Genderwahn & Gendergaga – Rebellion gegen Gottes gute Schöpfungsordnung? | 6.6.2 [email protected] 2016 – Allstedt: 28. Juli 2016 von Prof. Dr. Thorsten Dietz

Es handelt sich bei diesem Beitrag um eine verkürzte Diskussion zu den Vorträgen von Prof.Dietz welche auf Facebook geführt wurde. Leider konnten nicht alle Diskussionsbeiträge berücksichtigt werden.
http://worthaus.org/mediathek/genderwahn-gendergaga-rebellion-gegen-gottes-gute-schopfungsordnung-6-6-2/
Markus Till Nach den Kommentaren hier war ich neugierig und hatte auf einen wenigstens einigermaßen sachlich fairen Vortrag gehofft, auch wenn ich schon vermutet hatte, dass er nicht meine Meinung widerspiegeln würde. Ich wurde schwer enttäuscht. Der Vortrag macht sich an keiner Stelle die Mühe, auch die andere Seite mal fair und respektvoll zu betrachten. Dietz räumt nicht einmal ansatzweise ein, dass die zahlreichen Gender-Kritiker, die ja aus den unterschiedlichsten Ecken kommen, irgendwo vielleicht doch auch auf manche berechtigte Fehlentwicklungen hinweisen könnten. Selbst die wildesten Auswüchse der Gender-Studies (die man m.E. völlig zurecht als Gaga bezeichnen darf) verteidigt er mit der Freiheit der Forschung, die auch Extreme brauche, um sich weiterentwickeln zu können. Die „Gender-Agenda“, über die auch die FAZ berichtet hat, verweist er einfach mal so ins Reich der Verschwörungstheorien, obwohl es dazu sachlich nachvollziehbare Berichte gibt und v.a. obwohl – und das ist ja am Ende entscheidend – viele Punkte dieser „Agenda“ ja tatsächlich ganz praktisch vorangetrieben werden (man denke nur an Punkte wie „freier Zugang zu Abtreibung für alle“, „Sexualkundeunterricht für Kinder und Jugendliche, der zu sexuellem Experimentieren ermutigt“, „50/50 Männer/Frauen Quotenregelung für alle Arbeits- und Lebensbereiche“ „Alle Frauen müssen zu möglichst allen Zeiten einer Erwerbsarbeit nachgehen“ usw.). Leider geht Dietz auf keine einzige der Sorgen, die die Gender-Kritiker im Zusammenhang mit diesen Punkten umtreibt, inhaltlich auch nur ansatzweise ein (z.B. die Folgen für Kinder, wenn sie immer öfter schon wenige Monate nach der Geburt in KiTas gesteckt werden und wenn dadurch die entwicklungspsychologisch wichtige Bindung zur Mutter untergraben wird). Stattdessen zeichnet er dann selber ein realitätsfremdes Klischee von Gender-Kritikern, über das er sich entweder lustig macht oder – noch schlimmer – mit dem er den Gender-Kritikern blanke Menschenfeindlichkeit unterstellt: Gender-Kritiker würden Individualität und Vielfalt leugnen, sie würden allen Menschen eine selbsterdachte Schöpfungsordnung überstülpen wollen (die in Wahrheit aber aus der Romantik stamme), sie würden Menschen ablehnen, wenn sie nicht in bestimmte Muster passen usw. usw. Ich fühle mich von keinem dieser Vorwürfe angesprochen. Gleichzeitig habe ich keinerlei Antworten auf die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen gehört, wegen denen auch ich im Rahmen der Demos für Alle schon mehrfach auf die Straße gegangen bin. So wird leider kein Dialog gefördert. Schade, ich bin traurig. Ja, ich weiß: Auch auf Seiten der Gender-Kritiker gibt es extrem einseitige, undifferenzierte und unsachliche Meinungsäußerungen. Aber dieser Vortrag ist leider auch nicht besser.
Tobias Faix Lieber Markus, lieber Ernő, danke für eure Kommentare, die ich teilweise nachvollziehen kann. Ich sehe den Vortrag auch nicht als ein gezieltes aufeinander zugehen zweier unterschiedlicher Parteien, dafür war der Rahmen (Freakstock und Worthaus) auch nicht gegeben. Ich würde ihn eher als „aufklärerisch“ sehen. 😉 Und ich finde, dass es unfair ist, alle aufkommenden Fragen zu dem Thema umfassend zu beantwortet und dann gleichzeitig „Vereinfachung“ vorzuwerfen. Außerdem vermischt ihr meines Erachtens zu viele Themen, die nur am Rande mit der Gendertheorie zu tun haben (Sexualkundeunterricht, Frühsexualisierung, Abtreibung etc.). Und wenn ich mir die Ikone der Genderdiskussion, Frau Kelle, anschaue, dann wird bei ihr ja gerade ihre Übertreibung, Zuspitzung und Einseitigkeit gelobt! Thorsten Dietz „blanke Menschenfeindlichkeit“ vorzuwerfen ist auch nicht gerade Konstrukteur Markus, oder? Aber vielleicht kann Thorsten, auf diese Vorwürfe selbst eingehen?
Markus Till Ich habe Thorsten Dietz keine Menschenfeindlichkeit vorgeworfen. Der Vorwurf ist, dass Thorsten Dietz den Konservativen Menschenfeindlichkeit unterstellt, siehe mein Post unten.
Thorsten Dietz Wer weiß, vielleicht entwickelt sich ja mit der Zeit eine differenzierte Debatte?! Es ist völlig unmöglich, in einem nur 90minütigen Beitrag mehr als ganz kleine Annäherungen zu einem sehr breiten Forschungsfeld zu bieten; so sage ich es ja auch im Vortrag. Ein paar Hinweise für die weitere Diskussion: Ich finde, dass dieser Artikel von Christoph Raedel z.B. zeigt, dass konservative Christen sehr wohl eine kluge und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema führen können: https://www.jesus.de/gender-mainstreaming-was-verbirgt…/ Ausdrückliche Empfehlung! Bald kommt sein überarbeitetes Hänssler-Buch zum Thema bem Brunnen Verlag neu heraus.
Auch dieses Buch finde ich sehr empfehlenswert, wo mehrere Gender-Kritiker wie Kuby, Spreng und Seubert mit Beiträgen vertreten sind, aber auch eine Reihe von katholischen Theologen mit guter Kritik der Gender-Kritik. https://www.amazon.de/Gender…/dp/3451349272/ref=sr_1_1…
Ansonsten empfehle ich grundsätzlich folgende Kurzerläuterung, von einer Seite die nicht unbedingt des Linksextremismus verdächtig ist…: Die katholischen Deutische Bischofskonferenz präsentiert auf ihrer Seite einen Link zum erhellenden Flyer: „Geschlechtersensibel – Gender katholisch gelesen“: http://www.dbk.de/nc/presse/details/?presseid=2941
