Denkmal einer Idee

   

Öffentliche Denkmäler des Reformators Johannes Calvin gibt es weltweit nur ganz wenige. Eine freistehende, mannshohe Skulptur – die einzige dieser Art – befindet sich in Budapest, der ungarischen Hauptstadt. Als Teil des evangelischen Unionsdenkmals in der Stiftskirche in Kaiserslautern repräsentiert Calvin die reformierte Konfession, Luther die lutherische. Außerdem befindet sich an der Friedrichstadtkirche in Berlin am Gendarmenmarkt eine Bronzeplatte, die den Genfer Reformator zeigt (angefertigt zur 250-Jahr-Feier der Aufnahme der Hugenotten in Brandenburg 1935).
Das war‘s dann auch. In Calvins Geburtsstadt Noyon in Nordfrankreich würde man vergeblich ein Denkmal suchen. Dass jeglicher Personenkult eines Kirchenmannes zu verwerfen ist, haben die reformierten Christen also weitgehend beherzigt. Die deutschen Lutheraner machten dagegen nach den Kriegen gegen Napoleon Martin Luther zu einem ihrer großen Nationalhelden. 1821 wurde das Lutherdenkmal in Wittenberg errichtet, künstlerisch verantwortlich waren die Top-Künstler der Zeit, Schinkel und von Schadow (Letzterer schuf auch die Quadriga auf dem Brandenburger Tor). Der Wittenberger Luther war übrigens das erste Denkmal für einen Bürgerlichen überhaupt im Land. Bis dahin waren diese Fürsten und Adeligen vorbehalten. Dutzende Lutherdenkmäler, vor allem natürlich in Deutschland, folgten im 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Lutherdenkmal (copyright Thomas Vollmer churchphoto.de) - ID 28176 b

Luther in Wittenberg (von Schadows Skulptur; Baldachin von Schinkel)

Prägend wurde außerdem das Lutherdenkmal in Worms aus dem 1868; die Figur von Ernst Rietschel ließ man in vielen Ländern nachgießen. Die Komposition gilt auch als „Reformationsdenkmal“, da dem alle überragenden Luther andere Reformatoren beigeordnet sind wie Melanchton und Vorreformatoren wie Hus und Wycliff.
Das „internationale Reformationsdenkmal“ befindet sich aber in Genf in der Schweiz. Es ist ein Kunstwerk ganz eigenen Stils. Im Zentrum der Maueranlage befindet sich Calvin selbst – sechs Meter hoch, neben ihm stehend Guilliaume Farel, der ihn einst nach Genf holte, Theodore Beza, sein Nachfolger in der Stadt, sowie John Knox, der Reformator Schottlands, der sich auch einige Jahre in der Schweizer Stadt aufhielt. Nur rund einhundert Meter entfernt liegt Calvins einstige Predigtkirche St. Pierre.
Das Denkmal wurde 1917, vor einhundert Jahren, eingeweiht. Es war die erste öffentliche Ehrung Calvins in dieser Form. Jahrhundertelang achteten die Genfer Calvins letzten Willen, ihn persönlich in keiner Weise zum Objekt der Verehrung zu machen. Bekanntlich verhinderte er sogar die Kennzeichnung seines Grabes (was heute als Grab besucht werden kann, markiert nicht den tatsächlichen Ort der Bestattung, der unbekannt ist).
Initiator des Denkmals war der Genfer Professor für Kirchengeschichte Auguste Chantre. Von ihm stammte die Idee, zum 400. Geburtstag des Reformators 1909 ein Monument zu errichten. Um Calvins Anliegen aber dennoch gerecht zu werden, sollte das Kunstwerk „weniger einem Menschen als einer Idee“ gewidmet sein. In der Vorgabe zu einem Wettbewerb war die Abbildung zahlreicher Personen vorgesehen, darunter auch „Männer des Staates und des Degens“. Sage und schreibe 71 Entwürfe gingen ein.
Der erste Preis ging an das Projekt von vier Schweizer Architekten mit dem schlichten Namen Le Mur – die Mauer. Die Grundsteinlegung erfolgte noch 1909. Zweidrittel der Kosten wurden durch Spenden aus Genf selbst aufgebracht. Die „Volkstümlichkeit“ war eine der Vorgaben des Wettbewerbs, und tatsächlich erfreute sich das Monument international de la Réformation in der Stadt sofort großer Beliebtheit. Bis heute ist es ein Besuchermagnet. Die vier Personen im Zentrum werden bis heute gerne ikonographisch herausgegriffen als Symbol der Reformation überhaupt, so auch in Litauen im Rahmen des diesjährigen Reformationsjubiläums.
Die Stärke des Monuments ist sicherlich, dass die Figur Calvins in die Gruppe der drei anderen Reformatoren eingebunden und nur ganz dezent, vor allem durch die Haltung seiner Arme, herausgehoben ist (ganz anders war dies beim zweitplatzierten Entwurf vorgesehen). Es gilt jedoch zu beachten, dass alle vier mit der Genfer Reformation verbunden sind (Knox gleichsam als deren Exporteur). Das Denkmal erinnert damit nicht an die Schweizer Reformation oder die reformierte Konfession allgemein, schließlich fehlten dafür so wichtige Personen wie Ökolampad, Musculus und natürlich Bullinger. Trotz des Namens ist auch nicht die europaweite Reformation als solche Thema, denn deren ‘Urväter’ finden nur wie beiläufig Erwähnung: In den Seitenmauern sind die Namen „Luther“ und „Zwingli“ eingemeißelt.

