Obama: Gender muss sein

Wenn sich auch sonst in den zwei Amtszeiten Obamas wenig wirklich verändert hat, zumindest im momentanen „Klostreit“ will er sich durchsetzen.
Der amerikanische Präsident kümmert sich nun auch um „gerechte Toiletten“. In einem Regierungserlass verpflichtete er alle Ausbildungsstätten Toiletten für Menschen mit Geschlechtsumwandlung bereitzustellen, bzw. sie die Toiletten benutzen zu lassen, die ihrem neuen Geschlecht entsprächen. Wer diese Vorgaben nicht umsetzt, muss mit der Streichung von Fördergeldern oder einer gerichtlichen Klage rechnen. Für den nun betroffenen Staat North Carolina geht es dabei um staatliche Zuschüsse in Milliardenhöhe.
Hintergrund der Kräftemessens ist ein neues Gesetz des Bundesstaates North Carolina. Demnach sollen Jugendlichen und Erwachsenen die Waschräume und Toiletten benutzen, die ihrem Geburtsgeschlecht entsprechen. Das finden Präsident Obama und zahlreiche deutsche Journalisten empörend und versuchen nun die Regierung von North Carolina unter Druck zu setzen. Denn Meinungs- und Entscheidungsfreiheit gibt es für Gender- Anhänger natürlich nur, wenn man die „richtige“ Meinung hat. „Falsch- Denkende“ müssen mit sanfter Gewalt auf den „richtigen“ Weg gebracht werden. – In den ganzen USA betrifft die Regelung des Präsidenten etwa 0,3 % der Bevölkerung. Etwas so viele Personen haben bisher eine Geschlechtsumwandlung an sich vollziehen lassen.
Die Konservativen in den USA haben gegen die Anordnung des Präsidenten schon vehement protestiert. Sie nennen das Vorgehen eine Erpressung. – Große Unternehmen hingegen versuchen mit einer laut propagierten Toleranz in den öffentlichen Medien zu punkten. Auch wenn sie keine Mitarbeiter haben, die das Gesetz betrifft, suchen sie in Pressemeldungen den Schulterschluss mit Transsexuellen. Die Deutsche Bank beispielsweise legte ihre Pläne zur Schaffung von 250 neuen Arbeitsplätzen in North Carolina auf Eis. Der Online-Bezahldienst PayPal strich seine Pläne, in dem Staat ein neues Operationszentrum einzurichten.
Im Kern geht es hier um die Forderung der Gender- Mainstreaming- Befürworter, dass jeder Mensch selber bestimmen können soll, ob er Mann oder Frau sein will. Medizinische, genetische und biologische Faktoren sollen demnach ignoriert werden. Dass es heute gar keine echten Geschlechtsumwandlungen gibt, wird in den Diskussionen gerne verschwiegen. Mit plastischer Chirurgie kann einem Mann zwar eine künstliche Vagina geformt werden, nie aber wird er ein Kind bekommen können. Seine durch hormonelle Behandlung künstlich erzeugten Brüste und die veränderte Stimmlage verschwinden sehr schnell, nachdem man die ständigen Medikamente absetzt. Medizinisch gesehen ist ein geschlechtsumgewandelter Mann weiterhin ein Mann, auch wenn er der äußeren Erscheinung nach weiblich aussieht. Jede Körperzelle, alle Organe und auch die Prägung bleiben weiterhin eindeutig männlich. Biologisch handelt es sich eben nicht um eine Frau, sondern um einen medizinisch manipulierten Mann.
In Wirklichkeit verbirgt sich hinter den Auseinandersetzungen in North Carolina der weltanschauliche Kampf um die gesellschaftliche Definition der Geschlechtlichkeit. Alte christliche Modelle sollen verbannt werden und durch individualistische Lösungen ersetzt werden. Niemand, weder Gott, noch die Natur oder der Staat sollen einem Menschen sagen dürfen, ob er Mann oder Frau ist. So absurd und wirklichkeitsfern sich das auch anhört, diese Sichtweise soll verpflichtend für alle Menschen durchgesetzt werden. Michael Kotsch
https://www.facebook.com/michael.kotsch.9/posts/808211199318660

Ohne Religion wäre die Welt besser dran?

