Die verratene Reformation – GOTTES Wort und Luther`s Lehr` verneint man heute immer mehr

Das Gerede vom »lieben Gott«
Wenn ein Christ gefragt wird, ob er noch an den »lieben Gott« glaube, dann soll er ohne zu zögern mit Nein antworten. Denn dieser Mythos vom lieben Gott widerspricht den Realitäten unseres persönlichen Lebens und den Realitäten dieser Welt.
In der Weihnachtszeit kann man alle Jahre wieder Orgien des »Mythos vom lieben Gott“ erleben. »Alle Jahre wieder« soll in der »Welt am Sonntag« der Briefwechsel zwischen dem Chefredakteur der »Sun«, Francis Church, und der Briefschreiberin Virginia O’Hanlon aus New York abgedruckt werden, denn auch die »Sun« hatte ihn bis zum Ende ihres Erscheinens 1950 zu jedem Weihnachtsfest auf der Titelseite abgedruckt – seit 1897, als dieser Briefwechsel stattfand. Virginia O’Hanlon aus New York hatte damals bei der »Sun« angefragt, ob es einen Weihnachtsmann gäbe – denn wer sollte es wissen, wenn nicht die »Sun«. Der Chefredakteur war ob dieser Jungmädchenfrage so gerührt, daß er selbst antwortete. In diesem Brief, den wir nun zur Weihnachtszeit in der »Welt am Sonntag« immer wieder werden nachlesen können, heißt es u.a. auf die Frage «Gibt es einen Weihnachtsmann?« folgendermaßen:
»Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiß wie die Liebe und Großherzigkeit und Treue. Weil es all das gibt, kann unser Leben schön und heiter sein. – Wie dunkel wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Es gäbe dann auch keine Virginia, keinen Glauben, keine Poesie – gar nichts, was das Leben erst erträglich machte. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig…Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in 10 x 10.000 Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.«
Auch Christa Meves, geliebte und verehrte Psychagogin aller Konservativen, singt ihre Hymne vom »lieben Gott«. In der Weihnachtszeit schrieb sie – ebenfalls wie dereinst der »Sun«-Redakteur – als Antwort auf die Anfrage »eines unbekannten Mädchens«. Diese lautete: »Es ist für mich – jetzt in der Weihnachtszeit – geradezu wie ein Drängen im Nacken: Wie ist er, dieser Vatergott? Wie kann ich ihn sehen, fühlen, sprechen? Bitte, helfen Sie mir – erzählen Sie mir vom Vater!«
Auf diese Frage antwortete Christa Meves in den Vorstellungen ihres »lieben Gottes«:»Und das liegt eben daran, daß es einen Schöpfer gibt, der jeden von uns schon vor Beginn unseres Lebens gewollt und dann so in dieser Eigenart geschaffen und bei diesem Namen ins Leben gerufen hat – liebevoll, gewiß auch immer wieder mit guter Hoffnung und banger Erwartung, mit der Hoffnung darauf, daß die ins Herz eingepflanzte Liebe aufgehe, aufblühe, daß sie Wirklichkeit werde, wirklich Frucht tragen möge und in Gestalt eines guten Lebens von ihm zu erzählen. – Aber das ist natürlich sehr schwer, denn Gott ist antiautoritär. Er redet nicht dazwischen. Er bleibt hinter der Tür, er hat seinen Kindern, den Menschen, die Freiheit geschenkt…Für Gott leben zu wollen – das ist es, was Dir als Drängen bereits im Nacken sitzt, und deshalb bist Du im Grunde schon unterwegs, um Dich für ihn zu verwirklichen, um ihn in Dir zu verwirklichen.( Beide Aufsätze, der Briefwechsel der „Sun“ und der Antwortbrief von Christa Meves, finden sich in der „Welt am Sonntag“ vom 19.12.1982.
Da ist viel Stimmung – aber überhaupt keine biblische Wahrheit drin. Da ist viel Hauch von neuheidnischer Religiosität, aber keine Spur von reformatorischem Realismus. Kein Satz in diesem zitierten Erguß von Christa Meves ist biblisch – im Gegenteil, jeder widerspricht biblischer Botschaft. Was ist das für ein Gott, der mit banger Erwartung darauf wartet, daß die uns eingepflanzte Liebe aufblüht? Was ist das für ein Gott, der hinter der Tür steht, um zu sehen, was die Kinder mit der Freiheit tun? Was ist das für ein Gott, den wir in uns verwirklichen? – Aus der Sicht biblischer Offenbarung ist es ein gräßlicher Abgott – ein gemalter Gott, wie Luther sagen würde.
Gott ist eben kein Weihnachtsmann, und zu der Begegnung mit Gott wird nicht eingeladen mit dem Titel »Religion macht Spaß«, wie es die religionspädagogische Arbeitsstelle der Bremischen Evangelischen Kirche am 2.10.1982 meldete!
Hat man denn nie die Rachepsalmen gelesen? Ist man nie in der Bibel auf die Radikalität des Zornes Gottes gestoßen? Hat man nie gelernt, daß Gott die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied? Was sagen denn Weihnachtsmann und lieber Gott zum Völkermord des 20. Jahrhunderts in Auschwitz und Kambodscha, zu den 150.000 Verreckten in Hiroshima, den 35.000 bis 60.000 Verbrannten und Zerbombten in Dresden, den 700.000 Gefallenen in Verdun allein im Jahre 1916, den 6.000 ertrunkenen Frauen und Kindern auf der »Gustloff« 1945, den Gefallenen, Erfrorenen, Verbluteten und Verhungerten der 300.000 Mann Armee von Stalingrad? Wir könnten diesen Katalog weiter fortsetzen. Das Opium vom Weihnachtsmann und »lieben Gott« kann vielleicht kleinen Mädchen in Wirtschaftswunderzeiten, aber nicht den Gequälten des 20. Jahrhunderts helfen!
