Von meinem Recht, dagegen zu sein.

In der Nacht, als Trump siegte, sangen vor dem Weißen Haus Chöre gegen Ausgrenzung und Rassismus. Sie sorgten damit bei mir für einen Schub des Nachdenkens, dessen Ergebnis dieser Artikel ist: warum, fragte ich mich, stellen sich da bei mir die Nackenhaare auf, obwohl ich weder Rassist bin noch irgendjemanden ausschließen möchte? Was ist daran falsch, oder erscheint mir zumindest so?
Das Problem, so scheint mir, ist, dass in weltanschaulichen Fragen heute keine Meinung mehr vertreten wird, sondern eine Nicht-Meinung. Genauer noch: es ist MEINE Nicht-Meinung, für die andere eintreten. Sie vertreten nicht ihre Meinung, sondern fordern, dass ich keine habe oder sie zumindest für mich behalte. Nicht mehr bestimmte Meinungen werden bekämpft, sondern Meinungen an sich. Sind nämlich persönliche Einstellungen erst Privatsache, entfallen alle Reibungspunkte in der Gesellschaft. Dann gibt es keinen Konflikt mehr und es herrscht Frieden. Weniger nett formuliert ist es die Logik jeder Diktatur: solange alle die Schnauze halten, herrscht Ruhe.
Folglich darf ich beispielsweise für mich entscheiden, niemals abzutreiben, aber ich darf dies von niemandem fordern. Schon die Äußerung, dass ich Abtreibungen möglicherweise für falsch hielte, darf nicht sein. Selbst die Idee, dass Kinder etwas Schönes sind, könnte jemanden stören, der sich gegen sein Kind entschieden hat, und darf folglich nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Nichts erscheint zu übertrieben, als dass es nicht Realität werden könnte: „Dear Future Mom“, ein Spot, der Eltern von Kindern mit Down-Syndrom ermutigen soll, darf in Frankreich nicht im Fernsehen gezeigt werden. Gerichtliche Begründung: Der Spot könne auf Frauen verstörend wirken, die abgetrieben haben.
Hier stehen zwei Rechte gegeneinander: das tatsächliche Recht zu reden und das vermeintliche, nichts hören zu müssen. In meiner Jugend kursierte ein dummer Spruch: Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, aber niemand hat die Pflicht, ihm zuzuhören. Heute ist daraus eine noch viel dümmere Realität erwachsen: jeder Hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, solange sichergestellt ist, dass niemand sie anhören muss. So werden Meinungen jeder Art immer weiter aus der Öffentlichkeit verbannt. In diesem Licht gesehen bekommen positive Aussagen plötzlich einen Beigeschmack. Wenn ein Chor singt, man solle niemanden ausgrenzen, meint er, ich dürfe nicht sagen, dass ich gegen ausgelebte Homosexualität sei. Aus „grenze nicht aus!“ wird: „Schweig!“. Daher die stehenden Nackenhaare.
Da Meinungen an sich schlimm sind, setzt man sich nicht mit ihnen auseinander. Stattdessen bekämpft man die, die eine Meinung haben, als Ursache des Übels. Nicht für Abtreibung wird demonstriert, sondern gegen Abtreibungsgegner. Nicht für die Rechte Ausgegrenzter gehen die Leute auf die Straße, sondern gegen Rassisten. Brücken werden gebaut, um die gespaltene Gesellschaft wieder zu einen. Doch die Brücken sind verlogen: sie tragen nur Nackte, die ihre Meinung nicht mitnehmen. Jeder ist willkommen, solange er die Schnauze hält; die geeinte Gesellschaft ist meinungsfrei. Nur ein Chor ist erlaubt: der, in dem gegen Meinungen polemisiert wird. Und jeder, der mit anderen Menschen eine Meinung teilt, gilt als Populist.
Es herrscht Angst, und es ist die Angst von Weicheiern. Angemessen wäre es, mir in Diskussionen zu sagen, dass ich Blödsinn rede, und zwar aus folgenden Gründen: erstens, zweitens, drittens. Das bringt etwas. Doch was ist von Menschen zu halten, die es nicht ertragen, dass ich auch nur beginne, in ihre Richtung Einwände vorzubringen? Die bei der bloßen Möglichkeit in Panik geraten und da ein Gesetz gegen machen wollen? In „1984“ fällten wenigstens noch grausame Menschen die Urteile über Meinungsverbrechen, die wussten, was sie taten – heute sind es dümmliche Mimosen, die aus lauter Panik vor dem, was sie selbst tun, die Augen verschließen. Um nicht erkennen zu müssen, dass es um Meinungen geht, flüchten sie sich in die Idee, es seien Krankheitsbilder: der Begriff „Homophobie“ spricht Bände. Dass damit die absurde Situation entsteht, dass eine Angst strafbar gemacht werden soll, ist ihnen egal. Wenn nur die andere Meinung keine Meinung mehr ist, sondern eine Erkrankung, und damit auf jeden Fall falsch. Und wenn die eigene Meinung nur endlich hinter der Idee verschwindet, sie sei keine Position unter anderen, sondern alle Andersdenkenden seien einfach krank. „Homophobie“ schafft keinen Konflikt, sondern ist der verzweifelte Versuch, einen zu vermeiden.
Und alles, was da nicht mitspielt, wird in Panik niedergebrüllt, intellektuell verlacht, verachtet oder sonstwie auf Distanz gehalten. Denn was man selbst vertritt, ist nicht etwas, das man auch anders sehen könnte. Man selbst vertritt die vermeintliche Grundlage der Gesellschaft überhaupt, Gesundheit, Freiheit. Nur eines ist wichtig: keine Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, denn das ist gefährlich. Memmen! Sie folgen jedem, der ihnen erklärt, man müsse zu diesem oder jedem keine Meinung haben.
Ein anständiger Gegner hat eine Rüstung, doch innen ist er weich. So kann man ihn treffen und verwunden, doch man muss geschickt dazu sein. Und man kann die Rüstung ausziehen und sich mit ihm anfreunden. Die Gegner heute jedoch sind außen weich und offen für alles. Entsprechend werden sie von allem und jedem schwer getroffen und sind so verwundet, dass sie vor jeder Berührung Panik haben. Innerlich aber sind sie so verhärtet, dass sie nur noch äußerlich zu Freundschaften fähig sind. Mit ihnen zu ringen muss bedeuten, sie innerlich wieder weich zu machen. Irgendwie in den Bereich vorzudringen, in dem sie ihre Eigenschaften weggesperrt haben, um die Nicht-Eigenschaften nicht zu stören, wo sie ihr Geschlecht knechten, um ihr Gender vor Zweifeln zu schützen. Den ganzen anonymen Mitläufern der aggressiven Masse von Meinungsgegnern fehlt vor allem eines: Ermutigung zu sich selbst.
Das einzige, was wir tun können, ist, nicht nur zu unseren Meinungen zu stehen, sondern immer auch zu Meinungen an sich, seien sie nun unsere oder nicht. Kurz: zur politischen Freiheit zu stehen. Pluralismus können nur die garantieren, die ihr eigenes Singular zum Plural beisteuern und so die Idee als Unsinn entlarven, Vielfalt entstehe, wenn keiner mehr denkt. Mein Recht, dagegen zu sein, ist die Grundlage für andere, dafür zu sein. Wer es mir nehmen will, kann mir viel Ärger bereiten. Doch sich selbst nimmt er die Basis für Persönlichkeit. http://echoromeo.blogspot.de/2016/12/von-meinem-recht-dagegen-zu-sein.html