Gender Mainstreaming – was verbirgt sich dahinter? | Jesus.de
Markus Till Tobias Faix Thorsten Dietz, vielen Dank für die Antworten und die guten Artikel, die ja voll und ganz die These stützen, dass Widerstand gegen bestimmte Ausprägungen im Gender-Umfeld und der damit verknüpften „Sexualpädagogik der Vielfalt“ absolut angesagt ist (zumal man sich ja nur die „Sexualstandards für Europa“ der WHO und BzgA durchlesen muss, um zu sehen, dass es sich dabei nicht um Außenseiterpositionen von ein paar Gender-Radikalen handelt sondern dass es mächtige Kräfte gibt, die auch extreme Vorstellungen ohne demokratische Legitimation und gesellschaftlichen Diskurs zum „Standard“ für alle erheben wollen bzw. z.T. bereits durchgesetzt haben). Was ich jetzt aber noch weniger verstehe ist die Ausrichtung des Vortrags. Wenn es also stimmt, dass es bei den mit Gender verknüpften Themen und Entwicklungen berechtigterweise viel zu hinterfragen und zu kritisieren gibt, warum wird das im Vortrag dann mit keinem Wort erwähnt? Warum wird stattdessen wieder einmal (ganz Worthaus-typisch) das Klischee vom eher dümmlichen, faktenresistenten, ja geradezu aggressiven und menschenfeindlichen Konservativen gepflegt, der nur deshalb gegen Gender kämpft, weil er Gender nicht versteht, der Bedrohungen sieht wo gar keine sind, der die Schöpfungsordnung zur verletzenden Waffe gegen individuelle Vielfalt macht und Ausnahmen nicht „ertragen“ kann, der die eigene kulturelle Brille nicht von genuinen biblischen Aussagen unterscheiden kann usw.?
Thorsten Dietz Gegenfrage: was genau ist denn der Zusammenhang von Gender und Sexualpädagogik der Vielfalt? Zur letzteren hätte ich auch kritische Anfragen… Das war aber nicht mein Thema.
Meine drei letzten Vorträge habe ich ja als Gender-Trilogie bezeichnet, sie gehören thematisch eng zusammen und behandeln Fragen der Geschlechterstereotypien, des historischen Wandels im Geschlechterdenken (Hierarchie, Komplementarität, Gleichberechtigung), das Ziel der Geschlechtergerechtigkeit in Ehe und Kirche. Solche Fragen sind zentraler Inhalt heutiger Gender-Diskurse.
Andere Fragen kann und darf man gerne kritisch erörtern, dann aber bitte mit historischer und systematischer Einordnung der jeweiligen Thematik.
Markus Till Thorsten Dietz Der Zusammenhang wird ja in dem Jesus.de-Artikel oben erläutert (1. Abschnitt unter „Sexuelle Vielfalt“). Und Sie selber stellen ihn im Vortrag her, wenn Sie sich über besorgte konservative Eltern lustig machen, die angeblich von Fakten nichts wissen wollen aber einen Kollaps fürchten, wenn das Kind in der Schule von grünen Lehrern mit Transgender konfrontiert wird. Wer auf der Demo für Alle erlebt hat, wie man da wüst beschimpft, von der heute show lächerlich gemacht und von linken Antifanten mit körperlicher Gewalt angegangen wird, nur weil man ganz im Sinne von Dr. Raedel nicht will, dass die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ Querschnittsthema in allen Fächern aller Jahrgangsstufen werden soll, der ist schon enttäuscht, wenn Mitchristen einen dann auch noch lächerlich machen mit der Unterstellung, dass man seine Kinder von biologischen Fakten fernhalten wolle (wobei man über das richtige Alter schon diskutieren darf, oder?). Auch die Gender-Diskurse darf und muss man doch kritisch hinterfragen dürfen, oder etwa nicht? Die auch in ihrem Vortrag anklingende Skepsis gegen „biologistische“ naturwissenschaftliche Argumentationen („Manche erwarten jetzt die Antwort von den Naturwissenschaften…“) halte ich z.B. für wirklich problematisch. Harald Eia hat die Widersprüche, die daraus entstehen, ja sehr schön offengelegt. Ebenso fragwürdig finde ich die auch von Ihnen geäußerte These, dass Geschlechterdifferenzen quasi komplett kulturell verursacht und plastisch veränderbar seien (Stichwort „Dekonstruktion“). Mich interessieren bei solchen Fragen v.a. die praktischen Folgen für die psychische Entwicklung von Kindern, wenn Frauen aus „Geschlechtergerechtigkeitsgründen“ konsequent in die Erwerbstätigkeit getrieben werden, wie auch Dr. Raedel schön ausführt. Da kann man ja unterschiedlicher Meinung sein. Aber ist das ein Grund, sich derart an Konservativen abzuarbeiten? Ich bewege mich ja viel in unterschiedlichsten konservativen Kreisen. Ich habe noch nie gehört, dass jemand äußert, dass Gott die „Ausnahmeerscheinungen“ nicht lieben würde oder dass Menschen, die charakterlich nicht typischen Geschlechterleitbildern entsprechen, im Widerspruch zur Schöpfungsordnung ständen. Im Gegenteil: Dass Gott alle Menschen liebt und alle Menschen liebe- und respektvoll behandelt und in Gemeinden aufgenommen werden sollen empfinde ich als Common Sense unter Konservativen, auch wenn sie nicht Ihren theologischen 2-4-8-16-Ansatz teilen..
Thorsten Dietz Markus Till Sorry, sehe ich erst jetzt! Mmh – der Zusammenhang wird dort mehr behauptet als erläutert. Auch nur kurz meine bislang gewonnene Sicht: Das politische Konzept des Gender Mainstreaming ist etwas völlig anderes als die Forderung nach Akzeptanz von sexueller Vielfalt. Die Frage von Geschlechtergerechtigkeit ist etwas anderes als die Frage von Trans- und Intersexualität. Der Umgang mit sexueller Orientierungen, besser: mit schwulen und lesbischen Menschen in der Gesellschaft und in christlichen Gemeinden hat nichts zu tun mit der Förderung von berufstätigen Frauen. Das Verhältnis von natur- und kulturwissenschaftlichen Perspektiven auf die Geschlechterdifferenz hat wiederum nichts zu tun mit der theologischen Tradition des Naturrechts. Diese Fragen müssen jeweils einzeln erörtert und beantwortet werden; wer dieses akzeptiert, kann jenes kritisch sehen usw.