Aber offensichtlich will man heute dieses Opium vom lieben Gott , von dem nichts »Unangenehmes« ausgehen darf – oder man will gar keinen Gott. Unerträglich ist es für moderne Lebensweise, von Rache und vom Zorn Gottes zu hören. Es muß – wenn schon – dann um jeden Preis der »liebe Gott« sein, von dem man am Heiligabend und am Weihnachtsfest – wenn überhaupt noch – etwas hören will. Der liebe Gott, der die billige Gnade anbietet und dessen Vertreter auf Erden billige Gnade verschleudern, ist der unglaubwürdige Gott- ist kein Gott, ist ein Götze aus der Phantasie modernen Menschentums. Die Bibel weiß von diesem Gott nichts, und die Reformatoren haben sehr wohl gewußt, daß Gott ein Gott der Rache und ein Gott der Vergeltung und der Heimsuchung ist.
Luther ist unter dem Zorn Gottes zusammengebrochen, hat geschrien nach Gnade: »Denn der Tod des Menschen ist etwas anderes als der Tod der Tiere, die nach Naturgesetzen sterben. Er hat auch seinen Grund nicht im Zufall oder in der Zeit, sondern er ist eine Drohung Gottes. Er hat seinen Ursprung im Zorn und in der Entfremdung.
Wir können niemals die Liebe Gottes im Sinne des reformatorischen Christentums und im Sinne des biblischen Zeugnisses erfahren, wenn wir nicht vorher eindeutig unter dem Zorn und unter der Rache Gottes gelebt, gebangt und gelitten haben. Es gibt keinen Weg zur Liebe Gottes ohne die Versöhnung.
Bei eindeutig biblischer Aussage (vergl. im Römerbrief das erste Kapitel) sind wir alle unter dem Zorn Gottes, sind wir alle Verworfene, sind wir alle zum Tode und zur Hölle Verurteilte! Diesen glücksgeilen, religionskonsum-orientierten und nach Religionsersatz dürstenden Nihilisten müssen wir zurufen: Wenn ihr euch nicht bekehrt, bleibt ihr unter dem Zorn Gottes, und der Zorn Gottes könnte Krieg, Krebs, Terror, Einsamkeit, Depression – alles das sein, was euch qualvoll zugrunde richtet. Warum sagen wir das nicht? Die Frage, ob Krieg oder Frieden ist doch z.B. nicht eine Sache unserer Entscheidungen, unseres politischen Geschicks oder unserer Verhandlungen und Proteste – es ist doch eine Frage des Gerichtes Gottes! Es ist im Blick auf uns eine Frage, ob wir uns bekehren und Buße tun gegenüber dem allmächtigen Gott! Es ist eine Frage, wie wir seinen Zorn von uns abwenden – ob wenigstens noch 10 Gerechte im Sodom unserer Tage sind! Wenn wir in dieser »Ichgeilheit« weiter den Turm zu Babel bauen, werden wir erleben, daß wir in der totalen Verwirrung enden.
Aber diese »metapolitische« Dimension der Frage nach Krieg und Frieden wird in dieser neuheidnischen Zivilisation einfach verneint. Möchte es doch eine reformatorische Kirche geben, die nun gerade dieses sagt, was Johannes der Täufer und was Jesus bezeugten, daß wir entweder umkehren und Buße tun, also unseren Sinn ändern, damit wir dem Zorn Gottes entrinnen oder daß wir zugrunde gehen. Luther hat die Angst vor dem Zorn Gottes durchlebt – auch nach seiner Bekehrung immer wieder erfahren und erleben müssen.
In unserer Zeit des Verrates an der Reformation Luthers will man nicht die Überwindung der Angst in der Versöhnung durch Christus, sondern den »Abbau« der Angst in einer repressionsfreien, antiautoritären Gesellschaft. Die emanzipatorische Pädagogik lebt aus dem Aberglauben, daß der Mensch Angst abbauen könne, wenn er aufhöre, seine Triebe zu unterdrücken oder wenn er seine Person »einfließen« lassen würde in die Gruppe, in das Kollektiv, oder wenn er keine »herrschaftslegitimierenden Weltbilder« mehr aufrichten würde, wenn er also nicht mehr an die Herrschaft und Allmacht Gottes und an seinen Anspruch an uns glauben würde. Ein »du sollst« soll die Menschheit nicht mehr hören, eine vergeltende Gerechtigkeit würde ja Angst erzeugen. An die Stelle des Gottvaters tritt die »Mutter Kollektiv«, die alles in sich verschlingt zu einer totalen Spannungslosigkeit um den Preis der Vernichtung der Individualität.
Weil man meint, daß es Angst gar nicht zu geben brauche, weil sie sozio-psychologisch abstellbar wäre, wird eben Angst nicht überwunden, sondern die dann nur verdrängte Angst wird durch diese Praktiken in unserer modernen Gesellschaft nur um so mächtiger. Wir erleben heute eine Generation junger Leute, die nicht nur leidensunfähig ist, weil sie als lustbetonte Konsumentengeneration zur permanenten Glücksgefräßigkeit erzogen wurde, sondern die auch »angstflüchtig« ist – vor der Angst herläuft, von ihr gejagt wird, aber unfähig ist, durch die Angst hindurch zu gehen, um sie zu überwinden im Glauben, der ihr allerdings in der modernen Verkündigung vorenthalten wird.
Was will nun schon dieser mündige, anscheinend angstfreie, im Grunde aber angstverdrängende Mensch über Luthers Kernerlebnis bei Stotternheim sagen: Angst vor einem Gewitter als »Motivation« für den Eintritt eines Jurastudenten in ein Augustiner-Kloster?
Luther war im Jahre 1505 21 Jahre alt und unterwegs von Mansfeld nach Erfurt. Das waren etwa 100 km, die ein Student damals, ohne rot zu werden, zu Fuß zurücklegte. In der Nähe des Dorfes Stotternheim wurde Luther von einem starken Gewitter überrascht – in der Todesangst rief er aus: »Hilf du liebe St. Anna, ich will ein Mönch werden!« Da ist kein Mangel an Büchern, die diese Angst Luthers psychologisch erklären wollen. Wahrheit ist aber nicht die psychologische Erklärung, sondern ganz einfach – wenn man nur auf Luther selbst hören wollte – die Angst vor Gott! Angst vor dem Zorn, vor dem Gericht Gottes! Diese Angst hatte Luther nicht allein – er teilte sie mit seiner ganzen Zeit.
Die verratene Reformation – GOTTES Wort und Luther`s Lehr` verneint man heute immer mehr Huntemann, Georg Verlag: 1983 Bremen, 1983 Seite 20-25

