Archiv für die Kategorie „Glauben und Denken“

Glauben fängt mit dem Zweifel an

Donnerstag, 2. September 2010

Der postmoderne Skeptizismus hält es für eine Wahrheit, dass nichts wahr ist. Erst wenn auch diese Wahrheit radikal in Zweifel gezogen wird, kommt man zum Grund der Erkenntnis.
In der Nacht vom 10. zum 11. November 1619 hatte der damals 23 Jahre alte René Descartes drei Träume mit grossen Folgen für Europa. Alles, was Descartes bis dahin bestimmt hatte, will er in dieser Nacht hinter sich gelassen haben. In seinen Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, die ungefähr 20 Jahre später erschienen (1641), beschreibt er es folgendermas­sen: «… ich will so lange weiter vordringen, bis ich irgendetwas Gewisses, oder, wenn nichts anderes, so doch ­wenigstens das für gewiss erkenne, dass es nichts Gewisses gibt» (Meditationen, S. 21).
Descartes hat das Bedürfnis nach Gewissheit. Mittels des radikalen und methodischen Zweifels sucht er nach dem, was nicht mehr bezweifelt werden kann. Er scheint selbst überrascht darüber, dass man so gut wie alles anzweifeln kann. Er sieht sich gezwungen, einzugestehen, «dass an allem», was er früher für wahr hielt, «zu zweifeln möglich ist» (Meditationen, S. 41). Das Letzte, was er nicht mehr bezweifeln kann, entdeckt Descartes im Selbstbewusstsein: «Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schliesslich zu der Feststellung, dass dieser Satz: ‹Ich bin, ich existiere›, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist» (Meditationen, S. 22). Descartes hatte sein Fundament gefunden. Sein «cogito ergo sum» («Ich denke, also bin ich») ist für ihn eine unerschütterliche Grundlage für das Erschliessen der Welt. (weiterlesen…)

Jeschua

Samstag, 3. Juli 2010

Der vollkommene Name
Das hebräische Wort Jeschua ist eine umfassende Beschreibung von Göttlichkeit, Herrlichkeit und Auftrag Jesu Christi.
Wie kommt es, dass der von Gott verliehene und vom Engel Gabriel ausdrücklich übermittelte Name unseres Erlösers, Jeschua (Betonung auf der zweiten Silbe), nicht in seiner schönen und ausserordentlich aussagekräftigen hebräischen Originalform im griechischen Neuen Testament und in unseren deutschen Bibel-Übersetzungen vorkommt? Von den ursprünglichen hebräischen Fassungen der Evangelien ist uns keine einzige erhalten. Das ist kein Zufall.
Die Verfasser des Neuen Testaments hatten die gewaltige und gefährliche Aufgabe, die Botschaft von der Errettung der Menschen weit über die Grenzen Israels hinaus in einem weitgehend griechisch-römischen Umfeld bekannt zu machen. Im Griechischen, der wichtigsten Ursprache des Neuen Testaments, klang der Name «Jeschua» befremdlich, da es im Griechischen keinen sch-Laut gibt und ein auf «a» endender Name eher wie ein Mädchenname klang. Männliche Namen endeten meist mit «-os» oder «-ous». So wurde aus Jeschua in Anpassung an das griechische Sprachgefühl Jäsous (Betonung auf der letzten Silbe). (weiterlesen…)

