelbare Weise durch das Hören und Lesen der biblischen Zeugnisse. Der aus der biblischen Offenbarung entstehende Glaube ist kein unbegründeter, „blinder“ Glaube, sondern beruht auf dem „Sehen“ (a) und „Hören“ (b) von Augen- und Ohrenzeugen und ist insofern bestens begründet!
    a) Das Sehen als Voraussetzung des Glaubens
    Schon wenn man sich in die Offenbarungsgeschichte des ATs vertieft, fällt auf, wie stark hier die Bedeutung des Sehens betont wird. Gott offenbart sich in Israel in der Regel nicht durch „mystische“ Erscheinungen, die einigen „Erleuchteten“ jenseits aller sinnlichen Erfahrung zuteil werden, sondern durch geschichtliche, manchmal sogar alltäglich anmutende Ereignisse, die vor den Augen der Beteiligten geschehen.
    Aus der Wahrnehmung des Offenbarungshandelns Gottes erwächst schon im AT immer wieder die ausdrückliche Aufforderung zum Sehen. Eine ähnlich starke Betonung des Sehens als Voraussetzung des Glaubens liegt im Neuen Testament vor. Lukas 1,2 betont, dass das Lukasevangelium auf diejenigen Zeugen zurückgeht, „die es von Anfang an selbst gesehen haben“. Angesichts der schlechterdings fundamentalen Bedeutung des Sehens für den Glauben im Neuen Testament kann die Aufforderung zum Glauben in den schlichten Appell gefasst werden: „Komm und sieh!“ (Joh 1,46)
    b) Das Hören als Voraussetzung des Glaubens
    Der hohen Bedeutung des Sehens entspricht in der Bibel der nicht minder hohe Rang, den das Hören für den Glauben besitzt. Die sichtbaren Geschichtstaten Gottes sind alle mit einem göttlichen Reden verbunden, das diesen Taten die rechte Deutung gibt. Die großen Gestalten des ATs zeichnen sich dadurch aus, dass sie in besonderem Masse Hörende waren. Geradezu klassisch kommt die Haltung des Hörens im Gebet des jungen Samuel zum Ausdruck: „Rede Herr, denn dein Knecht hört …“ (1 Sam 3,9).
    Das Reden Gottes und die Bedeutung des Hörens kommt im Neuen Testament zum Höhepunkt. Jesus Christus hat die überragende Bedeutung des Hörens gegenüber seinem Offenbarungswort immer wieder nachdrücklich betont (Mt 5,21ff; 7,24-27; Lk 10,38-42). Und Gott hat als Vater diesen Anspruch seines Sohnes vor den Ohren der Zeitgenossen auf eindrucksvolle Weise bekräftigt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ (Mt 17,5). Dies zeigt, in welch fundamentaler Weise der Glaube nach dem biblischen Verständnis auf dem Hören beruht, und zwar auf dem Hören des Wortes Gottes. Jesus Christus ist nach dem Zeugnis der Bibel Gottes gnädiges Wort an die Menschheit, und zwar nicht nur durch seine explizite Verkündigung und Lehre, sondern auch durch seine gesamte Wirksamkeit einschließlich seines Leidens, Sterbens und seiner Auferstehung.
    3. Christlicher Glaube als bestens begründeter Glaube
    Der christliche Glaube ist nicht „blind“ – und damit unbegründet und unbegründbar, sondern baut als „sehender“ und „hörender“ Glaube auf einem festen Fundament auf, nämlich auf dem, was Gott in seiner Offenbarung selbst gesagt und getan hat. Deswegen ist der christliche Glaube wohlbegründet und grundsätzlich auch Nichtglaubenden gegenüber begründbar. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes bestens begründet, weil er nicht nur auf fraglichen menschlichen Einsichten und Gedanken beruht, sondern auf dem sich selbst offenbarenden verlässlichen Reden und Handeln Gottes. Deshalb schafft Gottes Offenbarung im Menschen eine Gewissheit, die sich im Denken und im Leben gleichermaßen bewährt und sogar im Sterben durchträgt, auch wenn sie immer wieder durch Zweifel oder Anfechtung herausgefordert wird.
    3.1. Der Glaube ist in der sinnlichen Erfahrung der göttlichen Offenbarung begründet.
    Gottes Offenbarung wohnt eine Universalität inne, die grundsätzlich jeden Menschen zu erreichen vermag, d.h. Menschen aller Altersgruppen, psychischen Beschaffenheit und Volks- und Sprachzugehörigkeit. Dies hängt damit zusammen, dass sie uns Menschen nicht nur in einer bestimmten Hinsicht (intellektuell, emotional o.ä.) anspricht, sondern als sehende, hörende, denkende, fühlende, glaubende und handelnde Personen. Schon im AT vollzieht sich die Wahrnehmung der Liebe Gottes nicht nur durch das Sehen und Hören, sondern z.B. auch durch den Geschmacksinn: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist, wohl dem, der auf ihn sein Vertrauen setzt“ (Ps 34,9). Diese Dimension der Gotteserfahrung ist uns als Christen insbesondere durch das Sakrament des Heiligen Abendmahles gegeben, durch das wir tatsächlich mit unserem Geschmacksinn die Erlöserliebe und Freundlichkeit Gottes „schmecken“ dürfen!
    3.2. Der Glaube richtet sich auf den unsichtbaren Gott, der alle Sinne überragt.
    Natürlich ist das „Sehen“ und „Hören“ in der Bibel nicht nur sinnlich zu verstehen. Es handelt sich in beiden Fällen um Vorgänge, die zwar durch die Sinne vermittelt sind, aber stets eines geistigen (d.h. die Vernunft einbeziehenden) Vernehmens und Verstehens bedürfen, um zum Ziel zu gelangen. Das sichtbare Handeln und hörbare Reden Gottes offenbart ja den Gott, der zwar aus seiner Verborgenheit, aber noch nicht aus seiner Unsichtbarkeit herausgetreten ist. Der durch das Reden und Handeln Gottes entstehende Glaube aber ist ein Akt des Vertrauens auf die (noch) unsichtbare Person des lebendigen Gottes. (Hebr. 11,1). Christlicher Glaube ist daher immer begründeter Glaube an den unsichtbaren Gott, der sich für den Menschen wahrnehmbar geoffenbart hat. Was zutiefst schon für das zwischenmenschliche Vertrauen wahr ist, gilt erst recht für das Vertrauen auf den unsichtbaren Gott, den zu sehen dem Menschen vor der Vollendung prinzipiell verwehrt ist.
    3.3. Der Glaube ist ein ganzheitlicher Vertrauensakt, der bloße Erkenntnis übersteigt.
    Der Glaube betrifft mich stets als ganze Person einschließlich meines Wollens, während die Erkenntnis im eigentlichen Sinn zunächst nur das Denken betrifft. Wir müssen also aus biblischen Gründen der eingangs geschilderten modernen Trennung von Glauben und Erkennen entschieden widersprechen. Als Christen können, dürfen und sollen wir wissen, warum wir glauben! Wir sollten gerade in der missionarischen Situation der Gegenwart fähig sein, unseren Glauben gut zu begründen und gegenüber Einwänden zu verteidigen (1.Petr. 3,15). Je mehr wir uns als Christen oder Theologen mit den Grundlagen unseres Glaubens befassen, umso mehr können wir die staunende Entdeckung machen, wie unermesslich viele hervorragende Gründe es im Hinblick auf unsere Vernunft und unser Leben gibt, dem Gott das Vertrauen zu schenken, der sich uns in Jesus Christus als liebender Vater, Sohn und Heiliger Geist geoffenbart hat!
    3.4. Der Glaube ist ein menschlich-persönlicher Akt und doch ein unverfügbares Geschenk des Heiligen Geistes.
    Dass der Glaube im Neuen Testament ein menschlich-persönlicher Akt ist des Vertrauenfassens zur Person Jesu und zum dreieinigen Gott ist, ist offensichtlich. Schon die neutestamentlichen Aufforderungen zum Glauben zeigen (vgl. z.B. Mk 1,15; Joh 9,35ff. Apg 8,37; Röm 10,9), dass der Mensch in seiner Personmitte, d.h. in seinem Denken und Wollen, angesprochen ist. Und doch macht das NT ebenso unmissverständlich klar, dass der Glaube ein Geschenk des Heiligen Geistes ist (Lk 17,5; Röm 10,17; Eph 1,21; Kol 2,12). Dass beide Aussagen kein Widerspruch sind, sondern sich sogar ergänzen, hat der Apostel Paulus deutlich gemacht: „Denn Gott ist es, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen“ (Phil 2,13). Gottes Wirken schaltet unser menschliches Wirken nicht aus, sondern ermöglicht, entfaltet und vollendet es! Zusammenfassend können wir also sagen, dass der christliche Glaube ein durch das Erkennen bestens begründeter und zugleich durch den Heiligen Geist geschenkter Vertrauensakt des Menschen auf den Gott ist, der sich in der Bibel und der von ihr bezeugten Geschichte geoffenbart hat. Doch mit dieser Feststellung haben wir die biblische Zuordnung von Glauben und Erkennen noch nicht zureichend bestimmt. Die Bibel zeigt nämlich darüber hinaus, dass der christliche Glaube seinerseits auch zur Quelle und Grundlage für das Erkennen wird, indem er das Erkenntnisvermögen des Glaubenden befreit, erweitert und auf eine neue Grundlage stellt. Es ist erkennbar, dass sich das Verhältnis von Glauben und Erkennen nicht in einer einzigen Aussage formulieren lässt, ohne den Sachverhalt unzulässig zu vereinfachen. Adolf Schlatter (Das christliche Dogma, Stuttgart 1981, 112) hat die Komplexität dieses Verhältnisses in seiner Dogmatik einfach und doch treffend in dem Satz zusammengefasst:
    „Wir haben zu erkennen, um zu glauben, und zu glauben, um zu erkennen.“
    Ausgabe Februar / März 2014 – Dr. Werner Neuer, St.Chrischona Gekürzter Aufsatz aus „Diakrisis 2011“
    http://www.lkg.de/verbandszeitschrift-blickpunkt-lkg/blickpunkt-artikel-archiv/artikel-archiv-detail/artikel/Sind-Glauben-und-Erkennen-Gegensaetze-oder-gehoeren-sie-zusammen.html