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„Der Ernstfall“

Die Moderne ist ihrer innersten Natur und ihrem innersten Wesen nach nichts anderes als der Wille, ein Programm des Fortschritts zu verwirklichen. (45)
Das Christentum stirbt als substanzielle Wahrheit, so hat man den Eindruck, aber es überlebt als Moral. Die schlimmste Wunde, die sich das Christentum selbst zufügte, ist die Moralisierung des Sündenbegriffs. … Ist der Mensch von Natur aus gut, dann ist das ganze Christentum abgetan … Es ist in der Tat nicht einzusehen, wovon das Christentum erlösen sollte, wenn es nichts mehr im Menschen gibt, was der Erlösung bedarf. (63)
Sophistik ist eine Form des Denkens, bei der die Politik und selbst ethische Fragen in technisch lösbare Verfahren transponiert werden. Alles gilt als lösbar, wenn man nur die richtige Technik beherrscht. (123)
Pragmatismus bedeutet, dass sich eine Partei bei allen Überlegungen von dem Ziel leiten lässt, entweder an die Macht zu kommen oder, wenn man schon an der Macht ist, sich so lange wie möglich dort zu halten. (152) Weiterlesen

Heiligkeit ist auch Motivation, Benehmen und Charakter

Es gibt viele Christen, die nie gelernt haben, freundlich ‚Danke‘ zu sagen, und die ihren besten Freunden durch ihre offensichtliche Gedankenlosigkeit und ihre Undankbarkeit viel Not bereiten, wenn sie kostbare Liebe und Freundschaft (…) als selbstverständlich (…) hinnehmen. Es gibt nichts derart Absichtliches, das Schwierigkeiten bereitet (…) als dabei zu verharren, sich in unrealistischer Weise zu hoch einzuschätzen. (…) Natürlich ist das sehr oft der schonungslose Trieb eines Minderwertigkeitskomplexes, der sich in hohen und erhabenen Vorstellungen ausdrückt und das in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit. Minderwertigkeitskomplexe sind enger verbunden mit Selbstsucht als manche von uns glauben möchten (…) Wir müssen die Wurzel des Problems als solches erkennen. Deshalb ist letztlich das Evangelium die einzig wahre Psychologie, denn keine geringere Kraft kann die Tyrannei des Ichs im Herzen des Menschen zu Fall bringen. (zit. James Philip)
(Es scheint also, dass) die christliche Heiligkeit aus einer Reihe von verschiedenen Dingen besteht. Sie hat sowohl äußere wie auch innere Aspekte. Heiligkeit ist sowohl eine Angelegenheit von Aktion als auch von Motivation, Benehmen und Charakter, göttlicher Gnade und menschlicher Anstrengung, Gehorsam als Kreativität, Unterwerfung und Initiative, Hingabe an Gott und Engagement für Menschen, Selbstdisziplin und Sich-selbst-geben, Gerechtigkeit und Liebe. Es ist eine Angelegenheit von Gesetzestreue geleitet durch den Heiligen Geist, ein Leben im Geist, selbstverständlich auf das Leben bezogen, das die Frucht des Geistes (Christusähnlichkeit in der Haltung und Neigung) erkennen lässt. Es ist eine Angelegenheit, danach zu streben, die Art Jesu im Verhalten nachzuahmen, indem von Jesus und seiner Befreiung vom fleischlichen Sich-mit-sich-selbst-beschäftigen abhängig ist und zu seiner Sicht für geistliche Notwendigkeiten und Möglichkeiten gelangt.
Es ist eine Angelegenheit von geduldiger und beständiger Rechtschaffenheit; davon, sich auf die Seite Gottes gegen die Sünde in unserem eigenen Leben zu stellen im im Leben von anderen; davon, Gott im Geist anzubeten, während man ihm in der Welt dient; und von zielstrebiger, aufrichtiger, freier und froher Konzentration auf die Aufgabe, Gott zu gefallen. Es ist die charakteristische Form und sozusagen die Würze eines Lebens, das für Gott ausgesondert und nun durch seine Kraft von innern heraus erneuert wird.
Heiligkeit ist damit der Beweis des Glaubens, der durch die Liebe tätig wird. Sie ist vollkommen übernatürlich in dem Sinn, dass sie Gottes gnädiges Werk in uns ist, und vollkommen natürlich in dem Sinn, dass sie unser eigenes wahres Menschsein ist, das durch Sünde verloren gegangen ist, durch Unwissenheit und ein zu intensives Hören auf die gegenwärtige Kultur falsch verstanden wurde, das sich aber nun in einem Prozess der Wiederherstellung befindet durch die Energie der neuen Schöpfung in Christus, die uns eine neue Richtung verleiht und uns wiederherstellt, was durch den Heiligen Geist geschieht.
J. I. Packer. Heiligkeit. One Way: Wuppertal/Wittenberg, 1992, S. 39-40.

