Billy Graham

Gestern ist Billy Graham im Alter von 99 Jahren verstorben. Er gilt neben Martin Luther King (mit dem er befreundet war!) als der wichtigste US-Amerikaner des 20. Jahrhunderts. Als Erinnerung an ihn und zum Weitertragen dessen, was ihm wichtig gewesen ist, gibt es heute diesen Beitrag:
Billy Graham erzählte in seinen Evangelisationen manchmal diese Geschichte:
Ein Kind steht in London weinend an einer Straßenkreuzung auf dem Bürgersteig und weint. Niemand beachtet es so richtig. Menschen hasten vorbei, Autos brausen vorüber, die Ampel wird grün und wieder rot. Schließlich entdeckt eine Frau das weinende Kind. Sie stellt ihre Einkaufstasche auf den Boden, bückt sich vor dem Kind, schaut ihm ins Gesicht und fragt: „Was ist denn los?“ Das Kind sagt: „Ich habe mich verlaufen. Ich weiß nicht wo ich bin. Ich sollte doch längst zuhause sein. Aber ich finde den Weg nicht!“ Die Frau trocknet erst einmal die Tränen und fragt: „Weißt Du denn Eure Adresse?“ Das Kind schüttelt traurig den Kopf. Die Frau hebt den Kopf des Kindes und sagt: „Schau Dich doch einmal um. Kannst Du irgendetwas sehen, was Du kennst?“ Und da sagt das Kind: „Da hinten: der Turm mit dem Kreuz auf der Spitze: Das ist unsere Kirche, die ist bei uns um die Ecke.“ Die Frau fragt: „Wenn wir dorthin gehen: Findest Du dann nach Hause?“ Das Kind nickt mit dem Kopf und sagt „Mhm. Ja.“ Da sagt die Frau: „Dann bringe ich Dich jetzt dorthin und von dort gehen wir nach Hause.“
Billy Graham sagte dazu: „Das ist der Grund, warum ich predige. Ich möchte so sein wie diese Frau. Ich möchte den Menschen, die die Orientierung verloren haben helfen, dass sie das Kreuz entdecken und nach Hause finden“
Eine Geschichte von Billy Graham

Bürokratie

Bürokratie nennt man diejenige Form des Menschen am Mitmenschen, in welcher gerade dieser erste Schritt, der Schritt in die gegenseitige Offenheit verfehlt … wird, weil die Zweisamkeit um der Einfachheit einer allgemeinen Betrachtung und eines allgemeinen Verfahrens willen umgangen wird. Bürokratie ist die Begegnung von Blinden mit solchen, die von diesen als Blinde behandelt werden. Ein Büro ist eine Stelle, wo die Menschen unter gewissen Schemata betrachtet und nach bestimmten Plänen, Grundsätzen und Regeln behandelt, abgefertigt, verarztet werden. Das kann dann wohl dazu führen, dass die Menschen selbst – die Behandelnden und die Behandelten – sich gegenseitig unsichtbar werden. Nicht jedes Büro ist ein Amtsbüro. Es sitzt und wirkt auch mancher, ohne es zu wissen, zeitlebens in seinem Privatbüro, von dem aus er die Menschen … nach seinen Privatplänen zu behandeln und abzufertigen gedenkt, wobei es dann wohl möglich ist, dass ihm die wirklichen Menschen gerade deshalb zeitlebens unsichtbar bleiben, wie er selbst dann vielleicht auch den Anderen zeitlebens unsichtbar bleiben muss. (Kirchliche Dogmatik Bd. III / 2 S. 299 und 302 – Kapitel „Die Grundform der Menschlichkeit“)
Zitat des Monats: Der unsichtbare Mensch – Karl Barth zur Bürokratie

Die sechste Bitte Und führe uns nicht in die Versuchung

154. wenn das Wort “ Versuchung “ oder “ Prüfung “ nicht so allgemein üblich wäre, so stünde es viel besser und wäre klarer, wenn man es so ausdrückte: „Und führe uns nicht in Anfechtungen“. In diesem Gebet lernen wir aber, wie elend das Leben auf Erden ist. Denn es ist lauter Anfechtung, und wer hiernach Frieden und Sicherheit für sich sucht, handelt nicht weise; er kann es auch niemals dazu bringen. Und wenn wir alle es begehrten, so ist es doch unmöglich. Es ist ein Leben der Anfechtung und bleibt es.
155. Darum sagen wir nicht: „Nimm die Anfechtung weg von uns“, sondern: „Führe uns nicht hinein“, als wollte man sagen: „Wir sind hinten und vorne von Anfechtungen umgeben und können uns nicht davon freimachen. Aber, o unser Vater, hilf uns, dass wir nicht hineingeraten, d. h. dass wir nicht dazu einwilligen und so überwunden und unterdrückt werden“. Denn wer in die Sünde einwilligt, der sündigt und wird ein Gefangener der Sünde“, wie Paulus (Römer 7,23) sagt. Weiterlesen