Es gibt Christen, die solche Unterscheidungen nicht treffen, sondern alles, was mit „Gender“ zu tun hat, lächerlich machen oder als Bedrohung schildern. Diese Gender-Kritiker tun dies teilweise mit sehr scharfen Worten, die ich ansatzweise auch in meinem Vortrag zitiere. Ich glaube schon, dass ich selbst noch etwas rücksichts- und respektvoller hätter reden können; ich denke, dass ich mich in meinem zuletzt aufgenommenen Wirthaus-Vorträgen letzte Woche noch mehr darum bemüht habe; Zu diesem Thema ließe sich jedoch auch mit Leichtigkeit ein deutlich polemischerer Vortrag halten… Ich bin seit 5 Tagen auf einem Lutherkongress, und wenn ich meinem Vortrag mit der Polemik des 16. Jahrhunderts vergleiche, bin ich mehr als zahm…
Dass in ihrer Gemeinde un in ihrem Umfeld „unregelmäßige Verben“, sprich Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, ihrer geschlechtlichen Identität, ihrer feministischen, queeren oder posttraditionellen Lebensweise „liebe- und respektvoll behandelt und in Gemeinden aufgenommen werden sollen“, höre ich gern; ich weiß aus vielen Gesprächen, dass das oft nicht der Fall ist.
Einige ihrer Kritikpunkte sind für mich nachvollziehbar, ich habe auch drei Schulkinder. Ich weiß daher allerdings auch ein wenig, was und wie es in den jeweiligen Jahrgangsstufen läuft, und das in einer linken Stadt wie Marburg, und nein: kein Grund für Alarm oder für „Demo für alle“, ich bekomme in der wirklichen Welt nichts mit von verwirrten Kindern, dafür mehr Respekt, Behutsamkeit, Aufklärung und Respekt, als es noch in meiner Generation üblich war.
Markus Till Thorsten Dietz Stimmt: Im Vergleich zu Siegfried Zimmer sind Ihre Äußerungen über Konservative noch vergleichsweise sehr sanft. 😀 Richtig ist auch: Akademisch handelt es sich um verschiedene Themen. Aber da es so viele inhaltliche Querverbindungen gibt ist es auch nicht verwunderlich, dass sie so oft im Rudel auf den Tisch kommen. Noch einmal: Die Diskussion ist doch wirklich nicht, ob Gott alle Menschen liebt und willkommen heißt. Wir sind schließlich alle ausnahmslos Sünder und allesamt nur aus Gnade vorbehaltlos geliebt und angenommen. Dass das mit der milieuübergreifenden Liebe und Annahme in der Praxis trotzdem nicht immer klappt ist sicher kein speziell konservatives Phänomen – auch von Liberalen geht leider Ausgrenzung und Mobbing aus. Nein, die Diskussion geht doch einzig um die Frage, welche PRAKTIZIERTE LEBENSWEISE von Gott geliebt und gesegnet ist. Dass Gott nicht jede ausgelebte Ausprägung sexueller Vielfalt segnet ist ja eindeutig. Bei der Pädophilie stimmen da inzwischen wohl sogar die Grünen geschlossen zu. Bei Inzest, Polygamie und Polyamorie sehe ich unter liberalen Christen keinen Konsens (die evangelischen Frauen und Männer sind ja z.B. stark für die Akzeptanz von Polyamorie eingetreten. Wie sieht das Worthaus?). Es geht also angesichts des breiten Spektrums sexueller Vielfalt nur um eine Grenzverschiebung speziell in Bezug auf die Menschen, die Homosexualität in auf Treuebeziehung angelegten Partnerschaften ausleben. Das soll jetzt als gottgewollte Schöpfungsvariante gedeutet werden – eine Sichtweise, die Konservative aus ihrer biblisch-hermeneutischen Perspektive und ihrem Gewissen vor Gott heraus nicht teilen können. Darüber kann man jetzt schimpfen oder (ganz im Sinne der „Gender-Agenda“) die Konservativen dafür lächerlich machen. Oder man könnte trotz aller Meinungsverschiedenheit anerkennen, dass es für diese Sichtweise (die ja kirchenhistorisch und auch heute noch in der weltweiten Kirche Jesu die weit überwiegende Mehrheit stellt) auch vernünftige, in sich schlüssige Gründe geben kann, die überhaupt nichts mit Lieblosigkeit, Enge oder gar „Homophobie“ zu tun haben. Wäre das nicht besser als die Behauptung, in konservativen christlichen Gruppen gäbe es ein „verkümmertes intellektuelles und geistiges Klima“? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich einen konservativen Redner schon einmal so despektierlich über Liberale hätte reden hören. Richtig ist, dass sich viele Konservative – auch ich – in Bezug auf Gender und sexuelle Vielfalt manchmal scharf äußern, weil sie diese Einflüsse als wirklich bedrohlich empfinden, v.a. wegen dem Druck zur Berufstätigkeit von Frauen, wegen der Aufgabe des Ideals dauerhafter Treuebeziehungen zugunsten von frühzeitigem sexuellem Ausprobieren und wegen den Auswirkungen auf die Stabilität von Partnerschaften und die psychische Stabilität von Kindern. Die negativen Folgen sehe ich auch in meinem persönlichen Umfeld schon jetzt an vielen Stellen. Die Ehe ist nun einmal ein zentraler Stabilitätsanker einer Gesellschaft. Ist es keine berechtigte Meinung, dass das Herumschrauben am Ehebegriff und am Treueideal bedrohlich für die Stabilität der Gesellschaft sein kann? Als ‚Demo für Alle‘-Teilnehmer gewinnt man den Eindruck, dass man mit solchen Meinungen ein rechter Hetzer sei. Woran liegt das?
Thorsten Dietz Markus Till Wenn alle konservativen (und andere) Diskussionsbeiträge zu solchen Fragen so sachlich und argumentativ aussähen wie Ihrer gerade, hätten wir sicherlich eine ganz andere Diskussionskultur. Und natürlich gibt es unsägliches Bashing und (Online-)Mobbing von linker und liberaler Seite. Immerhin, mein Eindruck ist: Wo ansatzweise Gespräche und Begegnungen beginnen, selbst online, ändert sich Tonfall zunehmend zum Guten.
Das Zitat mit dem „verkümmerten intellektuellen Klima“ stammt nicht von mir; ich habe dergleichen wohl aber schon mal gehört …;) Aber sorry, so etwas Schlimmes wollen Sie im Ernst noch nicht von konservativer Seite gehört haben? Das macht mich etwas fassungslos. Nur ein Beispiel: ich weiß z.B., dass viele liberale Christen schon mit dem Vorwurf konfrontiert worden sind, „ungläubig“ zu sein; und das als unglaublich verletztend und anmaßend empfinden. Wenn Evangelikale bisweilen einen sehr schlechten Ruf haben, liegt es auch daran, dass sie oft nicht merken, wie sehr sie andere treffen. (Ich rede hier nicht über Sie; sie sprachen ja auch allgemein von konservativen Rednern.)