Der gefährlichere Feind des Guten

Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit.
Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch mit Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch, und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseite geschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden, ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. …
Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. …
Das Wort der Bibel, das die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei (Sprüche 1, 7), sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist. Dietrich Bonhoeffer
Quelle: Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 26 ff
http://www.dietrich-bonhoeffer.net/zitat/id/604

Sind alle Muslime Mörder? – Michael Kotsch verlässt die AG Welt

Aufgrund vermehrter Spannungen über die aktuelle Einordnung des Islam legt Michael Kotsch sein Amt als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen (AG Welt) nieder und verlässt den in Lage und Breitenbrunn/Erzgeb. ansässigen Verein. Letzter Anstoß für diese Trennung war eine jetzt vom übrigen Vorstand verabschiedete „Grundsatzerklärung zum Islam“.
Darin heißt es unter anderem: a. Wer nach Gemeinsamkeiten zwischen Allah und Gott sucht sündige. b. Jeder echte Muslim sei verpflichtet, die ganze Welt für Allah gewaltsam zu erobern. Ein Muslim, der nicht an der Eroberung der Welt teilnehmen wolle, sei ein Ungläubiger. Jeder von Muslimen verantworteter Terrorismus müsse allein mit dem Koran erklärt werden. c. Jeder Muslim sei verpflichtet zu lügen, insofern es der Ausbreitung des Islam diene. d. Der Islam gehe auf Satan zurück. e. Wer den Islam religionswissenschaftlich betrachtet, handele gegen die Bibel. f. Nach Ansicht des AG- Welt- Papiers dürfe der Koran nur wörtlich verstanden, keinesfalls aber symbolisch oder historisch- kritisch interpretiert werden. Selbst liberale Muslime müssten sich demnach auf „Mohammeds mörderisches Werk“ berufen. g. Der Islam könne sich nicht verändern oder reformiert werden, alle islamischen Bemühungen für Frieden seien prinzipiell zum Scheitern verurteilt. h. Wer positive Aspekte im Islam sehe, übe Verrat an verfolgten Christen.
Obwohl ich als Religionswissenschaftler und Theologe durchaus deutliche gewaltverherrlichende Tendenzen im Koran und der Geschichte des Islam finde, muss ich ehrlicherweise auf die Vielfalt und Unterschiedlichkeit islamischer Theologie und islamischen Lebens in der Gegenwart aufmerksam machen. Diese umfasst ganz unterschiedliche Interpretationen koranischer Religionskriege. Auch wenn manche islamische Führer heute zum gewalttätigen Krieg gegen Andersgläubige aufrufen, handelt es sich hier eben nur um eine, allerdings einflussreiche Fraktion des Islam.
Ich lehne es ab, pauschal jeden Muslim als potentiellen Mörder und Lügner zu betrachten. Aus meiner Sicht ist es wenig sinnvoll, einem Muslim seinen Glauben abzusprechen, nur weil er keinen Heiligen Krieg führen will. Neben den intoleranten Aussagen des Korans gibt es auch noch andere Ursachen für den gewalttätigen Islamismus, z.B. gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und kulturelle Entwicklungen. Auch wenn klar zwischen dem Gott der Bibel und dem Allah des Korans unterschieden werden muss, halte ich es nicht für eine Sünde, beide Gottesbilder miteinander zu vergleichen und dabei neben tiefgreifenden Unterschieden auch gewisse Ähnlichkeiten festzustellen.
Für Christen sollte natürlich vollkommen klar sein, dass exklusiv Jesus Christus für die Schuld der Menschen gestorben ist und dass sich der Islam und der christlicher Glaube grundsätzlich voneinander unterscheiden.
Christen sollten muslimischen Flüchtlingen aber mit Liebe und gerade nicht mit Gewalt begegnen. Dazu gehört es, ihnen praktisch zu helfen und den eigenen Glauben an Jesus Christus offen zu bekennen. Der Staat ist natürlich auch verpflichtet islamische Gewalttäter und Fanatiker klar und deutlich in die Schranken zu verweisen. Christen aber sollten ihrerseits auf jede Art von Polemik und Pauschalisierung verzichten, auch wenn oder gerade weil, das der Stil islamischer Extremisten ist. Michael Kotsch
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Asyl: Unrechtmäßige Stimmungsmache