Bei einer prominent besetzten Debatte über die Religion stritten im Jahr 2011 Wolfgang Huber, Matthias Matussek, Wilhelm Imkamp, Gloria von Thurn und Taxis gegen die Religionskritiker  Monika Frommel, Necla Kelek, Philipp Möller und Alan Posener dagegen. Vor allem der Pädagoge Philipp Möller nahm mit seiner Polemik gegen die Religion viele Menschen für sich ein.
Hier eine kurze Analyse der Ausführungen von Markus Widenmeyer:
Möller beginnt mit der Aussage, es sei schlicht und einfach absurd, an Gott zu glauben, nur weil man das Gegenteil nicht beweisen kann. Diese Behauptung ist nicht einmal falsch, aber sie ist völlig irreführend. Mir fällt niemand ein, der aus diesem Grund an Gott glaubt. Vielmehr spricht eine ganze Reihe von z.T. recht starken Argumenten für die Existenz Gottes (von denen ich einige in meinem Buch „Welt ohne Gott?“ zu entfalten versucht habe). Solche Argumente werden seit einigen Jahrzehnten in der analytischen Religionsphilosophie auf hohem Niveau diskutiert. Diese Disziplin wechselwirkt dabei z.T. sehr eng mit den Natur- oder Geschichtswissenschaften.
Möller geht mit keinem Wort darauf ein. Und so müssen unter anderem sein witziger (?) Vergleich mit der Zahnfee oder die pauschale Abstempelung von Nicht-Atheisten als primitiv und ohne intellektuelle und emotionale Reife als Ersatz für wirkliche Argumente herhalten.
Den Religionen wirft er sinngemäß vor, die Welt in den Schemata von gut und schlecht zu bewerten. Aber das machen alle Menschen, auch Atheisten. Und Möller zielt ja offenkundig darauf ab, einem (unkritischen) Publikum zu suggerieren, dass Religion schlecht und Atheismus gut sei.
Als (angeblich) große Vordenker nennt er: Epikur, Darwin, Marx, Feuerbach und Kant. Wer aber Autoritäten heranzieht, statt selber wirklich inhaltlich zu argumentieren, zeigt substanzielle Schwäche. Tatsache ist, dass die fünf genannten Herren keine belastbaren Argumente für den Atheismus vorgebracht haben. Kant war sogar ein Gegner des Atheismus und vertrat die Ansicht, dass wir im Rahmen der Moralphilosophie die Existenz Gottes postulieren müssen.
Möller kritisiert den massiven Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen. Um ein wirkliches Argument daraus zu machen, hätte er aber zeigen müssen, dass es dort eine deutlich höhere Missbrauchsrate als sonst gibt und dass dies signifikant mit Religion zu tun hat. Hat er aber nicht. Nicht einmal versucht.
Dann die Behauptung, Grundrechte mussten gegen Religion erkämpft werden. Das ist historisch zwar zum Teil richtig, aber auch zum Teil falsch. Was das biblische Christentum anbelangt, ist es historisch und systematisch-theologisch falsch. Möller hätte z.B. das Buch von Alvin Schmidt „Wie das Christentum die Welt veränderte“ lesen sollen. Übrigens war im Kommunismus der Atheismus quasi Staatsreligion (eine historisch recht einmalige Situation). Der Menschenrechtssituation hat es aber (z.B. unter Stalin, Mao oder Pol Pot) nichts genutzt. Wohl aber die christlich motivierten Bemühungen zur Abschaffung der Sklaverei z.B. durch William Wilberforce, um nur ein Beispiel zu nennen.
Ein anderer Vorwurf lautet: Religiöse Gruppierungen glaubten im Besitz absoluter Wahrheit zu sein. Aber was will Möller damit sagen? (Und was ist der logische Unterschied zwischen „absolut wahr“ und „wahr“?) Macht dieser Umstand (falls er stimmt) z.B. die Existenz Gottes unplausibel? Wenn Mathematiker z.B. an die „absolute Wahrheit“ mathematischer Theoreme glauben, beweist dies dann, dass diese Theoreme falsch sind? Es ist richtig: Theisten (so wie ich einer bin), glauben, dass ihre eigene Weltsicht wahr ist. Aber das tut jeder rationale Mensch. Oder glaubt etwa jemand, dass das, was er für wahr hält, falsch ist? Und glauben Atheisten nicht, dass der Atheismus wahr, meinetwegen „absolut wahr“, ist?
Sodann kritisiert Möller „Berufschristen“, die Homosexualität als Sünde bezeichnen, die wider die Natur sei. Auch hier müsste Möller erst seine Hausaufgaben machen. Er müsste z.B. belegen, dass es objektiv schlecht ist, HS als Sünde zu bezeichnen, bzw. warum dies den Glauben an Gott unplausibel macht. Übrigens hatte bereits Immanuel Kant, den Möller soeben lobend als Aufklärer gegen Religion erwähnte, in seinen Vorlesungen über Moralphilosophie Homosexualität als Verbrechen wider die Natur (lat. crimen carnis contra naturam).
Keinen Einwand habe ich gegen Möllers These, dass Kritik an Religion (er erwähnt den Islam) erlaubt sein müsse. Ja, Kritik an jeder Weltanschauung muss erlaubt sein, sei es am Christentum, am Islam – und genauso am Atheismus, lieber Herr Möller. Am Ende wird der rationale Mensch sehen (wollen), für was die Kraft der Fakten und Argumente in Summe spricht.
Die Alternativen zu Religion, so Möller: Aufklärung, Humanismus, Wissenschaft, Philosophie. Nun, echte Aufklärung, Wissenschaft und Philosophie sind (oder wären), dass man wirklich bessere Gründe und Argumente vorbringt. Genau das hat Möller jedoch nicht getan, ja nicht einmal in Ansätzen.
Möller plädiert für eine Ethik, „die sich an den Interessen des Menschen orientiert und übrigens auch aller anderer Tiere.“ Mit keinem Wort erwähnt er aber die m.E. schwerwiegenden Probleme, wie Interessen objektivierbar sind, wie man gegensätzliche Interessen ausgleicht, und vor allem, wie eine solche Ethik ohne eine absolute Instanz des Guten (Gott) wirklich begründbar ist. Auch nicht, dass die Tendenz der ethischen Nivellierung von Mensch und Tier ein Vorläuferphänomen des Nationalsozialismus war (z.B. beim Lieblingsvordenker vieler moderner Atheisten, Ernst Haeckel).
Es darf die Forderung nicht fehlen, Religion müsse Privatsache sein. Gut, aber dann müssen alle anderen Weltanschauungen, wie z.B. der Atheismus, auch Privatsache sein. Ich fordere eine strikte Trennung von Wissenschaft und Atheismus sowie Politik und Atheismus!!
Realistischer wäre aber anzuerkennen, dass Menschen für ihre Weltanschauung jeweils werben, und sie in Politik, Gesellschaft und auch Wissenschaft hineintragen, so dass es nicht selten (meist unterschwellig) um weltanschauliche Auseinandersetzungen geht. Und hier ist seit über einem Jahrhundert gerade der Atheismus bzw. Naturalismus sehr einflussreich, was man z.B. am allseits beliebten Kreationisten-Bashing erkennen kann.
Interessanterweise vertritt gerade das Neue Testament der Bibel recht klar die Trennung von Staat und Glaube. Denn die wirkliche Wahrheit kann nicht staatlich verordnet, mit Gewalt durchgesetzt oder mittels staatlicher Bildungseinrichtungen indoktriniert werden. Vielmehr verlangt sie von jedem Menschen eine persönliche Entscheidung ab.
http://theoblog.de/ohne-religion-waere-die-welt-besser-dran/28413/#comments

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Sind Evangelikale schießwütige Mörder?