Führe uns nicht in Versuchung

Muß denn die Stunde der Versuchung nicht kommen? Ist es darum nicht unerlaubt, so zu beten? Sollten wir nicht vielmehr allein darum beten, daß uns in der Stunde der Versuchung, die ja kommen muß, Kraft zur Überwindung geschenkt werde? Dieser Gedanke will mehr von der Versuchung wissen als Christus und will frömmer sein als der, der die schwerste Versuchung erfuhr. »Muß die Versuchung nicht kommen?« Ja, warum denn? Muß denn Gott die Seinen dem Satan ausliefern? muß er sie denn an den Abgrund des Abfalles führen? Muß denn Gott dem Satan solche Macht einräumen? Wer sind denn wir, daß wir davon reden könnten, daß Versuchung kommen müsse? Sitzen wir denn in Gottes Rat? Und wenn schon Versuchung kommen muß, – Kraft eines uns unbegreiflichen göttlichen Muß – dann ruft uns eben Christus, der Versuchteste von allen auf, gegen dieses göttliche Muß anzubeten, nicht resigniert-stoisch sich der Versuchung auszuliefern, sondern von jenem dunklen Muß, in dem Gott den Teufel willfährig ist, zu jener offenbaren göttlichen Freiheit zu fliehen und zu rufen, in der Gott den Teufel unter die Füße tritt. Führe uns nicht in Versuchung! (Matthäus 6, 13) Dietrich Bonhoeffer
Quelle:Illegale Theologenausbildung: Sammelvikariate 1937-1940, DBW Band 15, Seite 375
http://www.dietrich-bonhoeffer.net/zitat/id/448/

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Ich will meine Theologie erleben!

Wir müssen uns nicht zwischen einem geistlichen Leben der Wahrheit und der rechten Lehre [auf der einen Seite] und einem der Kraft des Heiligen Geistes [auf der anderen Seite] entscheiden, sondern beides gehört zusammen. Meine Aufgabe war es nicht, meine Theologenstube zu verlassen und endlich jemand zu werden, der Erlebnisse mit Gott hatte, sondern den Heiligen Geist zu bitten, mir zu helfen, meine Theologie zu erleben. Tim Keller in „Beten: Dem heiligen Gott nahekommen“

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Über Lüge, Bullshit und die Wahrheit

Noch gut kann ich mich an jenen Moment erinnern, in dem ich das sonderbar kleine Büchlein mit dem Titel Bullshit zu lesen begann. Der amerikanische Autor Harry G. Frankfurt eröffnet seinen Essay mit dem bemerkenswerten Satz: »Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, daß es so viel Bullshit gibt.«

Die Textvorlage für das Essay lag fast zwei Jahrzehnte in einer Ablage. Das Buch spricht all jenen aus dem Herzen, denen die Deutungshoheit der Bullshiter unerträglich geworden ist. Bullshiter tun so, als betrieben sie Vermittlung von Informationen, tatsächlich manipulieren sie Meinungen und Einstellungen von Menschen in ihrem eigenen Interesse. So sind wir umgeben von Meinungsmüll, der eine Unterscheidung von Wahrheit und Lüge kaum mehr zulässt. Die Kultur des Alltags ist die Kultur des Bullshits.

Der Lügner hat – in einem gewissen Sinn – noch Respekt vor der Wahrheit. Wer lügt, weiß, das ihm die Wahrheit gefährlich werden kann. Der Bullshiter interessiert sich nicht für die Wahrheit, sondern für die Durchsetzung seiner Interessen. Insofern kommt Frank­furt zu dem Ergebnis, dass das Desinteresse an der Wahrheit moralisch verwerflicher ist als das Lügen (welches auch verwerflich ist).