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Der Mythos vom blinden Glauben

„Blindes Vertrauen bei Abwesenheit von Belegen“
„Der gute Gott ist doch ein Terrorist: die ganze Menschheit, sechseinhalb Milliarden Lebewesen, sind seine Geiseln; seine Forderungen sind unklar, ständig ändern sie sich, sie hängen von Sprache, Region und Traditionen ab, aber die Idee ist überall die gleiche: Er verlangt Glauben, blinden, bedingungslosen Glauben, dass er der Allmächtige ist, dass er alles kann, auch ein Leben nach dem Tod geben“. So liest man im Roman Murmanti siena des bekannten litauischen Schriftstellers Sigitas Parulskis. Einmal wieder kann man hören, Gott verlange „blinden, bedingungslosen Glauben“. Ähnlich äußern sich natürlich auch so manche Wissenschaftler wie einst der berühmte Carl Sagan (1934–1996), in dessen letztem Buch Billions and Billions (dt. Gott und der tropfende Wasserhahn) zu lesen ist:
„Die Religion fordert uns zum fraglosen Glauben auf, sogar dann, wenn es keine eindeutigen Beweise gibt […]. Die Wissenschaft dagegen fordert uns auf, nichts auf Treu und Glauben hinzunehmen, nicht unserem Hang zur Selbsttäuschung nachzugeben und angebliche Beweise abzulehnen. Der Wissenschaft gilt tiefe Skepsis als höchste Tugend.“ Weiterlesen

Ohne Religion wäre die Welt besser dran?