Zwei aktuelle Kommentare von Thomas Schirrmacher (Bonn, 11.08.2016)
1 Die Süddeutsche Zeitung erklärt Evangelikale zu schießwütigen Mördern
Zu den billigsten und erfolgversprechendsten Verleumdungen Andersdenkender gehört derzeit, sie mit IS und islamistischem Terrorismus in einen Topf zu werfen. Während es fast schon normal geworden ist, dass Diktatoren in aller Welt unliebsame Bewegungen und Kräfte zu Terroristen oder deren Nährboden erklären, verblüfft es doch, dass das auch in Deutschland geschieht, unter anderem neuerdings wieder mit den Evangelikalen, und dabei eine völlig unschuldige Menschengruppe seit drei Jahrzehnten per Sippenhaft verunglimpft werden, nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein. Das neueste Beispiel:
Ein selbsterklärter IS-Anhänger tötet 50 Gäste einer Schwulenbar, die er selbst häufiger aufgesucht hat (www.welt.de). Die WELT spricht gar von schwulem Selbsthass (www.welt.de).
Die Süddeutsche schrieb dazu: „Für diese Tat hätte er genauso gut auch ein evangelikaler Christ gewesen sein können.“ (www.sueddeutsche.de)
Was, außer Hass auf Evangelikale, könnte so eine Aussage verständlich machen?
Erschießen Evangelikale öfter Homosexuelle? Mir ist kein Fall weltweit bekannt.
Laufen Evangelikale öfter zu IS über? Auch hier Fehlanzeige.
Veranstalten Evangelikale öfter mal Schießereien in der Öffentlichkeit? Auch hier bringt das Web keinen Fall zutage.
Erschießen Evangelikale wenigstens Abtreibungsärzte? Auch das ist frei erfunden, obwohl es schon so oft in der Öffentlichkeit wiederholt wurde, dass es Bürger auf der Straße tatsächlich glauben. Die führenden Verbände der Abtreibungskliniken in den USA selbst erheben den Vorwurf nicht!
Und schließlich: Gibt es evangelikale Kirchen, die solcherlei Dinge auch nur andeutungsweise befürworten? Obwohl ich oft nachgefragt habe: Einen Beleg dafür hat mir noch keiner vorgelegt, der Evangelikale als gefährlich hinstellt.
Ich würde ja humorvoll vermuten, der Autor sei in einem evangelikalen Kloster mit mittelalterlichen Erziehungsmethoden aufgewachsen und habe das nicht verarbeitet, aber solche Klöster gibt es ja nicht. Was haben ihm die Evangelikalen nur angetan, dass er sie ohne Not des schlimmsten Verbrechens beschuldigt, das man sich denken kann, Menschen massenhaft wahllos und ohne erkennbaren Grund umzubringen? Welcher Evangelikale befürwortet denn so etwas, geschweige denn, dass er es zulässt oder ausführt?
Und da die Süddeutsche ja in Deutschland erscheint: Welches Ereignis in unserem Land berechtigt die Tageszeitung, die Evangelikalen pauschal auch nur andeutungsweise in die Nähe von Terrorismus oder wahlloser Schießereien zu rücken?
Gilt eigentlich die gesamte Antidiskriminierungsgesetzgebung und -agenda für Evangelikale und Pfingstler nicht? Wird Hassrede gegen Muslime verworfen, gegen Zeugen Jehovas, Schwule und Sinti und Roma von den Medien geahndet, aber gegen Evangelikale ist sie jederzeit zulässig?
Selbst wenn es auch nur einen einzigen leibhaftigen evangelikalen oder pentekostalen Terroristen gäbe und nur ein einziges Mitglied einer evangelikalen Kirche, der einen Abtreibungsarzt umgebracht hätte: Darf man deswegen eine halbe Milliarde Menschen mit ihnen in einen Topf werfen und als verkappte Terroristen beschimpfen?
2 Gegen Ramelows Großstadtmythos: Kein Evangelikaler hat je einen Abtreibungsarzt erschossen
Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) sagte in der ZDF-Fernsehsendung „Maybrit Illner“ vom 31. März zum Thema „Terrorismus: Was tun gegen islamistische Gewalt?“ etwa in der Mitte der Sendung:
„In Amerika gibt es selbst ernannte Evangelikale, die der Meinung sind, sie könnten Abtreibungsgegner [gemeint sind wohl Abtreibungsbefürworter] oder Abtreibungskliniken überfallen und Menschen umbringen, erschießen, die sich für Abtreibung einsetzen.“
Was sind denn „selbst ernannte Evangelikale“? Aber das war wohl eh ein Versprecher. Jedenfalls bringt er wieder einmal Evangelikale mit Mördern von Abtreibungsärzten in Verbindung.
Also habe ich mir – wie für ein ausführliches Gutachten 2008 und erneut 2009 [PDF] – wieder alle Daten und Ereignisse angeschaut, ob denn zwischenzeitlich wenigstens ein einziges Mal ein Evangelikaler verdächtigt worden ist, einen Abtreibungsbefürworter umgebracht zu haben. Immer noch gibt es keinen einzigen Fall!
Ramelow zitiert eindeutig einen Großstadtmythos, der sich längst verselbstständigt hat. Einer zitiert den anderen, keiner sieht, dass am Anfang der ‚Reise zu Jerusalem‘ überhaupt kein Ereignis steht.
Erst einmal allgemein zu Fällen von Morden im Zusammenhang mit Überfallen auf Abtreibungskliniken. Seit 1998 gab es einen einzigen Fall von 2009 und dann einen weiteren unklaren Fall von 2015. Das soll eine Parallele zum islamistischen Terrorismus sein? So furchtbar jeder Mord ist, für die USA ist das eine erstaunlich geringe Zahl!
Geht denn wenigstens der Fall von 2015 auf das Konto von Christen? Nein, jedenfalls behauptet das niemand in den Medien, in den Polizeiverlautbarungen, der anklagenden Staatsanwaltschaft oder auch in den Berichten der großen Pro-Abtreibungsverbände und Abtreibungsklinikbetreiber in den USA. Der Prozess wurde abgebrochen, da der Täter offensichtlich in ein psychiatrisches Krankenhaus, nicht vor Gericht gehört.
Auch 2016 muss man sagen: Es handelt sich um ein Problem der USA. Seit 2009 sind außerhalb der USA keine Fälle bekannt geworden, auch nicht in Kanada und Australien, wo es so etwas früher in Einzelfällen einmal gab. Bisher gehen 99% aller solcher Fälle auf das Konto der USA.
Was geschah am 29.11.2015? Es gab drei Tote und neun Verletzte bei einer Schießerei in einer Abtreibungsklinik in Colorado Springs, die in einem Einkaufszentrum liegt. Der Täter gab erst nach einer stundenlangen Belagerung durch die Polizei auf. Ob sein Ziel überhaupt die Klinik war, bleibt offen. Der Täter war seit 1997 wegen zahlreicher wilder Schie­ßereien in öffentlichen Gebäuden in mehreren Bundesstaaten aufgefallen. Am 11.05.2016 beendete das Gericht den Prozess wegen offensichtlicher Unzurechnungsfähigkeit des Täters. Ein religiöser Hintergrund wurde von niemandem behauptet.
Wo bitte schön ist hier die Verbindung zu Evangelikalen oder Christen überhaupt?
Bereits in meinem Bericht von 2008 gehe ich ausführlich auf Berichte bzw. Statistiken ein, die die National Abortion Federation, die Lobby für Abtreibungseinrichtungen NARAL Pro Choice oder Feminist Majority Foundation (FMF) jährlich veröffentlichen. In ihnen werden auch alle Mordfälle und alle schwerwiegenden Fälle von Anschlägen auf Abtreibungskliniken aufgelistet, dazu die Hintergründe der Täter. Beide sind nicht gerade Christen-freundlich, geschweige gut auf Evangelikale zu sprechen und beides sind tendenziöse Berichte. (Wobei aber durchaus berichtet wird, dass sich evangelikale Pro-Life-Verbände in jedem Fall scharf von dieser Art Verbrechen distanziert haben.)
Trotzdem machen weiterhin auch die 2016 veröffentlichten Berichte für 2015 und davor in keinem Fall evangelikale oder katholische Christen für eine Straftat verantwortlich. Woher der Großstadtmythos dann stammt?
Zusammenfassend kann man sagen:
Seit 1977 gab es 11 Morde in Abtreibungskliniken oder an Abtreibungsärzten, also etwas mehr als jedes vierte Jahr ein Fall. Seit 1995 sind es 6 Todesopfer, wobei 3 Morde auf eine Schießerei und Belagerung zurückgehen, die möglicherweise nichts mit dem Thema Abtreibung zu tun hatte, da die Klinik in einem Einkaufszentrum lag. Lässt man diese 3 Opfer außen vor, sind es 3 Morde in 20 Jahren, also jedes sechste Jahr einer.
Der mit Abstand häufigste Grund der Täter ist Unzurechnungsfähigkeit, gefolgt von Angehörigen von weißen Terrorgruppen. Christen und christliche Kirchen spielen keine Rolle. http://www.bucer.de/ressource/details/bonner-querschnitte-392016-ausgabe-434.html
Links:
 http://www.ethikinstitut.de/fileadmin/ethikinstitut/redaktionell/Texte_fuer_Unterseiten/Medizinische_Ethik/Abtreibung/Schirrmacher_Abtreibungsgegner2009-1.pdf      http://www.thomasschirrmacher.info/wp-content/uploads/2009/09/Abtreibungsgegner2009.pdf

