Erkenntnistheorie für einen Teenager (Teil I)

Wir befassen uns in diesem und den folgenden Briefen mit der Frage:
Gibt es eine objektive Welt der Dinge da draußen oder gibt es sie nur innerhalb unseres Bewusstseins als mentales Erleben ohne Außenwelt?
Mit unseren Sinnen nehmen wir Gegenstände wahr. Wenn wir einen Gegenstand mit unseren Augen sehen, dann macht er einen Eindruck auf unsere Sehnerven. Wir erhalten eine abstrakte Vorstellung von diesem Gegenstand, die ich im Folgenden „Idee“ nennen werde, und urteilen zugleich, dass es außer uns wirklich einen Gegenstand gibt, der uns die Idee verschafft hat. Es scheint uns völlig selbstverständlich, dass alle Objekte, die wir sinnlich wahrnehmen, eine natürliche oder reale Existenz außerhalb unseres Verstandes haben. Aber untersuchen wir etwas sorgfältiger, was dabei vorgeht.
Nehmen wir als Beispiel den Vollmond am Nachthimmel. Der Mond stellt unseren Sinnen wahrnehmbares Anschauungsmaterial dar. Die Lichtstrahlen fallen ins Auge und erzeugen dort einen Sinnesreiz. Auf der Netzhaut entsteht Bild, das dem Mond ähnlich ist. Die Sinnesrezeptoren leiten dieses Material in Form von neuronal-elektrischen Impulsen an unser Gehirn weiter. Daraufhin entsteht im Gehirn die Idee vom Gegenstand Mond. Die Idee „Mond“ nicht die Sache selbst. Verallgemeinert gesprochen: Die Gegenstände unseres Denkens sind nicht die Dinge selber. Dennoch urteilen wir, dass unsere Idee sich auf den Mond in der Welt außerhalb von uns bezieht. Die Ursache hiervon ist aber nichts weiter als ein Nervenreiz an einem bestimmten Ort in unserem Gehirn, wiederum verursacht durch einen Nervenreiz im Auge. Das Gehirn hat keine Kenntnis von den Bildern, die auf der Netzhaut des Auges projiziert sind, und noch weniger von dem Mond selbst, dessen Strahlen diese Bilder hervorgebracht haben. Dennoch urteilt es, dass es in der Außenwelt einen Körper geben muss, nämlich den Mond, der die Idee und das mentale Erleben verursacht hat. Weiterlesen

Sokrates und das Denken

Zwei Dinge scheinen für Arendt bei Sokrates bedeutend. Erstens das Denken als Zwiegespräch mit sich selbst, woraus das Kriterium des Mit-sich-selbst-Lebens folgt, und zweitens, Sokrates Leben und Lehre, die darin bestanden, sich selbst und andere Menschen im Denken zu unterweisen.
Man hörte Sokrates üblicherweise auf dem Markt bei den Wechslertischen reden. Er verfasste und hinterließ keine Schriften, sondern diskutierte gerne alles durch. Er hält sich selbst nicht für weise und versucht nicht, die großen Volksmengen durch Rhetorik zu überzeugen, sondern wendet sich mit seinen Fragen an den einzelnen Menschen. Wenn doch jeder Einzelne in seiner Einzigartigkeit dazu gebracht werden könnte, zu denken und selbst zu urteilen! Am liebsten stellt er dabei alle bestehenden Normen und Maßstäbe in Frage. Das Ziel ist klar: Der blinde Glaube und Gehorsam seiner Gesprächspartner soll erschüttert werden. Wenn Sokrates sein Fragen beendete, blieb nichts mehr übrig, an dem man sich festhalten konnte. Von Sokrates lernen wir: Denken heißt prüfen und befragen; immer ist damit das Zerschmettern von Götzen verbunden – und das begeisterte nicht nur Nietzsche. Weiterlesen