Bei einer prominent besetzten Debatte über die Religion stritten im Jahr 2011 Wolfgang Huber, Matthias Matussek, Wilhelm Imkamp, Gloria von Thurn und Taxis gegen die Religionskritiker  Monika Frommel, Necla Kelek, Philipp Möller und Alan Posener dagegen. Vor allem der Pädagoge Philipp Möller nahm mit seiner Polemik gegen die Religion viele Menschen für sich ein.
Hier eine kurze Analyse der Ausführungen von Markus Widenmeyer:
Möller beginnt mit der Aussage, es sei schlicht und einfach absurd, an Gott zu glauben, nur weil man das Gegenteil nicht beweisen kann. Diese Behauptung ist nicht einmal falsch, aber sie ist völlig irreführend. Mir fällt niemand ein, der aus diesem Grund an Gott glaubt. Vielmehr spricht eine ganze Reihe von z.T. recht starken Argumenten für die Existenz Gottes (von denen ich einige in meinem Buch „Welt ohne Gott?“ zu entfalten versucht habe). Solche Argumente werden seit einigen Jahrzehnten in der analytischen Religionsphilosophie auf hohem Niveau diskutiert. Diese Disziplin wechselwirkt dabei z.T. sehr eng mit den Natur- oder Geschichtswissenschaften.
Möller geht mit keinem Wort darauf ein. Und so müssen unter anderem sein witziger (?) Vergleich mit der Zahnfee oder die pauschale Abstempelung von Nicht-Atheisten als primitiv und ohne intellektuelle und emotionale Reife als Ersatz für wirkliche Argumente herhalten.
Den Religionen wirft er sinngemäß vor, die Welt in den Schemata von gut und schlecht zu bewerten. Aber das machen alle Menschen, auch Atheisten. Und Möller zielt ja offenkundig darauf ab, einem (unkritischen) Publikum zu suggerieren, dass Religion schlecht und Atheismus gut sei.
Als (angeblich) große Vordenker nennt er: Epikur, Darwin, Marx, Feuerbach und Kant. Wer aber Autoritäten heranzieht, statt selber wirklich inhaltlich zu argumentieren, zeigt substanzielle Schwäche. Tatsache ist, dass die fünf genannten Herren keine belastbaren Argumente für den Atheismus vorgebracht haben. Kant war sogar ein Gegner des Atheismus und vertrat die Ansicht, dass wir im Rahmen der Moralphilosophie die Existenz Gottes postulieren müssen.
Möller kritisiert den massiven Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen. Um ein wirkliches Argument daraus zu machen, hätte er aber zeigen müssen, dass es dort eine deutlich höhere Missbrauchsrate als sonst gibt und dass dies signifikant mit Religion zu tun hat. Hat er aber nicht. Nicht einmal versucht.
Dann die Behauptung, Grundrechte mussten gegen Religion erkämpft werden. Das ist historisch zwar zum Teil richtig, aber auch zum Teil falsch. Was das biblische Christentum anbelangt, ist es historisch und systematisch-theologisch falsch. Möller hätte z.B. das Buch von Alvin Schmidt „Wie das Christentum die Welt veränderte“ lesen sollen. Übrigens war im Kommunismus der Atheismus quasi Staatsreligion (eine historisch recht einmalige Situation). Der Menschenrechtssituation hat es aber (z.B. unter Stalin, Mao oder Pol Pot) nichts genutzt. Wohl aber die christlich motivierten Bemühungen zur Abschaffung der Sklaverei z.B. durch William Wilberforce, um nur ein Beispiel zu nennen.
Ein anderer Vorwurf lautet: Religiöse Gruppierungen glaubten im Besitz absoluter Wahrheit zu sein. Aber was will Möller damit sagen? (Und was ist der logische Unterschied zwischen „absolut wahr“ und „wahr“?) Macht dieser Umstand (falls er stimmt) z.B. die Existenz Gottes unplausibel? Wenn Mathematiker z.B. an die „absolute Wahrheit“ mathematischer Theoreme glauben, beweist dies dann, dass diese Theoreme falsch sind? Es ist richtig: Theisten (so wie ich einer bin), glauben, dass ihre eigene Weltsicht wahr ist. Aber das tut jeder rationale Mensch. Oder glaubt etwa jemand, dass das, was er für wahr hält, falsch ist? Und glauben Atheisten nicht, dass der Atheismus wahr, meinetwegen „absolut wahr“, ist?
Sodann kritisiert Möller „Berufschristen“, die Homosexualität als Sünde bezeichnen, die wider die Natur sei. Auch hier müsste Möller erst seine Hausaufgaben machen. Er müsste z.B. belegen, dass es objektiv schlecht ist, HS als Sünde zu bezeichnen, bzw. warum dies den Glauben an Gott unplausibel macht. Übrigens hatte bereits Immanuel Kant, den Möller soeben lobend als Aufklärer gegen Religion erwähnte, in seinen Vorlesungen über Moralphilosophie Homosexualität als Verbrechen wider die Natur (lat. crimen carnis contra naturam).
Keinen Einwand habe ich gegen Möllers These, dass Kritik an Religion (er erwähnt den Islam) erlaubt sein müsse. Ja, Kritik an jeder Weltanschauung muss erlaubt sein, sei es am Christentum, am Islam – und genauso am Atheismus, lieber Herr Möller. Am Ende wird der rationale Mensch sehen (wollen), für was die Kraft der Fakten und Argumente in Summe spricht.
Die Alternativen zu Religion, so Möller: Aufklärung, Humanismus, Wissenschaft, Philosophie. Nun, echte Aufklärung, Wissenschaft und Philosophie sind (oder wären), dass man wirklich bessere Gründe und Argumente vorbringt. Genau das hat Möller jedoch nicht getan, ja nicht einmal in Ansätzen.
Möller plädiert für eine Ethik, „die sich an den Interessen des Menschen orientiert und übrigens auch aller anderer Tiere.“ Mit keinem Wort erwähnt er aber die m.E. schwerwiegenden Probleme, wie Interessen objektivierbar sind, wie man gegensätzliche Interessen ausgleicht, und vor allem, wie eine solche Ethik ohne eine absolute Instanz des Guten (Gott) wirklich begründbar ist. Auch nicht, dass die Tendenz der ethischen Nivellierung von Mensch und Tier ein Vorläuferphänomen des Nationalsozialismus war (z.B. beim Lieblingsvordenker vieler moderner Atheisten, Ernst Haeckel).
Es darf die Forderung nicht fehlen, Religion müsse Privatsache sein. Gut, aber dann müssen alle anderen Weltanschauungen, wie z.B. der Atheismus, auch Privatsache sein. Ich fordere eine strikte Trennung von Wissenschaft und Atheismus sowie Politik und Atheismus!!
Realistischer wäre aber anzuerkennen, dass Menschen für ihre Weltanschauung jeweils werben, und sie in Politik, Gesellschaft und auch Wissenschaft hineintragen, so dass es nicht selten (meist unterschwellig) um weltanschauliche Auseinandersetzungen geht. Und hier ist seit über einem Jahrhundert gerade der Atheismus bzw. Naturalismus sehr einflussreich, was man z.B. am allseits beliebten Kreationisten-Bashing erkennen kann.
Interessanterweise vertritt gerade das Neue Testament der Bibel recht klar die Trennung von Staat und Glaube. Denn die wirkliche Wahrheit kann nicht staatlich verordnet, mit Gewalt durchgesetzt oder mittels staatlicher Bildungseinrichtungen indoktriniert werden. Vielmehr verlangt sie von jedem Menschen eine persönliche Entscheidung ab.
http://theoblog.de/ohne-religion-waere-die-welt-besser-dran/28413/#comments

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Postmoderne: „Jeder hat recht“ ist unlogisch

Der Religionsphilosoph Professor Daniel von Wachter hat in einem Interview dem Medienmagazin pro über das Denken der Postmoderne den Wahrheitsrelativismus scharf kritisiert:

Daniel von Wachter: Postmodernismus ist nicht eine Analyse des Denkens der Mehrheit der heutigen Menschen, sondern besteht aus bestimmten Behauptungen bestimmter Autoren. Zum Beispiel: Es gibt keine objektive Wahrheit; es gibt keine Wirklichkeit, die von uns unabhängig ist; Vernunft und Wissenschaft sind nur Herrschaftsinstrumente; Texte haben keine zu entdeckende Bedeutung. Interessant ist, dass die vier Hauptautoren dieser Art von Rhetorik – Lyotard, Derrida, Rorty, Foucault – alle einen sozialistischen Hintergrund haben.

Wie denken Postmodernisten über den christlichen Glauben?

Die Postmodernisten greifen die bloße Tatsache an, dass das Christentum eine Lehre hat; eine Botschaft, die wahr sein soll. Sie greifen die christliche Lehre nicht so an, wie es redlich und sinnvoll wäre, indem sie ihr Argumente entgegenhalten und sagen: Das ist falsch aus den und den Gründen. Stattdessen behaupten sie, Wahrheit und Wirklichkeit gebe es gar nicht. Zweitens greifen die Postmodernisten die Lehre der Christen an, dass die Bibel Gottes Wort und verbindliche Quelle der Lehre sei. Wieder geben sie keine Argumente, sondern sie sagen: Ein Text hat gar keine zu entdeckende Bedeutung. Jeder schafft sich seine eigene Bedeutung.