 

Sächsische Verwirrung

Die Realitäts- und Bibelferne mancher Vertreter der offiziellen Kirche kann immer wieder aufs Neue in Erstaunen versetzen. Da, wo weltweit fast täglich islamistisch motivierte Anschläge zu verzeichnen sind, die selbst vor Pfarrern und christlichen Gottesdiensten keinen Halt machen, warnte Harald Lamprecht, Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen in der sächsischen evangelischen Kirche, vor der „größeren Gefahr durch evangelikaler Bibelgruppen“. Die „Dresdner Morgenpost“ hatte den Theologen im Zusammenhang mit der 15 Jahre alten Linda Wenzel aus Pulsnitz interviewt, die Anfang Juli 2016 nach Syrien gereist war, um sich dort der Terrormiliz IS anzuschließen. Da sich bislang nur wenige jugendliche Kirchenmitglieder dem IS anschlössen äußerte Lamprecht: „Was die Gefährdung von sächsischen Jugendlichen angeht, bereiten etwa radikale Bibelgruppen viel größere Probleme als Islamisten.“ Begründung: Auch diese Fundamentalisten erstrebten eine „göttlich gebotene Ordnung, die zwangsläufig das Verhältnis zur Demokratie in Frage stellt“.
Solche Aussagen sind nicht nur vollkommen unsachlich, sie entsprechen auch nicht dem ursprünglichen Wesen der evangelischen Kirche. Selbst wenn es in den betreffenden „Bibelkreisen“ eine Kritik am gegenwärtigen demokratischen Leben in Deutschland geben sollt, sagt das noch nichts über deren Stellung zum christlichen Glauben aus oder über die „Gefahr“ für andere Jugendliche. Erst seit knapp über 25 Jahren lebt die sächsische Kirche in einem demokratischen Staat. Will der Landeskirchliche Sektenbeauftragte, mit seiner Aussage etwa alle evangelischen Christen der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte als „Gefahr“ bezeichnen, nur weil sie sich nicht offen als Demokraten bekannt haben? In seiner Stellungnahme scheint er auch vollkommen vergessen zu haben, dass Bibellesen und Bibelgruppen von der Reformation an, über den Pietismus und die sächsische Erweckungsbewegung immer ein wichtiger Bestandteil seiner eigenen Kirche gewesen waren.
Der aus den öffentlichen Äußerungen Lamprechts sprechende Hass gegenüber evangelikal- bibeltreu sein wollenden Gruppen von kirchlichen Laien wird wohl weit eher in deren Ablehnung von Bibelkritik und kirchlichem Liberalismus zu suchen sein. Eine reale Gefährdung von Teilnehmern christlicher Bibelkreise ist bislang zumindest noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen. Noch sind haben diese Menschen weder einen gewalttätige, staatsgefährdende Demonstrationen organisiert noch haben sie einen Terroranschlag geplant oder durchgeführt. Es ist wirklich erstaunlich, wie sich manche Kirchenvertreter vollkommen unsachlich äußern, wenn es um ihre evangelikalen Gemeindeglieder und Mitarbeiter geht. Michael Kotsch

