Warum sich jeder mit Friedrich Nietzsche befassen sollte

Friedrich Nietzsche ist der Philosoph, der mich persönlich schon am längsten beschäftigt. Nun kann man meine Überschrift kritisieren und sagen, dass ich mein Steckenpferd doch bitte nicht jedem aufdrängen sollte. Meine Gründe für die Aussage sind vielfältiger als das auf den ersten Moment erscheint. Nietzsche hat Christen und Nichtchristen, besonders auch selbsternannten Atheisten, sehr viel zu sagen. Doch gibt es auch Missverständnisse über ihn, die man nur lösen kann, wenn man sich direkt mit ihm und seinen Werken befasst. Außerdem hat seine Theologie und Philosophie eine Wirkungsgeschichte, die das wahre Wesen des Atheismus aufzeigt.
Am bekanntesten ist wohl Nietzsches Rede vom Tode Gottes in der Fröhlichen Wissenschaft. Nietzsche war nie stolz darauf, dass er endlich diesen Gott umgebracht hat. Manchmal wird das ein wenig so dargestellt. Im Sinne von: Endlich ist die Menschheit weit genug evolviert, um ohne Gott auszukommen. Nietzsche hat sich nie so geäußert. Er hat vielmehr festgestellt, dass es in den Kirchen viel Heuchelei gibt, dass Menschen predigen, die selbst gar nicht so glauben, was sie da erzählen, und so weiter. Unter dem Einfluss von Darwins Evolutionslehre hat er gedacht, dass der Mensch irgendwann diesen Gott nicht mehr braucht, und Nietzsche selbst sah seine Lebensaufgabe darin, herauszufinden, wie der Mensch ohne Gott leben kann; welche Werte er auch ohne Glauben tatsächlich noch vertreten kann.
Nietzsches Leben und Werk zeigt den schrecklichen Einfluss, den die liberale Theologie auf einen jungen Menschen haben kann. Als er David Friedrich Strauß‘ „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ in der gekürzten, einbändigen Ausgabe las, verlor der junge, fromme Pietist seinen Glauben. Strauß wollte den historischen Jesus in den Evangelien finden – und am Ende fand er ihn nicht, sondern brachte auch noch seine Leser vom Glauben ab. Wir sollten uns an das Schicksal von Nietzsche erinnern, wenn wir uns historisch-kritischen Theologen wie Siegfried Zimmer und anderen öffnen.
Nietzsches Werk zeigt aber auch, wie ein echter Atheist zu denken und leben hat, wenn er denn bereit ist, kompromisslos mit Haut und Haaren seinen Atheismus zu bedenken und zu leben. Er muss im Zuge der Evolutionslehre vom Überleben des Stärkeren ausgehen und alle Hilfe dem Schwächeren gegenüber ablehnen. Warum? Weil sich dann nur die starken Gene weiter fortpflanzen. Die Neuen Atheisten sind allesamt Heuchler, die meinen, dass Atheismus auch Humanität beinhalten könne. Nietzsche zeigt sehr deutlich auf, dass das ein Widerspruch in sich selbst ist.
Nietzsches Werk macht aber auch sichtbar, dass es selbst in einer atheistischen Welt ein Metanarrativ, also eine übergeordnete Weltgeschichte und eine klare Weltanschauung braucht. Deshalb schrieb Nietzsche den Zarathustra. Dieser sollte als Bibel für die gottlose Zeit gebraucht werden. Er merkte, dass der Mensch nicht ohne Geschichte und ohne ein Staunen über seine Umwelt leben kann. Hierin zeigt sich Nietzsche aber auch wieder als unauthentisch und kompromissbereit. Für Christen sollte dies ein Grund sein, die biblische Heilsgeschichte und Weltanschauung ernst zu nehmen und daran aufzuzeigen, dass es die bestmögliche Art und Weise ist, die Realität zu betrachten.
Gerade auch die Wirkungsgeschichte von Nietzsches Werk sollte spätestens jeden denkenden Menschen überzeugen, dass der echte Atheismus eine gefährliche Ideologie ist, die besonders auch nicht mit dem Gewissen des Menschen vereinbar ist. Zahlreiche hohe Persönlichkeiten des Nationalsozialismus und der verschiedenen Kommunismen waren stark von Nietzsche beeinflusst. Wenn man dieser Tatsache ehrlich ins Auge schaut und sich fragt, was wir von Nietzsche lernen können, dann könnte ein möglicher Gedanke folgender sein: „Nie wieder Atheismus!“ Eingestellt von Jonas Erne http://jonaserne.blogspot.de/2017/02/warum-sich-jeder-mit-friedrich.html

Henning Mankell ist 2015 gestorben.