Wenn es keine Wahrheit gäbe, wäre jede Meinung gleichermaßen richtig?

Es hat keinen Sinn, zu sagen: „Wenn jemand das anders sieht als ich, dann hat er ebenfalls recht.“ Das ist ein Widerspruch, es ist unvernünftig, so etwas zu sagen. Die Idee, dass man so einen Widerspruch „aushalten soll“, wird oft als menschlich und liebevoll dargestellt. Es ist aber unlogisch, wenn ich etwas glaube und das Gegenteil auch für richtig halte. Das bringt niemanden weiter. Wir wollen doch wissen, was richtig ist, und uns entsprechend entscheiden. Man darf die Wahrheit nicht gegen die Liebe ausspielen. Daher sollte man nicht sagen: Damit ich mehr Liebe übe, darf ich niemandem mehr widersprechen. Es ist sogar liebevoller, wenn ich versuche, ihn zu überzeugen, weil ich ja will, dass der andere auch die Wahrheit, also die richtige Auffassung erlangt. Manchmal ist es zum Beispiel in einer Gemeinde richtig zu sagen: „Wegen dieser Meinungsverschiedenheit trennen wir uns nicht“. Aber es ist töricht zu sagen: „Ich meine X, aber ich will nicht sagen, dass Nicht-X falsch wäre.

Mehr: www.pro-medienmagazin.de.

Siehe dazu auch: Ron Kubsch: „Warum das Christentum für François Lyotard eine Emanzipationserzählung ist“, mbstexte085.pdf sowie „Vom Ende der großen Erzählungen Jean François Lyotard und das Das postmoderne Wissen“, mbstexte003.pdf.
http://theoblog.de/postmoderne-jeder-hat-recht-ist-unlogisch/28142/

Unser unsinniger Glaube

„Sie treffen sich jeden Freitag um zehn Uhr. Dann feiern die Angehörigen der ‘Kirche des fliegenden Spaghettimonsters’ im brandenburgischen Templin ihren Gottesdienst, natürlich nach angemessenem Zeremoniell: Piratenkappen als Kopfbedeckung sind die Regel, alternativ akzeptieren die Gläubigen auch Nudelsiebe.“

So hieß es im „Spiegel Online“ unter der Überschrift „Ausgenudelt“. Doch an den vier Ortseingängen des Ortes in der Uckermark dürfen die selbsternannten Pastafaris laut Gerichtsbeschluss nun doch nicht ihre Hinweisschilder auf die „Nudelmesse“ anbringen. Auch mit dieser Aktion wollten die Anhänger der satirischen Religionsgemeinschaft gegen die Bevorzugung der großen Kirchen protestieren.

Die Pastafaris geben vor, an die Existenz eines Fliegenden Spaghettimonsters (FSM), eines Ungetüms mit Nudel-Tentakeln und Frikadellen-Augen, zu glauben. Die Kirche um den Kult dieses Phantasiewesens wurde 2005 vom US-Physiker Bobby Henderson gegründet, der damit vor allem den angeblich zunehmenden Einfluss des Kreationismus auf den Schulunterricht kritisieren will. 2006 erschien sein The Gospel of the Flying Spaghetti Monster.

Inzwischen sind die Pastafari eine weltweite Bewegung. In Neuseeland ist die Pseudokirche seit vergangenem Dezember sogar als Religionsgemeinschaft anerkannt und darf daher kirchliche Trauungen durchführen. In Wellington hat jüngst das erste Paar der Pastafaris im Piraten-Outfit legal geheiratet (s. hier). Für die Hochzeit hat die „Kirche des Fliegenden Spaghetti-Monsters“ auch noch alle möglichen Traditionen erfunden.

Spaghetti

Von Einhörnern und Teekannen

Das fliegende Spaghettimonster ist nicht die erste Religionspersiflage dieser Art. Schon vor Jahrzehnten dachten sich Kritiker des Christentums das „unsichtbare rosafarbene Einhorn“ aus. Dazu heißt es: „Der Sinn dieser Albernheit besteht darin, den Theisten vor Augen zu führen, dass ihre Predigten den Atheisten wahrscheinlich ebenso glaubwürdig und ernsthaft erscheinen wie ihnen selbst das Predigen des unsichtbaren rosafarbenen Einhorns durch die Atheisten […].“

Als Vater dieses Denkmusters gilt der Philosoph Bertrand Russell (1872–1970). Der kämpferische Atheist sprach in seinem Essay „Is there a God?“ vom Glauben an eine fliegende Teekanne im Kosmos:

2000px-Russell's_teapot.svg„Wenn ich behaupten würde, dass es zwischen Erde und Mars eine Teekanne aus Porzellan gäbe, welche auf einer elliptischen Bahn um die Sonne kreise, so würde niemand meine Behauptung widerlegen können, vorausgesetzt, ich würde vorsichtshalber hinzufügen, dass diese Kanne zu klein sei, um selbst von unseren leistungsfähigsten Teleskopen entdeckt werden zu können. Aber wenn ich nun zudem auf dem Standpunkt beharrte, meine unwiderlegbare Behauptung zu bezweifeln sei eine unerträgliche Anmaßung menschlicher Vernunft, dann könnte man zu Recht meinen, ich würde Unsinn erzählen. Wenn jedoch in antiken Büchern die Existenz einer solchen Teekanne bekräftigt würde, dies jeden Sonntag als heilige Wahrheit gelehrt und in die Köpfe der Kinder in der Schule eingeimpft würde, dann würde das Anzweifeln ihrer Existenz zu einem Zeichen von Exzentrik werden. Es würde dem Zweifler in einem aufgeklärten Zeitalter die Aufmerksamkeit eines Psychiaters einbringen oder die eines Inquisitors in früherer Zeit.“

Russells Teekanne wurde in Anlehnung an den ICHTHYS-Fisch der Christen als Aufkleber und Anstecker gestaltet: „RUSSELL“ statt „JESUS“.

Richard Dawkins dazu im Gotteswahn: „Russells Teekanne steht natürlich für eine unendlich große Zahl von Dingen, deren Existenz man sich ausmalen und nicht widerlegen kann. […] Russells entscheidende Aussage lautet: Die Beweislast liegt nicht bei den Ungläubigen, sondern bei den Gläubigen.“ Im Klartext: der Christengott ist so real wie Russells Teepott im All.

Dawkins geht aber natürlich noch einen Schritt darüber hinaus. Dass Christen Gründe für ihren Glauben vorlegen sollen, ist nachvollziehbar. Er spricht jedoch von Beweislast und gibt zu verstehen, dass für den christlichen Glauben keinerlei Beweise vorliegen. Daher sei dieser so vernünftig wie der Glaube an die kosmische Teekanne.