Das Ärgernis des Kreuzes

Samstag, 13. Februar 2010

Ein ernst zu nehmender Kommentar zum Dilemma des Menschen findet sich in Albert Camus’ Die Pest. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges schleppen Ratten diese Seuche nach Oran ein, und bei oberflächlicher Betrachtung könnte man meinen, Camus wolle hier lediglich die Katastrophe schildern, die jeder Stadt zu­stoßen kann. Aber es geht ihm um tiefere Probleme. Er stellt den Leser vor eine schwere Wahl: Entweder muß er dem Arzt zur Seite stehen und die Pest bekämpfen, wobei er — so sagt Camus — gleichzeitig Gott bekämpft; oder er kann sich auf die Seite des Priesters stellen, die Pest nicht bekämpfen und damit unmenschlich sein. Dies ist die Alternative: Vor diesem Dilemma stand Camus und stehen alle, die — wie er — die christliche Antwort nicht kennen.
Aber auch die moderne Theologie weist keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Ihre Anhänger landen immer wieder bei Camus’ Problem und Baudelaires Aussage. Wenn sie von ihrer Position aus die Welt betrachten wie sie wirklich ist, muß ihnen ihre Vernunft sagen, daß Gott der Teufel ist. Weil sie aber mit dieser Schlußfolgerung nicht leben können, behaupten sie in blindem Glauben, Gott sei gut. Genau das sei — so sagen sie — »das Ärgernis des Kreuzes«: Wider allen äußeren Schein und wider alle Vernunft zu glauben, daß Gott gut ist. Hier müssen wir nachdrücklich widersprechen. Dies ist nicht das »Ärgernis des Kreuzes«! Das wahre Ärgernis besteht darin, daß man das Evangelium noch so klar und treu verkündigen kann und die Welt sich doch an einem bestimmten Punkt davon abwenden wird, weil sie sich gegen Gott auflehnt. Die Menschen lehnen das Evangelium nicht deshalb ab, weil es ihnen sinnlos erscheint, sondern weil sie sich nicht vor dem Gott beugen wollen, der wirklich da ist. Das ist das „Ärgernis des Kreuzes“.
Francis Schaeffer  Gott ist keine Illusion (Wuppertal: Brockhaus, 1984, S. S. 112–113):

Sören Kierkegaard

Samstag, 21. November 2009

Artikelreihe – Sören Kierkegaard

Ron Kubsch hat auf TheoBlog eine bemerkenswerte Artikelreihe (”Kierkegaards Sprung”) über den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard (1813-1855) veröffentlicht. Er schreibt einleitend:

“Über den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard (1813-1855) gibt es sehr viel zu sagen. Er hielt sich für ein Ausnahmetalent (und war es auch). Er führte ein furchtbar verwirrtes Leben. Er misstraute allem, was vor ihm in der Philosophie behauptet worden war. Er verlagerte das Denken vom Allgemeinen und Objektiven weg in das wirkliche Leben des Einzelnen. Und er erklärte den Menschen in den protestantischen Kirchen, was es bedeutet, an Jesus Christus ”ºentschieden”¹ zu glauben. Ich will hier über Kierkegaard nur wenig sagen. In einer kleinen fünfteiligen Reihe werde ich mich mit seinem »Sprung« auseinandersetzen.

  1. Das kurze Leben eines Genies
  2. Der Sprung als leidenschaftliche Entscheidung
  3. Wider die leidenschaftslose Theologie
  4. Die drei Ebenen des Glaubens
  5. Dürfen Christen ihren Glauben durchdenken?

Ich verzichte bei den einzelnen Blogbeiträgen auf die Angabe von Quellen, werde aber später das Skript mit den Literaturangaben zur Verfügung stellen.

Kierkegaards Sprung (Teil1)

Kierkegaards Sprung (Teil2)

Kierkegaards Sprung (Teil3)

Kierkegaards Sprung (Teil4)
Kierkegaards Sprung (Teil 5)

Relativismus

Dienstag, 3. März 2009

Ein weitverbreitetes Ideal der heutigen Zeit ist der Relativismus. Es lohnt sich, näher zu untersuchen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Grundsätzlich besagt der Relativismus, dass alle Wahrheit relativ ist. Absolut gültige Wahrheiten gibt es demnach nicht. Die Begründung dafür ist, dass jede logische Schlussfolgerung von bestimmten Denkvoraussetzungen ausgeht. Diese Voraussetzungen wiederum sind die Schlussfolgerungen aus anderen Denkvoraussetzungen und so fort. Eine Argumentation ist also nie frei von Unbewiesenem. (weiterlesen…)