Immer mehr Menschen gefallen sich in möglichst harten Aussagen gegen Ausländer, insbesondere wenn diese durch eine dunkle Hautfarbe erkennbar sind. Und mag man sich ausländische Studenten, Fußballer und Facharbeiter gerade noch gefallen lassen, denn gelten Asylbewerber als ganz besonders schlimme Leute. Dabei ist das im Artikel 16a des deutschen Grundgesetzes zugesagte Recht auf Asyl ursprünglich aus Gedanken christlicher Nächstenliebe inspiriert worden. Im Kern geh es darum, Menschen, die in ihrem Heimatland zu Unrecht massiv verfolgt und bedroht werden, Schutz zu bieten. Besonders nach den traurigen Erfahrungen während der Zeit des Nationalsozialismus, als viele in Deutschland politisch und religiös Verfolgte in anderen Ländern zurückgewiesen wurden, wollte man es hierzulande besser machen. Tausenden von Verfolgten wurde seither durch die Gewährung von Asyl buchstäblich das Leben gerettet.
Mancher beschwert sich über die hohen Asylbewerberzahlen. Gleichzeitig wünschen sich die meisten Bürger aber auch eine gründliche Prüfung der angegebenen Asylgründe. Manche merken nicht, dass sich das natürlich gegenseitig ausschließt. Denn entweder lässt man sehr viele mutmaßlich Verfolgte erst gar nicht ins Land, weil man ihr Anliegen so schnell eben nicht prüfen kann. Dabei werden dann natürlich auch viele wirklich Verfolgte ausgeschlossen. Oder man nimmt die Betroffenen solange auf, bis man ihre Anträge geprüft und dann entschieden hat. Dadurch würden allerdings monate- oder jahrelang Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus in Deutschland leben.
Ein besonderer Aufreger der jüngsten Vergangenheit waren die Zahlen abgelehnter Asylbewerber, die immer noch in Deutschland leben. Laut Deutschem Bundestag handelt es sich dabei um 550 000 Menschen. Sofort nach Veröffentlichung der Zahlen überboten sich ausländerkritische Politiker in ihrer Empörung über das vorgebliche Versagen des Staates. Demnach sei die Regierung nicht in der Lage oder nicht willens, illegal in Deutschland lebende Personen auch tatsächlich abzuschieben. An einer genaueren Analyse der vorliegenden Zahlen waren die betreffenden Populisten aber nicht interessiert, weil das natürlich die beabsichtigte Dramatik ihrer Aussagen verwässert hätte.
Zum einen handelt es sich zum allergrößten Teil nicht um Personen, die in den vergangenen zwei Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. 406 000 „abgelehnte“ Asylbewerber leben seit mindestens sechs Jahren hier.
Die weitaus meisten von ihnen leben zwischenzeitlich aber durchaus legal in Deutschland. Fast die Hälfte von ihnen (46,6 Prozent) hat zwischenzeitlich ein unbefristetes Aufenthaltsrecht. Weitere 34,8 Prozent haben eine befristete Aufenthaltserlaubnis; aber eben kein Asyl. Viele von ihnen stammten aus Polen oder Bulgarien und dürfen sich als Mitglieder der EU frei in Deutschland bewegen.
18 Prozent dieser abgelehnten Asylbewerber haben aufgrund von Krankheit oder fehlenden Papieren eine befristete, vorläufige Duldung. Illegal in Deutschland befinden sich nach amtlicher Zählung 52.870 Menschen, „ausreisepflichtige Personen ohne Duldung“. Zuständige Behörden gehen aber davon aus, dass eine größere Zahl dieser Personen zwischenzeitlich Deutschland verlassen haben, allerdings ohne sich ordnungsgemäß abzumelden, weshalb sie noch in den Statistiken auftauchen. Über ein mutmaßliches Versagen von Politik und Polizei sagen die Zahlen wenig bis nichts. Es sollte bei der medialen Aufregung nicht vergessen werden, dass jährlich zehntausende abgelehnter Asylbewerber das Land freiwillig verlassen und beispielsweise allein im letzten Jahr 21 000 Personen von zuständigen Behörden abgeschoben worden sind.
Der Schutz verfolgter Menschen ist ein hohes Gut. Dieser Schutz kostet natürlich und fordert heraus. Außerdem braucht es viel Zeit, zwischen berechtigten und berechtigten Asylanträgen wirklich gerecht entscheiden zu können. – Christen danken Gott für die politische, religiöse und wirtschaftliche Sicherheit in Deutschland. Und sie beten für die vielen Millionen Flüchtlinge, die weltweit ihre Heimat verloren haben, verfolgt werden und vielfach auch in den Ländern Unterdrückung erleben, in denen sich vorläufig aufhalten dürfen.
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Wir können auf zweierlei Weise Schuldner sein.