Der recht primitive Positivismus und Naturalismus des Briten hält aber selbst keiner genauen Prüfung stand. Die Existenz Gottes und der Glaube an ihn sind im strengen Sinn nicht beweisbar, woraus aber gerade nicht folgt, dass das Christentum Unsinn ist. Zahlreiche Dinge können wir nicht beweisen, ja alles außerhalb der Mathematik und Logik entzieht sich der Beweisbarkeit; auch in den Naturwissenschaften gibt es keine Beweise im eigentlichen Sinn. Unwiderlegbarkeit als solche besagt ebenfalls nicht viel. Dass nur das existiert, was man mit den Sinnen wahrnehmen kann, lässt sich ebenfalls nicht völlig widerlegen.

Gewiss müssen Gläubige Argumente für die Wahrheit ihrer Überzeugungen auf den Tisch legen, aber dies gilt genauso für Atheisten. Beide Seite stehen vor der gleichen Herausforderung: Welches Glaubenssystem erklärt die Phänomene unserer Welt besser? Und beide Seiten müssen Offenheit für kritische Anfragen zeigen und falsche Immunisierung, d.h. Verschließen vor Kritik, meiden.

Der Glaube an Jesus ist Quatsch

Wie verlassen hier die philosophische Diskussion und gestehen mit den Fans des fliegenden Spaghettimonsters ein: Ja, ihr habt schon recht; es war schon immer so, dass der Glaube an den Christengott in den Augen vieler als Blödsinn erscheint.

Jede Zeit lässt dabei jeweils andere Lehren des Christentums ins Visier geraten. In der Aufklärung war es neben den Wundern die Dreieinigkeit. Immanuel Kant stellte im Streit der Facultäten (1798) dar, dass es Aufgabe der Philosophen ist, den Ursprung und Wahrheitsgehalt der christlichen Lehren „mit kalter Vernunft öffentlich zu prüfen und zu würdigen, ungeschreckt durch die Heiligkeit des Gegenstandes […].“ Der Königsberger Philosoph war sich sicher: „Aus der Dreieinigkeit… läßt sich schlechterdings nichts fürs Praktische machen […].“ Man könne daher getrost auf sie verzichten. Damals sprach Thomas Jefferson (3. US-Präsident) spöttisch vom „unverständlichen Kauderwelsch trinitarischer Rechenkunst“; dieses „künstliche Gerüst“ müsse nur abgerissen werden, und dann würden die „reinen und einfachen Lehren Jesu“ wieder zu Tage treten. Schon 1764 geizte Voltaire im Dictionnaire Philosophique nicht mit Spott über die Trinität.

Im römischen Reich zur Zeit der Apostel hatte man mit der Todesart Jesu große Probleme, und das ist noch gelinde ausgedrückt. Paulus gestand in 1 Kor 1,18 ein, dass das „Wort vom Kreuz“ keinen Sinn macht – „in den Augen derer, die verloren gehen“. Das gr. moria hier und z.B. in 1 Kor 1,23 wird meist mit „Torheit“ widergegeben; die NGÜ übersetzt heute angemessener mit „völliger Unsinn“.

Diese Wahrnehmung der christlichen Botschaft im 1. Jahrhundert ist tatsächlich nachzuvollziehen. Der jüdische Monotheismus, der Glaube an einen einzigen Gott, fand damals durchaus Anklang in der intellektuellen Elite des römischen Reiches. In den Spuren Platos lösten sich viele Nachdenkende von einer eher primitiven Art des Heidentums. Bernhard Kaiser schreibt hier:

„Der denkerische Aufstieg zur Ideenwelt und der Entschluß, den jenseitigen ethischen Idealen zu folgen, konnte die Griechen begeistern. Mit dieser Anschauung mußten sie nicht mehr zu den Tempeln laufen und vor stummen Götzen irgendwelche religiösen Übungen verrichten. Weise wollten sie sein, aufgeklärter als das primitive Volk mit seinen Tempeln und Opfern. Klüger auch als die Juden mit ihrem Tempel in Jerusalem und ihren Synagogen und ihrem für nichtjüdische Augen seltsamen Kultus mit seinen Reinheitsvorschriften, seinem Zeremoniell und seiner Gesetzlichkeit.“

Den Platonikern und Stoikern predigten die Christen aber keine ferne Ideenwelt und auch keinen „unbewegten Beweger“ (Aristoteles), sondern einen in der fernen Provinz gekreuzigten Juden, der dann auch noch von den Toten auferstanden sein soll. Eine absurdere Kombination konnten sich die damaligen Denker wohl kaum vorstellen. Schließlich war das Kreuz so verachtet, dass das Wort den Menschen damals noch nicht einmal über die Lippen kam. Und wozu soll eine leibliche Auferstehung gut sein? Ist doch der Körper das Gefängnis der Seele, das es hinter sich zu lassen gilt. Mit einem „denkerischen Aufstieg zur Ideenwelt“ hatte all das nichts, aber auch gar nichts gemein.

Kern der Guten Nachricht ist außerdem die Überzeugung, dass Jesus der einzige Weg zur Erlösung ist. Auch diese Botschaft von der Vermittlung des Heils durch einen einzigen Erlöser war schon damals äußerst anstößig. Keiner der Götter oder der halbgöttlichen Helden oder der vergöttlichten Imperatoren verlangte exklusive Anbetung, Verehrung und Loyalität. Damals wie heute müssen sich die Christen deshalb den Vorwurf der Intoleranz gefallen lassen.

„Alexamenos betet seinen Gott an“

Die Christen verkündeten dennoch unerschrocken das Wort vom Kreuz. Die Kreuzesbalken als Symbol ihres Glaubens setzten sich aber erst Jahrhunderte später durch. Selbst Kreuzesdarstellungen finden sich in der frühen Christenheit nicht. Jesus wird bevorzugt als Guter Hirte und Wundertäter dargestellt.

alexamenos-graffiti

Die älteste bekannte Kreuzesdarstellung wurde im Jahr 1856 auf dem römischen Palatin entdeckt: eine Kritzelei an der Wand einer Kaserne aus dem Jahre 125. Auf dem Kreuz hängt eine menschliche Gestalt mit einem Eselskopf, darunter kniend ein Soldat und der Spruch „Alexamenos betet seinen Gott an“ (Alexamenos sebete theon). Ein römisches Graffito, ein Spottkreuz. Bei den Römern war ein Esel die hämische Darstellung eines Juden (vergleichbar mit der „Judensau“ des Mittelalters). Gott am Kreuz? Dieser Gott ist ein Esel, und wer ihn anbetet, ist es auch!

