„Gott tut nichts, ist ja kein Gott.“

Im Psalm 10 heißt es: der Frevler spricht: „Gott tut nichts, ist ja kein Gott.“ Die Beter der Psalmen sagen: Gott tut es doch. Er setzt das Recht durch und gibt der Gerechtigkeit gebührenden Raum.
Und das Erstaunliche ist: von Gott als dem Richter zu sprechen, der die Gerechtigkeit durchsetzt, ist keine Drohbotschaft, sondern eine Frohbotschaft.
Ein Salzburger Theologieprofessor hat einmal versucht, das heilende Gottesgericht im Spiegel eines irdischen Gerichtsverfahrens zumindest ansatzweise zu erkennen:
Eine SS-Division hatte am 10.Juni 1944 als Vergeltungsaktion gegen die französische Widerstandsbewegung den Ort Oradour-sur-Glane vollständig zerstört. 600 Männer, Frauen und Kinder wurden dabei verbrannt oder erschossen. Einer der Offiziere, die diese Liquidierung kommandierten, lebte später in der DDR als angesehener Angestellter in einem Betrieb und war ein liebevoller Familienvater und Opa. 1980, 36 Jahre nach seiner Tat, wurde er verhaftet, angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine Reporterin durfte ihn besuchen und konnte ein langes Gespräch mit ihm führen. Dabei weinte er immer wieder. Auf die Frage: Warum weinen Sie jetzt? antwortete er: Ach, ich habe so glücklich gelebt, und nun nimmt das solch ein Ende. Die Journalistin fragte weiter: Haben Sie auch schon einmal geweint über die Kinder, Frauen und Männer, die Sie damals umgebracht haben? Antwort: Nein. Haben Sie nie daran gedacht, dass Sie an jenen Menschen ein furchtbares Unrecht begangen haben? Antwort: So lange ich in Freiheit war, nicht. Es war doch alles ganz normal. Aber jetzt denke ich doch oft, da muss was nicht gestimmt haben, da war ich selber irgendwie verwickelt, da war wohl alles falsch. Tränen und ein leiser Ansatz zur Reue, überhaupt zur Erkenntnis des Tatbestandes stellten sich für den Mann erst dann ein, als das Gericht dafür sorgte, dass er sich dem Geschehen stellen musste, als die Tat wieder auf ihn zurückkam, an seinen Leib und an sein Leben. Nun war er dabei, aufzuwachen aus der stumpfen, glücklichen Befangenheit in seinem eigenen Wohlbefinden und Rechthaben, begann er ein Mensch zu werden, der seine Taten sieht. Das Gericht hat ihm das möglich gemacht.
Soweit der Bericht des Salzburger Theologen.
http://www.dietrich-bonhoeffer-gemeinde.de/gottesdienste/predigtreihe-2012-psalmen/rachepsalm-psalm-58-pfr-ulrich-wehmann-am-29072012/