Der aufmerksame Leser des seltsamen Bestsellers konnte spüren, dass Frankfurt noch mehr zu sagen hat. Neugierig macht zum Beispiel folgender Abschnitt:

Die gegenwärtige Verbreitung von Bullshit hat ihre tieferen Ursachen auch in diversen Formen eines Skeptizismus, der uns die Möglichkeit eines zuverlässigen Zugangs zur objektiven Realität abspricht und behauptet, wir könnten letztlich gar nicht erkennen, wie die Dinge wirklich sind. Diese »antirealistischen« Doktrinen untergraben unser Vertrauen in den Wert unvoreingenommener Bemühungen um die Klärung der Frage, was wahr und was falsch ist, und sogar unser Vertrauen in das Konzept einer objektiven Forschung. Eine Reaktion auf diesen Vertrauensverlust besteht in der Abkehr von jener Form der Disziplin, die für die Verfolgung eines Ideals der Richtigkeit erforderlich ist, und der Hinwendung zu einer Disziplin, wie sie die Verfolgung eines alternativen Ideals erfordert, nämlich eines Ideals der Aufrichtigkeit. Statt sich in erster Linie um eine richtige Darstellung der gemeinsamen Welt zu bemühen, wendet der einzelne sich dem Versuch zu, eine aufrichtige Darstellung seiner selbst zu geben. In der Überzeugung, die Realität besitze keine innerste Natur, die als wahre Natur der Dinge zu erkennen er hoffen dürfe, bemüht er sich um Wahrhaftigkeit im Hinblick auf seine eigene Natur. Es ist, als meinte er, da das Bemühen um Tatsachentreue sich als sinnlos erwiesen habe, müsse er nun versuchen, sich selbst treu zu sein. (Bullshit, S. 9)

Inzwischen liegt die Übersetzung eines neuen Buches von Frankfurt vor. Das nur bescheidene 93 Seiten umfassende Werk trägt den ganz und gar nicht zurückhaltenden Titel: Über die Wahrheit. Es ist ein Pamphlet gegen den postmodernen Skeptizismus im Sinne Richard Rortys oder Hilary Putnams. Frankfurt spricht nun lautstark aus, was er in Bullshit stillschweigend voraussetzt: Man kann wahre von falschen Aussagen unterscheiden.

Frankfurt umschifft epistemologische Diskussionen und verzichtet auf eine philosophische Definition von Wahrheit. Sein Interesse gilt der Verteidigung eines pragmatischen Wahrheitsbegriffs. Die Wahrheit als Alltagsvernunft sei wegen ihres praktischen Nutzens unaufgebar. Wir können ohne Wahrheit, so der Philosoph, einfach nicht leben.

In allen Dingen, die wir unternehmen, und daher im Leben überhaupt hängt der Erfolg oder Mißerfolg davon ab, ob wir uns von der Wahrheit leiten lassen oder ob wir in Unwissenheit oder auf der Grundlage von Unwahrheit vorgehen. Er hängt natürlich auch ganz entscheidend davon ab, was wir mit der Wahrheit anfangen. Ohne Wahrheit jedoch sind wir vom Glück verlassen, bevor wir Überhaupt begonnen haben. Wir können wirklich nicht ohne Wahrheit leben. Wir brauchen die Wahrheit nicht nur, um zu verstehen, wie wir gut leben sollen, sondern auch, um zu wissen, wie wir überhaupt überleben können. (Über die Wahrheit, S. 36–37)

Das Buch kann überall im Buchhandel für 10,00 € erworben werden: Harry G. Frankfurt, Über die Wahrheit. München: Hanser, 2007, ISBN 3446208380.

Ein Interview mit Harry Frankfurt zum Buch finden Sie hier.

„Was entgegnen Sie jemanden, der predigt, dass wir ‚Jesus treu sein sollen‘, anstatt ‚der Bibel treu‘ gegenüber zu sein?“

„Meine Antwort darauf ist, dass dies eine falsche Unterteilung ist. Niemand hatte eine größere Wertschätzung für die Bibel als Jesus, und niemand hat eine größere Wertschätzung für Jesus, als es die biblischen Autoren hatten. Wir können doch gar nichts über Jesus sagen außerhalb der Bibel. Einfach gesagt: Jesus-treu zu sein, heißt Bibel-treu zu sein – und Bibel-treu zu sein, heißt Jesus-treu zu sein. Der Gedanke, dass wir losgelöst von den Texten des Paulus, Petrus, Jesaja oder irgendeines anderen biblischen Schreibers Jesus haben oder Treue gegenüber Jesus haben können, ist dem Selbstverständnis von Jesus völlig fremd.“ R.C. Sproul