 

„Wo früher das Kreuz hing, hängt heute das Rauchverbot“

Der Krebs hat den Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann für den Glauben neu sensibilisiert. Die Verweltlichung der Gesellschaft bereitet ihm Sorge. Dem TAGESANZEIGER hat Hürlimann ein beeindruckendes Interview gegeben. Hier ein Auszug:

Für heutige Theologen hat Religion im Kern mit Ethik zu tun.

Damit versuchen sie, uns vom Glauben an Gott zu dispensieren. Nichts gegen eine aufgeklärte Gesellschaft, die von der Selbstbestimmung des Subjekts ausgeht. Aber wir werden ja, trotz aller Bemühungen der Kirchen, nicht zu Agnostikern. Wir glauben weiter. Und da diese Glaubensbereitschaft einen Inhalt haben muss, formiert sich die Gesellschaft in einer Sekte, die sich selbst überwacht und terrorisiert. Der neue Katechismus heisst: Erstes Gebot: Du sollst den Abfall trennen! Zweites Gebot: Du sollst dich vegan ernähren! Drittes Gebot: Du sollst alles durchgendern! Viertes Gebot: Du sollst so tolerant sein wie Globi im neuesten Globi-Buch!

Die Kirchen haben nur noch eine innerweltliche Botschaft?

Genau wie Globi. Zum Reformations jubiläum wollen die Deutschen hauptsächlich Luthers Antisemitismus thematisieren – und aus Quotengründen seine Frau zur eigentlichen Reformatorin deklarieren. Wie lustig das wird, kann man sich vorstellen. Und dann wundern sie sich, dass ihre Kirchen leer sind. Die meisten Predigten heutzutage sind, mit Nietzsche gesprochen, «ein moralisches Grunzen».

Political Correctness als Ersatzreligion?

Ja genau, Pan wurde von der Political Correctness eliminiert. Es geht nur noch um soziale Verhaltensweisen, nicht mehr um Transzendenz. In der Moralschwemme ist das Geheimnis abge soffen. Wo früher das Kreuz hing, hängt heute das Rauchverbot.

Mehr: www.tagesanzeiger.ch.
http://theoblog.de/wo-frueher-das-kreuz-hing-haengt-heute-das-rauchverbot/28769/

Habt ihr euren Gott je gesehen oder betastet?