Kant und die Vernunft

Kant wählte für seine Maxime den Imperativ, obwohl sein Inhalt sich aus der Vernunft ableitet und deswegen schon zwingend ist.
Warum wählte er ihn trotzdem?
K [=Kant]: Um eine Verpflichtung einzuführen.
A [=Arendt]: Wer sollte verpflichtet werden?
K: Der Wille, damit er das tut, was die Vernunft ihm sagt.
A: Gibt also die Vernunft dem Willen Befehle?
K: Der Wille wird nicht nur durch die Vernunft bestimmt, sondern auch durch Neigungen. Jede Neigung ist eine Versuchung, die von außen auf mich einwirkt und mich fehlgehen lässt. Deswegen muss der Wille durch die Vernunft genötigt werden.
A: Inwiefern ist der Wille dann frei?
K: Freiheit heißt, nicht von äußeren Umständen bestimmt zu sein. Neigung ist damit unvereinbar, weil ich von etwas in der Welt außerhalb von mir affiziert bin. Die Vernunft ist frei von Neigungen und nur durch sie bin ich autonom, mein eigener Gesetzgeber und erlange darin meine Würde und bin Zweck an sich.
A: Das klingt ja schön und gut, aber versuchst du da nicht den Willen zu überreden, das Diktat der Vernunft zu akzeptieren?
K: Der Gute Wille muss nicht überredet werden; er wählt, was die Vernunft als gut erkennt. Nur ein Wille, der frei von Neigung ist, kann gut und frei genannt werden.
A: Nehmen wir mal an, dass es einen solchen Willen gibt. Wenn ich trotzdem nicht tue, was die Vernunft mir befiehlt?
K: Dann bist du ungehorsam gegenüber dem moralischen Gesetz in dir.
A: Die Pflicht zum Gehorsam habe ich also vor allem mir selbst gegenüber. Und warum soll ich meine Pflicht tun? Weil es meine Pflicht ist! – Ist eine solche moralische Verpflichtung nicht letztlich eine Leerformel?
K: Die Pflicht leitet sich aus dem moralischen Gesetz ab, das die Vernunft dem Willen auferlegt. Die Vernunft ist in Fragen der Moral genauso unwiderlegbar wie im Bereich anderer Vernunftwahrheiten [etwa mathematischer]. Das Kriterium ist die Widerspruchsfreiheit. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch vermöge seiner Vernunft wissen kann, was Recht und Unrecht ist. Niemand will böse sein und die es trotzdem sind, fallen in moralische Absurdität und müssen sich selbst verachten.
A: Die Furcht vor Selbstverachtung reicht kaum aus, jemanden davor zurück zu halten, Unrecht zu tun. Was ist im Konfliktfall zwischen moralischem und staatlichem Gesetz zu tun, wenn die Gesetze des Staates etwas anderes vorschreiben?
K: Das höhere, nämlich das moralische, ist zu befolgen; es ist selbstverständlich, denn seine Quelle ist die Vernunft. Wer sich davon bestimmen lässt, was ihm von außen – sei es Staat, Gesellschaft oder Kirche – auferlegt wird, ist nicht autonom; das hat keinen moralischen Wert.
A: Du setzt voraus, dass der Mensch, wo immer er hingeht, was immer er tut, sein eigener Gesetzgeber ist, eine völlig autonome Person. Du scheinst nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass Menschen die Erde bewohnen, nicht der Mensch. Du gibst doch an anderer Stelle selbst zu, dass der Mensch sich an Beispielen orientiert.
K: Gewiss. Aber ich zweifele nicht daran, dass, wann immer die Vernunft sich dem Beispiel der Tugend gegenüber sieht, weiß, was Recht ist, und das Gegenteil Unrecht. Wenn du der Vernunft nicht folgst, die alle Menschen aufgrund ihres Menschseins, ja alle vernünftigen Wesen [heißt Gott und die Engel], gemein haben, weigerst du dich, deine Rolle als Gesetzgeber der Welt zu spielen.
A: Ich habe den Eindruck, dass deine Philosophie der Vernunft, die purer Verstand ist, dem Problem des Bösen ausweicht. Das Böse bleibt so formal und inhaltsleer wie dein kategorischer Imperativ. Das ganze Beiwerk von Pflicht, Gehorsam, Guter Wille und Selbstbestrafung spielt sich nur innerhalb des Menschen ab und die Vernunft verleiht dem Ganzen objektive Gültigkeit, sodass auch „ein Volk von Teufeln“ – um es mit deinen eigenen Worten zu sagen – oder ein vollkommener Schurke entsprechend den Diktaten der „richtigen Vernunft“ handeln kann. Das erscheint mir widersprüchlich.
Arendt wendet sich Sokrates zu. Katharina Wallhäußer
http://wuestegarten.de/eichmann-in-jerusalem/reflexion-ueber-eichmann-in-jerusalem/reflexion-ueber-eichmann-in-jerusalem-teil-iii-kant/
Siehe auch

Sokrates und das Denken

 

 

Der Begriff „Apologetik“ im NT

Der Begriff „Apologetik“ leitet sich vom griechischen apologia ab, das auch in 1Petr 3,15b–16, dem neutestamentlichen locus classicus der christlichen „Verteidigungswissenschaft“, zu finden ist. Wir lesen dort:

„Aber wenn ihr auch leiden solltet um der Gerechtigkeit willen, glückselig seid ihr! Fürchtet aber nicht ihren Schrecken, seid auch nicht bestürzt, sondern haltet den Herrn, den Christus, in euren Herzen heilig! Seid aber jederzeit bereit zur Verantwortung [griech. apologian] jedem gegenüber, der Rechenschaft [griech. logon] von euch über die Hoffnung in euch fordert, aber mit Sanftmut und Ehrerbietung! Und habt ein gutes Gewissen, damit die, welche euren guten Wandel in Christus verleumden, darin zuschanden werden, worin euch Übles nachgeredet wird.“

Wie hier überwiegt auch bei anderen Verwendungen des Begriffs im NT der prozessuale Anklang. Das Verb apologeomai bedeutet so viel wie „sich vor Gericht verteidigen“ (übliche dt. Übersetzungen lauten: „sich verteidigen“, „verantworten“ o. a. „Verhör“. Siehe: EWNT, S. 330). In einer klassischen gerichtlichen Verhandlung wurde der Angeklagte zuerst seiner Vergehen beschuldigt. Anschließend bekam der Beschuldigte die Gelegenheit, zu den Anklagepunkten Stellung zu nehmen. Der Versuch, die Anschuldigungen abzuweisen, wurde apologia genannt. (Von der Präposition apo mit der Bedeutung „von“ und logion mit der Bedeutung „Wort, Spruch“. Das zusammengesetzte Wort heißt also soviel wie: „wegsprechen der Anschuldigung“.)

Das älteste uns überlieferte Beispiel für eine Verteidigung diese Art ist die Rede des Sokrates (469–399 v. Chr.) vor dem Gericht in Athen im Jahre 399 v. Chr., als ihm Gotteslästerung (Einführung neuer Götter) und Verführung der athenischen Jugend vorgeworfen wurde. Da wir keine Schriften des Philosophen besitzen, kennen wir die Verteidigungsrede nur aus einem Dialog seines berühmten Schülers Platon. Der nannte die Verteidigung einfach Apologie.

Das Wort erscheint im NT als Verb oder Substantiv insgesamt 18-mal, davon 10-mal allein bei Lukas im Evangelium bzw. in der Apostelgeschichte (das Verb kommt im NT 10-mal vor (Lk 12,11; 21,14; Apg 19,33; 24,10; 25,8; 26,1f.24; Röm 2,15; 2Kor 12,19), das Substantiv 8-mal (Apg 22,1; 25,16; 1Kor 9,3; 2Kor 7,11; Phil 1,7.16; 2Tim 4,16; 1Petr 3,15)). Gegenüber Anklägern und Andersdenkenden wird der hoffnungsvolle Christusglaube gerechtfertigt. Anfeindungen oder Inhaftierung wegen des Bekenntnisses werden dabei in der Regel vorausgesetzt.

So benutzt Lukas den Begriff, um eine Verteidigungsrede des Paulus in Jerusalem wiederzugeben (Apg 21,27–28). Der Apostel wurde durch die Juden der Volksverhetzung bezichtigt. Als sie versuchten, ihn zu töten, wurde er durch die Römer festgenommen und stand damit unter ihrer Schutzmacht. Paulus bekam die Erlaubnis, Hebräisch mit dem Volk zu sprechen und rief ihnen zu: „Ihr Männer, Brüder und Väter! Hört, was ich euch zu meiner Verteidigung [griech. apologia] zu sagen habe“ (Apg 22,1).

Paulus selbst gebraucht das Wort vielförmig. In 1Kor 9,3 hält er es für angebracht, sich gegenüber seinen Kritikern als autorisierter Apostel zu verteidigen: „Meine Verteidigung [griech. apologia] vor denen, die mich kritisch überprüfen, ist diese: …“. In Röm 2 behandelt er die Ungerechtigkeit aller Menschen vor Gott. Alle Menschen sind vor dem gerechten Gott schuldig. Maßstab der Gerechtigkeit ist für die Juden unter dem Gesetz das Gesetz. Die Heiden ohne Gesetz sind sich selbst ein Gesetz, da das moralische Gesetz in ihre Herzen eingeschrieben ist und durch das Gewissen gespiegelt wird. Ihre Gedanken klagen einander an oder „verteidigen“ (griech. apologemenōn) sich (Röm 2,15).