Buchbesprechung: Ron Kubsch. Die Postmoderne. Hänssler: Holzgerlingen, 2007.

Autor und Anliegen
Ron Kubsch (*1965) ist Theologe und Kulturkritiker im Geiste von Francis Schaeffer, dem reformatorischen Theologen und Apologeten. Er ist sich bewusst, dass auf den knapp 100 Seiten keine umfassende Darstellung einer alle Bereiche des menschlichen Lebens durchdringende Bewegung gegeben werden kann.
5 Anweisungen
Unter 5 Headlines fasse ich wesentliche Inhalte zusammen. Unterhalb sind einige kurze Zitate mit Seitenzahlangaben angeführt.
1. Wir sollten die geistige Luft, die wir täglich einatmen, kennen.
7+12 Die eigene Heimatkultur kennen viele Christen merkwürdigerweise oft kaum. … Man sollte sein Reisegepäck kennen.
14+15 Wo immer das Evangelium in Worte gefasst wird, steht es unter dem Einfluss der Kultur, zu der diese Worte gehören. Und jede Lebensweise, die die Wahrheit des Evangeliums ausdrücken will, ist eine kulturell bestimmte Lebensweise. Ein kulturfreies Evangelium wird es niemals geben. (zit. Lesslie Newbigin)
2. Um die Vorannahmen der Postmoderne zu kennen, müssen wir die geistesgeschichtliche Entwicklung seit der Neuzeit zurückverfolgen.
20 Ich glaube, um zu verstehen (Canterbury) -> Ich glaube, was ich verstehe (Neuzeit)
21 Descartes: Die Letztbegründung findet im Selbst statt.
23 Kant: Unser Erkenntnisapparat erstellt aus dem gegebenen Rohmaterial der Eindrücke aktiv Gegenstände der Erkenntnis.
26 Rationalismus: Alles muss sich vor dem Forum menschlicher Vernunft verantworten.
28 Nietzsche: Die metaphysischen Kategorien haben wir der Wirklichkeit nur angedichtet.
29 Heidegger: Das gegenüber dem Sein offene Denken rückt Heidegger in die Nähe der Dichtung. Wir erfahren es bestenfalls im Staunen. Von den Wissenschaften und der Philosophie haben wir nichts mehr zu erwarten.
30 Linguistic Turn: Die Menschen haben nur über die Sprache Zugang zur Wirklichkeit.
31 Wittgenstein: Sprache ist etwas im Geist der Menschen Vorhandenes, das auf reale Dinge verweist.
32 Gadamer: Es gibt kein Verstehen, das von Sprache, Geschichtlichkeit und Vorurteilen frei wäre.
33 Thomas Kuhn: Weltbilder ändern sich revolutionär.
35 Lyotard: Es existiert keine Meta-Regel
35 Paul Feyerabend: Anything goes.
36 Das Produkt ist Indifferenz: Eine Kultur ohne Leitideen ist unbestimmt bis gleichgültig. Eine Wertehierarchie fehlt, alles Grosse wird als suspekt verworfen.
3. Es braucht ein geschärftes Bewusstsein dafür, wie sich die Postmoderne in unterschiedlichen kulturellen Bereichen äussert.
41 Architektur: Form folgt der Fiktion.
43 Bildende Kunst: grenzt sich von keinem Stil ab, benutzt die Kunstgeschichte als Steinbruch für eigene Entwürfe.
46 Literatur: Neue Bescheidenheit – Autoren legen sich nicht mehr fest, formulieren keine Manifeste und wollen auch nicht mehr die Welt verbessern.
53 Institutionen werden durch zeitweilige Verträge ersetzt, Sexualität ist Verhandlungssache
55 Künstler: fliessende Identitäten, dynamische Performanz
4. Wir sollten auf die Kritik von säkularer Seite achten.
61 Es bringt eine neue Unübersichtlichkeit hervor, (Jürgen Habermas),
61 bewirkt Politikverdrossenheit (Richard Rorty),
62 verschafft dem Kapitalismus Auftrieb (Slavoj Zizek)
66 und ist logisch inkonsistent: Wenn die Postmodernisten Recht haben, muss nicht zugleich das Gegenteil der Fall sein? (Paul Boghossian)
5. Wir sollten Kritikpunkte aus christlicher Weltsicht bedenken.
57 Der Glaube ist aus der Arena des Wissens in die Sphäre der Liebe verwiesen worden.
70 Oft wird die Wahrheitsfrage heute in christlichen Kreisen als reine Frage der Beziehung verhandelt. … So rückt der christliche Glaube in die Nähe des Irrationalismus und der Mystik.
71 Es findet eine Verwischung zwischen der Schrift und ihrer Auslegung statt. Das Offenbarungsgeschehen wird in die Gemeinschaft verlagert.
74 Der Kultur kommt Offenbarungsqualität zu. Es gibt keine Wahrheit ausserhalb sozialer Strukturen.
Fazit
Bonhoeffer sagte einst: “Wir Christen sind entweder Hinterwäldler oder Säkularisten.” (zit. S. 78) Ich wage eine These: Aus Furcht vor dem Hinterwäldlertum stehen wir Christen in der Gefahr, die geistigen Strömungen in zeitlicher Verzögerung einzuatmen und verspätet in unseren Gemeinden und unserer Literatur wiederzugeben. Während die Postmoderne in philosophischen Kreisen weitgehend als erledigt gilt, feiert sie in unseren Kirchgemeinden fröhlich Urständ. Um unsere Aufgabe als Propheten für die Kultur wahrzunehmen, braucht es eine erneuerte Identität (wir sind nicht von dieser Welt). Erst auf diese Weise können wir “in der Welt” leben und unser Mandat (“in die Welt gesandt”) wahrnehmen.
http://hanniel.ch/2016/08/18/buchbesprechung-die-postmoderne