„Ich hatte nie einen Gott. Und ich brauche ihn auch nicht“

„Ich hatte nie einen Gott. Und ich brauche ihn auch nicht“, schreibt Markus Laskus in der „Zeit“. 1989 im soeben wieder vereinten Deutschland geboren, wuchs Laskus in Erfurt auf, studierte in Dresden und besuchte die Journalistenschule in München. Ja, Laskus wuchs dort auf, wo Martin Luther ab 1501 Jura studierte und wo ihn am 2. Juli 1505 ein Donnerwetter derart erschütterte, dass er ins Augustinerkloster eintrat, um Mönch zu werden. Dort, wo sich mit der Reformation der grösste und folgenreichste Wandel der Kirchengeschichte vollzog. Stille Zeugen sind Gebäude wie das Augustinerkloster, die Michaeliskirche und der Mariendom. Hier wurde Luther zum Priester geweiht. Dieser Dom ist das Wahrzeichen Erfurts. „Aber“, so schreibt Markus Laskus, „in diesen Dom gehe ich nur, wenn Leute, die mich besuchen, ihn unbedingt sehen wollen. Meist betrachte ich dann still ihre staunenden Gesichter, stecke meine Hände in die Hosentaschen und friere ein bisschen.“
Zwar starb die DDR, als Laskus zur Welt kam. Doch das Regime hatte während vierzig Jahren den Glauben an Gott systematisch bekämpft, die standhaften Christen gegängelt, bespitzelt und diskriminiert. In Deutschlands Osten glaubt heute nur noch einer von zehn Menschen an einen persönlichen Gott. Der Atheismus ist ein nachhaltiges Erbe der realsozialistischen DDR-Politik. Er sei freiwillig das, was ihm sein Umfeld vorgelebt habe, sagt Atheist Laskus. „Ich habe nie gebetet, wurde nie zu einer Taufe eingeladen. Ich hatte nie einen Gott. Und ich brauche ihn auch nicht.“ Wie kann ein Mensch wie Markus Laskus, den es in einer Kirche fröstelt, den Faden zu Gott aufnehmen?
Die Adventstage erinnern an das Kommen Gottes. Wie findet Gott zu uns? Wo lässt sich Gottes Präsenz in der Welt entdecken? Gott existiert. Also braucht unsere Wahrnehmung ein Update. Die Sehnsucht nach dem Unsichtbaren, die Ahnung von Gott, muss uns aus der Sackgasse der Projektionen, religiösen Vorstellungen und persönlichen Erlebnisse hinausführen. Erfüllung und Freiheit liegen in Christus. Er ist Weg, Wahrheit und Leben. Als Gottsucher habe ich mich Christus an die Fersen geheftet. Sich auf ihn, statt auf mich zu verlassen, befreit vom Druck, mich selber begründen zu müssen. In Jesus wird Gott zugänglich. Johannes schreibt: „Niemand hat Gott jemals gesehen. Nur der Eine und Einzige seiner Art, der an der Seite des Vaters selbst Gott ist, hat ihn uns bekannt gemacht“ (Joh. 1, 18 NeÜ). Rolf Hoeneisen
https://www.facebook.com/rolf.hoeneisen?hc_ref=ARRviTWgXlWi–Y8X3geNJzuyb6wN_ovAhZeu2ZSvftSPj0rXXIsclO9yYEKq1LVOiQ&fref=nf&pnref=story

Man kann viel lernen von der Klarheit, mit der die französischen Existenzialisten die ‚condition humaine‘ beschreiben, die auf der von Nietzsche festgestellten Tatsache beruht, dass Gott tot ist:

„Es ist sehr unangenehm, dass Gott nicht existiert, denn mit ihm verschwindet jede Möglichkeit, Werte in einem intelligiblen Himmel zu finden; es kann kein a priori Gutes mehr geben, da es kein unendliches und vollkommenes Bewusstsein gibt, es zu denken; nirgends steht geschrieben, dass das Gute existiert, dass man ehrlich sein soll, nicht lügen darf, denn wir befinden uns ja auf einer Ebene, wo es nichts gibt außer den Menschen. Dostojewski schrieb: „Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.“ Das ist der Ausgangspunkt des Existenzialismus. In der Tat ist alles erlaubt, wenn Gott nicht existiert, und folglich ist der Mensch verlassen, denn er findet weder in sich noch außer sich einen Halt.“
Jean-Paul Sartre: „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“, a. d. Frz. v. Vincent von Wroblewsky

Nietzsche hat es eindrücklicher ausgedruckt:
„Wohin ist Gott?“ rief er, „ich will es euch sagen!
Wir haben ihn getötet – ihr und ich!
Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht?
Wie vermochten wir das Meer auszutrinken?
Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?

Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen?
Stürzen wir nicht fortwährend?
Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?
Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es nicht kälter geworden?
Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

 

Vom Atheisten zum Christen

Andreas Solymosi

Vom Atheisten zum Christen

Als junger Mann, aufgewachsen im Ostblock, war ich überzeugter Atheist, Marxist. In der Schule und an der Universität wurde jedem gelehrt, dass es keinen Gott gibt. Das marxistische Weltbild erschien mir so logisch, so wissenschaftlich, dass ich damals nicht nur daran geglaubt, sondern auch meine ganze Lebensphilosophie auf diese Denkweise gebaut habe. Wenn mir damals jemand behauptet hätte, ich würde mich irgendwann mit Fragen in Zusammenhang mit Gott beschäftigen, hätte ich ihn ausgelacht. Das war für mich Aberglaube. Ich meinte, dass Kirche, Beten und Bibel für alte Tanten und für hässliche Mädchen sind, die in der Diskothek nicht ankommen. Ich philosophierte aber sogar beim Tanzen gerne über die Theorie der Erkennbarkeit der Welt und behauptete, dass der Geist bloß das Nebenprodukt einer extrem komplex organisierten Form der Materie sei. Ich hatte griechische Philosophen gelesen, Hegel und Mao; von Marx und Lenin musste ich Prüfungen ablegen; aber auch von der Bibel meinte ich, dass es zur Allgemeinbildung gehört, sie gelesen zu haben.