Prophet im Hier und Jetzt
Mit der Religion tat er sich schwer, zumal mit der institutionellen. Doch auch Christinnen und Christen wird neben Kommissar Wallander auch Mankells Aufrichtigkeit fehlen. Ein Nachruf. Von Peter Otten
Vor ein paar Tagen ist Henning Mankell gestorben. Er blickte mich an, melancholisch, die schlohweißen Haare wie so oft ein wenig zerzaust und hinten kragenlang, auf dem Nachruf-Bild der Tagesschau. Mankell hatte Lungenkrebs und eine Metastase im Nacken. Dem „Stern“ beschrieb er den Moment, nachdem sein Arzt ihm das alles erzählt hatte: „Meine Frau und ich fuhren mit dem Taxi nach Hause. An einer Kreuzung sah ich ein kleines Mädchen, sechs, sieben Jahre alt, sie hüpfte voller Freude in einer Schneewehe auf und ab. Ich dachte, dass ich so auch oft gehüpft bin. Und dass ich jetzt nicht mehr hüpfe. Dass jetzt nur noch sie hüpft. Dass sich mein Leben gerade fundamental verändert hat, für immer.“
In den letzten beiden Jahren seines Lebens hatte Mankell an einem letzten Buch gearbeitet. „Treibsand“ heißt es, und es handelt davon, was Menschen anderen Menschen am Ende ihres Lebens hinterlassen. Schönes, Absurdes und Schreckliches. Am Anfang ist das Buch auch eine Reise zurück in seine eigene Kindheit, auch zu ersten Begegnungen mit der Religion, die für ihn immer unverständlich blieb.
Mankell erzählte, dass sein Vater immer versucht hatte, ihn vor allem Religiösen zu bewahren. Im Buch beschreibt er eines seiner ersten Erlebnisse mit der Religion in der Schule: „Ich erinnere mich besonders gut an einen Krankenhauspastor“, schreibt er. „Er kam in regelmäßigen Abständen ans Gymnasium und berichtete von den letzten Stunden junger Menschen während seiner seelsorgerischen Betreuung im Krankenhaus. Der Tenor seiner Auslassungen war, dass die Angst vor dem Tod auch bei jungen Menschen erträglich werden könne, wenn man seine Seele Gott anvertraue. Die Sentimentalität und die Falschheit waren abstoßend. Fast jedes Mal brachten seine eigenen Erzählungen ihn zum Weinen. Er kam mir vor wie eine Figur aus einer der bigottesten Geschichten in der Sonntagsschule.“ Vielleicht war für Mankell die Begegnung mit dieser abstoßend gefühligen, unechten und übergriffigen Art von Religion die Initialzündung dafür, seine eigene Berufung in einer aufrechten Anuthentizität gegenüber und in dem Leben zu begreifen, die in seiner Biographie mit allen Brüchen doch so vielfältig zu finden war. Seine Religion war die Literatur. Er habe versucht, die Welt zu durchdringen, indem er möglichst viel über sie in Erfahrung bringen wollte, bis zuletzt: „Wenn die Agonie kommt, lese ich und verschwinde einfach in einem Buch. Egal, in welchem. Es kann ein Buch sein, das ich schon zehnmal gelesen habe. Lesen beruhigt mich besser als eine Pille. Bücher sind meine Kathedralen.“
„Ich bin nicht religiös und bin es auch nie gewesen“, schreibt er. „Jetzt, da ich Krebs habe, bin ich oft erstaunt über Menschen, die in ihrem Glauben Trost finden. Ich respektiere sie, aber ich beneide sie nicht.“ Er begründet seine Haltung so: „Ich respektiere Menschen, die an ein Leben nach dem Tod glauben. Aber ich verstehe sie nicht. Mir kommt die Religion wie eine Entschuldigung dafür vor, dass man die Grundbedingungen des Lebens nicht akzeptiert. Hier und jetzt, mehr ist es nicht. Darin liegt auch das Einzigartige unseres Lebens, das Wunderbare.“ Das Hier und jetzt zu achten und zu preisen, das steht auch einem religiösen Menschen gut an.
Für Mankell war das Hier und Jetzt eine Herausforderung: das Schreiben – und später das Theaterspiel mit vielen jungen Menschen im afrikanischen Maputo. Zuletzt sein Engagement im Operndorf in Burkina Faso, das sein Freund Christoph Schlingensief nach seinem Tod nicht mehr fortführen konnte. Mankell formte daraus seine Lebensaufgabe, „ein anständiger Mensch“ zu sein, das hat der Humanist und überzeugte Sozialist bis in seine letzten Tage hinein immer wieder gesagt. Luther und Calvin nannte er einmal seine Vorbilder. Er wolle die Welt ein bisschen besser zurücklassen, als er sie vorfand. Liest man dieses späte Buch, seine letzten Interviews, bleibt der Respekt vor einem Menschen, der um das rätselhafte Geschenk des Lebens wusste und aus diesem Wissen eine erwachsene Haltung voller Aufmerksamkeit, Achtung, politischem und sozialem Blick – und auch Demut formte, gerade vor den Rätseln, die immer Rätsel bleiben werden: „Wir kommen aus dem Dunkel, wir gehen in das Dunkel. Das ist das Leben“, sagte er. „Wenn ich höre, dass die Leute forschen, um das Leben ins Unendliche zu verlängern, habe ich dafür kein Verständnis. Das Fantastische am Leben ist doch, dass es endet.“ Das ist Prophetie im besten Sinn. Auch Christinnen und Christen wird seine Stimme fehlen. Eingestellt von Peter Otten um 12:14
http://theosalon.blogspot.de/2015/10/prophet-im-hier-und-jetzt.html#more