Bisweilen erwächst aus einer ursprünglichen Verteidigungsrede Verkündigung. So schrieb Paulus am Ende seines Lebens beispielsweise in 2Tim 4,16–17 an seinen Mitarbeiter Timotheus (s. a. Apg 22,1ff; Phil 1,7):

„Bei meinem ersten Verhör [griech. apologia] stand mir niemand bei, sondern sie verließen mich alle. Es sei ihnen nicht zugerechnet. Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich, damit durch mich die Botschaft ausgebreitet würde und alle Heiden sie hörten, so wurde ich erlöst aus dem Rachen des Löwen.“

In einem seiner Gefangenschaftsbriefe teilt der Apostel mit, dass er sich selbst als jemand versteht, der durch Gott zur Verteidigung des Evangeliums eingesetzt wurde (Phil 1,16):

„Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums [griech. apologian toun euiaggeliou] hier liege; …“

Es gibt neben apologia noch weitere relevante Begriffe. 10-mal finden wir das Verb dialegomai im NT, das meist so viel wie „argumentierend reden“ bedeutet. Der Evangelist benutzt den Begriff in Mk 9,34, um uns eine Debatte im Jüngerkreis darüber zu schildern, wer wohl der Größte unter ihnen sei. Von dem Apostel Paulus heißt es, dass er in Ephesus frei und offen drei Monate lang durch Unterredungen (griech. dialegomenos) die Menschen in der Synagoge „von den Dingen des Reiches Gottes zu überzeugen suchte“ (Apg 19,8 nach Schlachter). Lukas verwendet das Wort auch, um in Apg 20,7 mitzuteilen, dass Paulus in Troas am Sonntag in einer Synagoge mehrere Stunden predigte. Es ist offensichtlich eine argumentierende Verkündigung oder ein auf Gründe zurückführendes Gespräch gemeint. Schon die griechischen Logiker benutzten das Wort dialegomenos im Zusammenhang logischer Schlussverfahren.

Das Verb peithō ist 52-mal belegt und wird vorzugsweise von Lukas und Paulus benutzt. Im Passiv bedeutet es „vertrauen“ oder auch „gehorchen“. Bei aktivem Gebrauch kann es (eher negativ) mit „beschwatzen“ übersetzt werden.

Einige Verse gebrauchen das Verb allerdings im Sinne von „überzeugen“. So schreibt Lukas in Apg 18,4, dass Paulus in der Synagoge an den Sabbaten lehrte und Juden und Griechen „überzeugte“ (griech. epeiten, 3. Pers. Sing. Impf. akt. Ind.). In Apg 26,28 sagt Herodes Agrippa II. zu Paulus: „Es fehlt nicht viel, so wirst du mich noch überreden (griech. peiteis, 2. Pers. Sing. Präs. akt. Ind.) und einen Christen aus mir machen.“(Apg 26,28 ist textkritisch allerdings nicht ganz unproblematisch, da der Codex Alexandrinus peithē liest: „Du glaubst (o. denkst), Du kannst aus mir einen Christen machen.“)

Nach Apg 21,14 lies Paulus sich von Mitarbeitern und Einheimischen nicht „überreden“ (griech. peitomenou), wegen einer drohenden Gefangenschaft die Reise nach Jerusalem abzubrechen. Das Verb findet sich ebenfalls in dem bereits zitierten Vers aus Apg 19,8. Paulus versuchte in Ephesus seine Zuhörer durch „Überredungen“ (griech. dialegomenos) von den Dingen des Reiches Gottes zu „überzeugen“ (griech. peitōn).

Diese Textstellen zeigen neben vielen anderen, dass es den Aposteln bei ihren evangelistischen Bemühungen zwar nicht ausschließlich um gute Argumente ging, sie jedoch sehr an einer verständlichen und logisch nachvollziehbaren Verkündigung interessiert waren. Treffend schreibt Michael Green in seinem Klassiker Evangelisation zur Zeit der ersten Christen:

„Natürlich hat weder Paulus, noch irgend jemand sonst in der urchristlichen Mission daran gedacht, daß man durch Debatten allein Menschen ins Reich Gottes bringen könnte. Aber man wußte, daß sich dadurch Schranken niederreißen ließen, die den Menschen nicht erkennen ließen, was sich in sittlicher und persönlicher Hinsicht für ihn daraus ergab, wenn er Christus annahm oder nicht.“(M. Green, Evangelisation, 1970, S. 237)
https://theoblog.de/der-begriff-apologetik-im-nt/32575/

Das Hirn ausschalten, um zu glauben?