Die Indizien für das Christentum

Donnerstag, 22. Januar 2009

Der atheistische Philosoph Bertrand Russell wurde einmal gefragt, was er machen würde, wenn er nun tatsächlich vor dem Richterstuhl Gottes erscheinen müsste und Gott ihn fragen würde: „Warum hast du mir nicht geglaubt?“ Russell entgegnete: „Ich würde sagen, keine ausreichenden Indizien, Gott, keine ausreichenden Indizien!“ So wie Russell denken viele Menschen in unserer westlichen Kultur.
Aber was bedeutet es, wenn man sagt, es gäbe keine ausreichenden Indizien oder Beweise? Sind sie nicht überzeugend genug, um jemanden zum Christen zu machen? Die meisten Menschen leben einfach so dahin und kümmern sich nicht groß um Gott und wenn doch dann einen modischen, individuellen Gott, dessen Bild sie sich selbst gemacht haben, aber der Gott des Christentums ist hochgradig unpopulär.
Deswegen sind die meisten Menschen sich gar nicht bewusst, dass es durchaus Indizien für das Christentum gibt. Um diesen Status der Ignoranz zu rechtfertigen, zitiert man Kant oder andere Philosophen aus dem 18. Jahrhundert und meint, damit sei der Fall abgeschlossen und das Christentum hinwegerklärt. Dabei sind sie oft völlig ignorant gegenüber den Indizien für die Evangelien. Es ist ja auch nicht allzu verwunderlich, denn meistens sind Menschen nur in einem besonderen Gebiet Experten und kennen sich in anderen Gebieten überhaupt nicht aus. Wenn Menschen dann sagen, es gäbe zu wenig Indizien, meinen sie in Wirklichkeit, es gibt zu wenig Indizien um mich aus meiner Gleichgültigkeit herauszubewegen. Die Haltung lässt sich vielleicht so ausdrücken: „So lange es mich nicht zwingt, umzudenken, bleibe ich einfach weiter in meinem bisherigen Zustand.“ Natürlich kann man das Christentum nicht beweisen, aber warum sollte es beweisbar sein?
Die Kenntnis über Gott hat mit geistlichen und moralischen Faktoren zu tun. Ein Mensch kann gut in Mathematik sein, oder in Physik, Biologie, Literaturwissenschaften, sich gut in Geschichte auskennen oder gar in Theologie und trotzdem Gott nicht kennen. Nach der Bibel zeigt Gott sich den Menschen, die ihn ernsthaft suchen. Jesus sagt: „Sucht und ihr werdet finden!“ Gott zwingt sich niemandem auf. Er hat genügend Indizien über sich selbst für diejenigen, die ihn mit offenem Herzen suchen, aber es bleibt auch vage genug für diejenigen, die es vorziehen, sich nicht zu öffnen. Es gibt also nicht genug Indizien, um jeden Menschen absolut zu überzeugen. Aber gibt es genug Indizien, um den christlichen Glauben vernünftig erscheinen zu lassen? Selbstverständlich!
Es gab einen Wandel in der Philosophie der sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzog, besonders im angelsächsischen Raum. In den Vierziger und Fünfziger Jahren waren fast alle Philosophen der Meinung, Aussagen über Gott seien sinnlos. Diese Haltung kam in den Sechziger Jahren zu ihrem Höhepunkt mit der Gott-ist-tot-Theologie. Man ging davon aus, dass der Glaube an Gott mit zunehmender Bildung und Technologisierung aussterben würde. Ab den Siebziger Jahren jedoch feierte Gott so etwas wie ein Comeback im Bewusstsein. Es gab wieder ein riesiges Interesse an Religionsphilosophie und Argumenten für die Existenz Gottes. Dies geschah wohlgemerkt nicht unter Theologen oder gewöhnlichen Gläubigen, sondern unter Philosophen. Viele neue Erkenntnisse kamen aus der Kosmologie. Die Indizien für den Urknall z.B. deuten darauf hin, dass dieser Anfang von irgendwoher kommen muss. Die Feinabstimmung des Universums ist ein weiteres Indiz für die Existenz Gottes. In den vergangenen dreißig Jahren sind Wissenschaftler zu der Erkenntnis gekommen, dass die Bedingungen für den Urknall unglaublich fein abgestimmt sind für das menschliche Leben. Die Präzision und Komplexität übersteigt das menschliche Vorstellungsvermögen.
Was aber ist mit Indizien speziell für den christlichen Gott? Ist es vernünftig an Jesus so zu glauben, wie er in den Evangelien beschrieben wird? Die meisten Wissenschaftler, die sich mit dem Neuen Testament beschäftigen, sind sich heute darüber einig, dass Jesus eine historische Person war, die mit unglaublicher Autorität und unerhörten Ansprüchen aufgetreten ist. Demnach war Jesus entweder das, was er behauptete zu sein, nämlich Gottes Sohn oder ein größenwahnsinniger Scharlatan. Letzteres klingt nicht sehr plausibel. Ein weiteres Indiz dafür, das Jesus derjenige war, der er behauptete zu sein, ist die Auferstehung. Viele Gelehrte sind sich heute darin einig, dass die Auferstehung die plausibelste Erklärung für die Entstehung des Christentums ist. Die Überzeugung der ersten Christen bezüglich der Auferstehung war kein Wunschdenken oder eine Folge ihres festen Glaubens. Genau das Gegenteil scheint der Fall gewesen zu sein. Die Auferstehung ist die Erklärung, weshalb aus dem verängstigten Haufen der Jünger tiefgläubige Menschen wurden.
Nun könnenArgumente und Indizien zwar jemandem hilfreich sein, aber Gott kennenlernen geschieht auf einer anderen Ebene. Jesus selbst sagt: „Niemand kommt zu mir, es sei denn der Vater, der mich gesandt hat, ziehe ihn“ und „Wenn ich erhöht bin, werde ich alle Menschen zu mir ziehen“. Unser Suchen ist es also nicht, was im Vordergrund steht. Gott ist derjenige der uns sucht. Es liegt an uns, ob wir unsere Herzen öffnen oder nicht. Wir müssen uns letztendlich nicht mit Argumenten auseinandersetzen, sondern mit Gott selbst.
Conrad