Röm. 1,14-17
14 Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen;
15 darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen.
16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.
17 Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«
Wir können auf zweierlei Weise Schuldner sein. Entweder hat uns ein anderer etwas geliehen, das wir ihm zurückzahlen müssen. Oder aber uns ist etwas anvertraut für andere, auf dass diese nun einen Anspruch haben. Uns ist anvertraut, was andere brauchen und worauf sie nun um des Gekreuzigten willen einen Anspruch haben. Die missionstheologische Kernfrage lautet darum: Wer bekommt nie, was die Gemeinde des Gekreuzigten ihm schuldet, wenn wir nur das machen, was wir immer schon gemacht haben? Wer bleibt unerreicht, wenn wir nur tun, was wir jetzt tun? John Stotts

Fiktiver Dialog zwischen Sokrates und Freud

Die vier einflussreichsten Religionskritiker waren Nietzsche, Marx, Darwin und Freud. So schreibt der katholische Philosoph Peter Kreeft (* 1937, Boston College). Freud habe drei Hüte getragen: Erfinder der Psychoanalyse, professioneller theoretischer Psychologe und Amateurphilosoph. Kreeft geht in diesem Buch auf die letzte Kategorie ein, also um die Welt- und Lebenssicht von Sigmund Freud (1856 – 1939). Dafür entwickelt er einen fiktiven Dialog zwischen Sokrates und Freud, der sich nach dem Tod von Freud abspielt. Die beiden Gesprächspartner gehen dem Buch „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) nach, Freuds letztes und in Bezug auf seine Grundannahmen aussagekräftigstes Werk.
Von Freud ist oft kaum mehr bekannt als seine Betonung des Unter- bzw. Unbewussten. Man weiss zudem, dass er eine wichtige Figur innerhalb der Psychologie war, unzählige Affären hatte und dass er heute „out“ ist. Mein Interesse während dem Lesen bestand darin, die „tragenden Balken“ der Lebens- und Schaffensphilosophie Freuds sowie wichtige Gegenargumente herauszufiltern.

Tragende Argumente von Freuds Weltsicht

• Jede Form von Argumentation ist Rationalisierung (12).
• Es gibt kein universelles Wissen (universal knowledge, 14).
• Der unbewusste Ursprung von Religion entspringt Ängsten der Kindheit (21). Religion wird auf kindliche Bedürfnisse reduziert (infantile needs, 28).
• Gott wird durch unbewusst durch den menschlichen Geist zur Befriedigung seiner Bedürfnisse erfunden (30).
• Als Folge des Naturalismus:
• Der menschliche Geist kann universelle und objektive Wahrheit über den Sinn des Lebens nicht in Erfahrung bringen (Skeptizismus, 39).
• Es gibt keinen objektiven Sinn des Lebens, nur die Konstruktion eines subjektiven Zweckes (42).
• Der menschliche Verstand ist das einzige (schwache) Instrument, menschliche Gedanken und menschliches Verhalten zu untersuchen (47).
• Jedes Nachdenken besteht letztlich im Rationalisieren der Lust (Lustprinzip, 57). Das Verlangen nach Vergnügen steuert unsere Überzeugungen dessen, was wir als wahr ansehen (58).
• Der Orgasmus ist der Prototyp und Standard allen Glücks (67). Wir sind letztlich alle Lust-Abhängige (68).
• Die beste Antwort auf die tiefsten Probleme des Lebens sind Drogen (74).
• Die nicht-physische, mentale Welt besteht nur subjektiv, nicht objektiv (114).
• Es gibt keinen objektiven Nutzen von Schönheit (147).
• Auf dem Grund des menschlichen Lebens liegt ein Puzzle, das gelöst werden müsste, aber nicht gelöst werden kann (152).

Einwände von Sokrates (Kreeft)