Ich hatte viele Freunde und Freundinnen. Es war mein Ziel, dass die Menschen mich mögen. Ich war überzeugt: Wer nicht so glücklich ist wie ich, sei selber schuld. Ich war nicht eingebildet, aber stolz, und meinte, dieser Zustand würde ewig andauern, weil er nur an mir liegt. Dann kam eine Krise. Das erste Mal in meinem Leben geriet ich in eine Situation, wo ich genau wusste, wie meine Philosophie funktionieren sollte, sie tat es aber nicht. Ich verlor den Boden unter meinen Füßen. Ich blieb alleine, wurde krank. Die Todesangst ließ mich einsehen, dass in einer materialistischen Welt mein Leben keinen Sinn hat. Ich wurde verzweifelt, und habe nur deshalb keinen Selbstmord begangen, weil auch das keinen Sinn hatte.

Dann erinnerte ich mich daran, was ich in der Bibel gelesen hatte, und begriff: Meine einzige Chance ist, wenn das, was sie behauptet, wahr ist. Ich nahm sie wieder zur Hand und fand darin mich selbst beschrieben. Es ging um den Menschen, der nicht glaubt, nur an sich selbst; genau wie ich. Aber ich musste einsehen, dass das ein Irrglaube war: Ich war nicht in der Lage, mein Leben zu meistern. Die Bibel empfahl mir einen anderen Weg: Wenn ich mich Gott anvertraue, sorgt er für mich. Damals wusste ich noch nicht, ob es einen Gott gibt; aber meine alleinige Aussicht war, es auszuprobieren, und ich probierte es aus. Nachdem ich mich entschieden hatte, in das Risiko einzugehen, stellte sich heraus, dass es ihn gibt und was die Bibel von ihm sagt, stimmt.

Wie hat sich das herausgestellt? Heute, als gläubiger Christ, kann ich sagen, dass meine Sünde mich in die Krise hineingerissen hatte. Damals sah ich das natürlich anders: Wenn es keinen Gott gibt, dann gibt es auch keine Sünde. Da habe ich nur festgestellt, dass ich nicht so bin, wie ich sein müsste, um der glückliche Menschen zu werden, den ich aus mir machen wollte. Ich habe beschlossen, mich zu ändern. Und das ist nicht gelungen. Ich wollte meine Sünde loswerden, aber ich konnte nicht. Jesus Christus hat mich aber davon befreit; wozu ich nicht in der Lage war, hat er getan: Er hat mich verändert.

Heute, als Wissenschaftler und Hochschullehrer, sehe ich, dass diese Veränderung mein ganzes Leben bestimmt. Dass ich in der Lage bin, als Vater von vier Kindern auch in meinem Beruf zu bestehen, ist ohne Gottes Kraft nicht denkbar. Aus diesem Grund sehe ich auch als meine Verantwortung, mich auch über das Fachliche hinaus um meine Studenten als von Gott geliebte Menschen zu kümmern. Meine Beziehung zu meinen Kollegen und Mitarbeitern, Nachbarn und Freunden, wird von meiner Beziehung zu Gott geprägt. Meine tägliche Gemeinschaft mit Ihm gibt mir die Weisheit für anstehende Entscheidungen, sei es in der Kindererziehung, Betreuung von Studenten oder aktuelle Lebenssituationen. Hierdurch erfahre ich täglich, dass das Leben, das Er für mich bereitet und durch das Er mich führt, das einzige ist, das sich lohnt zu leben. https://mystory.me/story/andreas-solymosi/de/

1516 Todesdatums von Hieronymus Bosch

boschDieses Foto ist ein Ausschnitt vom Fragment eines Jüngsten Gerichts, von dem angenommen wird, dass es von einem Nachfolger von Hieronymus Bosch stammt. Ich fotografierte es im März 2011 in der Alten Pinakothek in München.