Offenbarung und Verstand.

Dienstag, 18. November 2008

Es ist uns allen bekannt, dass die heutigen Charismatiker sagen, der Verstand stehe dem Wirken des Geistes im Weg und müsse daher möglichst ausgelassen oder gar ausgeschaltet werden. Die Bereitschaft dazu ist ihnen geradezu der Schlüssel zum Schatzkästchen, in dem, wie sie vermuten, alle Geistesgaben wie bunte Steine bereit liegen und nur darauf warten, von uns herausgeholt zu werden. So argumentiert auch dir Römische Kirche. Damit rechtfertigte sie das Lesen der Messen in der lateinischen Sprache. Johannes Calvin schreibt in seiner Auslegung von 1Kor 14 zum V. 14: “Denn wenn ich in einer Sprache bete, so betet mein Geist, aber mein Verstand ist fruchtleer” “Rühmten sich die Korinther der Geistesgabe, dass sie mit Zungen reden und beten konnten, so gesteht ihnen der Apostel zu: in der Tat, wenn ‘der Geist’ betet, so regt sich eine herrliche Gnadengabe Gottes. Aber Paulus rügt sofort den hochmütigen Missbrauch, indem er hinzufügt: Wenn der Verstand unfruchtbar bleibt, was nützt dann die Geistesgabe? Dabei erhebt sich freilich die Frage: Soll man wirklich glauben, dass der Geist den Leuten eine fremde Sprache eingab, die die selbst nicht verstanden? dass jemand, dessen Muttersprache Lateinisch war, plötzlich z. B. Griechisch redete, ohne seine eigenen Worte zu verstehen? so etwa, wie Papageien, Elstern und Raben menschliche Worte aussprechen lernen? Dies wird schwerlich der Fall gewesen sein. Vielmehr setzt Paulus nur einmal diese Möglichkeit, um zu zeigen, wie es sich ausnimmt, wenn man Worte und Sinn von einander trennt. Dabei redet der vorliegende Satz nicht von der Erbauung der Gemeinde, sondern von dem Gebet des Einzelnen für sich. Wenn mein Gebet sich in fremden, mir unverständlichen Worten bewegen würde, die der Geist mir gibt, so würde nur dieser göttliche Geist beten, mein eigener Sinn aber könnte inzwischen an allerlei anderes denken und würde jedenfalls von dem Gebet keinen Nutzen ziehen. Hieraus soll der Leser dann erst im Stillen die Folgerung ziehen: Was soll also ein derartig unverständliches Reden der Gemeinde helfen? Übrigens wollen wir die Beobachtung nicht unterlassen, wie scharf Paulus ein gedankenloses Gebet verurteilt. Wer betet, soll vor Gott seine Gedanken und Bedürfnisse ausschütten. Im Geist und in der Wahrheit will Gott angebetet sein. Nichts aber kann damit entschiedener streiten, als eine Bewegung der Lippen, die nicht zugleich eine Bewegung des Herzens ist. Und nun denke man an die Gebetspraxis und Gebetsanleitung der Römischen!” Theodor Beza, Calvins Mitstreiter und Nachfolger in Genf, sagt zu diesem gleichen Vers: Es wäre zu absurd zu glauben, dass der Heilige Geist jemals jemanden bewegte, so etwas zu tun (nämlich ohne Verstand zu beten), da man das gar nicht Gebet nennen könnte, sondern es vielmehr eine Verhöhnung Gottes und Seiner Gemeinde nennen müsste. Zum Vers 11 sagt er:   Es wäre eine in allen vorangegangenen Menschengeschlechtern unerhörte Barbarei gewesen, dass einer sich selbst zum Barbaren wird, indem er eine Sprache spricht, die er selber nicht versteht Und nun die gängige Auslegung von 1Kor 14:14 der Römischen Kirche (sie stammt von einem gewissen Estius, einem Zeitgenossen der Reformatoren): “Was der Apostel hier sagt, passiert, wenn jemand, der des Lateinischen nicht mächtig ist, Gebete in der lateinischen Sprache rezitiert; denn wer es tut, wird im Geist und in seinen Gefühlen zu Gott emporgetragen, wenn er nur mit Aufrichtigkeit betet. Der Verstand ist zwar ohne Frucht, da er nicht versteht, was er betet, aber solche Gebete dürfen deshalb nicht als nutzlos verurteilt werden.” Hier berühren sich katholische und charismatische Frömmigkeit in bemerkenswerter Weise. Sie ist in beiden Fällen verstandesfeindlich, irrational. Wir sind sicher keine Rationalisten; uns ist bewusst, dass der Rationalismus auch ein Aberglaube ist. Wir glauben, indem wir uns auf eine zuverlässige Offenbarung verlassen; aber wir wollen mit Verstand glauben, und wir wollen mit Verstand beten. Wir wollen dem Wirken des Heiligen Geistes folgen, der den Verstand nicht ausschaltet, sondern eigentlich erst recht einschaltet. Benedikt Peters