Menschen werden Menschen

Unsinn ist aber nicht gleich Unsinn. Mit manchen Vorwürfen oder Anwürfen ringen Christen bis heute wie die genannte Exklusivität. Vieles andere ist dem Wandel der Zeit unterworfen. Dass ihr Erlöser ein Jude war, stellte in den ersten Jahrhunderten ein großes Problem dar; später blendete man die Nationalität Jesu weitgehend aus. Die Wundertätigkeit Jesu wurde erst in der Neuzeit ein Anstoß, war es in der Antike aber ganz und gar nicht. Den Christen warf man in Antike sogar Atheismus vor, weil sie sich am Kult der Staatsgötter nicht beteiligten, existieren diese doch nicht. Die Religionskritik der Juden und Christen, die ersten ‘Atheisten’, wurde ab dem 19. Jahrhundert gegen sie selbst gerichtet.

Auch in der Sozialethik erschien der christliche Glaube in den ersten Jahrhunderten als purer Unsinn, brach er doch mit den Konventionen der Zeit. Drei Beispiele zum Abschluss.

Die heidnischen antiken Religionen entwickelten keine Sozialethik im eigentlichen Sinne, weil ihnen die Liebe zu Gottheiten und damit auch Nächstenliebe fremd war. Ganz anders im Christentum. In Antike Kultur und Neues Testament schreiben U. Victor, C.P. Thiede und U. Stingelin: „Die antike Religion ist im Wesentlichen ein Regelwerk, wie die Götter zu verehren sind. Außerdem ist sie der Weg, wie man sich ihres Wohlwollens versichert, wenn man Hilfe in den Wechselfällen des Lebens braucht. […] Den Göttern liegt daran, dass die Menschen sich ihnen gegenüber korrekt verhalten. Es ist ihnen nur ausnahmsweise wichtig, wie die Menschen sich untereinander verhalten. […] Ein Mensch konnte also fromm sein, aber gleichzeitig in seinem Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen vieles zu wünschen übrig lassen.“

Dagegen gehören im Judentum und Christentum Gottesverehrung, Gottesdienst, Herzensglaube und ethisches Verhalten zusammen. Der Soziologe Rodney Stark in The Rise of Christianity: Im Denken der Heiden „wurde die Einstellung, dass es die Götter kümmert, wie wir miteinander umgehen, als völlig absurd angesehen.” Selbst der französische Philosoph und Atheist Luc Ferry muss zugeben: „In moralischer Hinsicht hat das Christentum eine echte Revolution ausgelöst.“ (Apprendre à vivre)

Von dieser Revolution profitierten die Schwächsten in der Gesellschaft. So kannten Griechen und Römer die Vorstellung von unbedingt zu schützendem Menschenleben vor oder nach der Geburt nicht. Der Begriff der Menschenwürde war der Antike unbekannt, Abtreibungen daher an der Tagesordnung. In der Vision seines Idealstaates sah Platon auch das Verbergen von „irgendwie missgestalteten“ Kindern, ja die Beseitigung von Nachwuch vor (Der Staat, 460c). Der Philosoph nennt auch konkret Abtreibung und Sterbenlassen: „Wenn aber Frauen und Männer das Zeugungsalter überschritten haben, dann lassen wir die Männer ungehindert verkehren, mit wem sie wollen […]. Und dies alles erst, nachdem wir ihnen befohlen haben, eine Frucht womöglich überhaupt nicht austragen zu wollen, wenn sie empfangen ist; wird sie aber trotz allem geboren, dann ist sie so zu behandeln, als ob für ein solches Kind keine Pflege vorhanden wäre.“ (461b/c)

Das Aussetzen von unerwünschten Kleinkindern (ekthesis, expositio) war in der Zeit der frühen Christen nicht nur bekannt, sondern wohl auch recht weit verbreitet und in jedem Fall sozial akzeptiert. Das Haupt der Sippe, der paterfamilias, entschied letztlich über die Aufnahme der Neugeborenen in die Familie, und zwar in den ersten acht bis neun Tagen. Erst in diesem Alter fand die soziale Geburt statt, also etwas eine gute Woche nach der biologischen. Gründe für die Ablehnung von Säuglingen waren vielfältig und reichten von Armut über Illegitimität bis natürlich zur Behinderungen. Wie in so vielen Kulturen bis heute (man denke an China) führen solche Praktiken zu einem Überschuss an Jungen, so dass es auch zu Jesu Zeiten im Imperium deutlich mehr Männer gab.

Dank der Jesus-Bewegung wurden Kinder zu Menschen (s. dazu ausführlicher O.M. Bakke, When Children Became People: The Birth of Childhood in Early Christianity), ja alle Menschen erst zu vollgültigen Menschen. Doch man beachte: alle Menschen auch als Menschen anzusehen und zu behandeln, war vor zweitausend Jahren außerhalb des Judentums und Christentums ein wahrlich unsinniger Gedanken. (Natürlich löste die Kirche nicht sofort alle Missstände auf und sorgte z.B. nicht umgehend für eine allgemeine Sklavenbefreiung; dass aber Sklaven eindeutig und in jeder Hinsicht als Menschen anzusehen sind, war bald unstrittig.)

Neben dem Schutz von Leben war die Hilfe im Leid und die Krankenpflege ein wichtiger Aspekt der gelebten Barmherzigkeit. Gott zeigte seine Liebe, indem er um des Heils der Menschen willen seinen Sohn gab; daher sollen auch die Christen ihren Glauben in praktizierter Geschwister- und Nächstenliebe zeigen. Außerdem beteten die Christen einen leidenden Messias an, der seine Anhänger an die Unvermeidlichkeit des Leidens im Glaubensleben erinnerte. Das impliziert, dass Leiden kein Zeichen von Gottverlassenheit oder Versagen ist. Leiden wurde nicht mehr verdrängt, sondern in Theologie und Praxis integriert.

Rodney Stark schildert in The Rise of Christianity, dass selbst der berühmte Arzt Galen während einer Pestepidemie im 2. Jahrhundert so schnell wie er konnte aus Rom floh. „Galen fehlte der Glaube an ein Leben nach dem Tod“, so der Soziologe. „Es fehlten [den Römern] die lehrmäßigen Grundlagen und traditionellen Praktiken“ für ein System der Krankenfürsorge. Natürlich, so Stark, kannten auch die Römer Wohltätigkeit, aber dies hatte mit dem Dienst für die Götter nichts zu tun, d.h. Religion und Ethik waren, wie wir sahen, nicht verbunden. „Die heidnischen Götter straften kein unmoralisches Verhalten, weil sie selbst keine ethischen Forderungen stellten. Menschen verletzten die Götter nur durch Vernachlässigung oder Bruch der rituellen Standards.“

Ob nun Cyprian in Karthago oder Dionysius in Alexandrien – die Kirchenväter betonten unisono, dass die Epidemien keine Zeit der Verzweiflung sind, sondern der Freude, da Christen Hoffnung auf ewiges Leben haben und in dieser Hoffnung den Menschen dienen können. Daher flohen die Christen während der Pest nicht, sondern kümmerten sich um die Kranken. Berühmt wurden die Wortes des heidnischen römischen Kaisers Julian aus dem 4. Jahrhundert über die „verruchten Galiläer“, d.h. die Christen, „die nicht nur ihre eigenen Armen unterstützen, sondern auch unsere [also Nichtchristen]; jeder kann sehen, dass unseren Leute Hilfe von uns fehlt“. Christen wurden so zu Gründern der ersten Krankenhäuser.