Derzeit ist es nicht dort zu sehen.
Kürzlich gedachte man des Todesdatums von Hieronymus Bosch vor 500 Jahren. Wen seine Gemälde beeindrucken, wird vielleicht ebenso sehr von seiner Epoche fasziniert sein.
Im Jahr 1516 zählt Luther 33 Jahre und Kopernikus 43. Ein halbes Jahrhundert zuvor fiel Konstantinopel an das Osmanische Reich, nun wendet es sich gegen Europa und bald stehen die Türken vor Wien. Es ist der Beginn des 16. Jahrhunderts, das Zeitalter der reformatorischen und der kopernikanischen Wende. Diese Umbrüche haben die ganze Welt umgestaltet, ähnlich der Entdeckung Amerikas und der Erfindung des Buchdrucks wenige Jahrzehnte zuvor, noch zu Lebzeiten Hieronymus‘. Niemand hat es posaunen gehört und es ging kein Ruf durch die Straßen „Eine neue Zeit hat begonnen!“. Die Feststellung, dass ein großer Wandel stattfand, folgte Jahrhunderte später.
Wer glaubt heute nicht an das heliozentrische Weltbild, dass die Erde die Sonne umkreist und nicht umgekehrt? Warum denn glauben – ist es nicht bewiesen? Tja nun! Wer kann erklären, warum Kopernikus und nicht Ptolemäus recht hatte, warum die Reformation und nicht die Tradition? Manche gehen so weit, zu behaupten, der Durchschnittsmensch könne keinen einzigen Grund für diese Überzeugungen nennen, deren Mehrzahl einzig und allein auf Autoritäten basiert. George Orwell begann einen Essay mit der einfacheren Frage: Just why do we believe that the earth is round? I am not speaking of the few thousand astronomers, geographers and so forth who could give ocular proof, or have a theoretical knowledge of the proof, but of the ordinary newspaper-reading citizen, such as you or me. (1)
Anstoß dazu gab eine Bemerkung von George Bernhard Shaw, die Menschen heute seien leichtgläubiger und abergläubischer als die Menschen im Mittelalter. Orwell diskutiert verschiedene Antwortmöglichkeiten und kommt zu dem Schluss, dass Shaw recht hatte und dass ein Großteil seines Wissens nicht auf logischer Beweisführung und Experiment beruhe, sondern auf der Autorität von Experten. Aber ist das wirklich leichtgläubig, sich darauf zu verlassen und tun wir das nicht alle jeden Tag, ohne dass wir dabei unvernünftig oder dumm wären? Das Gegenteil in seiner letzten Konsequenz zu leben ist nicht möglich und die Haltung des im 16. Jahrhundert wieder entdeckten und bis zur Überspitzung „Dass nichts gewusst wird“ (2) gesteigerten antiken Skeptizismus ist ebenso abergläubisch wie dogmatisch.
Wie sehr berühren wissenschaftliche Fragen unsere Lebensprobleme? (3) Ob sich die Erde um die Sonne dreht oder die Sonne um die Erde – das ist im Grunde gleichgültig. Um es genau zu sagen: das ist eine nichtige Frage. (4) Galileo Galilei leugnete angesichts des Scheiterhaufens. Erst Papst Johannes Paul II revidierte das Urteil der römischen Inquisition im Jahr 1992. Ein anderer war vor Galilei im Besitz einer schwerwiegenden Wahrheit – vielmehr war er von der Wahrheit ergriffen, die ihn besaß. Luther widerrief nicht, als sie sein Leben gefährdete.
In der Philosophie schreibt man die Epoche des Humanismus. Erasmus von Rotterdam ist einer ihrer bekanntesten Vertreter. Wer kann seit jenen Tagen das Paradox des menschlichen Willens auflösen, das Erasmus und Luther endgültig entzweite? Ist er nun frei oder ein Knecht?
Ganz im Gegensatz zum humanistischen Ideal, das den Menschen von seiner Freiheit her definiert, und der Renaissanceausbildung, die er einst genoß, sind die Herrschaftsprinzipien Heinrichs des VIII. Als 9-jährigen trifft Erasmus von Rotterdam den jungen Heinrich, mit dem er später Briefwechsel führt und der nach dem Bruch mit Rom Gründer und höchstes Oberhaupt der anglikanischen Kirche wird. Der Absolutismus ist die charakteristische Staatsform der frühen Neuzeit. In Heinrichs Todesjahr setzt sich in Russland Ivan IV., der Schreckliche, auf den Zarenthron im gerade errichteten Kreml, dem heute ältesten Bauwerk Moskaus. In Österreich regieren die Habsburger, aus denen über 300 Jahre die deutschen Könige und römisch-deutschen Kaiser hevor gehen, darunter Karl V., vor dem als gerade 21-jährigen auch Martin Luther in Worms steht. In Florenz leistet sich die ebenso einflußreiche wie wohlhabende Familie Medici ein ganzes Gefolge von Künstlern, Bildhauern und Gelehrten darunter Machiavelli und Michelangelo.
Boschs Todesjahr steht am Übergang von der Renaissance zur frühen Neuzeit, wo wir auf William Shakespeare und Leonardo da Vinci treffen, und Raffael, dessen Motive der Versöhnung von Religion und Philosophie, Christentum und Antike, Kirche und Staat darstellen, auf Dürer und Cranach, die mit Luther in engem Kontakt standen, letzterer sogar seine Malerei in den Dienst der Reformation und der anti-päpstlichen Propaganda stellt. Der Charakter der Renaissancekunst ist ebenso christlich wie säkular.
Klassische Texte der Antike werden quasi wieder entdeckt und in ihren Originalsprachen, lateinisch, griechisch und hebräisch, heraus gegeben. Die Aufarbeitung der Antike, eingehende Naturbeobachtung, naturwissenschaftliche und mathematische Erkenntnisse und technische Entwicklungen prägen Kunst, Architektur und Musik und rücken den Menschen in ein neues Verhältnis zur Natur und im weitesten Sinne zu Gott. Francis Bacon und zeitgenössische Denker fordern eine Abkehr der Naturforschung von der Metaphysik, von Dogmen und der unkritischen Haltung gegenüber Meinungen von Autoritäten und stattdessen ihre Gründung auf systematischer Untersuchung und Experiment.
Die Bibel wird ins Deutsche übersetzt, Bücher werden gedruckt und von immer mehr Menschen gelesen. Der gregorianische Kalender wird eingeführt und das Rechnen mit arabischen Zahlen statt mit römischen. Der Islam droht in das Abendland einzudringen, während die Vertreter des Christentums gespalten und im Krieg gegeneinander sind. In der neuen Welt begehen die europäischen Eroberer furchtbare Greueltaten an den amerikanischen Ureinwohnern. Die frühe Neuzeit markiert den Beginn der Entstehung der Nationalstaaten, das Verhältnis von Kirche und Staat ist im Wandel. Es ist eine Epoche religiöser ebenso wie wissenschaftlicher, geistiger und kultureller, politischer und sozialer Umwälzungen mit weitreichenden Folgen und universaler Bedeutung dieser Entwicklungen auch für uns.
Katharina Wallhäußer
Fußnoten
(1) zitiert nach http://www.skeptic.com/insight/george-orwell-versus-the-flat-earth/
(2) Francisco Sanches, Quod nihil scitur
(3) Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus
(4) Albert Camus, Der Mythos Sisyphos
— freigegeben, um auf brink4u zu erscheinen
— aktualisiert (Zitate, Fußnoten) am 21.08.2016
https://brink4u.com/2016/08/15/1516/