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„American Sniper“ – Von der Begeisterung am Töten

Chris Kyle gilt als erfolgreichster US-Sniper im Irak-Krieg. 255 Menschen soll er mit präzisen Schüssen getötet haben. Im Jahr 2012 erschien ein autobiographischer Bericht über seinen Werdegang und seine Erlebnisse im Krieg. Zwischenzeitlich wurde seine Autobiographie „American Sniper“ verfilmt. Hollywood-Star Bradley Cooper spielt Kyle, wurde für seine Darbietung für den Oscar nominiert. Seine Tötungsstatistik kommentierte er in seiner Biographie: „Es war meine Aufgabe, zu schießen und ich bereue es nicht. Meine Schüsse haben Amerikanern das Leben gerettet.“
Interessant ist es schon, die Welt aus der Sicht eines amerikanischen Elitesoldaten zu betrachten. Sympathisch ist der Typ aber nicht, weder privat noch beruflich. Ja, er erledigt seinen Job, und das mit großer Präzision. Immer wieder schildert er, wie es ihm Spaß macht, andere Menschen zu erschießen. Es langweilt ihn geradezu, wenn er einmal nicht im Krieg ist oder wenn er einmal keinen Gegner töten kann. Seine Pausen verbringt Kyle mit Ballerspielen. Die Irakis in deren Land er vor allem kämpft, sind ihm vollkommen gleichgültig; mehr noch er verachtet sie und ihr Land. Seine Gegner sind für ihn „Teufel“ oder „Schurken“. Wenn Kyle zehn Irakis am Tag erschossen hat, freut ihn das sehr. Wenn Irakis einen seiner Kollegen getötet haben gerät er in unkontrollierte Wut. Seine Lösung für den Konflikt: Alle töten, die gegen Amerikaner sind. – Auch wenn er gegen Unschuldige vorgeht, bereitet Kyle das keine Kopfschmerzen.
Ist Kyle zuhause in den USA, dann liebt er es sich zu betrinken und in Kneipenschlägereien seine Überlegenheit zu demonstrieren. Wenn er jemandem dabei den Kiefer bricht, dann entschuldigt er sich mit der ihm antrainierten Aggressivität. Möglichst häufig ist er auf der Jagd, um Tiere zu erschießen.
Diese Autobiographie strotzt vor Gefühlskälte und ausgelebter Rücksichtslosigkeit. – Wenn das die Realität der amerikanischen Streitkräfte ist, dann muss man sich nicht wundern, dass sie in vielen Ländern der Welt verhasst sind. Hoffen wir, dass Soldaten mit solchen „Talenten“ immer nur für die „richtige“ Sache eingesetzt werden. – In der realen Welt gab und gibt es aber leider auf allen Seiten „erfolgreiche“ und sehr „effektive“ Mörder, die anderen Menschen mit Freude das Leben nehmen. Es geht ihnen nicht um das eigentliche Ziel, sondern um den Spaß des Mordens, ohne je dafür belangt zu werden.
Vielleicht ist das in Kyles Autobiographie beschriebene Verhalten aber auch die traurige Realität jedes Krieges, in denen es nirgend die „edlen Helden“ gibt, sondern nur die Gewinner, deren Mörder später gelobt und die Verlierer deren Mörder später verachtet werden.
Gott jedenfalls hat „keine Freude am Tod des Ungerechten“. (Hesekiel 18, 23) Dass es Krieg gibt ist eine traurige Wahrheit; und dass in Kriegen Menschen getötet werden auch. Christen sollten aber keinen Spaß am Töten haben, selbst als Soldaten. Wenn es dazu kommt, ist das Töten eher eine traurige Notwendigkeit. Michael Kotsch
https://www.facebook.com/michael.kotsch.9/posts/1140812286058548

 

Frühere US-Turnerin konfrontiert im Gerichtssaal den Mann, der sie missbrauchte

Am Mittwoch wurde Larry Nasser, der ehemalige Arzt der amerikanischen Frauen Turnmannschaft, wegen massenhaften sexuellen Missbrauchs zu einer Haftstrafe von bis zu 175 Jahren verurteilt. Im September 2016, offenbarten Rachael Denhollander und eine andere Betroffene, dass Nassar sie mehrmals während ärztlicher Behandlungen sexuell missbraucht hatte. Im weiteren Prozess wurden 156 Frauen und junge Mädchen angehört, darunter auch einige Olympiateilnehmerinnen. Immer wieder verurteilte die Richterin Judge Auqilina Larry Nasser mit scharfen Worten wie: „Ich würde nicht einmal meine Hunde zu ihnen schicken“. Auch die deutsche Presse berichtete von dem Prozess (u.a. Frankfurter Allgemeine, Welt, Tagesschau).