Woher kommt der Absolutheitsanspruch des Christentums?

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Antwort
Nach Auffassung des Neuen Testaments gibt es einen Absolutheitsanspruch Jesu Christi, aber keinen Absolutheitsanspruch des Christentums. Das ist ein großer Unterschied. Den Absolutheitsanspruch Jesu Christi kann die Kirche   und das Christentum nicht in ihre bzw. seine Regie nehmen und “verwalten”. Diesen Anspruch “verwaltet” nur Jesus Christus selbst. Man darf den Anspruch, den nach biblischem Zeugnis Jesus Christus erhebt, nicht der   Verfügungsmacht der Kirche überlassen. Nicht das Christentum ist die   Wahrheit, sondern Jesus Christus. Er sagt: “Ich bin die Wahrheit” (Joh.   14,6). Er sagt nicht: “Ich lehre euch die Wahrheit” oder: “Ich übergebe euch   die Wahrheit”. Diese Wahrheit, die Jesus Christus in Person ist, steht nach   biblischem Verständnis auch dem Christentum als eine kritische Wahrheit gegenüber. Das Aufsagen eines christlichen Glaubensbekenntnisses garantiert nicht, dass wir in der Wahrheit sind. Auch wir Christen haben die Wahrheit   nicht in der Hand und nicht gepachtet. Nach biblischer bzw. christlicher   Auffassung ist Jesus Christus selbst die Wahrheit in Person aber das   Christentum nur in so weit in der Wahrheit, als es von Jesus Christus   geleitet wird und in seinem Geist lebt.

Warum ist die Debatte von Evolution und Schöpfung so wichtig?