Die Figurengruppe im Zentrum ist nur der Mittelteil des an die einhundert Meter breiten Monuments. Links und rechts der Vier befinden sich die Skulpturen von sechs weiteren Personen, die jeweils um die drei Meter hoch sind. Abgesehen vom Puritaner Williams ist keiner von ihnen ein ordinierter Pfarrer oder Theologe; sind die vier Figuren Männer der Kirche, so handelt es sich bei den anderen um die ja schon in den Vorgaben geforderten Männer des Staates (als solcher ist auch Williams als Gründer von Rhode Island in Nordamerika aufgenommen).

Das dritte Element der komplexen Komposition stellen Flachreliefs und dazugehörige Texte dar, die Episoden aus der Reformationsgeschichte in Deutschland, Frankreich, Ungarn oder der Schweiz veranschaulichen. Sie sind den sechs Personen zugeordnet. Hier ein kurzer Überblick:

Gaspard de Coligny war Armeeführer und einer der Köpfe der Hugenotten in Frankreich, das prominenteste Opfer des Massakers in der Bartholomäusnacht im Jahr 1572. Damals wurden innerhalb weniger Tage Tausende reformierte Christen umgebracht. Ein Vierteljahrhundert später kamen die Religionskriege zu einem Ende, als der französische König Heinrich IV 1598 das Toleranzedikt von Nantes unterzeichnete, festgehalten im Relief.

Wilhelm von Nassau, der Schweiger oder der Schweigsame, ist abgebildet, Anführer der niederländischen Unabhängigkeitsbewegung. Der später „Vater des Vaterlands“ Genannte war maßgeblich beteiligt an der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Provinzen der Niederlande von Spanien, vorgenommen durch die Generalstaaten 1581.

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Friedrich Wilhelm von Brandenburg wird ebenfalls geehrt (im Bild o. links). Der Große Kurfürst nahm nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 durch Ludwig XIV in seinen Territorien hugenottische Glaubensflüchtlinge auf.

Viel weniger bekannt ist Stephan Bocskai: Im Relief ist dargestellt, wie der reformierte Fürst von Siebenbürgen 1606 dem ungarischen Landtag den Friedensvertrag von Wien übergibt. Darin sicherte der katholische Kaiser Rudolf II von Österreich den Protestanten Ungarns Religionsfreiheit zu.