Die ehemalige Turnerin Rachael Denhollander, heute Mutter von drei Kindern und Anwältin, hatte etwa 40 Minuten Zeit für ihre Rede im Gerichtssaal. Dort saß auch der Mann, der sie vor 16 Jahren als 15-jähriges Mädchen in seiner Klinik (Michigan State University) sexuell missbraucht hatte. Was sie dem Mann sagte, der sich in böser Weise sexuell an ihr und zahlreichen anderen Mädchen vergriff, ist ein wunderbares Zeugnis der Gerechtigkeit und Gnade Jesu Christi. Die Richterin Judge Aquilina sagte zu Denhollander nach ihrer Rede: „Sie sind der demütigste Mensch, dem ich je gegenübergestanden habe. Mit ihnen begann die Flutwelle.“

(Rachael Denhollander beginnt ab 25:40 direkt an Larry Nasser gewandt zu reden und spricht das Evangelium in sein Leben hinein.)

Die gesamte englische Mitschrift lässt sich auf CNN nachlesen. Hier ein Auszug:

„Du bist zu einem Mann geworden, der von selbstsüchtigen und perversen Begierden gesteuert wird, ein Mann, bestimmt von seinen wiederholten täglichen Entscheidungen, diese Selbstsucht und Perversion zu nähren. Du hast dich dafür entschieden, dieser Bosheit nachzugehen, egal was es andere kostet. Für mich ist das Gegenteil von dem, was du getan hast, mich dazu zu entscheiden, aufopferungsvoll zu lieben, egal was es mich kostet.

In unseren ersten Anhörungen hast du deine Bibel mit in den Gerichtssaal gebracht und hast von Gebeten um Vergebung gesprochen. Und auf dieser Grundlage appelliere ich an dich. Wenn du die Bibel gelesen hast, die du bei dir trägst, weißt du, dass die Definition von aufopferungsvoller Liebe, Gottes aufopferungsvolle Liebe ist. Er gab nämlich alles auf, um die Strafe für Sünde zu zahlen, die er nicht begangen hatte. Durch seine Gnade habe ich mich entschieden, auf diese Weise zu lieben.

Du hast von Gebeten um Vergebung gesprochen. Aber Larry, wenn du die Bibel gelesen hast, die du bei dir trägst, weißt du, dass Vergebung nicht daherkommt, indem wir gute Dinge tun, so als ob gute Dinge das ausradieren könnten, was wir Böses getan haben. Sie kommt durch Umkehr, die voraussetzt, dass man sich der Wahrheit stellt und sie anerkennt, darüber, was du getan hast in all der äußersten Verdorbenheit und dem äußersten Schrecken, ohne es abzuschwächen, ohne es zu entschuldigen, ohne so zu tun, als ob gute Taten das ungeschehen machen könnten, was du heute hier im Gerichtssaal gehört hast.

Die Bibel, die du bei dir trägst, spricht davon, es sei besser für einen Verführer, ihm einen Mühlstein um den Hals zu legen und ihn damit ins Meer zu werfen (vgl. Mt 18,6), als dass auch nur eines dieser Kinder durch ihn zu Fall kommt. Und du hast Hunderten geschadet.

Die Bibel, die du bei dir trägst, spricht von einem Endgericht, in dem Gottes ganzer Zorn und ewiger Schrecken über Männer wie dich ausgegossen wird. Wenn du jemals an den Punkt kommen solltest, an dem du wirklich verstehst, was du getan hast, wird dich diese Schuld zerbrechen. Und genau das macht das Evangelium von Christus so wunderbar. Da es die Gnade, Hoffnung und Barmherzigkeit auf Bereiche ausdehnt, wo sie nicht mehr zu finden sein sollten. Und sie werden da sein für dich.

Ich bete, dass du die seelenzerstörende Last deiner Schuld erfährst, damit du eines Tages echte Umkehr und echte Vergebung von Gott erfährst, die du vielmehr nötig hast als meine Vergebung – dennoch will ich dir auch meine Vergebung anbieten.