Muss man dumm sein, um glauben zu können? Früher hatte ich das Gefühl, dass die Christen einem blinden, unwissenden Glauben folgten. Schriftsteller H. L. Mencken gab meiner Einstellung am besten Ausdruck, als er sagte: „Glauben kann man kurz definieren als die unlogische Überzeugung vom Vorhandensein des Unwahrscheinlichen.“
Kann man nur an Jesus Christus glauben, wenn man den Verstand ausschaltet?
Je mehr ich aber den historisch-biblischen christlichen Glauben studierte, umso deutlicher erkannte ich, dass es sich um einen „intelligenten Glauben“ handelt. Wenn jemand in der Bibel aufgefordert wurde, zu glauben, war damit immer ein wissender Glaube gemeint. Jesus sagte: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Weiterlesen

„Postmoderne“ Christlicher Wahrheitsanspruch im Zeitalter des Postmodernismus

Was ist die Postmoderne? Eine bestimmte Gruppe von Autoren, insbesondere Jean-François Lyotard (1924–1998), Jacques Derrida (1930–2004), Michel Foucault (1926–1984), Richard Rorty (1931–2007). Sie schreiben eigentümliche Dinge wie: „Es ist sinnlos, im Namen der Vernunft, der Wahrheit oder des Wissens zu sprechen.“ (Foucault); „Vernunft ist die äußerste Sprache des Wahnsinns.“ (Foucault) „Vernunft und Macht sind ein und dasselbe.“ (Lyotard) „Wahrheit ist nicht dort draußen.“ „We should drop the topic.“ (Rorty)

Sie schreiben nicht nur selbst solche Dinge, sie behaupten auch noch, daß wir heute im Zeitalter Postmoderne leben, und meinen damit, daß wir alle oder die meisten Menschen heute so denken. Stimmt das? Die vier genannten Männer und ihre Anhänger sagen das, aber dieser Aussage liegen keinerlei empirische Untersuchungen zu Grunde. Sie wollen Menschen von der Wahrheitssuche abbringen. Die Postmodernisten sagen Dinge wie „Es ist sinnlos, von Wahrheit zu sprechen“ nicht, weil die meisten Menschen heute so denken, sondern weil sie die Menschen dazu bringen wollen, so zu denken. Die Postmoderne, oder besser gesagt der „Postmodernismus“, ist nicht eine Analyse des Denkens einiger oder aller Menschen heute, sondern er besteht aus diesen Aussagen. Der Postmodernismus ist nicht das Denken unserer Zeit, sondern einer Gruppe von Autoren. Weiterlesen

Was ist der Mensch?

Was ist der Mensch? Chemisch ist es einfach: Wir sind ein Mix aus Sauerstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Phosphor und Schwefel. Doch bis heute kennen wir die Kraft nicht, die aus unbelebter Materie lebende Zellen macht. Das ist ernüchternd. Mich macht es demütig.
Diese Demut fehlt in den Fragen um den Anfang und das Ende des Lebens. An ihre Stelle tritt die Selbstbestimmung. Geschürt von Menschen wie Descartes („Ich denke, also bin ich“) oder Kant („Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“), ist sie zum zentralen Wert unserer Gesellschaft geworden. Die Betonung des Einzelnen führt zur Auflösung von politischen und geistigen Bezugspunkten. Das Denken von Gott als dem Schöpfer des Lebens fällt unter den Tisch; Selbstbestimmung und Selbstentfaltung schwingen sich auf zum höchsten Ziel im Leben. Losgelöst vom Ursprung tritt das Selbst aber auf unsichere Wege, inklusive dem Risiko, sich zu täuschen.
Wörtlich heisst „Individuum“ unteilbar; einzigartig. Zur Individualität hat Gott ein ganzes Ja. Wir sind als Unikate geschaffen, um als solche in Beziehung zu anderen zu treten. Wir leben nicht nur aus uns und für uns selbst. Wir sind „Individuen in Beziehung“, schreibt Paul Kleiner im Aufsatz „Bedeutung von Selbstbestimmung aus christlicher Sicht – im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft“. Damit unser Leben gelingt, brauchen wir Liebe, Umsorgung, Anerkennung – von anderen. Die pure Selbstbestimmung kann nur dort das höchste Ziel werden, wo so getan wird, als hätte die Medaille namens Mensch keine Rückseite.
Und Gott? Er ist nicht bloss eine weitere Figur im Spielfeld des Selbst! Er zeigt sich uns als Schöpfer von Mensch und Welt, als unser Gegenüber, er ist Erfinder der Gottesebenbildlichkeit. Jeder Mensch wird mit der Bestimmung geboren, Gott zu vertrauen und den Nächsten zu lieben wie sich selbst. So kommt das Selbst ins Gleichgewicht. Als Teil einer Geschichte mit Gott und mit anderen bin ich ganz Mensch. Die Ursprungsfrage bleibt entscheidend. Wie antworten wir?
Im Gegensatz zu den unsicheren Wegen, die wir uns selber bauen, spricht Gott von dem einen Weg und von dem festen Baugrund für unser Leben – er lädt ein zum Glauben an Jesus Christus. Misstrauen oder vertrauen wir Gott? Rolf Hoeneisen

Sind Glaube und Wissenschaft Gegensätze?