Viele werden überrascht sein auch Oliver Cromwell zu sehen. Der General im englischen Bürgerkrieg Mitte des 17. Jahrhunderts übernahm in der kurzzeitigen Republik als „Lordprotektor“ die Herrschaft; gerne bezeichnet man ihn als Diktatoren. Vergessen wird dabei meist, dass der Puritaner Independent war, also „Freikirchler“. Er widerstand einer protestantischen Nationalkirche, und sei sie auch presbyterianisch. Sein Ruf war „Gewissensfreiheit!“. Daher blickt das ihm zugeordnete Relief nach vorne: Vertreter der Parlamentskammern überreichen 1689 Wilhelm von Oranien und seiner Frau Maria die „Declaration of Rights“. Aus dem Dokument ging im selben Jahr die „Bill of Rights“ hervor, die einen Meilenstein auf dem Weg zu modernen Parlamentarismus darstellt. In der Genese der Menschen- und Bürgerrechte spielt die Bill of Rights ebenfalls eine wichtige Rolle.

Schließlich ist Roger Williams zu sehen. Der englische Puritaner war einer der Väter des Baptismus und Vorkämpfer der Trennung von Kirche und Staat. 1654 wurde er zum Präsidenten von Rhode Island in Nordamerika gewählt, setzt sich für Glaubens- und Gewissensfreiheit ein. „Soul Liberty“ ist auch auf dem Buch zu lesen, das die Figur des Monuments in der Hand hält (s.u. Foto). Im Relief wird dargestellt, wie die Pilgerväter der Mayflower 1620 die Kolonie Plymouth in Neuengland gründen. (Zwei weitere Reliefs beziehen sich auf Farel und Knox.)

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Über das ganze Denkmal zieht sich außerdem in sehr großen Lettern die Inschrift POST TENEBRAS LUX („Nach der Dunkelheit Licht“) – seit dem 16. Jahrhundert der Wappenspruch des reformierten Genf und aller Reformierten, die in der protestantischen Reformation eine Rückkehr zum Licht sahen.

Aber nicht nur die konfessionell reformierten Christen schätzen diesen Spruch. Genf selbst führt ihn immer noch in seinem Wappen, obwohl die Stadt inzwischen weitgehend säkular geprägt ist und die Reformierten nur noch 10 Prozent der Bevölkerung des Kantons ausmachen. Das Reformationsdenkmal zeigt recht klar, dass schon um 1900 das „Licht“ eine Prägung gewonnen hat, an die Calvin und Kollegen so sicher kaum gedacht hatten.

Die Idee des Denkmals ist nämlich nicht die Erneuerung des Evangeliums, des Glaubens oder der Kirche; es ist also nicht der konfessionelle Protestantismus und auch nicht die Reformation als solche. Die Idee des Monuments ist die in ganzen Staatswesen verankerte und konkret umgesetzte Religions-, Glaubens- und Gewissensfreiheit. War unter Calvin und Beza Genf theologisches Zentrum und Ausgangspunkt einer breiten Missionsbewegung, so schlägt das Reformationsdenkmal eine andere Brücke: von Genf zur modernen Toleranzidee. Genf als Hort des modernen politischen Freiheitsgedankens.

Diese Idee ist sicher nicht zu verwerfen. Der Calvinismus hat mit dazu beigetragen, dass sich Glaubens- und Gewissensfreiheit nach und nach etablierten. Allerdings war dies ein sehr gewundener Weg, auf dem viel gestolpert wurde; das Genf Calvins und das Schottland des Knox kannten noch keine moderne Religionsfreiheit. Außerdem nahm dieser Weg seinen Ausgang sicher nicht allein in Genf (Basel, wo Sebastian Castellio wirkte, und die Niederlande können hier sicher auch ‘Urheberrechte’ anmelden).