Leidenden und Kranken helfen, die nicht zu meiner Sippe, zu meiner Klasse, zu meinem Volk, zu meiner Religion gehören – warum sollte man dies tun? Ist dies nicht völlig unsinnig?

Kein Ansehen der Person

Das Christentum schenkte der Welt die Idee des Individuums mit einer von Gott gegebenen Würde. Es ist jedoch keine individualistische Religion. Eine dritte revolutionierende sozialethische Idee war die über alle Standesgrenzen hinweg reichende Gemeinde.

Im ersten Jahrhundert gab es im römischen Imperium zahlreiche Vereinigungen (collegia) wie Zusammenschlüsse von Berufsgruppen oder die sehr populären Bestattungsvereine. Daneben wirkten auch nicht wenige kultische Gemeinschaften. Es ist aber zu beachten, dass diese Kultvereine, die sich um jeweils eine Gottheit scharten, nicht im Mittelpunkt des religiösen Lebens standen. Wie jüngst Larry Siedentop in Inventing the Individual zeigte, waren religiöse Kulthandlungen vor allem in der Familie und im Staat bzw. öffentlichen Leben angesiedelt. Frömmigkeit in den Kultvereinen trat hier nur als Ergänzung hinzu.

Im Christentum erhielt die Religion zum ersten Mal einen ganz eigenständigen sozialen Bereich – die Kirche als die Gemeinde der Gläubigen. Die Glaubensgemeinschaft als unabhängige Einheit neben Familie und Staat und gleichrangig mit ihnen war ein neues Phänomen. Wie im Heidentum gab es auch in den Gemeinden Rituale, aber das Verbindende waren nicht die Kulthandlungen im eigentlichen Sinne, sondern der gemeinsame Glaube an den Erlöser.

Die Christen versammelten sich frei und aus einem Geist der Liebe heraus, und das Allerwichtigste: in ihren Gemeinden wirkten Status, Herkunft, Nationalität, Geschlecht und alles, was der antiken Gesellschaft Struktur gegeben hat, nicht mehr als Mauer.

Heute ist nur noch schwer nachzuvollziehen, in welch hohem Maße die Gesellschaft im antiken Rom hierarchisch aufgebaut war. Alle Menschen waren streng nach Rang und Stellung bestimmten Schichten zugeordnet. Zu den wenigen honestiores ganz zuoberst zählten die Angesehensten, Mächtigsten und Reichsten, die natürlich selbst keine körperliche Arbeit verrichteten. Schon eine größere Gruppe machte den populus integer aus, die gehobene Mittelklasse, die (wir der Name schon sagt) schon etwas Integrität und Ehre beanspruchen konnten. Die große Masse der Bevölkerung wurden den humiliores zugerechnet: Arme, Bauern, einfache Handwerker, Sklaven; sie hatten keinerlei Ehre verdient. Die oberen Schichten verachteten die unteren und wollten mit ihnen natürlich möglichst wenig zu tun haben.

Das Christentum änderte dies radikal. In den örtlichen Gemeinden trafen Glaubenden aus verschiedenen Schichten aufeinander (wobei wohl nicht aus allen). Wenn in Apg 4,32 sogar betont wird, dass alle „ein Herz und eine Seele“ waren, dann war dies in der damaligen Kultur unerhört, ja nie dagewesen. Die christlichen Sakramente wurden zu echten Symbolen der Einheit, denn sie wurden allen, ob reich oder arm, Mann oder Frau, Sklave oder freier Bürger, gereicht. Und nicht zufällig wenden sich die meisten Briefe des Neuen Testaments ebenfalls an alle in den Gemeinden, denn alle unterstehen den Forderungen des Glaubens und der Ethik; alle sind zum Wachstum im Glauben berufen.

In 1 Kor 11 wird deutlich, dass es in den Gemeinden ernste Probleme durch die Spannungen zwischen Armen und Reichen gab. Auf dem Hintergrund der damaligen Gesellschaftsordnung überrascht dies überhaupt nicht. So sind auch die Warnungen im Jakobusbrief zu erklären, dass „Rang und Ansehen“ kein Kriterium für den Umgang der Christen sein dürfen (Jak 2, 1f). Man erinnere sich daran, dass dies in einer Zeit gefordert wurde, als die offene Verachtung der Armen sozial voll anerkannt war. Den Reichen mehr Ehre erweisen war das A und O der römischen Gesellschaft! Die ersten Christen schwammen gerade auch hier gegen den Strom.

Gemeinsame Grundüberzeugungen und Lehren, eine allen geltende Moral, gegenseitige Hilfe und Aufopferung; eine äußerst flache Hierarchie von die Gemeinde leitenden Ältesten als Diener aller Gläubigen, und daneben nur noch die Diakone, die sich um die Schwachen. Alten und Armen kümmern – es gab Vorbilder wie die Synagogengemeinden der Juden, aber dennoch war die christliche Gemeinde ein collegium ganz neuen Stils.

So bekam schließlich nicht zuletzt durch christlichen Einfluss der lateinische Begriff socius eine neue Bedeutung. Er verlor seinen rein politischen Sinn (die socii waren die militärischen Bundesgenossen Roms) und wurde dann in der Neuzeit zu unserem „sozial“ – das gemeinsame Leben und das Kümmern um den Anderen betreffende Dinge.

Menschenwürde für alle, Barmherzigkeit als Tugend und die Standesgrenzen überschreitende Gemeinde – was uns heute attraktiv und ganz unanstößig erscheint, war einst eine Torheit. Der Spott über das Christentum sollte sich daher in Grenzen halten, trifft man damit doch auch den Ast, auf dem man sitzt. Der christliche Glaube ist in allen Zeiten auf verschiedene Weisen provozierend und hinterfragt viele geltende Maßstäbe. Beweisen lässt er sich nicht, aber man kann gut zeigen, dass dieser Unsinn die Geschichte zum Positiven geprägt hat. Die Kirche des Spaghettimonsters muss diesen Beleg erst noch antreten – wenn sie denn will.
http://lahayne.lt/2016/04/22/unser-unsinniger-glaube/