In Sachen Treue, Wertschätzung der Ehe und Skepsis gegen alles Ausprobieren stehe ich ganz auf Ihrer Seite; nur sind wir hier sehr weit weg von meinen Vortragsthemen, oder? Das gilt auch für die Sexualethik, wo es viele möglichen Denkweisen zwischen den Extremen gibt. Durch solche Überzeugungen wird niemand zum „rechten Hetzer“. Manchmal denke ich jedoch, konservative Christen sollten sich bewusster vor Augen führen, was und wie sich Neurechte zu manchen Fragen äußern, auch in welchen Bewegungen sich sich mitengagieren. Wer die von der Jungen Freiheit getragene Seite/Aktion „Gender mich nicht“ teilt oder liked, begibt sich selbst in eine Gesellschaft, die er sich vielleicht nicht vorwerfen lasen möchte.
Markus Till Thorsten Dietz Hm, ja, Wachsamkeit gegenüber Rechtsaußen ist gefordert und ich kann nicht leugnen, dass es Manche gibt, die sich in bedenkliche Fahrwasser begeben haben. Allerdings ist auch das ganz sicher kein spezifisch konservatives Problem. Auf einer ‚Demo für alle‘ habe ich einmal mit eigenen Augen miterlebt, wie Birgit Kelle sich höchstpersönlich einigen NPD-nahen Mitläufern entgegengestellt und sie aus dem Demozug hinausgeworfen hat, und das obwohl keinerlei Gewalt von ihnen ausging. Das fand ich echt mutig. Ganz anders hingegen in der Gegendemonstration: Da fanden es die SPD’ler, Grünen, Gewerkschafter und kirchliche Gruppen offenbar völlig unproblematisch, Seit an Seit mit tiefschwarz gekleideten gewalttätigen Antifanten zu demonstrieren und bösartigste Parolen zu brüllen. Die Antifa war sogar offizieller Mitveranstalter und stellte einen Redner auf deren Demonstrationsbühne. Mit Entsetzen habe ich gesehen, dass in Hamburg Pfarrer dem schwarzen Block Kirchgärten als Zeltplätze zur Verfügung gestellt haben. Ich habe nichts von einem Aufschrei aus der Theologenszene gehört. Deshalb wirkt es inzwischen offen gesagt etwas heuchlerisch auf mich, wenn bei Konservativen immer auf Verbingungen mit „Neurechten“ gezeigt wird, zumal linke Meinungsmacher oft nicht zwischen konservativ und rechtsradikal unterscheiden sondern alles, was nicht mitjubelt im Gaypride-, Gender- und Refugees-Welcome-Konzert, undifferenziert zu einer braunen Soße verrühren (man denke nur an den unfassbaren ‚Agent*In‘ Online-Pranger der grünen Heinrich-Böll-Stiftung). Das ist nicht nur unredlich sondern antidemokratisch. Längst nicht alles, was von Linken als „Neurechts“ abgestempelt wird, ist wirklich rechtsaußen. Oft sind es schlicht und einfach Leute, die ganz einfach immer noch Meinungen vertreten, die vor 15 Jahren noch CDU-konservativer Mainstream waren.
Thorsten Dietz Markus Till Nachdem wir uns atmosphärisch ein wenig angenähert haben, können wir ja nun auch weiter streitbarer diskutieren, in Ordnung? Ich verstehe nicht ganz, warum Sie den Widerspruch gegen vermeintlich falsche Einordnung als „rechts“ wieder und wieder aufbringen. Es besteht doch ein breiter gesellschaftlicher Konsens, dass Extremisten von links und rechts, islamistisch, völkisch oder sonstwie radikal ein großes Übel sind. Und nach den Hamburger Krawallen war doch eine einhellige Verurteilung des Schwarzen Blocks der Mainstream in allen Medien. Diejenigen, die sich nur zu halbherzigen Verurteilungen durchringen konnten, haben ihre Wahlaussichten im Herbst entsprechend beschädigt. Und sorry, man muss nicht lange googlen, um auch kirchlich-kritische Stimmen zu hören…
Ich kann auch die Einschätzung nicht teilen, dass „linke Meinungsmacher“ konservativ und rechts einfach verrühren. Wo werden denn Konservative wie Kauder, Bosbach oder Schäuble mit brauner Soße verrührt? Rechts der Mitte gibt es viel: wertkonservativ, wirtschaftsliberal, libertär, nationalkonservativ, neurechts, altright, identitär, nationalistisch, völkisch, rechtsextrem, faschistisch und noch mehr, und die meisten politisch ernstzunehmenden Medien treffen solche Unterschiede beständig. Und umgekehrt mangelt es doch wahrlich nicht an Medien, Online-Plattformen und öffentlichen Intellektuellen, die als Sprachrohr für bisweilen schärfste Kritik am „linksgrünen Zeitgeist“ fungieren. Das allermeiste ist völlig legal; muss aber auch akzeptieren, dafür nicht weniger scharf kritisiert zu werden. Ja, viele verwenden „rechts“ als Schmäh- und Schimpfwort; auch das ist nicht illegal, und jeder kann sich demgegenüber verwahren so gut es geht.
Natürlich gibt es links(extremen) Blödsinn, da Sie den Onlinepranger ansprechen: er ist inzwischen offline, wohl auch, weil es massive Kritik innerhalb des feministisch-linken Lagers an einer solchen linken Version von Wikimannia gegenben hat. Auch ich habe z.B. sofort am Tag der Veröffentlichung dieser Plattform an den verantwortlichen Herausgeber geschrieben, diese Idee als völlig kontraproduktiv bezeichnet und an Beispielen gezeigt, wie sehr einige Christen völlig verzeichnet werden. Auch links der Mitte ist es sehr bunt.
Dass Birgit Kelle sich persönlich NPD-Anhängern entgegentrat, ehrt sie sehr. Mich wundert allerdings, dass sie das selbst tun muss und die Versammlung nicht von sich aus Abstand sucht. Und so, wie sich Globalisierungskritiker fragen lassen müssen, warum sich Gewalttäter von ihrem Protest angezogen fühlen, sollten sich Konservative bisweilen fragen, warum sie in manchen Fragen im politischen Spektrum nur noch rechts der AfD völlige Zustimmung genießen. Das kann Pech sein, aber man sollte darüber nachdenken.