Ein Forscher durchquerte einst die Wüste. Jeden Tag dreimal breiteten seine mohammedanischen Begleiter ihre Gebetsteppiche aus zum Gebet. Der Forscher verspottete sie: „Habt ihr euren Gott je gesehen oder betastet?“ – „Nein!“ – „Dann seid ihr Narren, dass ihr an diesen Gott glaubt.“ – Als sie eines Morgens aus ihrem Zelt traten, sagte der Gelehrte beiläufig: „Heute Nacht ist hier ein Kamel vorbeigekommen.“ Da blitzte es in den Augen eines Arabers auf: „Haben Sie dieses Kamel gesehen oder betastet?“ – „Nein!“ – „Dann sind Sie ein Narr, dass Sie an ein Kamel glauben, das Sie weder gesehen noch betastet haben.“ – „O, man sieht doch die Spuren hier im Sande“, sagte der Gelehrte. – In dem Augenblick stieg die Sonne mit herrlichem Glanz empor. Der Araber zeigte auf die überwältigende Pracht: „Und hier sehe ich die Spur des Gottes, den ich anbete.“ Zitatende – aus Wilhelm Busch, Der Herr ist mein Licht und mein Heil, Andacht vom 7. April
Dieselbe Beispiel-Story – in unterschiedlichen Variationen – wurde auch verwandt von Georg v. Viebahn, Von der Landstraße des Lebens, S. 273; Henrich Witt, Der ewig reiche Gott, Beispiele/Altes Testament, Nr. 3; Heinz Schäfer, Hört ein Gleichnis, Nr. 5; Werner Gitt, Und die anderen Religionen, S. 31
Das heißt: Dieses Beispiel wurde über einen Zeitraum von ca. 100 Jahren ohne jedes Problem von bekannten Evangelisten bzw. bibeltreuen Autoren aus den unterschiedlichsten „Richtungen“ verwandt.
HEUTE ruft dieses Beispiel z. T. scharfe Kritik hervor, weil man positiv beispielhaft von der Tatsache Gebrauch macht, dass ein Muslim – wie auch die Bibel – von EINEM Schöpfergott ausgeht.
Sind die Kritiker heute so viel bibeltreuer, so viel geistlicher, so viel klarer als Georg von Viebahn, Wilhelm Busch oder Werner Gitt? – Ich meine NEIN. Vielmehr hat bei einigen Christen, die wir wegen ihrer Liebe zu Christus und zum Wort Gottes durchaus schätzen und lieben, eine unglückliche Radikalisierung in Haltung und Worten stattgefunden. Diese Radikalisierung ist vor allem deshalb zu bedauern, weil sie sich im Gespräch mit Muslimen als sehr störend erweist – ein echtes Hindernis, wenn man Menschen zu Christus führen will.
Danke, Michael Kotsch, für Deine sehr klare und zugleich sehr ausgewogene Stellungnahme zum Islam.
An die Kritiker von Michael Kotsch: Bedenkt bitte, dass Bruder Kotsch im Thread vom 17.10. u. a. Folgendes schrieb:
„Dass Muslime und Christen nicht an denselben Gott glauben wird bei einem Vergleich schnell deutlich.“
Und: „Um das hier noch einmal deutlich zu sagen, ich befürworte keine irgendwie geartete Vermischung zwischen christlichem und islamischem Glauben. Für mich ist klar, dass jemand, der Christus ALS SOHN GOTTES verwirft oder ablehnt, auch DEN VATER nicht hat und das Heil nicht erlangt. (Apg 4,10-12; 1Joh 2,23; 4,2.3; 5,6-12).“
Von einem „Weichspülevangelium“ kann also nicht im Geringsten die Rede sein.
Günter Vogel https://www.facebook.com/michael.kotsch.9?fref=ts

Ein wichtiger Diskussionsbeitrag

Wie immer wichtiger Diskussionsbeitrag des christlichen Gesinnungskonservativen Reinhard Jarka, den man einfach herausheben muß:
„Ich glaube, daß es vielen Geschwistern so geht wie mir: Sie können diese Trennung anhand der bekannten Fakten nicht wirklich verstehen. Man hat das Gefühl innerhalb der evangelikalen Community findet aktuell mehrere tektonische Plattenverschiebung parallel zu der politischen Radikalisierung auf der linken und rechten Seite statt. Wohin man schaut einerseits immer mehr Öffnung in Richtung einer radikalen Genderideologie und Gesellschaftstransformation und auf der anderen Seite in Richtung nationaler Radikalität, Verschwörung, unversöhnlicher Endkampf … Die nüchterne evangelikale Mitte zu der für mich auch Michael Kotsch gehört wird zwischen den Fronten aufgerieben. Wahrscheinlich können wir diese Trennungen in ein paar Jahren historisch im nachhinein viel besser einordnen … im Moment ist es eben halt nur eine Art Bauchgefühl, daß irgendwas gerade passiert bei uns Evangelikalen …“  Gottfried Sommer   https://www.facebook.com/gottfried.sommer

Viele Religionen – Eine Wahrheit?

Klaus von Stosch hält die drei klassischen Modelle – Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus – für nicht befriedigend. Er schlägt als Ausweg die „komparative Theologie“ vor, die sich auf Haltungen konzentriert wie epistemische Demut, Empathie, Gastfreundschaft, Freundschaft: anfangen auf andere hören, durch andere Religionen die eigene besser kennenlernen, lernen von fremden Kirchen, Andersheit wertschätzen, und bei allem Glauben doch verkündigen. Gegen diese Haltungen ist kaum etwas einzuwenden. Mir ist nur nicht klar, wie dadurch die Wahl zwischen den drei Hauptantworten umgangen werden kann.
Und wie üblich bei Worthaus hapert‘s mit einer präzisen biblischen Begründung – auch wenn hier und da natürlich Verse eingestreut werden. Sollte man nicht seine Vorschläge auch mal runterdeklinieren auf die Religionen im AT, mit denen sich Israel auseinandersetzte? Haben die Israeliten den Baalskult nicht viel zu wenig „wertgeschätzt“?! Und hätte nicht
Jeremia mehr Empathie zeigen und nicht über die „Vogelscheuchen im Gurkenfeld“ (heidnische Götter) spotten sollen? Und hätte Paulus nicht besser sein Material den Athenern vor seiner Predigt zur Korrektur gegeben wie es von Stosch mit dem Trinitätsmaterial und den Schiiten gemacht hat? Gut, dass wir da heute weiter sind…
https://www.facebook.com/holger.lahayne?fref=ts

Wenn Jesus von sich sagt, niemand komme in den Himmel, der nicht an ihn glaubt – haben dann all die Muslime, Hindus, Atheisten oder Anhänger von Naturreligionen keine Chance auf ein Leben nach dem Tod? Denn an dieses Leben bei Gott, ein glückliches, erfüllendes Leben im Himmel, daran glauben Christe…
worthaus.org