Warum glaubt der Mensch? Ein Artikel aus „National Geographic“

„National Geographic – Dez 2015 – Warum glaubt der Mensch? Text: Teja Fiedler.“
Vorbemerkung: Als National Geographic als deutschsprachige Zeitschrift erschien, hatte ich mich sehr gefreut: fundierte Texte kombiniert mit hervorragenden Bildern. Zehn Jahre lang hatte ich sie gelesen. Allerdings nervte mich zunehmend die antichristliche Einstellung der Zeitschrift, die bis zu einer wissenschaftlich getarnten Überheblichkeit über religiöse Menschen ging. Daher bestellte ich sie wieder ab. Kurz vor Weihnachten entdeckte ich im Zeitschriftenhandel dann die Ausgabe Dezember 2015. Auf der Titelseite dieser Ausgabe steht in weißer Schrift: Warum glaubt der Mensch? Die Frage (und natürlich auch die Antworten) interessieren mich sowohl aus theologischer als auch sozialwissenschaftlicher Sicht. Also die 5,50 € investiert und mehrmals gelesen. Eigentlich wollte ich eine Rezension schreiben. Aber es wurden nur ein paar Anmerkungen. Zumindest weiß ich jetzt wieder, warum ich diese Zeitschrift nicht mehr lese.
„Ratlos und und ohnmächtig stand er [der Urmensch, Anm, von mir] vor den Naturgewalten … Woher kamen sie? Das überstieg seinen praktischen Verstand, und er warf sich ehrfürchtig vor dem Unbegreiflichen nieder in der Hoffnung, es wenigstens so besänftigen zu können.“ Weiterlesen