Mein Vorschlag, lassen wir die Etiketten weg, ich halte Sie nicht für rechts(-extrem), Birgit Kelle auch nicht. Für mich selbst mag ich vergleichbare Etiketten auch nicht, aber sorry, ich kann auch gut ignorieren, was ich an Vorwürfen und Einsortierungen nicht für beantwortungswürdig halte… Es wäre schön, wenn Christen wieder zu anderen Formen des gemeinsamen Gesprächs zurückfänden. Aber nun gut, das muss die große Mehrheit wollen, und im Moment haben viele ein größeres Interesse an Polarisierung und Profilierung. Immerhin, zarte Pflänzchen des Gesprächs hier und anderswo lassen mich nicht hoffnungslos. Einen schönen Sonntagabend noch!
Markus Till Lieber Thorsten Dietz herzlichen Dank für Ihre offenen Zeilen! Ich konnte leider gestern nicht gleich antworten wegen einem großen Familienfest. Aber ich finde sachlichen Klartext immer sehr gut. Ich leide darunter, dass Christen m.E. viel zu oft Meinungsverschiedenheiten unter den Teppich kehren. Viel besser ist es doch, dass wir „lernen wie man streiten und sich dennoch lieben kann“! Vielen Dank für Ihr Engagement gegen agent*in! Und wir sind uns natürlich komplett einig, dass Extremismus jeglicher Couleur strikt zu verurteilen ist, wobei mir nicht klar ist, welche konservativen Meinungen nur noch „rechts der AfD“ zu finden seien? Also ich finde schon die rechte Höcke-Hälfte der AfD schlicht gruselig. Aber gut, dass seit G20 auch der linke Extremismus stärker in den Fokus gerät. Jetzt bin ich mal gespannt, ob die bunten Vielfaltsdemos es ab jetzt den Demos für Alle gleichtun und schwarze Antifanten rausschmeißen. 😉 Ich habe offen gesagt Zweifel, weil ich fürchte, dass es in der linken Szene durchaus viele Sympathisanten gibt, die so wie Augstein Gewalt zumindest nicht konsequent ablehnen, weil die herrschenden Strukturen ja auch gewalttätig seien. Und es sind m.E. Gendervertreter wie dieser hier, die den Boden dafür bereiten, indem sie behaupten, dass die „Theorie der biologischen Zweiteilung“ von den Nazis eingeführt worden wäre und „viel Leid“ mit sich bringt, weil sie „gewaltsame Strukturen“ verfestige. Solche Thesen darf er hier auch noch in einer mit Hilfe meiner Kirchensteuern finanzierten evangelischen Zeitschrift verbreiten. Tja, komisch nur, dass Jesus auch vor 1920 schon davon sprach, dass Gott die Menschen als Mann und Frau schuf und nicht in vielen Geschlechtern. Haben die Nazis diese „radikale Zweiteilung“ etwa von Jesus gelernt? Ironiemodus aus. Jetzt wieder im Ernst: Darf ich Sie offen fragen, ob Sie auch an solche Leute gedacht haben mit Ihrem Gender-Verteidigungsvortrag? Und was würden Sie ihm theologisch und sachlich entgegnen auf seine These, dass Konservative wie ich viel Leid und Gewalt verursachen, weil sie an Jesu Lehre von der Schöpfung als Mann und Frau festhalten? http://chrismon.evangelisch.de/…/weder-mann-noch-frau…
Einteilung in zwei Geschlechter schadet
Damenbart und Männer­busen: Heinz-Jürgen Voß…chrismon.evangelisch.de
Thorsten Dietz Markus Till Klar, Voss kenne ich, vor allem sein „Making Sex revisited“. Einiges ist lehrreich, anderes sehe ich bei ihm kritisch. Vor allem sein letztes Buch „Schwule Sichtbarkeit“ (2016) hat mich mit seinem hyperkonstruktivistischen Ansatz gar nicht überzeugt.
Das mit den Nazis klingt echt unsinnig. Ich versuche mal, seine Aussage ad bonam partem zu lesen: Es gibt ja die berühmte Laqueur-These, dass es im klassischen Okzident nur ein Geschlecht gab, das Männliche, und das Weibliche dem als das Andere oder als Verfallsstufe gegenübergestellt wurde. Sodann ist es richtig, dass die moderne Sexualwissenschaft seit dem 19. Jahrhundert durchaus von mehr Geschlechtern bzw. sexuellen Zwischenstufen (Hirschfeld) sprach – und die Nazis diese Forschung rigoros abwürgten.
Unhaltbar bleibt Voss‘ Aussage trotzdem, einfach mal ein Zitat von vor 1920: „Aus dem Spruch [Gen 1,27] sind wir gewiss, dass Gott die Menschen in zwei Teil geteilet hat, dass es Mann und Weib oder ein Er und ein Sie sein soll. Und das hat ihm also gefallen, dass er’s selbst ein gut Geschöpf nennet. Darum, wie einem jeglichen von uns Gott seinen Leib geschaffen hat, so muss er ihn haben.“ (Martin Luther)
Also, in mancher Hinsicht habe ich an solche Leute gedacht in der Passage, wo ich von Übertreibungen, Wahnsinn und Wissenschaftsfreiheit rede. Aber: gleichzeitig finde ich das konkrete Anliegen des Interviews richtig: Es gibt Menschen zwischen den Geschlechtern, und ich unterstütze seinen Wunsch, dass diese „in Ruhe aufwachsen können, ohne gewaltsame geschlechtszuweisende Eingriffe“. Soweit ich sehe, wird dies im Blick auf intersexuelle Menschen zunehmend auch von evangelikalen Ethikern und Seelsorgerinnen geteilt.
Markus Till Thorsten Dietz Hm, ja, aber die sehr spezielle Situation von intersexuellen Menschen war ja hier nicht meine Frage sondern Ihre Einschätzung zu seiner These, dass das Festhalten an Zweigeschlechtlichkeit gemäß Jesu Lehre zu Leid und Gewalt führt? DAS ist doch das konkrete Anliegen des Interviews, siehe auch Überschrift: „Einteilung in 2 Geschlechter schadet“, und zwar nicht nur einer kleinen Gruppe sondern ganz allgemein! Sie sei verantwortlich für „hierarchische, gewaltsame Strukturen: Gewalt gegen Frauen, Zwangsprostitution, ungleiche Löhne.“ Da kann ich verstehen, dass man ziemlich aggressiv auf Konservative wird, so wie ich es bei jeder Demo für Alle unter Polizeischutz erlebt hab. Hab grade gestern bei Prof. Schirrmacher von einem Mord eines Atheisten an einer Christin gelesen, weil sie der Homo-Ehe nicht zustimmen wollte… (O.K. ich höre schon auf, ich will hier nicht das arme Opfer spielen). Das würde mich also schon sehr schmerzen, wenn Sie sich nicht sehr klar und deutlich von solchen Thesen und aggressiven Gendervertretern distanzieren wollten. Das kann man m.E. auch nicht einfach mit „Freiheit der Forschung“ abtun. https://www.facebook.com/tobias.faix