Der Eindruck eines Gegensatzes von Glaube und Wissenschaft wird unter anderem durch die Bücher der „neuen Atheisten“ hervorgerufen. So ist für den Oxforder Evolutionsbiologen Richard Dawkins – Autor des Buches “Der Gotteswahn“ – der Glaube „blind“, eine Wahnvorstellung,  während die Wissenschaft „auf Belegen“ beruht.
Aber schon ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es den hier behaupteten Gegensatz nicht geben kann, denn viele berühmte Wissenschaftler waren überzeugte Christen. Das prominenteste Beispiel ist Isaac Newton. Auch heute gibt es Wissenschaftler, die an einen persönlichen Gott glauben.
Eines der wichtigsten wissenschaftlichen Projekte des 20. Jahrhunderts war die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Der erste Direktor dieses Projektes war James Watson. Er bekam später gemeinsam mit Francis Crick für die Entschlüsselung der DNA den Nobelpreis. Watson ist überzeugter Atheist und hält das Leben für sinnlos und absurd.
Als die Entschlüsselung des Genoms bekannt gegeben wurde, stand neben dem damaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton der gerade amtierende Direktor des Projektes, Francis Collins. Er ist ein überzeugter Christ. Anführender Stelle dieses Projektes arbeiteten also im Laufe der Zeit Wissenschaftler, deren Weltanschauungen ganz unterschiedlich waren.
Im Jahre 1916 wurden in den USA 1000 Naturwissenschaftler gefragt, ob sie an einen persönlichen Gott glauben, der auf Gebete hört. Ca. 40% bejahten dies. 80 Jahre später, 1996, bejahten diese Frage wieder ca. 40% („Spektrum der Wissenschaft“ 1999). Ein Beweis, dass der Glaube bei Naturwissenschaftlern abgenommen hätte, konnte nicht erbracht werden.
Einen Gegensatz von Glaube und Wissenschaft gibt es also offensichtlich nicht.
Aber es gibt Wissenschaftler, die an Gott glauben und Wissenschaftler, die nicht an Gott glauben. Der eigentliche Unterschied besteht darin, ob man glaubt, dass am Anfang unserer Welt planlose Materie stand, die immer komplexer wurde und schließlich Geist hervorbrachte oder ob man glaubt, dass am Anfang ein schöpferischer Geist stand, der Materie schuf.
Die Frage, was der glaubt, der an Gott glaubt, beantwortete der Philosoph Robert Spaemann in seinem Buch „Der letzte Gottesbeweis“: „Er glaubt an eine fundamentale Rationalität der Wirklichkeit. Er glaubt, dass das Gute fundamentaler ist als das Böse. Er glaubt, dass das Niedere vom Höheren verstanden werden muss und nicht umgekehrt. Er glaubt, dass Unsinn Sinn voraussetzt und dass Sinn nicht eine Variante der Sinnlosigkeit ist.
Lebensbereiche und Fragen, die sich den Naturwissenschaften entziehen
Man kann Spuren von Gottes Handeln in dieser Welt erkennen, wenn man sein Handeln nicht vorher methodisch ausschließt. Unsere Wirklichkeit, unsere Erfahrungen beinhalten mehr als das, was sich mit rein naturwissenschaftlichen Methoden erforschen lässt. Die Naturwissenschaften befassen sich mit „Wie-Fragen“: Wie funktioniert etwas? Wie laufen Prozesse in Raum und Zeit ab? Andere Fragen, die für uns von großer Bedeutung sind, bleiben dabei offen: Warum gibt es uns überhaupt? Was ist der Sinn des Lebens?
Die Naturwissenschaften können auch keine Wertentscheidungen treffen. Sie können uns z.B. sagen, was Kernkraftwerke kosten, welche Leistungen sie erbringen – aber ob man Kernkraftwerke bauen soll, muss, darf, das hängt mit Wertentscheidungen zusammen.
Der Physiker Hans Peter Dürr, Nachfolger Heisenbergs als Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts und Gewinner des alternativen Nobelpreises, beantwortete die Frage „Was hat die Wissenschaft mit der Wirklichkeit zu tun?“ einmal mit einem Gleichnis: Ein Mann sitzt am Ufer eines Flusses und fängt Fische. Ein Wanderer kommt vorbei und fragt ihn, „Was tust Du?“ „Ich fange Fische.“ „Was kannst Du über Fische aussagen?“ „Sie sind alle mindestens 5 cm lang.“ Der Wanderer lässt sich das Netz zeigen. Es hat Maschen mit einem Umfang von 5 cm. Daraufhin sagt er: „Wenn es kleinere Fische als 5 cm gäbe – und ich meine, solche gesehen zu haben -, so könntest du sie nicht fangen, sie würden durch dein Netz hindurch schlüpfen.“ Darauf der Fischfänger mit Selbstbewusstsein: „Was ich nicht fangen kann, ist kein Fisch.“
So arbeitet die Wissenschaft: Sie hat ein bestimmtes Netz und fängt daraufhin bestimmte Fische oder um es etwas abstrakter zu sagen: Sie stellt bestimmte Fragen und erhält daraufhin bestimmte Antworten. Wonach sie nicht fragt, darauf bekommt sie auch keine Antworten. Nach Dürr gibt es einige „Fische“ die man prinzipiell mit den Netzen der Wissenschaft nicht einfangen kann: ästhetische Fragen (Was ist Schönheit?) und religiöse Fragen. Stellen wir uns Gott als den vor, der alles geschaffen hat, auch uns mit allen unseren Netzen – mit welchem Netz, welcher Wissenschaft sollten wir ihn einfangen können? Das ist prinzipiell nicht möglich. Wir können nur Aussagen über Gott machen, wenn er sich offenbart.
Wissenschaft ist ein Zugang zur Wirklichkeit, aber nicht der allein gültige. Viele für uns wichtige Erfahrungen religiöser und künstlerischer Art können allein mit Wiegen, Messen und Beobachten nicht einmal annähernd erfasst werden. Diese Einschränkung mindert nicht den Wert der Naturwissenschaften für unser Leben, weist aber auf ihre Begrenzung hin.
Ergebnis
Glaube und Wissenschaft sind keine Gegensätze. Viele Wissenschaftler haben sich mit den Gesetzen der Natur beschäftigt, gerade weil sie von einem Gesetzgeber fest überzeugt waren.
Wir sollen – gerade, weil wir an Gott glauben – diese Welt erforschen:
„Groß sind die Taten des Herrn, zu erforschen von allen, die Lust an ihnen haben“  (Psalm 111,2). Dr. Jürgen Spieß
Dr. Jürgen Spieß ist seit 1999 Leiter des Instituts für Glaube und Wissenschaft in Marburg (www.iguw.de ). Aus: Perspektive 07 + 08/2008. Gekürzt und leicht überarbeitet.
http://www.lukas-gemeinde.de/gott-finden/fragen-antworten/wissenschaft-contra-glaube.html