„Weißt Du, wie Du Gott zum Lachen bringen kannst? Erzähl ihm Deine Pläne.“

„Weißt Du, wie Du Gott zum Lachen bringen kannst? Erzähl ihm Deine Pläne.“ Blaise Pascal
Der Humor ist eine Seelenhaltung, der Status weltüberwindender Distanz. Die Überwindung besteht darin, dass er die Welt relativiert, ohne sie zu verachten. Gerade die Sicherheit in der Differenzierung zwischen Letztem und Vorletztem zeichnet den Christen aus. Der Christ macht sich über das Vorletzte lustig, während ihm das Letzte unantastbar und heilig bleibt.
„Der christliche Humor lebt nicht von einer selbst errungenen Distanz zur Welt, aus der er das Weltgetriebe zu belächeln vermag (Anmerkung des Autors: das wäre tragischer Humor oder sarkastischer Humor), sondern er lebt von einer Botschaft, in deren Namen er zur Freiheit des Lächelns ermächtigt ist.“ Helmut Thielicke
„Als Luther gefragt wurde, was Gott in der Ewigkeit vor der Erschaffung der Welt getan habe, gab er zur Antwort, er habe im Busch gesessen und Ruten geschnitten für die, welche solch törichte Fragen stellen“.
Sigmund Freud vermochte zwar sein Lebtag keinen einzigen Patienten mit Hilfe seiner Psychoanalyse zu heilen, er erkannte aber mit genialer Hellsicht: „Der Witz ist die letzte Waffe des Wehrlosen.“
»Denn wenn der Heilige Geist sagt, Gott lache und spotte den Gottlosen, so tut er es um unsertwillen, damit auch wir mit Gott lachen und nicht zittern und zagen. Wer das immer und überall kann, der ist ein wahrer Doktor der Theologie, aber weder Petrus, noch Paulus, noch die anderen Apostel haben es gekonnt, darum  müssen auch wir bekennen, dass wir in dieser Kunst noch Schüler und noch keine Doktoren sind.« Martin Luther
Ps 126: »Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan.
Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.
Herr, wende unser Gefängnis, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest!
Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin  und weinen  und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.«
„Auch ist es nirgendwo untersagt, zu lachen, sich am Klang der Musik zu freuen oder Wein zu trinken“ Johannes Calvin

Hudson Taylor zum Thema Bibelkritik

Hudson TaylorDer bekannte Tübinger Theologe Karl Heim erlebte Hudson Taylor im August 1893 auf einer Studentenkonferenz in Frankfurt am Main. In seiner Autobiographie „Ich gedenke der vorigen Zeiten“ schreibt er unter anderem:

„Eine weitere, ganz besonders prominente Persönlichkeit, die in Frankfurt dabei war, war der englische Missionsarzt Hudson Taylor, eine wahrhaft apostolische Erscheinung. Ich hatte von ihm schon manches gelesen und gehört. Ich wußte auch, wie er zum Glauben an Christus gekommen war. Er hatte, wie Augustin, eine Mutter, die eine gläubige Beterin war.

Besonders auf uns Tübinger machte Hudson Taylor einen starken Eindruck. Wir hatten noch nie einen Mann kennengelernt, dessen Leben wie das der Apostel und Propheten bis in alles einzelne hinein unter göttlichen Befehlen stand. Wir kamen ja aus dem Tübinger Stift, der Hochburg der liberalen Theologie und Bibelkritik. Wir umringten darum Hudson Taylor und stellten ihm die Frage: Wie können Sie an jedes Wort der Bibel glauben? Er gab uns zur Antwort:

»Wenn Sie morgen wieder von Frankfurt abreisen wollen, so schlagen Sie das Kursbuch auf und sehen nach, wann der Zug abgeht. Und wenn da steht, um sieben Uhr morgens fährt der erste Zug, so stellen Sie weiter keine Untersuchungen an über die Zuverlässigkeit des Kursbuchs, sondern gehen morgens sieben Uhr auf den Bahnhof und finden dort den angegebenen Zug. Genauso wie Sie es mit dem Kursbuch machen, habe ich es seit fünfzig Jahren mit der Bibel und ihren Geboten und Zusagen gemacht, und ich habe ihre Weisungen in einem langen Leben auch unter hunderten von Todesgefahren immer richtig gefunden. Wenn zum Beispiel in der Bibel steht: ,Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes, so wird euch alles übrige zufallen`, so habe ich mich danach gerichtet, und ich bin dabei in allen kritischen Lebenslagen nie enttäuscht worden. Handeln Sie ebenso, und Sie werden dieselbe Erfahrung machen!«

Die einfache Antwort auf unsere kritische Frage, hinter der aber ein langes Leben in Nöten und Gefahren stand, machte uns großen Eindruck.“
– John C. Pollock, Hudson Taylor, S. 242

Wir sind in einer postfaktischen Gesellschaft angekommen.