Heute brauchen wir prophetische Prediger – nicht Prediger über Prophetie, sondern Prediger mit einer prophetischen Gabe.

Was Gott seiner Gemeinde je zu ihrer Zeit zu sagen hat, hängt gänzlich davon ab, in welchem moralischen und geistlichen Zustand sie sich befindet und was die geistliche Not der Stunde ist. Christliche Leiter, die die Schriften unablässig in einer mechanischen Weise auslegen, ohne die gegenwärtige geistige Situation zu berücksichtigen, sind nicht besser als die Schriftgelehrten in den Tagen Jesu, die wie Papageien das Gesetz rezitieren, ohne im entferntesten zu erkennen, was geistlich um sie herum vorgeht.

  1. W. Tozer, Of God and Men, Wing Spread Publishers, Camp Hill, Pennsylvania, 2010, S.17.
Veröffentlicht unter Zitate

Fiktiver Dialog zwischen Sokrates und Freud

Die vier einflussreichsten Religionskritiker waren Nietzsche, Marx, Darwin und Freud. So schreibt der katholische Philosoph Peter Kreeft (* 1937, Boston College). Freud habe drei Hüte getragen: Erfinder der Psychoanalyse, professioneller theoretischer Psychologe und Amateurphilosoph. Kreeft geht in diesem Buch auf die letzte Kategorie ein, also um die Welt- und Lebenssicht von Sigmund Freud (1856 – 1939). Dafür entwickelt er einen fiktiven Dialog zwischen Sokrates und Freud, der sich nach dem Tod von Freud abspielt. Die beiden Gesprächspartner gehen dem Buch „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) nach, Freuds letztes und in Bezug auf seine Grundannahmen aussagekräftigstes Werk.
Von Freud ist oft kaum mehr bekannt als seine Betonung des Unter- bzw. Unbewussten. Man weiss zudem, dass er eine wichtige Figur innerhalb der Psychologie war, unzählige Affären hatte und dass er heute „out“ ist. Mein Interesse während dem Lesen bestand darin, die „tragenden Balken“ der Lebens- und Schaffensphilosophie Freuds sowie wichtige Gegenargumente herauszufiltern.

Tragende Argumente von Freuds Weltsicht

• Jede Form von Argumentation ist Rationalisierung (12).
• Es gibt kein universelles Wissen (universal knowledge, 14).
• Der unbewusste Ursprung von Religion entspringt Ängsten der Kindheit (21). Religion wird auf kindliche Bedürfnisse reduziert (infantile needs, 28).
• Gott wird durch unbewusst durch den menschlichen Geist zur Befriedigung seiner Bedürfnisse erfunden (30).
• Als Folge des Naturalismus:
• Der menschliche Geist kann universelle und objektive Wahrheit über den Sinn des Lebens nicht in Erfahrung bringen (Skeptizismus, 39).
• Es gibt keinen objektiven Sinn des Lebens, nur die Konstruktion eines subjektiven Zweckes (42).
• Der menschliche Verstand ist das einzige (schwache) Instrument, menschliche Gedanken und menschliches Verhalten zu untersuchen (47).
• Jedes Nachdenken besteht letztlich im Rationalisieren der Lust (Lustprinzip, 57). Das Verlangen nach Vergnügen steuert unsere Überzeugungen dessen, was wir als wahr ansehen (58).
• Der Orgasmus ist der Prototyp und Standard allen Glücks (67). Wir sind letztlich alle Lust-Abhängige (68).
• Die beste Antwort auf die tiefsten Probleme des Lebens sind Drogen (74).
• Die nicht-physische, mentale Welt besteht nur subjektiv, nicht objektiv (114).
• Es gibt keinen objektiven Nutzen von Schönheit (147).
• Auf dem Grund des menschlichen Lebens liegt ein Puzzle, das gelöst werden müsste, aber nicht gelöst werden kann (152).

Einwände von Sokrates (Kreeft)

• Freud geht von der Voraussetzung aus, dass Religion falsch ist (Atheismus, 24). Er verfolgt deshalb nur die Auswirkungen, nicht aber den Ursprung von Religion (25).
• Wenn nur eine kleine Minderheit der Menschen die Überzeugungen von Freud teilt und nur diese Menschen wirklich vernünftig sind, kann Freud des Snobismus bezichtigt werden (23; 99; 120).
• Wir können nie wissen, ob Freuds Prinzipien wahr sind, weil das Prinzip selbst nicht durch die wissenschaftliche Methode (einzig zulässig für Freud) bewiesen werden kann (42).
• Nur weil Leben von Gott geschaffen ist (intentional), kann es einen (übergeordneten) Sinn haben (45).
• Jeder Gedanke über Materie ist nach den Gesetzen des Naturalismus selbstwidersprüchlich, weil er ja Teil der Materie selbst ist (52+55).
• Freud arbeitet den Hedonismus und Naturalismus konsequenter als mancher Philosoph aus (73).
• Freud reduziert das Geschenk des Lebens und das höchste Glück (summum bonum) auf die Flucht vor dem Leid (88). Freude und Wahrheit stellen sich damit oft als widersprüchlich heraus; Illusionen machen deshalb glücklicher als die Realität (91).
• Dass alle Menschen Lust und Vergnügen suchen und Leid hassen, widerspricht den Erfahrungen vieler Menschen, die das Leid und die Wahrheit vorziehen (98).
• Freud behauptet, dass Religion Leben verkürzt. Viele Studien zeigen das Gegenteil (115).
• Der gesamte Erfolg der Wissenschaft basiert auf der Ordnung und Struktur einer objektiven Aussenwelt (120).
• Männer und Frauen werden der personalen Ebene beraubt und als „Es“ dargestellt (133).
• Freuds einzige Sicherheit ist absoluter Relativismus (170).