Dekonstruktion der klassischen Trinität a la Zimmer

Dekonstruktion der klassischen Trinität a la Zimmer. „In der Bibel gibt es keine Trinitätslehre“; wie von Osterhase, Tannenbaum und Kirchturm steht auch von dieser nichts in der Bibel. Und für Jugendliche sei sie auch nichts (dass manche Lehren für die frommen Nichtprofis nichts seien, vertrat schon Erasmus, Luther widersprach heftig). Anstatt uns die Dreieinigkeit anständig und zeitgemäß zu erklären, nimmt sich Zimmer ausführlich Zeit, „das Herz der Muslime zu öffnen“.
Mit der Auferstehung seien Jesus Dinge „zugewachsen“, die vorher „unmöglich waren“. Rückfrage: War der vorösterliche Christus nicht Gott, nicht der Gottmensch? Zimmer nennt im ganzen Vortrag Jesus nicht ein einziges Mal Gott, nur einmal sagt er Vater, Sohn und Geist sind Gott. „Ich und der Vater sind eins“ sei noch nicht im Sinne der Trinität gemeint, keine Wesenseinheit. Ist die Trinität dann entstanden? Ist der Sohn nicht ewig? Fragen über Fragen.
Er sei kein „Jünger der Trinitätslehre der Alten Kirche“, die er für „hochproblematisch“ und „starr“ hält. Praktisch kein gutes Wort zum Ringen der Kirchenväter und Nicäa usw. Die trinitarische Leseweise des NTs sei manipulativ. Das blosse Nachsprechen der alten Aussagen und Lehren sei nicht mehr möglich. Zimmer will einen Neuanfang, übrig bleibt das „väterliche Herz Gottes“ und der Gott, dem „es um das Leben geht“, „Gott ist das wahre Leben“, wir sollen Anteil bekommen an der Lebendigkeit Gottes als Ziel. Gott ist ein Beziehungswesen. Alles richtig. Aber warum polemisiert er x-Mal gegen die altkirchliche Lehre („drei Personen – furchtbar!“) und bietet uns dann nur ein armes „irgendwas ist beim Sohn anders als beim Vater“?
Zimmer betätigt sich mal wieder als Taschenspieler. Gegen Ende wird gar nicht schlecht die praktische Relevanz der Trinität verdeutlicht (obwohl die Polemik gegen Allmacht und Autorität unnötig ist; hier präsentiert er puren Moltmann). Doch über das „Beziehungen in Gott“ kommt er in eineinhalb Stunden kaum hinaus. Eine wirkliche Trinitätslehre über das Zueinander von Vater, Sohn und Geist entwickelt Zimmer gar nicht. – So sieht die theologische Bildungsoffensive im Stil von Worthaus aus. Da nimmt man sich besser ein klassische Dogmatik zur Hand. Holger Lahayne
https://www.facebook.com/holger.lahayne?fref=ts
Da atmen nicht nur seine muslimischen Studenten auf, wenn Siegfried Zimmer verkündet: „Ihr dürft die Lehre von der Trinität komisch finden!“ Es ist schließlich eine Lehre, die in der Bibel gar nicht erwähnt ist, die erst im dritten Jahrhundert nach Christus entwickelt wurde, eine Lehre, die selbst d… http://worthaus.org/mediathek/trinitat-was-soll-das-5-12-1/

 

Sind Glauben und Erkennen Gegensätze oder gehören sie zusammen?