• Freud geht von der Voraussetzung aus, dass Religion falsch ist (Atheismus, 24). Er verfolgt deshalb nur die Auswirkungen, nicht aber den Ursprung von Religion (25).
• Wenn nur eine kleine Minderheit der Menschen die Überzeugungen von Freud teilt und nur diese Menschen wirklich vernünftig sind, kann Freud des Snobismus bezichtigt werden (23; 99; 120).
• Wir können nie wissen, ob Freuds Prinzipien wahr sind, weil das Prinzip selbst nicht durch die wissenschaftliche Methode (einzig zulässig für Freud) bewiesen werden kann (42).
• Nur weil Leben von Gott geschaffen ist (intentional), kann es einen (übergeordneten) Sinn haben (45).
• Jeder Gedanke über Materie ist nach den Gesetzen des Naturalismus selbstwidersprüchlich, weil er ja Teil der Materie selbst ist (52+55).
• Freud arbeitet den Hedonismus und Naturalismus konsequenter als mancher Philosoph aus (73).
• Freud reduziert das Geschenk des Lebens und das höchste Glück (summum bonum) auf die Flucht vor dem Leid (88). Freude und Wahrheit stellen sich damit oft als widersprüchlich heraus; Illusionen machen deshalb glücklicher als die Realität (91).
• Dass alle Menschen Lust und Vergnügen suchen und Leid hassen, widerspricht den Erfahrungen vieler Menschen, die das Leid und die Wahrheit vorziehen (98).
• Freud behauptet, dass Religion Leben verkürzt. Viele Studien zeigen das Gegenteil (115).
• Der gesamte Erfolg der Wissenschaft basiert auf der Ordnung und Struktur einer objektiven Aussenwelt (120).
• Männer und Frauen werden der personalen Ebene beraubt und als „Es“ dargestellt (133).
• Freuds einzige Sicherheit ist absoluter Relativismus (170).

Fazit

Kreeft arbeitet die Welt- und Lebenssicht gestochen scharf heraus (z. B. 60, 114, 137, 140); sie ist letztlich eine brillante Ausarbeitung eines „reductio ad absurdum“ (149). Das tut er keineswegs „neutral“. Von diesem Begriff müssen wir uns sowieso verabschieden. Er ist ein Ur-Dogma des Säkularismus. Jeder Mensch geht von weltanschaulichen Vorannahmen aus. Bei Freud sind dies: Atheismus (Religion), moralischer Relativismus (Resultat des epistemologischen Skeptizismus), Betonung der Triebe (sexueller Reduktionismus).

So entgegen Freud der christlichen Weltanschauung steht und zu deren Dekonstruktion beigetragen hat, so ernst müssen wir ihn nehmen. Tatsächlich neigen wir dazu, uns eine eigene Religion als unbewusste Kompensation unserer eigenen Bedürfnisse zu zimmern. Ebenso gefällt uns der Gedanke sehr, dass wir sämtliche Werte zum Eigentum des Subjekts erklären dürfen (und wir damit unser Verhalten legitimieren). Unsere Welt ist tatsächlich stark von der Sexualisierung gesteuert, auch fast 100 Jahre nach Freuds Ableben. Die Fragen, was uns antreibt (Motivation) ist für Christen zentral.

Die Bibel hinterfragt unsere Antriebskräfte an manchen Stellen. Sie bezeichnet das Herz des Menschen (als Begriff für die innere Schaltstelle von Verstand, Wille und Gefühlen) als „überaus trügerisch und bösartig“ (Jeremia 17,9). In seinem unerlösten Zustand unterdrückt es die Erkenntnis Gottes und betet statt dem Schöpfer einen Ersatz – also Geschaffenes – an (Römer 1,23).

Freud stellt dieselbe Frage wie die grossen Theologen: Wie kann der Mensch glücklich werden? Anders gefragt: Worin liegt das Glück des Menschen? Dabei entlarvt sich ein grosser Pessimismus, denn er muss Unglück vermeiden. Da es keinen übergeordneten Lebenssinn gibt, vermeidet er Leid u. a. durch Betäubung. Auch diese Analyse ist messerscharf und sollte uns zu denken geben. Der einzige (subjektive, beschränkte) Sinn ist der Hedonismus, dem Nachgeben der eigenen Lust.

Noch eine Bemerkung zu Sokrates‘ Logik. Sie hat auf uns spätmoderne Zeitgenossen eine heilende Wirkung. Ich muss jedoch eine Einschränkung anbringen: Logik kann uns nicht zu Christus führen, weil wir die Wahrheit unterdrücken müssen (Römer 1,21). Das gibt Kreeft indirekt auch zu: „Vielleicht habe ich zu viel Vertrauen in den Willen der Menschen, meinen logischen Argumenten zu folgen.“ (77; Kreeft nimmt über Sokrates übrigens einen agnostischen Standpunkt ein, 116) Genau! Letztlich handelt es sich um eine Frage des Willens (Ethik). Wir folgen unserem Argument eben nicht immer dahin, wo es uns wirklich führen würde (118). Wir scheuen uns davor, Dinge zu Ende zu denken. Hierfür brauchen wir ein neues Herz, wie schon der Prophet Hesekiel geschrieben hat (Hesekiel 36,26).

„Hat Gott auch die Künstler geschaffen?“

Vicky

Victoria Parsons wird auf der E21-Regionalkonferenz in Bonn einen Workshop zum Thema „Hat Gott auch die Künstler geschaffen?“ anbieten. Ich habe im Vorfeld kurz mit ihr darüber gesprochen. Hier ein Auszug:

E21: Wie bist du selbst zum Thema Kunst gekommen?

Victoria: Bei mir gehörten Musik, Tanzen und Bücher immer zu meinem persönlichen Leben. Es sind wenige professionelle Künstler unter meinen Familienmitgliedern. Wir haben uns jedoch immer auf unterschiedlicher Art und Weise für die Kunst interessiert. Die Bühne z.B. – ob Gesang, Tanz, Laientheater oder den Ablauf hinter den Kulissen – hat irgendwie immer einen Platz in unserem Familienleben gehabt. Meine Oma steht mit 81 selbst ab und zu noch auf den Brettern! Wir haben alle auch immer viel gelesen und uns über verschiedene Geschichten, die Politik und Theologie ausgetauscht. Wir waren also, und sind immer noch, eine Familie, die sehr offen über Dinge in der Welt und der heutigen Kultur reden kann. Ob wir miteinander immer einverstanden sind, ist eine andere Frage (lacht).