 

Apologetik – Theorie und Praxis

Apologetik Lewis„Jeder Beitrag dieser berühmten, in unzählige Sprachen übersetzten Essaysammlung ist eine Perle für sich. Zeugnis des ungemein reichen, vielfältigen Schaffens des genialen Autors, dessen Werke heute zur Weltliteratur gehören.“ So steht es auf dem Buchdeckel hinten und der ehrliche Leser wird nicht sagen können, es sei übertriebene Werbung für das Buch.

C.S. Lewis begrüßt den Leser höflich aber scharf mit seinem Titel: „Pardon, ich bin Christ.“ Schritt für Schritt erklärt er dann, warum er das ist. Auffällig sind nicht nur seine zwingenden Argumente, sondern auch sein einladender Schreibstil. Er nimmt den skeptischen Leser ernst und begegnet ihm respektvoll, denn er war selbst lange Zeit Skeptiker.

Einleitend steckt er den bemerkenswerten Rahmen für sein Buch: keinesfalls will er für eine bestimmte Konfession eintreten, denn er selbst sei ein „ganz gewöhnliches Laienmitglied der Anglikanischen Hochkirche“ und keiner der Fachleute. Stattdessen will C.S. Lewis das Christentum „schlechthin“ verteidigen. Er richtet sich an diejenigen, die dem Christentum fern stehen. Er verteidigt keine Dogmatik sondern den christlichen Glauben an sich.

Damit ist das Buch „Pardon, ich bin Christ“ Apologetik im ursprünglichen Sinne des Begriffs. Wie Stephan Holthaus in seinem gleichnamigen Werk über das Thema schreibt:

„Apologetik hat im Übrigen nichts mit innerchristlichen Kontroversen zu tun. Es geht dabei nicht um die Unterschiede zwischen den Konfessionen. Die gehören in die Konfessionskunde. Christliche Apologetik interessiert nicht die Frage, ob Kindertaufe oder Glaubenstaufe biblisch sind, welche Lehre von der Prädestination man vertreten soll, ob die Charismatische Bewegung biblisch legitim ist oder nicht. Vielmehr steht die Auseinandersetzung mit nichtchristlichen oder pseudochristlichen Ideologien und Denksystemen im Mittelpunkt. Dieser Zusammenhang muss unbedingt betont werden, da mittlerweile immer mehr Bücher erscheinen, die sich mit innerchristlichen Konfliktfeldern auseinandersetzen und das alles als „Apologetik“ bezeichnen. Mitunter werden dabei innerchristliche Unterschiede schwerer gewichtet und aggressiver bekämpft als Einwände „von außen“. Solche Entwicklungen sind bedenklich.“ (S.15)