Das Genfer Reformationsdenkmal zeigt uns eine Deutung der Reformation, die als „kulturprotestantisch“ bezeichnet werden kann (diese Deutung nimmt auch der bekannte evangelische Theologe Jan Rohls ganz am Ende dieses Vortrags vor). Der Kulturprotestantismus entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Teil der breiten Strömung des Neuprotestantismus. Der evangelische Glaube sollte aus kirchlichen und dogmatischen Bindungen gelöst und zu einer modernen Bildungsreligion jenseits konfessioneller Beschränkungen umgeformt werden. Man glaubte an die kulturelle Führerschaft und Überlegenheit des Protestantismus. Angestrebt wurde eine Synthese oder Durchdringung der Kultur durch Religion. Durchdringung der Welt mit Freiheit und Toleranz – dies wird konkret im Reformationsdenkmal ausgedrückt.

Dieser freie oder liberale Protestantismus betonte vor allem Bildung und Fortschritt. In der Satzung des Deutschen Protestantenvereins hieß es, eine „Erneuerung der protestantischen Kirche im Geist evangelischer Freiheit und im Einklang mit der ganzen Kulturentwickelung seiner Zeit“ werde angestrebt. Seinen Höhepunkt erreichte der Kulturprotestantismus um 1900; Namen wie Adolph von Harnack und Ernst Troeltsch sind hier für Deutschland zu nennen. Der Kulturprotestantismus strahlte aber auch in andere Länder wie die Schweiz ab, und dass im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts dort solch eine Gedenkstätte geschaffen wurde, ist alles andere als Zufall.

Mit dieser Einordnung in den kulturellen Geist der damaligen Zeit soll das Genfer Monument nicht entwertet werden. Aber wir wissen ja inzwischen nur zu gut, welchen Luther man im 19. Jahrhundert in Deutschland aufleben ließ und in gewissem Sinne schuf – eine kulturelle deutsche Überfigur. Ganz im Sinne des Kulturprotestantismus trat die kirchlich-konfessionelle Dimension weit zurück. Im Calvinismus der Genfer hatte der Kulturprotestantismus nicht diese nationale Ausprägung. Das dortige Denkmal ist tatsächlich erfrischend international. Aber es ist eben fast gar nicht mehr ein Ort, an dem es um eine kirchliche Reformbewegung geht. Das „Licht“ des Evangeliums hat Kulturen verändert, wurde dabei aber auch säkularisiert und ein Stück womöglich sogar entkernt. Beim Betrachten des „internationalen Reformationsdenkmals“ sollte man auch dies beachten.
http://lahayne.lt/2017/10/15/denkmal-einer-idee/

 

„Ehe für alle“ – Fortschritt wohin?

Ein Diskussionsbeitrag von Gastautor Dr. Reinhard Junker
Der Artikel kann mit ausführlicheren Anmerkungen hier als PDF heruntergeladen werden.
„Ehe für alle“ – klingt gut und einladend, es wird niemand „diskriminiert“, es gelten gleiche Rechte für alle, niemandem wird etwas weggenommen. Und wenn Menschen dauerhaft Verantwortung füreinander übernehmen, ist das doch wertvoll und verdient Unterstützung, unabhängig davon, ob es sich um eine hetero- oder homosexuelle Beziehung handelt. Wo also  ist das Problem?
In diesem Beitrag möchte ich zunächst darlegen, was aus christlicher Sicht zur Ehe gesagt werden kann und anschließend die Argumente untersuchen, die spezifisch von kirchlicher Seite für die „Ehe für alle“ vorgebracht werden. Im zweiten Teil soll es um Argumente gehen, die unabhängig von christlicher Dogmatik und Ethik in der Diskussion über die „Ehe für alle“ (Efa) vorherrschen: Wie begründen die Befürworter die Efa und aus welchen Gründen lehnen sie ihre Gegner ab? In einem dritten Teil werden einige Konsequenzen erörtert. Weiterlesen