 

 

Der Charakter der Psalmen

Ein menschliches Herz ist wie ein Schiff auf einem wilden Meere, welches die Sturmwinde von allen vier Himmelsrichtungen hin und her treiben: von hieher stößt Furcht und Sorge vor zukünftigem Unglück; von dorther fährt Gram und Traurigkeit über gegenwärtiges Übel; von da weht Hoffnung und Vermessenheit im Blick auf zukünftiges Glück; von dort bläst Sicherheit und Freude über gegenwärtigen Gütern. Solche Sturmwinde aber lehren mit Ernst reden und das Herz öffnen und es von Grund ausschütten. Denn wer in Furcht und Not steckt, der redet sehr viel anders vom Unglück, als wer in Freuden schwebt; und wer in Freuden schwebt, der redet und singt sehr viel anders von Freuden, als wer in Furcht steckt. Es kommt nicht von Herzen, sagt man, wenn ein Trauriger lachen oder ein Fröhlicher weinen soll; das will heißen: seines Herzens Grund steht nicht offen und kommt nicht heraus [ans Licht]. Was ist aber das meiste im Psalter anderes als solch ernstliches Reden in allerlei solchen Sturmwinden?
Wo findet man feinere Worte von Freuden als in den Lob- oder den Dankpsalmen? Da siehst du allen Heiligen ins Herz wie in schöne Lustgärten, ja wie in den Himmel; [du siehst], wie feine, liebliche, herzerfreuende Blumen darin aufgehen von allerlei schönen, fröhlichen Gedanken gegen Gott um seiner Wohltat willen.
Andererseits, wo findest du tiefere, von Klage und Jammer mehr erfüllte Worte der Traurigkeit als in den Klagepsalmen? Da siehst du abermals allen Heiligen ins Herz wie in den Tod, ja wie in die Hölle. Wie finster und dunkel ist’s da von allerlei betrübtem Anblick des Zornes Gottes! Ebenso auch, wo die Heiligen von Furcht oder Hoffnung reden, da gebrauchen sie solche Worte, dass dir kein Maler die Furcht oder die Hoffnung so abmalen und kein Cicero oder Redekundiger sie dir so schildern könnte. Und, wie gesagt, das Allerbeste ist, dass die Psalmisten diese Worte Gott gegenüber und mit Gott reden; denn das bewirkt, dass doppelter Ernst und zwiefältiges Leben in den Worten liegt. Denn wo man sonst Menschen gegenüber von solchen Dingen redet, geht es nicht so stark von Herzen, brennt, lebt und drängt nicht so sehr.
Daher kommt’s auch, dass der Psalter aller Heiligen Büchlein ist, und ein jeder, in welcher Lage er auch ist, Psalmen und Worte darin findet, die sich auf seine Lage reimen und so auf ihn passen, als wären sie nur um  seinetwillen so geschrieben; er könnte sie auch selbst nicht besser verfassen oder erfinden, noch sich bessere wünschen. Das ist dann auch dazu gut: wenn einem solche Worte gefallen und sie auf ihn passen, dann wird er dessen gewiss, er sei in der Gemeinschaft der Heiligen, — es sei ja allen Heiligen so ergangen, wie es ihm geht, weil sie alle das gleiche Liedlein mit ihm singen; — besonders dann, wenn er die Worte in solcher Weise auch Gott gegenüber reden kann, wie sie es getan haben. Dies muss freilich im Glauben geschehen, denn ein gottloser Mensch findet keinen Geschmack an solchen Worten.
Martin Luther, Vorrede zum Psalter (1528), WA DB 10, 1, Seite 100-102, abgedruckt in: Martin Luther, Das schöne Confitemini, Calwer Luther-Ausgabe, Bd. 7, Siebenstern: München-Hamburg 1967, Seiten 56-58.