So wichtig dogmatische Einzelfragen sind, so ist doch die Verteidigung des christlichen Glaubens gegen Angriffe „von außen“ ebenso wichtig oder gar wichtiger. Apologetik in diesem Sinne ist rar geworden aber notwendig, und deshalb legen wir Ihnen heute diese beiden Bücher ans Herz. Von Holthaus lernen wir, was Apologetik ist. Von Lewis lernen wir, wie es in der Praxis aussehen kann.

Apologetik – Theorie und Praxis

Peter Berger (1929–2017)

Der Religionssoziologe Peter L. Berger ist am 27. Juni 2017 verstorben. Der katholische Theologe Paul M. Zulehner erinnert sich an einen Freund. Vor sieben Jahren hatte ich ein Gespräch zwischen Al Mohler und Peter Berger hier gepostet.
In Erinnerung an Berger ein Zitat aus seinem Buch: Erlösender Glaube (2004, S. 1):
Wenn wir vorübergehend die Frage außer Acht lassen, warum jemand einen Glauben hat: Es gibt gute Gründe, weshalb viele Menschen, häufig sehr erfolgreich, ohne einen Glauben durchs Leben gehen. Schwieriger ist es einzusehen, warum jemand kein Interesse an diesem Thema haben sollte. Religiöser Glaube, egal in welcher Form, basiert immer auf einer Grundannahme – nämlich der, dass es eine Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit des gewöhnlichen, alltäglichen Lebens gibt, und dass diese tiefer liegende Wirklichkeit eine gutartige ist. Anders ausgedrückt: Religiöser Glaube impliziert, dass es etwas gibt, das über den Tod und die Verwesung hinaus geht, die, wie wir wissen, nicht nur uns selbst erfassen werden, sondern alles, was uns in der Welt etwas bedeutet – die Menschheit und den Planeten, auf dem die Menschheitsgeschichte ihren Lauf nimmt, und (wenn die moderne Physik Recht behält) das gesamte Universum.
http://theoblog.de/peter-berger-gestorben/30400

Formen der modernen Religionskritik

Günter Rohrmoser fasst gekonnt sechs Ansätze der modernen Religionskritik zusammen:

  1. Religion als Betrug: Priester hätten die Religion im Interesse der Herrschenden erfunden. „Diese Theorie hält zwar keiner Prüfung stand, sie ist aber vordergründig sehr überzeugend gewesen.“
  2. Evolutionäre Theorien: Religion als Kindheitsphase der Menschheit. „An die Stelle der Herkunftsreligion tritt die Wissenschaft, die ebenfalls ein universales System zur Erklärung der Welt und der Wirklichkeit bietet, moralische Orientierungen gibt und vor allem beansprucht, die als illusionär durchschauten Versprechungen der traditionellen Religion durch wirklichen Fortschritt zu ersetzen.“
  3. Säkularisationstheorie: Prozess einer immer weiter fortschreitenden Religionslosigkeit. „… eine der grössten Selbsttäuschungen der Neuzeit. Denn die Neuzeit ist angefüllt mit Religion. Auch wird es eine religionslose Gesellschaft kaum geben, denn wenn die Herkunftsreligion ausfällt, bleibt dieses Vakuum nie unbesetzt.“
  4. Religion als Opium des Volkes und als Ausdruck der Entfremdung: Mit dem Verschwinden von Religion und einer durch religiöse Tradtion geformten Sprache würde den Menschen die Möglichkeit genommen, ihr Elend überhaupt zu artikulieren. Zum anderen sei die Religion nicht nur Ausdrucksmöglichkeit des Elends, sondern der Protest dagegen. „Der Zusammenbruch des Sozialismus ist … als eindeutiger experimenteller Beweis über die Tragfähigkeit und die Realisierungschancen dieses religiös bestimmten Sozialismus auch im Marx’schen Sinne anzuerkennen. Da wir aber diese Dimension nicht sehen, wächst bei uns zumindest in der öffentlichen Diskussion eine neue Art von Sozialismus heran, so, als hätte es dieses Ereignis gar nie gegeben…“
  5. Psychoanalytische Theorie der Projektion: Religion als kollektive Neurose. „Was Freud als Aggressions-, Destruktionstrieb oder Todeswunsch beschreibt, also den in dern menschlichen Natur eingesenkten Trieb zur Vernichtung, war immer Teil der Erkenntnis des Wesens von ‚peccatum‘.“
  6. Religion als Kontingenzbewältigung: Unter den Bedingungen der Moderne schien die Religion zweck- und funktionslos geworden zu sein. Die Kontingenztheorie geht davon aus, dass die Religion einen Sinn hat, „wenn sie das menschliche katastrophenbedrohte Dasein stabilisiert und auch noch in der Erfahrung der Sinnlosigkeit den Menschen mit Sinn ausstattet.“ Sie gibt damit eine alternative Antwort auf den Zweck von Religion. „Konsequenterweise ergibt sich daraus auch die eigentlich widersinnige Frage nach dem Nutzen und der Funktion Gottes. … Wir haben relative Konstanten, die wir Regeln oder Gesetzmässigkeiten nennen; Gott hingegen handelt, aus der Sichtweise des Menschen, kontengt, er gibt nicht nur Glück, Frieden und Stabilität, sondern er hat die fatale Neigung, auch häufig das Gegenteil zu tun.“