Während dieses Prozesses habe ich mich an ein Zitat von C.S. Lewis geklammert, in dem er sagt:

„Mein Argument gegen Gott war, dass das Universum so grausam und ungerecht erschien. Doch woher hatte ich diese Idee, die zwischen gerecht und ungerecht unterscheidet? Niemand wird eine Linie krumm nennen, wenn er nicht zuerst eine Idee davon hat, was gerade ist. Womit habe ich das Universum verglichen, als ich es ungerecht nannte?“

Larry, ich kann, was du getan hast, schlimm und böse nennen, weil es das war. Und ich weiß, dass es böse und schlimm war, weil diese gerade Linie existiert. Diese gerade Linie wird nicht durch dein Ermessen oder das Ermessen irgendeines anderen bestimmt. Das bedeutet, ich kann die Wahrheit meines Missbrauchs aussprechen, ohne ihn zu verharmlosen oder abzuschwächen. Und ich kann sagen, dass er böse war, weil ich weiß, was gut ist. Deswegen habe ich Mitleid mit dir. Denn wenn eine Person die Fähigkeit verliert, zwischen gut und böse zu unterscheiden, wenn sie nicht weiß, was schlecht ist, kann sie nicht länger wissen, was wirklich gut ist. Sie kann das Gute nicht genießen.

Wenn jemand in der Lage ist, einem anderen Menschen ohne echtes Schuldbewusstsein zu schaden, vor allem einem Kind, hat er die Fähigkeit verloren, echt zu lieben. Larry, du hast dich verschlossen für alle wirklich schönen und guten Dinge in dieser Welt, die dir Freude und Erfüllung bringen könnten und sollten. Ich habe deswegen Mitleid mit dir. Du hättest alles haben können, was du vorgabst zu sein. Jede Frau, die hier aufgestanden ist, mochte dich wirklich, wie ein unschuldiges Kind eine Bezugsperson mag. Sie liebten dich aufrichtig. Doch das reichte dir nicht aus.

Ich erlebe diese seelenerfüllende Freude, Sicherheit, Zärtlichkeit und Zuwendung in der Ehe, die auf aufopferungsvoller Liebe beruht. Ich erlebe echte Intimität in ihrer tiefsten Freude, Schönheit, Unantastbarkeit und Herrlichkeit. Das ist eine Freude, von der du dich abgeschnitten hast, sie jemals zu erleben. Deshalb habe Mitleid mit dir.

Ich habe junge Turnerinnen unterstützt und ihnen geholfen, sich von schwierigen kleinen Mädchen zu wunderbaren, schönen und selbstbewussten Athleten zu entwickeln und habe mich über ihren Erfolg gefreut, weil ich das Beste für sie wollte. Das ist eine Freude, die du nicht erfahren kannst, da dein Wunsch zu helfen, nichts anderes war als eine Fassade für deinen Wunsch, ihnen zu schaden.

Ich erlebe tiefe Erfüllung, wenn ich meine kleinen Kinder in meinen Armen trage, damit sie sich warm und sicher fühlen. Ich bin sicher, dass das ein großer Reichtum ist, der über das hinausgeht, was ich in Worte fassen kann. Du hast dich hingegen von solch einer Erfahrung abgeschnitten, weil du unsicher warst. Deshalb habe ich Mitleid mit dir.

Da du die Fähigkeit verloren hast, das Böse zu benennen, ohne es abzuschwächen, ohne es zu verharmlosen; du hast die Fähigkeit verloren zu wissen, was Liebe ist und was gut ist. Du kannst das Gute nicht genießen. Du hast dir selbst ein Gefängnis gebaut, das weitaus, weitaus schlimmer ist als irgendeines, in das ich dich stecken könnte und ich habe deswegen Mitleid mit dir.“


Der Artikel geht zurück auf einen Artikel von Justin Taylor, der bei The Gospel Coalition erschienen ist. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Die Einleitung ist vom E21-Team.