„Die Wissenschaft sei mit ihrem alten Versprechen gescheitert, an die Stelle von Religion und Aberglauben eine auf Vernuft und Überprüfbarkeit gebaute Welt zu setzen. ….“ So die Zeitschrift „Der Spiegel“ 01/2017
Der Spiegel führt weiter aus, dass die Wissenschaft die Sinnlücke nicht füllen konnte, im Gegenteil. Wir sind in einer postfaktischen Gesellschaft angekommen. „Zuerst verliert die Wissenschaft an Glaubwürdigkeit und danach alle anderen Instanzen, und dann erfasst die Erosion … den Alltag. Was kann man noch glauben? … Was machen?“ Wir haben eine Errosion des Vertrauens!
34% der Deutschen versuchen die komplizierte Welt mit Verschwörungstheorien zu erklären.
Ganz ehrlich: Wäre es nicht dran, die Wahrheit wieder bei Jesus Christus zu suchen? Wir feiern ja dieses Jahr 500 Jahre Reformation (#Luther2017 ). Die grösste Errungenschaft der Reformation war, einen unverstellten Blick auf Jesus zu ermöglichen. Ich finde einfach vor dem Fürwahrhalten von verrückten Verschwörungsthreorien, wäre ein Blick in die Bibel dran.
https://www.bibleserver.com/text/HFA/R%C3%B6mer15%2C13
Peter Schneeberger

Von meinem Recht, dagegen zu sein.