Günter Rohrmoser. Harald Seubert (Hg.) Kann die Moderne das Christentum überleben? Logos Editions: Ansbach, 2013. (17-24)

„Wie man Freunde gewinnt“ — biblisch weitergedacht (Teil 2)

In einem vorherigen Blogeintrag haben wir versucht, Dale Carnegies Klassiker Wie man Freunde gewinnt: Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden biblisch zu beleuchten. Wie schon erläutert lautet Carnegies Grundtenor: “Bringe deinem Gegenüber Wertschätzung entgegen—dann wirst du in der Lage sein, ihn für dein Anliegen zu gewinnen!”
Carnegies Ansatz entspringt in erster Linie nicht irgendwelchen psychologischen Überlegungen sondern, wie er in dem Vorwort seines Bestsellers beschreibt, empirischer Untersuchungen von unzähligen Zeitungsartikeln, Unterlagen aus Familiengerichten, den Werken der alten Philosophen und neuen Psychologen und vor allem auch Biographien von großen Politikern und einflussreichen Menschen. In all’ diesen Untersuchungen ging es Carnegie darum herauszufinden, wie diese Menschen mit anderen umgegangen sind und sie so für ihr Anliegen gewinnen konnten.
Aber hier ist der Clue: in diesen Nachforschungen ist Carnegie auf etwas gestoßen, was – wenn wohl auch für ihn unbewusst – Gott in seine Schöpfung, den Menschen, gelegt hat und was sich in seinem Wort widerspiegelt: die positive Auswirkung von Lob und Bestätigung. In seinem Buch Practicing Affirmation: Weiterlesen

Schock: Auch Käßmann hatte zwei deutsche Eltern!