Ich musste mich aber zuerst als junge Christin mit dem Thema Kunst und Christsein direkter auseinandersetzen, als ich mit 18 zur Universität ging. Mein Leben änderte sich radikal – dort prasselte eine große Welt von Meinungen und Religionen auf mich ein. Ich hatte keine andere Wahl außer zu versuchen, alles was mir entgegenkam, aus einer christlichen Perspektive zu verstehen und die Kunst gehörte dazu, weil die Literatur auch ein großer Teil meines Fremdsprachenstudiums war. Es ist mir z.B. durch das Studium viel klarer geworden, dass die Menschen (Christen auch) sehr von dem Zeitgeist, d.h. von ihrer Kultur, geprägt sind und dass Kunst eine Art Landwirt für den Ackerboden unseres Denkens und Handelns ist.

Gleichzeitig und besonders später als ich zusammen mit sehr künstlerisch begabten Menschen bei dem Studentenmissionswerk UCCF (so ähnlich wie die SMD in Deutschland) gearbeitet habe, wurde mir noch klarer, wie heikel dieses Thema für viele evangelikalen Christen ist. Meine Mitarbeiter bei UCCF haben mir oft davon erzählt, wie missverstanden sie sich in ihren Gemeinden gefühlt haben. Ob und wie ihre Begabungen mit ihrem Glauben zu versöhnen waren, wussten sie nicht. Aber UCCF hat uns ein tolles theologisches Programm angeboten, wodurch wir uns mit dem Thema mehr auseinandergesetzt haben. Wie du siehst, bin ich dann über die Jahre hinweg auf einer komplexen Art und Weise dem Thema etwas näher gekommen.

E21: Du kommst aus England, hast auch schon in Frankreich gelebt und hast zur Zeit deinen Wohnsitz in Deutschland. Denken Christen über die Kunst überall gleich oder gibt es da Unterschiede z.B. zwischen England und Deutschland?

Victoria: Ich denke, es sind tatsächlich Unterschiede aber ich bin derzeit der Meinung, dass diese vielleicht weniger mit der deutschen, französischen oder englischen Kultur, sondern vielmehr mit einer christlichen Sub-Kultur zu tun haben, oder mit Tendenzen, die wir als Christen oft aufweisen und ausleben. Es gibt sowohl in England als auch in Deutschland eine Tendenz innerhalb konservativeren evangelikalen Gemeinden, die Kunst als eine reine weltliche Sache zu betrachten, die uns mit Versuchung und Sünde bedroht. Wir (ich zähle mich auch dazu!) neigen folglich dazu, uns von der „Welt“ fernzuhalten, uns also monastisch von der heutigen Kultur abzutrennen. Oft wird der Vers „wir sind in aber nicht von der Welt“ zitiert, um diese Einstellung zu begründen. Wir spüren also einerseits die Macht der Zeitgeist unser Handeln und Denken zu beeinflussen, sind aber andererseits nicht komplett von der biblischen Wahrheit überzeugt, dass wir mit allem, was wir tun (Kunst eingeschlossen), Gott verherrlichen können und sollen.

E21: Christliche Künstler haben es nicht immer leicht. Sowohl die säkulare als auch die fromme Szene beäugen sie oft kritisch. Hast du einen Tipp, wie Gemeinden Künstler stärken können?

Victoria: Lies Francis Schaeffer und lade deine Künstler zum Mittagessen ein! OK – das sind zwei Tipps. Aber ernst: zeig Interesse an ihnen. „Kunst und die Bibel“ von Schaeffer ist freundlich, verständlich und bündig genug für jeden Einsteiger geschrieben.

Man muss aber auch kein Experte in Kunst sein, um Fragen zu stellen. Viele künstlerisch begabte Freunde von mir haben sich oft sehr isoliert und verwirrt gefühlt, weil sie einerseits ihr Glauben zusammen mit ihren Gaben nicht in Verbindung setzen konnten; sie hatten dazu keiner, der sich die Zeit mit ihnen dafür genommen hat. Andererseits haben sie sehr viel Missverständnis sowie Entmutigung von Gemeindemitgliedern erlebt. Es ist Teil der Missionsauftrag der Gemeinde, unsere Mitglieder mit der Wahrheit zu bewaffnen, damit sie in ihrem Umfeld mit Integrität für Jesus leben können – wie kann das aber passieren, wo es kein offenes Ohr oder eine Beziehung gibt? Ein cooles Gespräch zusammen mit einem leckeren Essen kann sehr viel lösen.

Hier gibt es mehr: www.evangelium21.net. Zur Anmeldung für die E21-Regionalkonferenz in Bonn vom 1. bis 2. Juli 2016 geht es hier: www.evangelium21.net.
http://theoblog.de/hat-gott-auch-die-kuenstler-geschaffen/27865/