  1. Die heutige Trennung von Glauben und Erkennen
    Auf der Titelseite einer Weihnachtsausgabe des „Spiegel“ konnte man vor einigen Jahren die Leitfrage lesen „Warum glaubt der Mensch?“
    Ganz im Vordergrund stand die Themaformulierung „Jenseits des Wissens“. Damit war die Ausrichtung vorgegeben: Was auch immer die Gründe für den Glauben an eine göttliche Wirklichkeit sein mögen, sie befinden sich jenseits dessen, was der Mensch zuverlässig erkennen kann. Diese prinzipielle Trennung von Glauben und Wissen ist typisch für die moderne und erst Recht die postmoderne nachchristliche Gesellschaft. Glaube gilt weithin als bloß „subjektive“ Meinung, die im Unterschied zum „objektiven“ Wissen oder zur Wissenschaft nicht wirklich begründet werden kann.
    Die Folgen dieser Trennung von Glauben und Wissen für die säkulare Gesellschaft sind von kaum zu überschätzender Tragweite:
    Während das „Wissen“ und erst recht die „Wissenschaft“ öffentliche Geltung beanspruchen, gilt der „Glaube“ als rein private Angelegenheit, die keinen öffentlichen Geltungsanspruch erheben darf.
    Während „Wissen“ und „Wissenschaft“ rational begründbar und insofern auch nachprüfbar sind, ist der Glaube außerhalb jeder rationalen Überprüfbarkeit.
    Auch viele Christen haben sich dieser Überzeugung angeschlossen, denn die Trennung von Glauben und Erkennen ist für die Gläubigen zunächst einmal sehr bequem. Gilt diese Trennung, dann braucht sich der Christ den vielfältigen Fragen nach den Gründen seines Glaubens durch Nichtchristen oder durch die Wissenschaft nicht mehr zu stellen, weil der Glaube ohnehin außerhalb jeder rationalen Erkennbarkeit steht. Dann würde es genügen, den Nichtglaubenden einfach nur zu bezeugen, dass wir Christen eben an das Evangelium glauben, und den Menschen die Frohbotschaft verkündigen – eine Botschaft, die sich zwar in keiner Weise begründen oder argumentativ verteidigen lässt, die sich aber immer wieder durch das übernatürliche Wirken des Heiligen Geistes bei den Menschen durchsetzen wird.
    Doch so einfach geht es nicht! Der biblische Glaube an Jesus entsteht nicht einfach „ohne“ oder gar „gegen“ das menschliche Erkennen. Zwar sind Glauben und Erkennen zu unterscheiden, sie dürfen aber nie voneinander getrennt werden. Die heute gängige Ansiedlung des Glaubens „jenseits“ des Wissens und des Erkennens lässt sich weder auf die Bibel noch auf die Reformatoren zurückführen, sondern ist ein Ergebnis der neuzeitlichen, sich vom Christentum lösenden Philosophie, die in der sog. „Aufklärung“ des 17. und 18. Jahrhunderts ihren Ausgangspunkt hatte.
    2. Die Verbindung von Glauben und Erkennen in der Bibel
    Die Heilige Schrift kennt keine grundsätzliche Trennung von Glauben und Erkenntnis. Sie verbindet im Gegenteil beide Vorgänge so, dass der Glaube aus der Wahrnehmung – und damit aus der Erkenntnis – entsteht. Konkret bedeutet dies: Aus dem Sehen und Hören der Taten und Worte des sich bezeugenden Gottes entsteht der Glaube an diesen Gott. Bei den Augen- und Ohrenzeugen der Offenbarungsgeschichte geschieht dies durch das unmittelbare Erleben, bei den nicht unmittelbar Beteiligten der nachfolgenden Generationen auf mittelbare Weise durch das Hören und Lesen der biblischen Zeugnisse. Der aus der biblischen Offenbarung entstehende Glaube ist kein unbegründeter, „blinder“ Glaube, sondern beruht auf dem „Sehen“ (a) und „Hören“ (b) von Augen- und Ohrenzeugen und ist insofern bestens begründet!
    a) Das Sehen als Voraussetzung des Glaubens
    Schon wenn man sich in die Offenbarungsgeschichte des ATs vertieft, fällt auf, wie stark hier die Bedeutung des Sehens betont wird. Gott offenbart sich in Israel in der Regel nicht durch „mystische“ Erscheinungen, die einigen „Erleuchteten“ jenseits aller sinnlichen Erfahrung zuteil werden, sondern durch geschichtliche, manchmal sogar alltäglich anmutende Ereignisse, die vor den Augen der Beteiligten geschehen.
    Aus der Wahrnehmung des Offenbarungshandelns Gottes erwächst schon im AT immer wieder die ausdrückliche Aufforderung zum Sehen. Eine ähnlich starke Betonung des Sehens als Voraussetzung des Glaubens liegt im Neuen Testament vor. Lukas 1,2 betont, dass das Lukasevangelium auf diejenigen Zeugen zurückgeht, „die es von Anfang an selbst gesehen haben“. Angesichts der schlechterdings fundamentalen Bedeutung des Sehens für den Glauben im Neuen Testament kann die Aufforderung zum Glauben in den schlichten Appell gefasst werden: „Komm und sieh!“ (Joh 1,46)
    b) Das Hören als Voraussetzung des Glaubens
    Der hohen Bedeutung des Sehens entspricht in der Bibel der nicht minder hohe Rang, den das Hören für den Glauben besitzt. Die sichtbaren Geschichtstaten Gottes sind alle mit einem göttlichen Reden verbunden, das diesen Taten die rechte Deutung gibt. Die großen Gestalten des ATs zeichnen sich dadurch aus, dass sie in besonderem Masse Hörende waren. Geradezu klassisch kommt die Haltung des Hörens im Gebet des jungen Samuel zum Ausdruck: „Rede Herr, denn dein Knecht hört …“ (1 Sam 3,9).
    Das Reden Gottes und die Bedeutung des Hörens kommt im Neuen Testament zum Höhepunkt. Jesus Christus hat die überragende Bedeutung des Hörens gegenüber seinem Offenbarungswort immer wieder nachdrücklich betont (Mt 5,21ff; 7,24-27; Lk 10,38-42). Und Gott hat als Vater diesen Anspruch seines Sohnes vor den Ohren der Zeitgenossen auf eindrucksvolle Weise bekräftigt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ (Mt 17,5). Dies zeigt, in welch fundamentaler Weise der Glaube nach dem biblischen Verständnis auf dem Hören beruht, und zwar auf dem Hören des Wortes Gottes. Jesus Christus ist nach dem Zeugnis der Bibel Gottes gnädiges Wort an die Menschheit, und zwar nicht nur durch seine explizite Verkündigung und Lehre, sondern auch durch seine gesamte Wirksamkeit einschließlich seines Leidens, Sterbens und seiner Auferstehung.
    3. Christlicher Glaube als bestens begründeter Glaube