Nein, ich bin nicht katholisch geworden …
… und ich like auch nicht alles, was mein FB-Freund Klaus Kelle so bloggt, aber an seinem Geburtstag möchte ich doch mal einen Kommentar weiter geben in dem er sich kritisch mit einer Bibelarbeit von Margot Käßmann auseinander setzt.
Und da Frau Käßmann sich rechtliche Schritte vorbehält, hier der vorsorgliche Hinweis: ich zitiere ihn nur und verweise unten auch auf die Erwiderung von Frau Käßmann …:
Der Titel hier stammt übrigens von dem Satiriker-Blog messeinmoll.com  – ist also ironisch gemeint …
von KLAUS KELLE:
Quelle: http://the-germanz.de/da-weiss-man-wo-der-braune-wind-wirklich-weht/
Zu den zweifellos bleibenden Worten des deutschen Papstes Benedikt gehört das von der Diktatur des Relativismus. In diesen Tage, da wir alle medial den Evangelischen Kirchentag in Berlin erleben mussten, regt es mich an, heute Nachmittag noch einmal beim Papst emeritus nachzulesen.
Lichtjahre liegen zwischen diesem Kirchenführer und einer anderen „Kirchenführerin“ aus Deutschland namens Käßmann. Schon seit ihrer an Naivität nicht zu übertreffenden Bemerkung, man müsse mit den Taliban beten, ist die Frau für mich nicht mehr ernstzunehmen. In Berlin setzte sie noch einen drauf, als sie im Zusammenhang mit Familie sagte: „Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern: ‚Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht.“ Da muss man zwei oder drei Mal lesen, um diese Ungeheuerlichkeit zu begreifen. Das absolut normale Lebensmodell in unserem Land wird mit einem Handstreich zu „Nazi“ erkärt. Natürlich ging es auch wieder um die AfD, die sich eine höhere Geburtenrate der deutschen Bevölkerung wünscht oder – wie Käßmann das zusammenfasste: einen „Arierparagrafen der Nationalsozialisten“. Ganz ehrlich: Wenn diese an politischer Naivität nicht mehr zu toppende Theologin, die zwar mit den Taliban beten will, mit der AfD aber offenbar nicht, das wirklich so gesagt hat, wie es heute tausendfach in den sozialen Netzwerken herumspukt, dann beginne ich ernsthaft, an Käßmanns Geisteszustand zu zweifeln. Der demografische Faktor, die traditionelle Familie, die deutschstämmige Bevölkerung – alles „Nazi“? Wo ist eigentlich die Grenze bei diesem Schwachsinn? Und was haben die Jubelmassen in Berlin in ihren Wasserflaschen gehabt?
Alles wird neuerdings relativiert. Die Russen und die Amis sind das gleiche, Terroropfer und Verkehrstote werden gleichgesetzt, Ehe und Wohngemeinschaft – nichts wird mehr richtig ernst genommen. Menschen, die ihre Überzeugungen oder ihren Glauben ernst nehmen, werden als seltsam wahrgenommen, als Sektierer.
evangelisch.de kommentiert evtl. rechtlichen Schritte gegen bewusste Verfäschung in den sozialen Medien (etwa in dem Sinne von: „alle Bürger mit dt. Eltern sind Nazis“):
Käßmann hatte am Donnerstag in einer Bibelarbeit beim Kirchentag in Berlin die Forderung der AfD nach einer höheren Geburtenrate kritisiert. Sie sagte, diese entspreche dem „kleinen Arierparagrafen der Nationalsozialisten“: „Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern“ – und setzte mit Blick auf die AfD nach: „Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht.“ Im Kurznachrichtendienst Twitter wurden vielfach nur die beiden letzten Sätze ohne den Zusammenhang zum Arierparagrafen zitiert und dadurch der Eindruck erweckt, Käßmann habe alle Bürger mit deutschen Ahnen zu Neonazis erklärt. Unter anderem stieg die kürzlich aus der CDU ausgetretene Politikerin Erika Steinbach in die Empörungswelle ein und postete ein Bild, auf dem von „linksfaschistischen Ergüssen“ die Rede war.
Wo das angebliche Falschzitat her kommt, fragt sich der Leser von evangelisch.de dann aber schon, wenn dort ebenfalls ohne Umschweife steht: Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern: ‚Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht‘ – oder ist es zwingend auf den AfD-Kontext hinzuweisen um nicht zu verfälschen?
Die Reformationsbotschafterin Margot Käßmann hat in einer Bibelarbeit auf dem Kirchentag in Berlin die AfD hart kritisiert.
Die Forderung der rechtspopulistischen Partei nach einer höheren Geburtenrate der „einheimischen“ Bevölkerung entspreche dem „kleinen Arierparagrafen der Nationalsozialisten“, sagte Käßmann am Donnerstagmorgen. „
Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern: ‚Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht’“, kritisierte die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unter tosendem Beifall.
Käßmann verwies darauf, dass selbst sie als mehrfache Großmutter bereits türkischstämmige Mitschüler gehabt habe. Diese seien mittlerweile deutsche Eltern von deutschen Kindern.
Ist die Reaktion von Frau Käßmann auf die (dümmliche) AfD-Forderung nach einer höheren Geburtenrate der „einheimischen“ Bevölkerung nicht selbst populstisch? Welche Verständnisebene hat Frau Käßmann denn erwartet? Hat Sie bei dem von evanglischer Seite mehrfach kolpotierten tosendem Beifall der Kirchentagsbesucher nicht schon gemerkt, dass sie sich vergallopiert hat?
Was evangelisch.de darf, dürfen Dritte nicht?
Übrigens hat Klaus Kelle in einem anderen Bericht im Focus auf einen Vortrag von Vishal Mangalwadi in Reichelsheim verwiesen – der kommt am 31.10.2017 auch nach München (D.V.) …
Zum Nachlesen:

https://brink4u.com/2017/05/28/schock-auch-kaessmann-hatte-zwei-deutsche-eltern/?fb_action_ids=10154682555290829&fb_action_types=news.publishes