Sonntag, 19. Oktober 2008

Unter dem Titel “Charles Darwin und die Konstruktion des Blumenkohls” (Süddeutsche-Zeitung Nr. 242 vom 17.10.2008) berichtet der Autor über die Neuerscheinung des Wissenschaftsbiologen Richard Dawkins “Geschichten vom Ursprung des Lebens”. Der Artikel lässt die Theorie der Entwicklung des Lebens durch Selektion fragwürdig erscheinen. Umso erstaunlicher, dass der Autor im Ergebnis das Buch Dawkins als eine Art Kunstwerk feiert, indem der Inhalt derart reich sei, wie das Leben, von dem es handelt.
Das Buch behandle im Kern die Frage, wie durch Prozesse des Zufalls, vielfach gleiche Merkmale in der Natur auftauchen, wobei die betreffenden Organismen in keinem “Verwandtschaftsgrad” zu einander stehen. Beispiel: Das Auge taucht über 39mal in der Natur auf, bei Lebewesen, die völlig unabhängig in nicht miteinander verwandten Tierstämmen entstanden sein sollen.
Wenn man es mit dem Evolutionsbiologen Stephan Jay Gould hält, würde sich nichts noch einmal so ereignen, wie es geschehen ist – eben weil der Zufall ohne Plan vorgeht. Dies bedeute in der Konsequenz, dass der Zufall nicht nur das Auge zustande bringen müsste, sondern dies gleich in einer vielfachen weise. Für jedes Tier separat.
Doch selbst Darwin distanzierte sich von dieser radikalen Schlussfolgerung, dem beim Anblick des Säugetierauges ganz schwindelig um seine Theorie wurde. Und Dawkins geht es genauso. (weiterlesen…)

Was ist Wahrheit?