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Glaube und Gehirn

Dass religiöse Menschen sich seit einigen Jahren aus einer ganz bestimmten weltanschaulichen Ecke pausenlos anhören müssen, sie seien dumm, irrational, ja: wahnsinnig (kurz: “Religioten”) und gehörten eigentlich in die Geschlossene (so wie in der guten alten Sowjetunion), ist das eine. Nun das andere: Die Zeitschrift Focus summiert die Erträge einer Studie der Case Western Reserve University (Cleveland, Ohio) wie folgt: “Wer an Gott glaubt, verwendet mehr Hirnzellen für Mitgefühl als für analytisches Denken. Das Gehirn von Atheisten arbeitet genau andersherum. Dadurch sind sie intelligenter, aber auch kaltherziger. Diese Eigenschaften definieren auch Psychopathen.”
Das können diejenigen, die sich angesprochen fühlen, natürlich nicht auf sich sitzen lassen und beschweren sich beim Presserat über den Focus, denn: “Die dramaturgische Gegenüberstellung des Atheisten mit ‘Psychopathen’ ist provozierend geeignet, die Weltanschauung einer bestimmten Personengruppe zu schmähen” (Humanistischer Pressedienst). Hier wäre nun zu fragen, wer diese “Gegenüberstellung” auf welcher Grundlage und mit welchen Motiven vornimmt: Bereits die Autoren der Studie (aufgrund der Ergebnisse) oder erst die Journalisten beim Focus (um Atheisten zu schmähen)? Geben diese die Quelle richtig wieder, rekonstruieren sie das Studienresultat korrekt? Das müsste man jetzt prüfen, so als Presserat.
Ich darf mir das sparen, denn erstens ist jetzt Wochenende und zweitens denke ich, ein solches Urteil kann in der allgemeinen Diktion nur falsch sein. Es kommt immer auf den Einzelnen an. “Wer an Gott glaubt” ist ebenso wenig eine sinnvolle wissenschaftliche Kategorie wie “das Gehirn von Atheisten”. Beides gibt es nicht im suggerierten Singular. Jeder kennt wohl Beispiele kaltherziger Katholiken, egoistischer Evangelikaler und scharfsinniger Juden, kennt Moslems ohne Mitleid, Atheisten mit Anstand und hochempathische Heiden. Und wenn nicht, wird es Zeit, sie kennenzulernen. Oder auch nicht. Und der Unglaube allein sorgt nicht notwendig für überragende Intelligenz. Umgekehrt auch nicht.
So wenig ich von Pauschalurteilen in die eine oder die andere Richtung halte und so sehr ich eine differenzierte Analyse von Studienergebnissen (einschließlich einer standesgemäßen methodologischen Kritik) schätze, so wichtig finde ich es, einmal festzuhalten, wie dünnhäutig bestimmte Menschen reagieren, wenn unvorteilhafte Zuschreibungen, deren Vornahme zur Diffamierung des weltanschaulichen Gegners sie üblicherweise applaudieren, sich plötzlich einmal gegen sie selbst richten. Wer sich erst dann empört, wenn er selbst von unsachlichen Zuspitzungen betroffen ist, darf sich nicht wundern, damit ganz unfreiwillig als sprechender Beleg für die Ohio-Focus-These zu gelten. Denn wer sich erst dann schlecht fühlt, wenn er selbst Opfer einer wilden Pathologisierung wurde, kann nicht gleichzeitig beanspruchen, über ein hohes Maß an Mit-Gefühl zu verfügen.
Die Frage, wer hier eigentlich das pathologisch relevante Hirn aufweist, sollte jedenfalls nicht allzu voreilig beantwortet werden. Vielleicht sollte man sich mit einer Antwort insgesamt und allgemein zurückhalten. Das ist die Lehre – für alle. Für die netten Gotteswahnsinnigen und die eiskalten Intelligenzbestien. Auch kein schlechtes Ergebnis einer US-amerikanischen Studie und ihrer deutschen Rezeption.  (Josef Bordat) https://jobo72.wordpress.com/2016/04/01/glaube-und-gehirn

Religiöser Stumpfsinnigkeit entfliehen

In ein oder zwei Generationen wird das, was jetzt noch Evangelikalismus ist, zu Liberalismus werden.
Die Gemeinde Christi lechzt heutzutage nach Menschen, die zur Lösung geistlicher Probleme ihren durchläuterten, engagierten Verstand gebrauchen. Unglücklicherweise hat der Fundamentalismus niemals einen großen Denker hervorgebracht. Wenn man das Werk der religiösen Presse seit der Jahrhundertwende überprüft, wird man nicht ein einziges Buch von einem Fundamentalisten finden, das den Beweis unabhängigen Denkens erbringt. Und was jene christlichen Gelehrten anbetrifft, die, obwohl orthodox, keinen besonderen Wert darauf legen, mit den Fundamentalisten in einen Topf geworfen zu werden, so haben sie es nicht viel besser gemacht.
Ich bin immer ein Evangelikaler gewesen und bin auch jetzt einer. Ich akzeptiere die Bibel als das wahre Wort Gottes und glaube felsenfest, dass sie alles zum Leben und zur Gottseligkeit Notwendige enthält. Ich stehe auf den Grundsätzen des historischen christlichen Glaubens und bin mir keiner geistlichen Sympathie mit dem Liberalismus in irgendeiner Form bewusst.
Doch ist es meine bittere Pflicht, festzustellen, dass ich nicht nur völlig kalt gelassen wurde von der intellektuellen Arbeitsleistung der Evangelikalen, sondern dass ich auch noch Beweise dafür gefunden habe, dass echtes religiöses Denken fast ausschließlich auf der Seite derjenigen geschieht, die sich aus dem einen oder anderen Grunde gegen den Fundamentalismus auflehnen. Wir, in den Evangeliumsgemeinden, haben still dabeigesessen und denen auf der anderen Seite das Denken überlassen. Wir haben uns damit zufrieden gegeben, die Worte anderer Männer nachzuplappern und religiöse Klischees ad nauseam [bis zur Seekrankheit] zu repetieren. Obwohl meine geistlichen Sympathien ganz auf der Seite des orthodoxen christlichen Glaubens stehen, muss ich dennoch bemerken, dass der Evangelikalismus, wie er im letzten halben Jahrhundert verfochten und gelehrt worden ist, die Tendenz hat, kritischgeistige Fähigkeiten zu paralysieren und konkretes Denken zu verhindern. Moderne Evangeliumschristen sind Papageien, keine Adler, und anstatt auf und ab zu segeln, um die grenzenlose Weite des Himmelreichs Gottes zu erforschen, sind sie damit zufrieden, auf ihren vertrauten Ästen zu sitzen und mit Fistelstimmen religiöse Worte und Phrasen nachzuplappem, deren Bedeutung sie kaum verstehen. In ein oder zwei Generationen wird das, was jetzt noch Evangelikalismus ist, zu Liberalismus geworden sein. Kein lebendiges Wesen kann lange von seiner Erinnerung existieren.
Die Christen dieser Generation müssen selbst hören und sehen, wenn sie der religiösen Stumpfsinnigkeit entfliehen wollen. Abgenutzte Schlagworte können sie nicht retten. Wichtige Gedanken werden in Worten ausgedrückt, doch ist es eine der Tragödien im Leben, dass Worte selbst dann noch widerhallen, wenn ihre Bedeutung schon lange verblasst ist. Das führt zudem Ergebnis, dass gedankenlose Männer und Frauen glauben, die Realität gepachtet zu haben, nur weil sie sich der Worte noch bedienen. Genau an diesem Punkt befinden wir uns heute. A. W. Tozer(1897-1963) Gott liebt keine Kompromisse.
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