In der Nacht, als Trump siegte, sangen vor dem Weißen Haus Chöre gegen Ausgrenzung und Rassismus. Sie sorgten damit bei mir für einen Schub des Nachdenkens, dessen Ergebnis dieser Artikel ist: warum, fragte ich mich, stellen sich da bei mir die Nackenhaare auf, obwohl ich weder Rassist bin noch irgendjemanden ausschließen möchte? Was ist daran falsch, oder erscheint mir zumindest so?
Das Problem, so scheint mir, ist, dass in weltanschaulichen Fragen heute keine Meinung mehr vertreten wird, sondern eine Nicht-Meinung. Genauer noch: es ist MEINE Nicht-Meinung, für die andere eintreten. Sie vertreten nicht ihre Meinung, sondern fordern, dass ich keine habe oder sie zumindest für mich behalte. Nicht mehr bestimmte Meinungen werden bekämpft, sondern Meinungen an sich. Sind nämlich persönliche Einstellungen erst Privatsache, entfallen alle Reibungspunkte in der Gesellschaft. Dann gibt es keinen Konflikt mehr und es herrscht Frieden. Weniger nett formuliert ist es die Logik jeder Diktatur: solange alle die Schnauze halten, herrscht Ruhe.
Folglich darf ich beispielsweise für mich entscheiden, niemals abzutreiben, aber ich darf dies von niemandem fordern. Schon die Äußerung, dass ich Abtreibungen möglicherweise für falsch hielte, darf nicht sein. Selbst die Idee, dass Kinder etwas Schönes sind, könnte jemanden stören, der sich gegen sein Kind entschieden hat, und darf folglich nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Nichts erscheint zu übertrieben, als dass es nicht Realität werden könnte: „Dear Future Mom“, ein Spot, der Eltern von Kindern mit Down-Syndrom ermutigen soll, darf in Frankreich nicht im Fernsehen gezeigt werden. Gerichtliche Begründung: Der Spot könne auf Frauen verstörend wirken, die abgetrieben haben.
Hier stehen zwei Rechte gegeneinander: das tatsächliche Recht zu reden und das vermeintliche, nichts hören zu müssen. In meiner Jugend kursierte ein dummer Spruch: Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, aber niemand hat die Pflicht, ihm zuzuhören. Heute ist daraus eine noch viel dümmere Realität erwachsen: jeder Hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, solange sichergestellt ist, dass niemand sie anhören muss. So werden Meinungen jeder Art immer weiter aus der Öffentlichkeit verbannt. In diesem Licht gesehen bekommen positive Aussagen plötzlich einen Beigeschmack. Wenn ein Chor singt, man solle niemanden ausgrenzen, meint er, ich dürfe nicht sagen, dass ich gegen ausgelebte Homosexualität sei. Aus „grenze nicht aus!“ wird: „Schweig!“. Daher die stehenden Nackenhaare.
Da Meinungen an sich schlimm sind, setzt man sich nicht mit ihnen auseinander. Stattdessen bekämpft man die, die eine Meinung haben, als Ursache des Übels. Nicht für Abtreibung wird demonstriert, sondern gegen Abtreibungsgegner. Nicht für die Rechte Ausgegrenzter gehen die Leute auf die Straße, sondern gegen Rassisten. Brücken werden gebaut, um die gespaltene Gesellschaft wieder zu einen. Doch die Brücken sind verlogen: sie tragen nur Nackte, die ihre Meinung nicht mitnehmen. Jeder ist willkommen, solange er die Schnauze hält; die geeinte Gesellschaft ist meinungsfrei. Nur ein Chor ist erlaubt: der, in dem gegen Meinungen polemisiert wird. Und jeder, der mit anderen Menschen eine Meinung teilt, gilt als Populist.
Es herrscht Angst, und es ist die Angst von Weicheiern. Angemessen wäre es, mir in Diskussionen zu sagen, dass ich Blödsinn rede, und zwar aus folgenden Gründen: erstens, zweitens, drittens. Das bringt etwas. Doch was ist von Menschen zu halten, die es nicht ertragen, dass ich auch nur beginne, in ihre Richtung Einwände vorzubringen? Die bei der bloßen Möglichkeit in Panik geraten und da ein Gesetz gegen machen wollen? In „1984“ fällten wenigstens noch grausame Menschen die Urteile über Meinungsverbrechen, die wussten, was sie taten – heute sind es dümmliche Mimosen, die aus lauter Panik vor dem, was sie selbst tun, die Augen verschließen. Um nicht erkennen zu müssen, dass es um Meinungen geht, flüchten sie sich in die Idee, es seien Krankheitsbilder: der Begriff „Homophobie“ spricht Bände. Dass damit die absurde Situation entsteht, dass eine Angst strafbar gemacht werden soll, ist ihnen egal. Wenn nur die andere Meinung keine Meinung mehr ist, sondern eine Erkrankung, und damit auf jeden Fall falsch. Und wenn die eigene Meinung nur endlich hinter der Idee verschwindet, sie sei keine Position unter anderen, sondern alle Andersdenkenden seien einfach krank. „Homophobie“ schafft keinen Konflikt, sondern ist der verzweifelte Versuch, einen zu vermeiden.
Und alles, was da nicht mitspielt, wird in Panik niedergebrüllt, intellektuell verlacht, verachtet oder sonstwie auf Distanz gehalten. Denn was man selbst vertritt, ist nicht etwas, das man auch anders sehen könnte. Man selbst vertritt die vermeintliche Grundlage der Gesellschaft überhaupt, Gesundheit, Freiheit. Nur eines ist wichtig: keine Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, denn das ist gefährlich. Memmen! Sie folgen jedem, der ihnen erklärt, man müsse zu diesem oder jedem keine Meinung haben.
Ein anständiger Gegner hat eine Rüstung, doch innen ist er weich. So kann man ihn treffen und verwunden, doch man muss geschickt dazu sein. Und man kann die Rüstung ausziehen und sich mit ihm anfreunden. Die Gegner heute jedoch sind außen weich und offen für alles. Entsprechend werden sie von allem und jedem schwer getroffen und sind so verwundet, dass sie vor jeder Berührung Panik haben. Innerlich aber sind sie so verhärtet, dass sie nur noch äußerlich zu Freundschaften fähig sind. Mit ihnen zu ringen muss bedeuten, sie innerlich wieder weich zu machen. Irgendwie in den Bereich vorzudringen, in dem sie ihre Eigenschaften weggesperrt haben, um die Nicht-Eigenschaften nicht zu stören, wo sie ihr Geschlecht knechten, um ihr Gender vor Zweifeln zu schützen. Den ganzen anonymen Mitläufern der aggressiven Masse von Meinungsgegnern fehlt vor allem eines: Ermutigung zu sich selbst.
Das einzige, was wir tun können, ist, nicht nur zu unseren Meinungen zu stehen, sondern immer auch zu Meinungen an sich, seien sie nun unsere oder nicht. Kurz: zur politischen Freiheit zu stehen. Pluralismus können nur die garantieren, die ihr eigenes Singular zum Plural beisteuern und so die Idee als Unsinn entlarven, Vielfalt entstehe, wenn keiner mehr denkt. Mein Recht, dagegen zu sein, ist die Grundlage für andere, dafür zu sein. Wer es mir nehmen will, kann mir viel Ärger bereiten. Doch sich selbst nimmt er die Basis für Persönlichkeit. http://echoromeo.blogspot.de/2016/12/von-meinem-recht-dagegen-zu-sein.html