Dienstag, 14. Oktober 2008

Man kann sie verbiegen, verschweigen, relativieren. Nur abschaffen kann man sie nicht. Zum Glück! Die Wahrheit hat es heutzutage nicht gerade leicht. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts machte Oswald Spengler die trockene Bemerkung: „Was ist Wahrheit? Für die Menge das, was man ständig liest und hört.“ In diesen Tagen singt die deutsche Popband Rosenstolz zynisch: „Wahrheit ist doch nur was für Idioten“. Absolute Wahrheit gibt es nicht, und wenn es sie gäbe, würden wir es nie erfahren – das scheint heutzutage die Grundüberzeugung sehr vieler Menschen zu sein.
Wie ist das möglich, dass einerseits ein Leben ohne Wahrheit in Schule und Beruf, im Familienleben und in den Gerichtssälen überhaupt nicht denkbar ist, andererseits die Menschen gegenüber der „Wahrheit“ so misstrauisch sind? Bestimmt hängt es damit zusammen, dass die Wahrheit eine lange und nicht immer ruhmreiche Geschichte hat. In ihrem Namen wurden furchtbare Verbrechen verübt, Fehlurteile gesprochen und tragische Kriege angezettelt. Die Skepsis gegenüber der Wahrheit ist tief verwoben mit politischen und geschichtlichen Entwicklungen in Europa. Dabei hat ein Mann an der Auflösung der „Wahrheit“ mitgewirkt, wie kein anderer: Friedrich Nietzsche (1844–1900).
Im christlichen Abendland stützte sich über viele Jahrhunderte hinweg das Wahrheitsverständnis auf das jüdisch-christliche Weltbild, nach dem Wahrheit die Übereinstimmung einer sprachlichen Aussage mit der Wirklichkeit ist. Eine Aussage (z.B. „Es regnet“) ist genau dann wahr, wenn sie einem Sachverhalt entspricht (wenn es also tatsächlich regnet).
Der Pfarrerssohn Nietzsche bemerkte, dass dieses Wahrheitskonzept aufs Engste mit der Existenz von Gott verknüpft ist. Wenn allerdings gilt: „Gott ist tot“, folgerte Nietzsche, dann gibt es auch keine Wahrheit und keine Moral. So setzte er an die Stelle der Wahrheit eine kompromisslose Wahrhaftigkeit sich selbst gegenüber.
Nietzsches Gedanken waren sehr radikal, fanden aber dennoch begeisterte Anhänger. Ehemals christlich geprägte Begriffe wie „Freiheit“ oder „Seele“ wurden umgedeutet. Auch der traditionelle Wahrheitsbegriff wurde so von einem Wahrheitsrelativismus abgelöst.
Dieser Relativismus, den übrigens schon Sokrates 400 v.Chr. widerlegte (nachzulesen in Platons Theaitetos), ist inzwischen fest in der Gesellschaft verankert und hat weit reichende Folgen.
So gilt es heute beispielsweise als selbstverständlich, dass es keine absoluten moralische Werte gibt. Der Philosoph Harry Frankfurt konnte außerdem zeigen, dass sich in der Gesellschaft immer mehr „Bullshit“ ausbreitet. Unter Bullshit versteht Frankfurt Aussagen, die vortäuschen, um Wahrheit und Aufrichtigkeit bemüht zu sein, für deren Absender jedoch letztlich ein Wahrheitsbezug belanglos ist.
„Bullshiter“ tun so, als betrieben sie Vermittlung von Informationen, tatsächlich manipulieren sie Meinungen und Einstellungen von Menschen. So sind wir umgeben von Meinungsmüll, der eine Unterscheidung von Wahrheit und Lüge kaum mehr zulässt. Der Lügner hat noch Respekt vor der Wahrheit, denn er weiß, dass ihm die Wahrheit gefährlich werden kann. Der „Bullshiter“ interessiert sich nicht für die Wahrheit, sondern nur für die Durchsetzung seiner Interessen. So kommt der Philosoph zu dem Ergebnis, dass das Desinteresse an der Wahrheit moralisch verwerflicher ist als das Lügen (das natürlich auch verwerflich ist).
Aber nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für den Glauben und das Missionsverständnis hat die Umdeutung der Wahrheit Konsequenzen. „Was du glaubst, ist deine Sache, und was ich glaube, ist meine Sache.“ So denken heute viele Leute und weisen damit darauf hin, dass es in den Fragen des Glaubens nicht um Wahrheit und Richtigkeit, sondern um Tradition und um den persönlichen Geschmack geht.
Natürlich ist eine Glaubenswahrheit etwas anderes als objektive Richtigkeit. Sachverhalte, wie zum Beispiel die Richtigkeit von mathematischen Gleichungen, lassen sich feststellen, ohne dass ich von dem Ergebnis persönlich betroffen bin. Die Wahrheit des christlichen Glaubens ist dagegen nur erkennbar und erfahrbar, wenn ich mich willentlich auf eine persönliche Beziehung mit Gott einlasse.
Aber darf Glaube immer eine nur auf einen Augenblick bezogene persönliche Entscheidung sein, die sich einer objektiven Welt und einer gedanklichen Auseinandersetzung entzieht?
Stell dir einmal vor, du bekommst einen Brief, in dem dir ein Mensch, den du sehr magst, gesteht, dass er dich lieb hat. Zu wissen, dass dich jemand aufrichtig liebt, kann dein ganzes Leben verwandeln. Wer sich geliebt und angenommen fühlt, entwickelt eine andere Sicht für sich selbst und die für Welt. Solch eine Erkenntnis ist also weit mehr als das Wissen um einen objektiven Sachverhalt. Aber ist so eine berührende Erfahrung wirklich etwas total anderes, als ein objektiver Sachverhalt? Ist es nicht bedeutsam, dass es den Menschen, der den Brief verfasst hat, auch wirklich gibt (Richtigkeit)? Ist es nicht von elementarer Wichtigkeit, dass dieser Mensch auch denkt, was er in diesem Brief aufgeschrieben hat (Wahrhaftigkeit)?
Glaube hat also sehr wohl etwas mit Wahrheit zu tun. Nach dem Zeugnis der Bibel ist Gott selbst wahr (z.B. Jeremia 10,10; Johannes 14,6; 1. Johannes 5,6.20). Er steht verlässlich zu dem, was er tut und sagt. Wer sein Leben auf Gottes Wahrheit aufbaut, baut nicht auf Sand, sondern auf Fels und kann deshalb die Stürme des Lebens überstehen.
Wer auf Jesus Christus hört und ihm folgt, der „ist aus der Wahrheit“, (Johannes 18,37). Weil die Wahrheit „Jesus“ ist (Epheser 4,21), gilt es, ihr zu gehorchen (Galater 5,7). Wer das tut, der lebt in der Wahrheit. Das Annehmen und Bleiben in dieser Wahrheit führt in die Freiheit und zum Leben (Johannes 8,31-32).
Dem christlichen Glauben geht es um reflektierbare und prüfbare Inhalte und damit auch um die Wahrheitsfrage. Doch der Glaube an Gott ist nicht einfach richtiges Wissen über Gott. Glaube an Gott bedeutet, in einer lebendigen und willentlichen Beziehung mit ihm zu leben.
Ron Kubsch ist Dozent für Seelsorge und Theologiegeschichte am Martin Bucer Seminar in Bonn
http://www.christ-online.de/content/view/409/63/