    Der christliche Glaube ist nicht „blind“ – und damit unbegründet und unbegründbar, sondern baut als „sehender“ und „hörender“ Glaube auf einem festen Fundament auf, nämlich auf dem, was Gott in seiner Offenbarung selbst gesagt und getan hat. Deswegen ist der christliche Glaube wohlbegründet und grundsätzlich auch Nichtglaubenden gegenüber begründbar. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes bestens begründet, weil er nicht nur auf fraglichen menschlichen Einsichten und Gedanken beruht, sondern auf dem sich selbst offenbarenden verlässlichen Reden und Handeln Gottes. Deshalb schafft Gottes Offenbarung im Menschen eine Gewissheit, die sich im Denken und im Leben gleichermaßen bewährt und sogar im Sterben durchträgt, auch wenn sie immer wieder durch Zweifel oder Anfechtung herausgefordert wird.
    3.1. Der Glaube ist in der sinnlichen Erfahrung der göttlichen Offenbarung begründet.
    Gottes Offenbarung wohnt eine Universalität inne, die grundsätzlich jeden Menschen zu erreichen vermag, d.h. Menschen aller Altersgruppen, psychischen Beschaffenheit und Volks- und Sprachzugehörigkeit. Dies hängt damit zusammen, dass sie uns Menschen nicht nur in einer bestimmten Hinsicht (intellektuell, emotional o.ä.) anspricht, sondern als sehende, hörende, denkende, fühlende, glaubende und handelnde Personen. Schon im AT vollzieht sich die Wahrnehmung der Liebe Gottes nicht nur durch das Sehen und Hören, sondern z.B. auch durch den Geschmacksinn: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist, wohl dem, der auf ihn sein Vertrauen setzt“ (Ps 34,9). Diese Dimension der Gotteserfahrung ist uns als Christen insbesondere durch das Sakrament des Heiligen Abendmahles gegeben, durch das wir tatsächlich mit unserem Geschmacksinn die Erlöserliebe und Freundlichkeit Gottes „schmecken“ dürfen!
    3.2. Der Glaube richtet sich auf den unsichtbaren Gott, der alle Sinne überragt.
    Natürlich ist das „Sehen“ und „Hören“ in der Bibel nicht nur sinnlich zu verstehen. Es handelt sich in beiden Fällen um Vorgänge, die zwar durch die Sinne vermittelt sind, aber stets eines geistigen (d.h. die Vernunft einbeziehenden) Vernehmens und Verstehens bedürfen, um zum Ziel zu gelangen. Das sichtbare Handeln und hörbare Reden Gottes offenbart ja den Gott, der zwar aus seiner Verborgenheit, aber noch nicht aus seiner Unsichtbarkeit herausgetreten ist. Der durch das Reden und Handeln Gottes entstehende Glaube aber ist ein Akt des Vertrauens auf die (noch) unsichtbare Person des lebendigen Gottes. (Hebr. 11,1). Christlicher Glaube ist daher immer begründeter Glaube an den unsichtbaren Gott, der sich für den Menschen wahrnehmbar geoffenbart hat. Was zutiefst schon für das zwischenmenschliche Vertrauen wahr ist, gilt erst recht für das Vertrauen auf den unsichtbaren Gott, den zu sehen dem Menschen vor der Vollendung prinzipiell verwehrt ist.
    3.3. Der Glaube ist ein ganzheitlicher Vertrauensakt, der bloße Erkenntnis übersteigt.
    Der Glaube betrifft mich stets als ganze Person einschließlich meines Wollens, während die Erkenntnis im eigentlichen Sinn zunächst nur das Denken betrifft. Wir müssen also aus biblischen Gründen der eingangs geschilderten modernen Trennung von Glauben und Erkennen entschieden widersprechen. Als Christen können, dürfen und sollen wir wissen, warum wir glauben! Wir sollten gerade in der missionarischen Situation der Gegenwart fähig sein, unseren Glauben gut zu begründen und gegenüber Einwänden zu verteidigen (1.Petr. 3,15). Je mehr wir uns als Christen oder Theologen mit den Grundlagen unseres Glaubens befassen, umso mehr können wir die staunende Entdeckung machen, wie unermesslich viele hervorragende Gründe es im Hinblick auf unsere Vernunft und unser Leben gibt, dem Gott das Vertrauen zu schenken, der sich uns in Jesus Christus als liebender Vater, Sohn und Heiliger Geist geoffenbart hat!
    3.4. Der Glaube ist ein menschlich-persönlicher Akt und doch ein unverfügbares Geschenk des Heiligen Geistes.
    Dass der Glaube im Neuen Testament ein menschlich-persönlicher Akt ist des Vertrauenfassens zur Person Jesu und zum dreieinigen Gott ist, ist offensichtlich. Schon die neutestamentlichen Aufforderungen zum Glauben zeigen (vgl. z.B. Mk 1,15; Joh 9,35ff. Apg 8,37; Röm 10,9), dass der Mensch in seiner Personmitte, d.h. in seinem Denken und Wollen, angesprochen ist. Und doch macht das NT ebenso unmissverständlich klar, dass der Glaube ein Geschenk des Heiligen Geistes ist (Lk 17,5; Röm 10,17; Eph 1,21; Kol 2,12). Dass beide Aussagen kein Widerspruch sind, sondern sich sogar ergänzen, hat der Apostel Paulus deutlich gemacht: „Denn Gott ist es, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen“ (Phil 2,13). Gottes Wirken schaltet unser menschliches Wirken nicht aus, sondern ermöglicht, entfaltet und vollendet es! Zusammenfassend können wir also sagen, dass der christliche Glaube ein durch das Erkennen bestens begründeter und zugleich durch den Heiligen Geist geschenkter Vertrauensakt des Menschen auf den Gott ist, der sich in der Bibel und der von ihr bezeugten Geschichte geoffenbart hat. Doch mit dieser Feststellung haben wir die biblische Zuordnung von Glauben und Erkennen noch nicht zureichend bestimmt. Die Bibel zeigt nämlich darüber hinaus, dass der christliche Glaube seinerseits auch zur Quelle und Grundlage für das Erkennen wird, indem er das Erkenntnisvermögen des Glaubenden befreit, erweitert und auf eine neue Grundlage stellt. Es ist erkennbar, dass sich das Verhältnis von Glauben und Erkennen nicht in einer einzigen Aussage formulieren lässt, ohne den Sachverhalt unzulässig zu vereinfachen. Adolf Schlatter (Das christliche Dogma, Stuttgart 1981, 112) hat die Komplexität dieses Verhältnisses in seiner Dogmatik einfach und doch treffend in dem Satz zusammengefasst:
    „Wir haben zu erkennen, um zu glauben, und zu glauben, um zu erkennen.“
    Ausgabe Februar / März 2014 – Dr. Werner Neuer, St.Chrischona Gekürzter Aufsatz aus „Diakrisis 2011“
    http://www.lkg.de/verbandszeitschrift-blickpunkt-lkg/blickpunkt-artikel-archiv/artikel-archiv-detail/artikel/Sind-Glauben-und-Erkennen-Gegensaetze-oder-gehoeren-sie-zusammen.html