 

„Wo früher das Kreuz hing, hängt heute das Rauchverbot“

Der Krebs hat den Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann für den Glauben neu sensibilisiert. Die Verweltlichung der Gesellschaft bereitet ihm Sorge. Dem TAGESANZEIGER hat Hürlimann ein beeindruckendes Interview gegeben. Hier ein Auszug:

Für heutige Theologen hat Religion im Kern mit Ethik zu tun.

Damit versuchen sie, uns vom Glauben an Gott zu dispensieren. Nichts gegen eine aufgeklärte Gesellschaft, die von der Selbstbestimmung des Subjekts ausgeht. Aber wir werden ja, trotz aller Bemühungen der Kirchen, nicht zu Agnostikern. Wir glauben weiter. Und da diese Glaubensbereitschaft einen Inhalt haben muss, formiert sich die Gesellschaft in einer Sekte, die sich selbst überwacht und terrorisiert. Der neue Katechismus heisst: Erstes Gebot: Du sollst den Abfall trennen! Zweites Gebot: Du sollst dich vegan ernähren! Drittes Gebot: Du sollst alles durchgendern! Viertes Gebot: Du sollst so tolerant sein wie Globi im neuesten Globi-Buch!

Die Kirchen haben nur noch eine innerweltliche Botschaft?

Genau wie Globi. Zum Reformations jubiläum wollen die Deutschen hauptsächlich Luthers Antisemitismus thematisieren – und aus Quotengründen seine Frau zur eigentlichen Reformatorin deklarieren. Wie lustig das wird, kann man sich vorstellen. Und dann wundern sie sich, dass ihre Kirchen leer sind. Die meisten Predigten heutzutage sind, mit Nietzsche gesprochen, «ein moralisches Grunzen».

Political Correctness als Ersatzreligion?

Ja genau, Pan wurde von der Political Correctness eliminiert. Es geht nur noch um soziale Verhaltensweisen, nicht mehr um Transzendenz. In der Moralschwemme ist das Geheimnis abge soffen. Wo früher das Kreuz hing, hängt heute das Rauchverbot.

Mehr: www.tagesanzeiger.ch.
http://theoblog.de/wo-frueher-das-kreuz-hing-haengt-heute-das-rauchverbot/28769/

Habt ihr euren Gott je gesehen oder betastet?