Dreieinigkeit

„Man hat viel geklagt und gescholten über diese [nicaenokonstantinopolitanische] Formel und wahrscheinlich werden Sie früher oder später in Ihrem Studium auf Literaten und auch Lehrer stossen, die das auch tun und es schrecklich finden, dass diese Sache auf diese Formel gebracht wurde. Ich wollte wohl, dass Ihnen, wenn Sie auf solche Seufzer stossen, diese Kollegstunde in Erinnerung kommen und eine kleine Hemmung bei Ihnen auslösen möchte. Dieses Aufbegehren gegen die sogenannte ‚Orthodoxie‘ ist nämlich wirklich ein ‚Wolfsgeheul‘, das man schon als gebildeter Mensch nicht mitmachen sollte. Denn es liegt etwas Barbarisches in diesem Schelten über die Väter. Ich würde denken, selbst wenn man nicht Christ ist, müsste man so viel Respekt haben, zu erkennen, dass das Problem hier in einer grossartigen Weise umschrieben worden ist. Man hat von der nicaenokonstantinopolitanischen Formel gesagt, sie stünde so nicht in der Bibel. Aber es steht Vieles, was wahr und notwendig und zu erkennen ist, nicht wörtlich in der Bibel. Die Bibel ist kein Zettelkasten, sondern die Bibel ist das grosse Dokument der Offenbarung Gottes. Diese Offenbarung soll zu uns sprechen, daraufhin, dass wir selber begreifen. Die Kirche musste zu allen Zeiten antworten auf das, was in der Bibel gesagt wird. Sie musste antworten in anderen Sprachen als der griechischen oder der hebräischen und in anderen Worten als denen, die da standen. Eine solche Antwort ist diese Formel, die sich bewährt hat, als die Sache angegriffen wurde. Es musste wirklich um das Jota gestritten werden: entweder Gott selber oder ein himmlisches oder irdisches Wesen. Das war nicht eine gleichgültige Frage, es ging in diesem Jota um das Ganze des Evangeliums. Entweder wir haben es in Jesus Christus mit Gott zu tun oder aber mit einer Kreatur. Gottähnliche Wesen hat es in der Religionsgeschichte immer wieder gegeben. Wenn die alte Theologie hier bis aufs Blut gestritten hat, so wusste sie warum. Gewiss ist es manchmal recht menschlich zugegangen dabei. Aber das ist gar nicht so interessant, auch Christen sind keine Engel. Wo es um eine wichtige Sache geht, da darf man nicht kommen und ‚Friede, Friede, liebe Kindlein!‘ rufen, sondern da will der Streit mit aller Unerbittlichkeit zu Ende geführt sein. Ich würde sagen: Gott sein Dank haben die Väter damals in aller Torheit und Schwachheit und mit aller ihrer griechischen Gelehrsamkeit sich nicht gescheut, zu kämpfen. Alle diese Formeln sagen ja nur das Eine: der Eingeborene, der vom Vater vor aller Zeit Gezeugte, der Sohn, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott, also nicht Kreatur sondern Gott selber, gleichen Wesens mit dem Vater nicht nur ähnlichen Wesens, Gott in Person. ‚Durch welchen das All geschaffen wurde und welcher um unseretwillen vom Himmel, von oben herabgestiegen ist.‘ Herab zu uns: dieser ist Christus. So hat die Alte Kirche Jesus Christus gesehen, so stand ihr seine Wirklichkeit vor Augen, so hat sie sich zu ihm bekannt in ihrem christlichen Glaubensbekenntnis, das eine Aufforderung an uns ist, dass wir es auch so zu sehen versuchen. Wer das begreift, warum soll der nicht einstimmen in den grossen Consensus der Kirche? Was ist es für eine Kinderei, angesichts dieser Sache über Orthodoxie und griechische Theologie zu seufzen! Das hat mit der Sache nichts zu tun. Und wenn es bei der Entstehung problematisch zugegangen sein mag, so wollen wir eben zugeben, dass alles, was wir Menschen tun, problematisch, beschämend und unerfreulich ist und dass es dann je und je dennoch so laufen darf, dass die Dinge genau so herauskommen, wie es notwendig und recht ist. Dei providentia et hominum confusione! – Es geht in diesem Bekenntnis ganz schlicht und ganz praktisch darum, dass wir unserer Sache sicher sein dürfen: In diesem Bekenntnis zu Gottes Sohn unterscheidet sich ja der christliche Glaube von allem, was man Religion nennt. Wir haben es mit Gott selber zu tun, nicht mit irgendwelchen Göttern.“ Karl Barth, Dogmatik im Grundriss, S. 99ff.
Eine Ermahnung die Karl Barth seinen Studenten 1946 zukommen ließ