Weiterlesen

Buchbesprechung: Ron Kubsch. Die Postmoderne. Hänssler: Holzgerlingen, 2007.

Autor und Anliegen
Ron Kubsch (*1965) ist Theologe und Kulturkritiker im Geiste von Francis Schaeffer, dem reformatorischen Theologen und Apologeten. Er ist sich bewusst, dass auf den knapp 100 Seiten keine umfassende Darstellung einer alle Bereiche des menschlichen Lebens durchdringende Bewegung gegeben werden kann.
5 Anweisungen
Unter 5 Headlines fasse ich wesentliche Inhalte zusammen. Unterhalb sind einige kurze Zitate mit Seitenzahlangaben angeführt.
1. Wir sollten die geistige Luft, die wir täglich einatmen, kennen.
7+12 Die eigene Heimatkultur kennen viele Christen merkwürdigerweise oft kaum. … Man sollte sein Reisegepäck kennen.
14+15 Wo immer das Evangelium in Worte gefasst wird, steht es unter dem Einfluss der Kultur, zu der diese Worte gehören. Und jede Lebensweise, die die Wahrheit des Evangeliums ausdrücken will, ist eine kulturell bestimmte Lebensweise. Ein kulturfreies Evangelium wird es niemals geben. (zit. Lesslie Newbigin)
2. Um die Vorannahmen der Postmoderne zu kennen, müssen wir die geistesgeschichtliche Entwicklung seit der Neuzeit zurückverfolgen.
20 Ich glaube, um zu verstehen (Canterbury) -> Ich glaube, was ich verstehe (Neuzeit)
21 Descartes: Die Letztbegründung findet im Selbst statt.
23 Kant: Unser Erkenntnisapparat erstellt aus dem gegebenen Rohmaterial der Eindrücke aktiv Gegenstände der Erkenntnis.
26 Rationalismus: Alles muss sich vor dem Forum menschlicher Vernunft verantworten.
28 Nietzsche: Die metaphysischen Kategorien haben wir der Wirklichkeit nur angedichtet.
29 Heidegger: Das gegenüber dem Sein offene Denken rückt Heidegger in die Nähe der Dichtung. Wir erfahren es bestenfalls im Staunen. Von den Wissenschaften und der Philosophie haben wir nichts mehr zu erwarten.
30 Linguistic Turn: Die Menschen haben nur über die Sprache Zugang zur Wirklichkeit.
31 Wittgenstein: Sprache ist etwas im Geist der Menschen Vorhandenes, das auf reale Dinge verweist.
32 Gadamer: Es gibt kein Verstehen, das von Sprache, Geschichtlichkeit und Vorurteilen frei wäre.
33 Thomas Kuhn: Weltbilder ändern sich revolutionär.
35 Lyotard: Es existiert keine Meta-Regel
35 Paul Feyerabend: Anything goes.
36 Das Produkt ist Indifferenz: Eine Kultur ohne Leitideen ist unbestimmt bis gleichgültig. Eine Wertehierarchie fehlt, alles Grosse wird als suspekt verworfen.
3. Es braucht ein geschärftes Bewusstsein dafür, wie sich die Postmoderne in unterschiedlichen kulturellen Bereichen äussert.
41 Architektur: Form folgt der Fiktion.
43 Bildende Kunst: grenzt sich von keinem Stil ab, benutzt die Kunstgeschichte als Steinbruch für eigene Entwürfe.
46 Literatur: Neue Bescheidenheit – Autoren legen sich nicht mehr fest, formulieren keine Manifeste und wollen auch nicht mehr die Welt verbessern.
53 Institutionen werden durch zeitweilige Verträge ersetzt, Sexualität ist Verhandlungssache
55 Künstler: fliessende Identitäten, dynamische Performanz
4. Wir sollten auf die Kritik von säkularer Seite achten.
61 Es bringt eine neue Unübersichtlichkeit hervor, (Jürgen Habermas),
61 bewirkt Politikverdrossenheit (Richard Rorty),
62 verschafft dem Kapitalismus Auftrieb (Slavoj Zizek)
66 und ist logisch inkonsistent: Wenn die Postmodernisten Recht haben, muss nicht zugleich das Gegenteil der Fall sein? (Paul Boghossian)
5. Wir sollten Kritikpunkte aus christlicher Weltsicht bedenken.
57 Der Glaube ist aus der Arena des Wissens in die Sphäre der Liebe verwiesen worden.
70 Oft wird die Wahrheitsfrage heute in christlichen Kreisen als reine Frage der Beziehung verhandelt. … So rückt der christliche Glaube in die Nähe des Irrationalismus und der Mystik.
71 Es findet eine Verwischung zwischen der Schrift und ihrer Auslegung statt. Das Offenbarungsgeschehen wird in die Gemeinschaft verlagert.
74 Der Kultur kommt Offenbarungsqualität zu. Es gibt keine Wahrheit ausserhalb sozialer Strukturen.
Fazit
Bonhoeffer sagte einst: „Wir Christen sind entweder Hinterwäldler oder Säkularisten.“ (zit. S. 78) Ich wage eine These: Aus Furcht vor dem Hinterwäldlertum stehen wir Christen in der Gefahr, die geistigen Strömungen in zeitlicher Verzögerung einzuatmen und verspätet in unseren Gemeinden und unserer Literatur wiederzugeben. Während die Postmoderne in philosophischen Kreisen weitgehend als erledigt gilt, feiert sie in unseren Kirchgemeinden fröhlich Urständ. Um unsere Aufgabe als Propheten für die Kultur wahrzunehmen, braucht es eine erneuerte Identität (wir sind nicht von dieser Welt). Erst auf diese Weise können wir „in der Welt“ leben und unser Mandat („in die Welt gesandt“) wahrnehmen.
http://hanniel.ch/2016/08/18/buchbesprechung-die-postmoderne