Ein Forscher durchquerte einst die Wüste. Jeden Tag dreimal breiteten seine mohammedanischen Begleiter ihre Gebetsteppiche aus zum Gebet. Der Forscher verspottete sie: „Habt ihr euren Gott je gesehen oder betastet?“ – „Nein!“ – „Dann seid ihr Narren, dass ihr an diesen Gott glaubt.“ – Als sie eines Morgens aus ihrem Zelt traten, sagte der Gelehrte beiläufig: „Heute Nacht ist hier ein Kamel vorbeigekommen.“ Da blitzte es in den Augen eines Arabers auf: „Haben Sie dieses Kamel gesehen oder betastet?“ – „Nein!“ – „Dann sind Sie ein Narr, dass Sie an ein Kamel glauben, das Sie weder gesehen noch betastet haben.“ – „O, man sieht doch die Spuren hier im Sande“, sagte der Gelehrte. – In dem Augenblick stieg die Sonne mit herrlichem Glanz empor. Der Araber zeigte auf die überwältigende Pracht: „Und hier sehe ich die Spur des Gottes, den ich anbete.“ Zitatende – aus Wilhelm Busch, Der Herr ist mein Licht und mein Heil, Andacht vom 7. April
Dieselbe Beispiel-Story – in unterschiedlichen Variationen – wurde auch verwandt von Georg v. Viebahn, Von der Landstraße des Lebens, S. 273; Henrich Witt, Der ewig reiche Gott, Beispiele/Altes Testament, Nr. 3; Heinz Schäfer, Hört ein Gleichnis, Nr. 5; Werner Gitt, Und die anderen Religionen, S. 31
Das heißt: Dieses Beispiel wurde über einen Zeitraum von ca. 100 Jahren ohne jedes Problem von bekannten Evangelisten bzw. bibeltreuen Autoren aus den unterschiedlichsten „Richtungen“ verwandt.
HEUTE ruft dieses Beispiel z. T. scharfe Kritik hervor, weil man positiv beispielhaft von der Tatsache Gebrauch macht, dass ein Muslim – wie auch die Bibel – von EINEM Schöpfergott ausgeht.
Sind die Kritiker heute so viel bibeltreuer, so viel geistlicher, so viel klarer als Georg von Viebahn, Wilhelm Busch oder Werner Gitt? – Ich meine NEIN. Vielmehr hat bei einigen Christen, die wir wegen ihrer Liebe zu Christus und zum Wort Gottes durchaus schätzen und lieben, eine unglückliche Radikalisierung in Haltung und Worten stattgefunden. Diese Radikalisierung ist vor allem deshalb zu bedauern, weil sie sich im Gespräch mit Muslimen als sehr störend erweist – ein echtes Hindernis, wenn man Menschen zu Christus führen will.
Danke, Michael Kotsch, für Deine sehr klare und zugleich sehr ausgewogene Stellungnahme zum Islam.
An die Kritiker von Michael Kotsch: Bedenkt bitte, dass Bruder Kotsch im Thread vom 17.10. u. a. Folgendes schrieb:
„Dass Muslime und Christen nicht an denselben Gott glauben wird bei einem Vergleich schnell deutlich.“
Und: „Um das hier noch einmal deutlich zu sagen, ich befürworte keine irgendwie geartete Vermischung zwischen christlichem und islamischem Glauben. Für mich ist klar, dass jemand, der Christus ALS SOHN GOTTES verwirft oder ablehnt, auch DEN VATER nicht hat und das Heil nicht erlangt. (Apg 4,10-12; 1Joh 2,23; 4,2.3; 5,6-12).“
Von einem „Weichspülevangelium“ kann also nicht im Geringsten die Rede sein.
Günter Vogel https://www.facebook.com/michael.kotsch.9?fref=ts

Ein wichtiger Diskussionsbeitrag

Wie immer wichtiger Diskussionsbeitrag des christlichen Gesinnungskonservativen Reinhard Jarka, den man einfach herausheben muß:
„Ich glaube, daß es vielen Geschwistern so geht wie mir: Sie können diese Trennung anhand der bekannten Fakten nicht wirklich verstehen. Man hat das Gefühl innerhalb der evangelikalen Community findet aktuell mehrere tektonische Plattenverschiebung parallel zu der politischen Radikalisierung auf der linken und rechten Seite statt. Wohin man schaut einerseits immer mehr Öffnung in Richtung einer radikalen Genderideologie und Gesellschaftstransformation und auf der anderen Seite in Richtung nationaler Radikalität, Verschwörung, unversöhnlicher Endkampf … Die nüchterne evangelikale Mitte zu der für mich auch Michael Kotsch gehört wird zwischen den Fronten aufgerieben. Wahrscheinlich können wir diese Trennungen in ein paar Jahren historisch im nachhinein viel besser einordnen … im Moment ist es eben halt nur eine Art Bauchgefühl, daß irgendwas gerade passiert bei uns Evangelikalen …“  Gottfried Sommer   https://www.facebook.com/gottfried.sommer