Was ist der Sinn des Lebens?

Wir Menschen sind die einzigen irdischen Wesen, die nach Sinn fragen. Uns bewegen drei Grundfragen: Woher komme ich? Wozu lebe ich? Wohin gehe ich? Viele haben darüber nachgedacht.
Der Karlsruher Philosoph Hans Lenk betont, dass wir von seinem Fachgebiet keinerlei Antworten zu erwarten haben, wenn er schreibt: „Die Philosophie gibt selten endgültige inhaltliche Lösungen; sie ist ein Problemfach, kein Stoff- und Ergebnisfach. Für sie ist u. U. eine neue Problemperspektive viel wichtiger als eine Teillösung einer überlieferten Frage.“
Der Dichter Hermann Hesse schreibt: „Das Leben ist sinnlos, grausam, dumm und dennoch prachtvoll – es macht sich nicht über den Menschen lustig, aber es kümmert sich um den Menschen nicht mehr als um den Regenwurm.“
Die französische Schriftstellerin des Existentialismus und Atheistin Simone de Beauvoir verirrt sich in Sinnlosigkeit: „Welchen Sinn hat das Leben, wenn es doch radikal vernichtet, vernichtst wird? Weshalb ist es dann dagewesen? Sinnlos ist letztlich alles: die Schönheit des Lebens, die Taten der Menschen, alles. Das Leben ist absurd.“
Auch die Wissenschaften wie Psychologie, Biologie, Medizin können uns keine Antwort geben, weil die Sinnfrage nicht zu ihrem Aussagenfeld gehört.