Input: Brexit und das polarisierte Gequatsche

In den letzten Tagen dominierte Brexit – die Volksentscheidung der Briten zum Austritt aus der Europäischen Union – die Meldungen und Diskussionen in meinen Filtern der sozialen Medien. Silas Deutscher hat einen treffenden Kommentar abgegeben:

Die allermeisten Reaktionen auf den Brexit lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Die einen sehen unverzüglich ein Wiedererstarken des Faschismus (im Übrigen ein zu Tode gedroschener Begriff), beschwören allerlei Bilder herauf, und halten ein Comeback der Nationalstaatlichkeit für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Man ist der Meinung, dass nur braune Dumpfbacken, die durch den schlimmen Neoliberalismus instrumentalisiert und auf hinterhältige Art und Weise rechter Propaganda unterworfen worden sind, für den Brexit gestimmt haben. Diese zweite Gruppe lacht sich nun aber ins Fäustchen und bekundet ihre Freude darüber, dass dem totalitären Politapparat im elitären Brüssel endlich ein schmerzhafter Denkzettel verpasst wurde. Johlend feiern man die Tatsache, dass den linken Träumern nun endlich bang ums Herz werden muss, natürlich ist man davon überzeugt, dass nun wieder alles besser werde.
Ist dieses unfassbare Beharren auf diesem oder jenem Pol nicht eine unfassbarer intellektueller «monster fail»? Beide Positionen idealisieren, teils mit sträflicher Geschichtsblindheit ihren Pol, werfen drastische Begriffe in die Debatte und vermischen, was eigentlich nicht vermischt werden kann (z.B. nationale Autonomie = böse). Fällt man nicht gerade dadurch wieder in dieselbe geschichtliche Problematik zurück, welche unter anderem zur Verwüstung das 20. Jahrhunderts geführt hat? Können sich totalitäre Strukturen etwa nur in Nationalstaaten ausbilden? Oder bilden sich diese etwas nur in zentralisierten Staatskonstrukten? Will man das unlösbare das Zerwürfnis und die Hinfälligkeit unserer politischen Geschichte pragmatisch abzufangen und sachlich gestalten, kann man sich nicht einfach von der eigenen Ideologie verklärt an einem dieser Pole bewegen. Der Mythus des Staates wird ersehnt und er besteht aus einer vollkommenen Einheit der Vielfalt, in welcher weder die Vielfalt die Einheit verdrängt, noch die Einheit die Vielfalt. Unsere politische Geistesgeschichte ist anscheinend dazu verdammt dialektisch zwischen diesen Polen umherzuschwingen, stets im Glauben, nun die Gefahr des Totalitarismus zu überwinden. Die Gefahr wird nicht überwunden werden. Sie kann eingedämmt werden und sie kann zunehmen, mit und ohne Brexit.
http://hanniel.ch/2016/06/25/input-brexit-und-das-polarisierte-gequatsche/

Die Ökonomie ist ein Glaube wie jeder andere

(D)ie Ökonomie ist ein Glaube wie jeder andere.

Meiner Ansicht nach besteht eine der grössten Lästerungen der Moderne in der Überzeugung, dass es etwas gäbe, das nicht auf einem Glauben beruhen würde. Dass es etwas gäbe, das völlig real, wahrhaft, absolut neutral, wissenschaftlich sei; etwas, das überhaupt nicht mit einem Glauben in Verbindung gebracht werden müsse. Ebendies versuche ich in Zweifel zu ziehen, und ich sage: Jeder Glaube, zu dem wir uns bekennen, also auch der Glaube an die Ökonomie, stützt sich auf Mythen.

… Wir glauben schlicht und einfach, dass die Menschen rational sind. Wir glauben, dass es möglich ist, die Zukunft mithilfe mathematischer Formeln zu beschreiben. Wir glauben an die Möglichkeit, das Unerwartete zu erwarten, was ein Oxymoron darstellt. …

Wir geben nicht zu, dass wir daran glauben dass Menschenwesen rationale Wesen seien (wie absurd das klingt, wenn man das laut sagt!). Eben deshalb leben wir meiner Ansicht nach im Dunkeln. Möglicherweise in einem noch grösseren Dunkel als die Menschen in alter Zeit. Und zwar genau deswegen, weil wir unseren Glauben nicht zugeben.

Tomas Sedlacek. David Orrell. Bescheidenheit. Für eine neue Ökonomie. Hanser: München, 2013. (22-23; 80)
http://hanniel.ch/2016/06/14/zitat-der-woche-die-oekonomie-ist-ein-glaube-wie-jeder-andere/