Fazit

Kreeft arbeitet die Welt- und Lebenssicht gestochen scharf heraus (z. B. 60, 114, 137, 140); sie ist letztlich eine brillante Ausarbeitung eines „reductio ad absurdum“ (149). Das tut er keineswegs „neutral“. Von diesem Begriff müssen wir uns sowieso verabschieden. Er ist ein Ur-Dogma des Säkularismus. Jeder Mensch geht von weltanschaulichen Vorannahmen aus. Bei Freud sind dies: Atheismus (Religion), moralischer Relativismus (Resultat des epistemologischen Skeptizismus), Betonung der Triebe (sexueller Reduktionismus).

So entgegen Freud der christlichen Weltanschauung steht und zu deren Dekonstruktion beigetragen hat, so ernst müssen wir ihn nehmen. Tatsächlich neigen wir dazu, uns eine eigene Religion als unbewusste Kompensation unserer eigenen Bedürfnisse zu zimmern. Ebenso gefällt uns der Gedanke sehr, dass wir sämtliche Werte zum Eigentum des Subjekts erklären dürfen (und wir damit unser Verhalten legitimieren). Unsere Welt ist tatsächlich stark von der Sexualisierung gesteuert, auch fast 100 Jahre nach Freuds Ableben. Die Fragen, was uns antreibt (Motivation) ist für Christen zentral.

Die Bibel hinterfragt unsere Antriebskräfte an manchen Stellen. Sie bezeichnet das Herz des Menschen (als Begriff für die innere Schaltstelle von Verstand, Wille und Gefühlen) als „überaus trügerisch und bösartig“ (Jeremia 17,9). In seinem unerlösten Zustand unterdrückt es die Erkenntnis Gottes und betet statt dem Schöpfer einen Ersatz – also Geschaffenes – an (Römer 1,23).

Freud stellt dieselbe Frage wie die grossen Theologen: Wie kann der Mensch glücklich werden? Anders gefragt: Worin liegt das Glück des Menschen? Dabei entlarvt sich ein grosser Pessimismus, denn er muss Unglück vermeiden. Da es keinen übergeordneten Lebenssinn gibt, vermeidet er Leid u. a. durch Betäubung. Auch diese Analyse ist messerscharf und sollte uns zu denken geben. Der einzige (subjektive, beschränkte) Sinn ist der Hedonismus, dem Nachgeben der eigenen Lust.

Noch eine Bemerkung zu Sokrates‘ Logik. Sie hat auf uns spätmoderne Zeitgenossen eine heilende Wirkung. Ich muss jedoch eine Einschränkung anbringen: Logik kann uns nicht zu Christus führen, weil wir die Wahrheit unterdrücken müssen (Römer 1,21). Das gibt Kreeft indirekt auch zu: „Vielleicht habe ich zu viel Vertrauen in den Willen der Menschen, meinen logischen Argumenten zu folgen.“ (77; Kreeft nimmt über Sokrates übrigens einen agnostischen Standpunkt ein, 116) Genau! Letztlich handelt es sich um eine Frage des Willens (Ethik). Wir folgen unserem Argument eben nicht immer dahin, wo es uns wirklich führen würde (118). Wir scheuen uns davor, Dinge zu Ende zu denken. Hierfür brauchen wir ein neues Herz, wie schon der Prophet Hesekiel geschrieben hat (Hesekiel 36,26).

In Wirklichkeit ist es [die Theologie] jedoch das praktischste Projekt, mit dem man sich befassen kann.

“In Wirklichkeit ist es [die Theologie] jedoch das praktischste Projekt, mit dem man sich befassen kann. Gott zu erkennen ist von entscheidender Bedeutung, wenn es darum geht, ein gelungenes Leben führen zu können. Nehmen wir das Beispiel eines Eingeborenen, der aus dem Regenwald des Amazonas stammt. Wie lieblos wäre es, mit ihm nach London zu fliegen, ihn ohne eine Erklärung am Trafalgar-Square abzusetzen und dann zu verschwinden. Er müsste sich dann, ohne ein Wort Englisch zu sprechen oder etwas über England zu wissen, allein durchschlagen. Ebenso lieblos sind wir uns selbst gegenüber, wenn wir versuchen, in dieser Welt zu leben, ohne den Gott zu kennen, der diese Welt erschaffen hat, und der sie lenkt. Die Welt ist für jene, die Gott nicht kennen, ein fremder, grausamer, trostloser Ort, und das Leben in dieser Welt ist voller Enttäuschungen und Unannehmlichkeiten. Missachtest du das Studium über Gott, dann verurteilst du dich sozusagen dazu, mit verbundenen Augen, mehr schlecht als recht, durchs Leben zu straucheln, ohne Orientierungssinn und ohne etwas von der Welt zu erkennen, die dich umgibt. Auf diese Weise wirst du dein Leben vergeuden und deine Seele verlieren.“  James I. Packer, über Theologie

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Postmoderne: „Jeder hat recht“ ist unlogisch

Der Religionsphilosoph Professor Daniel von Wachter hat in einem Interview dem Medienmagazin pro über das Denken der Postmoderne den Wahrheitsrelativismus scharf kritisiert:

Daniel von Wachter: Postmodernismus ist nicht eine Analyse des Denkens der Mehrheit der heutigen Menschen, sondern besteht aus bestimmten Behauptungen bestimmter Autoren. Zum Beispiel: Es gibt keine objektive Wahrheit; es gibt keine Wirklichkeit, die von uns unabhängig ist; Vernunft und Wissenschaft sind nur Herrschaftsinstrumente; Texte haben keine zu entdeckende Bedeutung. Interessant ist, dass die vier Hauptautoren dieser Art von Rhetorik – Lyotard, Derrida, Rorty, Foucault – alle einen sozialistischen Hintergrund haben.