Manche Leute sehen den Sinn ihres Lebens darin, dass

  • sie Gutes tun wollen: Viele hegen diesen humanistischen Gedanken, der noch nicht spezifisch christlich ist. Gutes zu tun ist zwar auch den Christen aufgetragen (Galater 6,10; 2 Thessalonicher 3,13), aber wer gute Werke tut, ist damit noch kein Christ.
  • sie selbst zu Ansehen kommen: Sportler streben nach Weltmeistertiteln und Goldmedaillen. Künstler suchen ihre Anerkennung auf den Bühnen dieser Welt.
  • sie sich Unvergängliches schaffen wollen: So meinen sie, in ihren Kindern oder in der Gesellschaft weiterzuleben (z. B. durch Stiftungen, die mit ihrem Namen verbunden sind). Andere wünschen, sich in eigenen Gedichten, Memoiren oder Tagebüchern zu verewigen.

Wir sollten bedenken: Aller weltlicher Ruhm ist nur zeitlich. Nach unserem Tod haben wir selbst nichts mehr davon, denn wohin wir gehen, da „haben wir kein Teil mehr auf der Welt an allem, was unter der Sonne geschieht“ (Prediger 9,6).

Wenn unser Leben eine Schöpfung Gottes ist, so kann es nur dann sinnvoll sein, wenn es mit diesem Gott gelebt und von ihm geführt wird. Ein Menschenherz – selbst wenn es alles Glück dieser Welt besäße – bliebe rastlos, leer und unerfüllt, wenn es nicht Ruhe in Gott fände. Darum wollen wir von Gott erfahren, was uns Sinn gibt. In drei Punkten sei dies skizziert:

1. Gottes Ziel mit unserem Leben ist, dass wir zum Glauben kommen. Ohne den rettenden Glauben an den Herrn Jesus Christus gehen wir verloren. Darum sagte Paulus dem Kerkermeister zu Philippi: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!“ (Apostelgeschichte 16,31).

In diesem Sinn „will Gott, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1 Timotheus 2,4).

Weil diese Errettung für jedes Menschenleben vorrangig ist, sagte der Herr Jesus dem Gichtbrüchigen als Erstes: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ (Matthäus 9,2). Rettung der Seele hat aus der Sicht Gottes Vorrang vor der Heilung des Körpers.

2. Wenn wir errettet sind, stehen wir im Dienst für Gott: „Dienet dem Herrn mit Freuden!“ (Psalm 100,2). Als Nachfolger Jesu soll unser Leben so ausgerichtet sein, dass wir auch andere zu Jüngern machen (Matthäus 28,19).

3. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Matthäus 22,39). Mit diesem Liebesgebot verpflichtet uns Gott nicht nur an den Fernen in Südafrika oder Chile, sondern in erster Linie an jene Menschen, die uns unmittelbar anvertraut sind: unser Ehepartner, unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Nachbarn, unsere Arbeitskollegen. Dass wir uns selbst lieben, setzt die Bibel als Tatsache voraus, aber dem Nächsten soll diese Liebe ebenso gelten.

Was wir im Glauben unter den zuvor genannten Punkten 2 und 3 gewirkt haben, das bezeichnet die Bibel als die Frucht unseres Lebens. Im Gegensatz zu allen vergänglichen Erfolgen ist nur die Frucht bleibend (Johannes 15,16). Gott sucht sie am Ende unseres Lebens und fragt uns, was wir mit anvertrauten Pfunden (Leben, Zeit, Geld, Begabungen) erwirkt haben (Lukas 19,11-27). Selbst der Becher kalten Wassers, den wir im Namen Jesu gereicht haben, hat dann Ewigkeitsbedeutung (Matthäus 10,42).

Aus „Fragen, die immer wieder gestellt werden“ von Prof. Dr.-Ing. Werner Gitt. Christliche Literatur-Verbreitung (CLV), 33661 Bielefeld. Hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Ist die Vernunft letzte Autorität?

Nun ist es die allgemeine Tendenz der Aufklärung, keine Autorität gelten zu lassen und alles vor dem Richterstuhl der Vernunft zu entscheiden. So kann auch die schriftliche Überlieferung, die Heilige Schrift wie alle andere historische Kunde, nicht schlechthin gelten, vielmehr hängt die mögliche Wahrheit der Überlieferung von der Glaubwürdigkeit ab, die ihr von der Vernunft zugebilligt wird. Nicht Überlieferung, sondern die Vernunft stellt die letzte Quelle aller Autorität dar.
Hans-Georg Gadamer. Wahrheit und Methode. Mohr: Tübingen 1999. S. 277.