 

„Gott ist aus der Kirche ausgetreten“

RELIGIÖSE NACHRICHT – ein Hirtenbrief
Als die Nachricht um die Erde lief,
Gott sei aus der Kirche ausgetreten,
wollten viele das nicht glauben.
»Lüge, Propaganda und Legende«, sagten sie,
bis die Oberen und Mächtigen in der Kirche
sich erklärten und in einem sogenannten Hirtenbrief
folgendes erzählten:
»Wir, die Kirche, haben Gott, dem Herrn,
in aller Freundschaft nahgelegt,
doch das Weite aufzusuchen,
aus der Kirche auszutreten und gleich alles
mitzunehmen, was die Kirche schon immer gestört.
Nämlich seine wolkenlose Musikalität,
seine Leichtigkeit und vor allem
Liebe, Hoffnung und Geduld.
Seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben
seine Nachsicht, seine fassungslose Milde,
seine gottverdammte Art und Weise alles zu verzeihen
und zu helfen, –
sogar denen, die ihn stets verspottet;
seine Heiterkeit, sein utopisches Gehabe,
seine Vorliebe für die, die gar nicht an ihn glauben,
seine Virtuosität des Geistes überall und allenthalben,
auch sein Harmoniekonzept bis zur Meinungslosigkeit,
seine unberechenbare Größe und vor allem,
seine Anarchie des Herzens – usw. …
Darum haben wir, die Kirche, ihn und seine große Güte
unter Hausarrest gestellt,
äußerst weit entlegen, daß er keinen Unsinn macht,
und fast kaum zu finden ist.«
Viele Menschen, als sie davon hörten,
sagten: »Ist doch gar nicht möglich!
Kirche ohne Gott?
Gott ist doch die Kirche!
Ist doch eigentlich gar nicht möglich!
Gott ist doch die Liebe,
und die Kirche ist die Macht,
und es heißt: ,Die Macht der Liebe!´
Oder geht es nur noch um die Macht?!«
Andere sprachen: »Auch nicht schlecht,
nicht schlecht; Kirche ohne Gott!
Warum nicht, Kirche ohne Gott!?
Ist doch gar nichts Neues,
gar nichts Neues!
Gott kann sowieso nichts machen.
Heute läuft doch alles anders.
Gott ist out, Gott ist out!
War als Werbeträger nicht mehr zu gebrauchen.«
Und:
»Die Kirche hat zur rechten Zeit das Steuer
rumgeworfen.«
»Kirche ohne Gott!« das ist der Slogan.
Doch den größten Teil der Menschen
sah man hin und her durch alle Kontinente ziehn,
und die Menschen sagten:
»Gott sei dank!
Endlich ist er frei.
Kommt, wir suchen ihn!«  Hanns Dieter Hüsch

Die Bibel ist langweilig?

Wenn Leute sagen, die Bibel sei langweilig, dann frage ich mich: Warum? Biblische Charaktere sind voller Leben. Ihnen ist einen einzigartige Leidenschaft zeigen. Ihre Biografien offenbaren Dramatik, Pathos, Lust, kriminelle Energie, Hingabe und jeden erdenklichen Aspekt des menschlichen Seins. Da finden wir Tadel, Reue, Buße, Trost, praktische Weisheit, philosophische Betrachtungen und vor allem Wahrheit. […] Auch wenn ihre Lebensumstände ganz andere waren als unsere, sind ihre Probleme und Sorgen den unseren sehr ähnlich.
Die Langeweile, die manche beim Bibellesen empfinden, begegnete mir vor einiger Zeit, als ich beauftragt wurde, in einem christlichen College Pflichtkurse über die Bibel zu unterrichten. Der Leiter der Einrichtung rief mich und sagte: „Wir brauchen einen jungen und begeisterten Mann mit dynamischen Methoden, der die Bibel lebendig machen kann.“ Ich musste mich dazu zwingen, mir die Antwort zu verkneifen. Ich wollte sagen: „Sie wollen, dass ich die Bibel zum Leben erwecke? Ich wusste noch gar nicht, dass sie gestorben ist. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht einmal, dass sie krank war. Wer war der behandelnde Arzt, als die Bibel starb?“ Nein, ich kann die Bibel für niemanden lebendig machen. Sie ist schon lebendig. Sie hat mich ins Leben gerufen.  
R.C. Sproul

Die Bibel ist nicht harmlos.

Luther hat ganz provozierend gesagt: „Wie könnten wir Unbesonneneres und Vermesseneres tun, denn dass wir uns unterstehen, Gott und sein Wort zu richten, die wir von ihm sollten gerichtet werden? Darum soll man darauf schlicht stehen und beharren, dass, wenn wir hören, dass Gott etwas sagt, wir es glauben, und nicht darüber disputieren, sondern vielmehr unsere Vernunft gefangen nehmen unter den Gehorsam Christi.“

 

Veröffentlicht unter Zitate

Apologetik – Theorie und Praxis

Apologetik Lewis„Jeder Beitrag dieser berühmten, in unzählige Sprachen übersetzten Essaysammlung ist eine Perle für sich. Zeugnis des ungemein reichen, vielfältigen Schaffens des genialen Autors, dessen Werke heute zur Weltliteratur gehören.“ So steht es auf dem Buchdeckel hinten und der ehrliche Leser wird nicht sagen können, es sei übertriebene Werbung für das Buch.

C.S. Lewis begrüßt den Leser höflich aber scharf mit seinem Titel: „Pardon, ich bin Christ.“ Schritt für Schritt erklärt er dann, warum er das ist. Auffällig sind nicht nur seine zwingenden Argumente, sondern auch sein einladender Schreibstil. Er nimmt den skeptischen Leser ernst und begegnet ihm respektvoll, denn er war selbst lange Zeit Skeptiker.

Einleitend steckt er den bemerkenswerten Rahmen für sein Buch: keinesfalls will er für eine bestimmte Konfession eintreten, denn er selbst sei ein „ganz gewöhnliches Laienmitglied der Anglikanischen Hochkirche“ und keiner der Fachleute. Stattdessen will C.S. Lewis das Christentum „schlechthin“ verteidigen. Er richtet sich an diejenigen, die dem Christentum fern stehen. Er verteidigt keine Dogmatik sondern den christlichen Glauben an sich.

Damit ist das Buch „Pardon, ich bin Christ“ Apologetik im ursprünglichen Sinne des Begriffs. Wie Stephan Holthaus in seinem gleichnamigen Werk über das Thema schreibt:

„Apologetik hat im Übrigen nichts mit innerchristlichen Kontroversen zu tun. Es geht dabei nicht um die Unterschiede zwischen den Konfessionen. Die gehören in die Konfessionskunde. Christliche Apologetik interessiert nicht die Frage, ob Kindertaufe oder Glaubenstaufe biblisch sind, welche Lehre von der Prädestination man vertreten soll, ob die Charismatische Bewegung biblisch legitim ist oder nicht. Vielmehr steht die Auseinandersetzung mit nichtchristlichen oder pseudochristlichen Ideologien und Denksystemen im Mittelpunkt. Dieser Zusammenhang muss unbedingt betont werden, da mittlerweile immer mehr Bücher erscheinen, die sich mit innerchristlichen Konfliktfeldern auseinandersetzen und das alles als „Apologetik“ bezeichnen. Mitunter werden dabei innerchristliche Unterschiede schwerer gewichtet und aggressiver bekämpft als Einwände „von außen“. Solche Entwicklungen sind bedenklich.“ (S.15)

So wichtig dogmatische Einzelfragen sind, so ist doch die Verteidigung des christlichen Glaubens gegen Angriffe „von außen“ ebenso wichtig oder gar wichtiger. Apologetik in diesem Sinne ist rar geworden aber notwendig, und deshalb legen wir Ihnen heute diese beiden Bücher ans Herz. Von Holthaus lernen wir, was Apologetik ist. Von Lewis lernen wir, wie es in der Praxis aussehen kann.