Wie denken Postmodernisten über den christlichen Glauben?

Die Postmodernisten greifen die bloße Tatsache an, dass das Christentum eine Lehre hat; eine Botschaft, die wahr sein soll. Sie greifen die christliche Lehre nicht so an, wie es redlich und sinnvoll wäre, indem sie ihr Argumente entgegenhalten und sagen: Das ist falsch aus den und den Gründen. Stattdessen behaupten sie, Wahrheit und Wirklichkeit gebe es gar nicht. Zweitens greifen die Postmodernisten die Lehre der Christen an, dass die Bibel Gottes Wort und verbindliche Quelle der Lehre sei. Wieder geben sie keine Argumente, sondern sie sagen: Ein Text hat gar keine zu entdeckende Bedeutung. Jeder schafft sich seine eigene Bedeutung.

Wenn es keine Wahrheit gäbe, wäre jede Meinung gleichermaßen richtig?

Es hat keinen Sinn, zu sagen: „Wenn jemand das anders sieht als ich, dann hat er ebenfalls recht.“ Das ist ein Widerspruch, es ist unvernünftig, so etwas zu sagen. Die Idee, dass man so einen Widerspruch „aushalten soll“, wird oft als menschlich und liebevoll dargestellt. Es ist aber unlogisch, wenn ich etwas glaube und das Gegenteil auch für richtig halte. Das bringt niemanden weiter. Wir wollen doch wissen, was richtig ist, und uns entsprechend entscheiden. Man darf die Wahrheit nicht gegen die Liebe ausspielen. Daher sollte man nicht sagen: Damit ich mehr Liebe übe, darf ich niemandem mehr widersprechen. Es ist sogar liebevoller, wenn ich versuche, ihn zu überzeugen, weil ich ja will, dass der andere auch die Wahrheit, also die richtige Auffassung erlangt. Manchmal ist es zum Beispiel in einer Gemeinde richtig zu sagen: „Wegen dieser Meinungsverschiedenheit trennen wir uns nicht“. Aber es ist töricht zu sagen: „Ich meine X, aber ich will nicht sagen, dass Nicht-X falsch wäre.

Mehr: www.pro-medienmagazin.de.

Siehe dazu auch: Ron Kubsch: „Warum das Christentum für François Lyotard eine Emanzipationserzählung ist“, mbstexte085.pdf sowie „Vom Ende der großen Erzählungen Jean François Lyotard und das Das postmoderne Wissen“, mbstexte003.pdf.
http://theoblog.de/postmoderne-jeder-hat-recht-ist-unlogisch/28142/

Input: Brexit und das polarisierte Gequatsche

In den letzten Tagen dominierte Brexit – die Volksentscheidung der Briten zum Austritt aus der Europäischen Union – die Meldungen und Diskussionen in meinen Filtern der sozialen Medien. Silas Deutscher hat einen treffenden Kommentar abgegeben:

Die allermeisten Reaktionen auf den Brexit lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Die einen sehen unverzüglich ein Wiedererstarken des Faschismus (im Übrigen ein zu Tode gedroschener Begriff), beschwören allerlei Bilder herauf, und halten ein Comeback der Nationalstaatlichkeit für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Man ist der Meinung, dass nur braune Dumpfbacken, die durch den schlimmen Neoliberalismus instrumentalisiert und auf hinterhältige Art und Weise rechter Propaganda unterworfen worden sind, für den Brexit gestimmt haben. Diese zweite Gruppe lacht sich nun aber ins Fäustchen und bekundet ihre Freude darüber, dass dem totalitären Politapparat im elitären Brüssel endlich ein schmerzhafter Denkzettel verpasst wurde. Johlend feiern man die Tatsache, dass den linken Träumern nun endlich bang ums Herz werden muss, natürlich ist man davon überzeugt, dass nun wieder alles besser werde.
Ist dieses unfassbare Beharren auf diesem oder jenem Pol nicht eine unfassbarer intellektueller «monster fail»? Beide Positionen idealisieren, teils mit sträflicher Geschichtsblindheit ihren Pol, werfen drastische Begriffe in die Debatte und vermischen, was eigentlich nicht vermischt werden kann (z.B. nationale Autonomie = böse). Fällt man nicht gerade dadurch wieder in dieselbe geschichtliche Problematik zurück, welche unter anderem zur Verwüstung das 20. Jahrhunderts geführt hat? Können sich totalitäre Strukturen etwa nur in Nationalstaaten ausbilden? Oder bilden sich diese etwas nur in zentralisierten Staatskonstrukten? Will man das unlösbare das Zerwürfnis und die Hinfälligkeit unserer politischen Geschichte pragmatisch abzufangen und sachlich gestalten, kann man sich nicht einfach von der eigenen Ideologie verklärt an einem dieser Pole bewegen. Der Mythus des Staates wird ersehnt und er besteht aus einer vollkommenen Einheit der Vielfalt, in welcher weder die Vielfalt die Einheit verdrängt, noch die Einheit die Vielfalt. Unsere politische Geistesgeschichte ist anscheinend dazu verdammt dialektisch zwischen diesen Polen umherzuschwingen, stets im Glauben, nun die Gefahr des Totalitarismus zu überwinden. Die Gefahr wird nicht überwunden werden. Sie kann eingedämmt werden und sie kann zunehmen, mit und ohne Brexit.
http://hanniel.ch/2016/06/25/input-brexit-und-das-polarisierte-gequatsche/