Apologetik – Theorie und Praxis

Ohne Unterweisung leben Christen wie Säue

Als Martin Luther durch das Nachsinnen über Römer 1:16,17 zum Glauben an das Evangelium durchgestoßen war, dachte er zunächst, daß es von nun an ausreichen würde, allein das Evangelium zu verkünden, um die Menschen zu Christus zu führen und sie im Glauben zu erhalten. Außerdem ging er davon aus, daß Jesus bald wiederkommen werde und er Teil der endzeitlichen Erneuerung der Gemeinde sei. Als er merkte, daß beides nicht zutraf, begann er umzudenken. Er merkte, daß neben der Verkündigung des Evangeliums noch die gezielte Unterweisung der Gläubigen vonnöten ist, damit diese wirklich im Glauben an Christus gegründet werden und an praktischer Gottesfurcht zunehmen. Deshalb verfaßte er den kleinen Katechismus, in dessen Vorrede er auf sein Umdenken eingeht.

Diesen  Katechismus  oder  christliche  Lehre  in  eine  solche  kleine,  schlichte,  einfache  Form  zu bringen,  hat  mich  die  klagenswerte,  elende  Not  gezwungen  und  gedrungen,  die  ich  neulich erfahren  habe,  als  ich  auch  Visitator  war.  Hilf,  lieber  Gott,  wie  viel  Jammer  habe  ich  da gesehen!  Der  ungelehrte  Mann  weiß  doch  gar  nichts  von  der  christlichen  Lehre,  besonders auf  den  Dörfern,  und  viele  Pfarrer  sind  sehr  ungeschickt  und  untüchtig  zu  lehren.  Und  doch wollen  sie  alle  Christen  sein,  getauft  sein  und  die  heiligen  Sakramente  genießen,  obwohl  sie weder  das  Vaterunser  noch  das  Glaubensbekenntnis  oder  die  Zehn  Gebote  kennen, sondern  sie  leben  dahin  wie  das  liebe  Vieh  und  wie  unvernünftige  Säue.  Und  jetzt,  wo  das Evangelium  hingekommen  ist,  da  haben  sie  fein  gelernt,  alle  Freiheit  meisterhaft  zu missbrauchen!

Luther mußte schmerzlich erfahren, daß es nicht ausreicht, einzig auf die Verkündigung von der Kanzel zu setzen. Die Gemeinde braucht darüber hinaus intensive Katechese bzw., um einen modernen Begriff zu gebrauchen, Jüngerschaftstraining. Das Vorbild dazu ist der Apostel Paulus. Er verkündigte Christus, hatte dazu aber die Leidenschaft, jeden Menschen zu ermahnen und zu lehren, um ihn vollkommen in Christus darzustellen.

Ihn verkündigen wir, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen lehren in aller Weisheit, um jeden Menschen vollkommen in Christus Jesus darzustellen. Kolosser 1:28

Wir müssen uns überlegen, wie wir diese intensive Unterweisung wieder Teil unseres Gemeindedienstes werden lassen.

Ohne Unterweisung leben Christen wie Säue

Das Evangelium predigen

„Es gibt Männer, die meinen, dass sie das Evangelium predigen, während sie tatsächlich eigentlich nur Dinge über das Evangelium sagen. Ich habe immer empfunden, dass dies das besondere Charakteristikum und der Fallstrick der Barthianer ist. Sie sprechen ständig über ‚das Wort‘ und sagen Dinge über ‚das Wort‘. Doch dazu sind wir nicht berufen; wir sind berufen, das Wort zu predigen und vorzustellen und das Wort den Menschen direkt zu bringen. Wir sollen nicht einfach Dinge darüber sagen, wir sollen eigentlich das Wort selber mitteilen. Wir sind die Kanäle und die Werkzeuge, durch welche dieses Wort zu den Menschen gelangen soll.“ (D. M. Lloyd-Jones)

Veröffentlicht unter Zitate

Was weißt Du von den Schmerzen die in mir sind ?

„Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen?
Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich.
Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.“ Franz Kafka wurde heute vor 134 Jahren geboren

 

Veröffentlicht unter Zitate

Peter Berger (1929–2017)

Der Religionssoziologe Peter L. Berger ist am 27. Juni 2017 verstorben. Der katholische Theologe Paul M. Zulehner erinnert sich an einen Freund. Vor sieben Jahren hatte ich ein Gespräch zwischen Al Mohler und Peter Berger hier gepostet.
In Erinnerung an Berger ein Zitat aus seinem Buch: Erlösender Glaube (2004, S. 1):
Wenn wir vorübergehend die Frage außer Acht lassen, warum jemand einen Glauben hat: Es gibt gute Gründe, weshalb viele Menschen, häufig sehr erfolgreich, ohne einen Glauben durchs Leben gehen. Schwieriger ist es einzusehen, warum jemand kein Interesse an diesem Thema haben sollte. Religiöser Glaube, egal in welcher Form, basiert immer auf einer Grundannahme – nämlich der, dass es eine Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit des gewöhnlichen, alltäglichen Lebens gibt, und dass diese tiefer liegende Wirklichkeit eine gutartige ist. Anders ausgedrückt: Religiöser Glaube impliziert, dass es etwas gibt, das über den Tod und die Verwesung hinaus geht, die, wie wir wissen, nicht nur uns selbst erfassen werden, sondern alles, was uns in der Welt etwas bedeutet – die Menschheit und den Planeten, auf dem die Menschheitsgeschichte ihren Lauf nimmt, und (wenn die moderne Physik Recht behält) das gesamte Universum.
http://theoblog.de/peter-berger-gestorben/30400