Gesetzeswerke – Glaubenswerke

 Luthers Betonung der biblischen Rechtfertigungslehre (nicht aus Gesetzeswerken – allein aus Glauben) stieß auf heftigen Widerspruch. Sowohl von Katholiken als auch von einzelnen Wiedertäufern wurden seine Überzeugungen zum Teil sehr entstellt wiedergegeben, so als ob Luther Werke des Glaubens für unnötig halten würde. – Das Gegenteil ist der Fall!
Das Thema “Rechtfertigung aus Glauben” nimmt in Luthers Werken einen sehr breiten Raum ein. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen. Und immer wieder finden sich folgende Punkte:
  • Vor Gott wird ein Sünder allein aus Gnade durch den Glauben an Christus gerechtfertigt.
  • Werke können keinerlei Beitrag zu unserer Rechtfertigung leisten.
  • Mit echtem Glauben sind dann aber unausbleiblich gute Werke verbunden.
  • So bestätigen gute Werke die Echtheit des Glaubens.
  • Deshalb ist es nötig, dass auch die Notwendigkeit guter Werke deutlich gepredigt wird.
  • Dennoch tragen auch die Glaubenswerke in sich selbst nichts zum ewigen Heil bei.Hier eine nur kleine Auswahl von Zitaten dazu aus dem Lebenswerk Luthers. Wie bei Luther nicht anders zu erwarten ist, finden sich einige markante Aussprüche und ansprechende Sprachbilder darunter. Die Quellenangaben beziehen sich auf die Ausgabe von Walch. [Hervorhebungen und Ergänzungen in eckigen Klammern von mir.]
Weil wir sagen, daß man allein durch den Glauben an Christo hangend zum Himmel kommen, schreien die Widersacher: man verbiete gute Werke. 8,308
Auf den Glauben folgen die Werke, gleichwie der Schatten dem Leibe folgt. 6,613
Obwohl der Glaube genug ist zur Seligkeit, und durch den Glauben ich das Himmelreich erlange, dennoch so müssen die guten Werke hernach folgen, oder der Glaube ist nicht rechtschaffen. Denn der Glaube ist so ein ernst Ding, daß er nicht ohne gute Werke bleibt. 7,27
Du mußt gute Werke thun, und allezeit gute Werke gegen den Nächsten üben, auf daß der Glaube äußerlich leuchte im Leben, wie er sonst inwendig im Herzen leuchtet. 7,1990
Doch nicht der Meinung, daß man nicht gute Werke tun soll, sondern, daß man, Gnade bei Gott und ewiges Leben zu erlangen, allein diesen Christum durch den Glauben zuvor haben muß, aber nach und neben dem Glauben auch gute Werke thue, und die Liebe beweise; allein, daß dieser Unterschied recht gehalten werde, daß man unserm Leben und Werken nicht zumesse die Kraft und Verdienst, daß sie uns sollten hinauf zum Vater bringen.
Wir geben zu, daß man auch von guten Werken und von der Liebe lehren muß, aber zu seiner Zeit und an seinem Orte, nämlich wenn man die Frage von den Werken behandelt außerhalb dieses Hauptartikels [von der Rechtfertigung]. 9,187
Sie [die Werke] müssen gethan werden, nicht als die Ursache, sondern als die Frucht der Gerechtigkeit. 9,229
Denn wenn diese [die guten Werke] nicht auf den Glauben folgen, so ist es ein ganz gewisses Zeichen, daß der Glaube nicht der rechte Glaube ist. 9,750
Darum schleuß den Glauben und die guten Werke zusammen, daß also in den beiden die Summa des ganzen christlichen Lebens stehe; nicht daß die Werke etwas zur Rechtfertigung vor Gott thun, sondern daß der Glaube ohne sie nicht ist, oder ist kein rechter Glaube. 9,1153
Werk ohne Glauben ist Abgötterei. Glaube ohne Werke ist Lügen und kein Glaube. 9,1807
Denn wenn wir gerecht würden um der Werke willen, welche aus dem Glauben folgen, so würden wir schon nicht mehr durch den Glauben selbst gerecht, auch nicht um Christi willen, sondern um unser selbst willen, die wir nach dem Glauben Werke thun; das heißt Christum verleugnen. 9,1862
Denn die Werke folgen erst auf den Glauben, und wirken nichts zur Rechtfertigung, sondern kommen nach. Der Glaube und das Wort aber sind vorher zugegen und thun das Ihrige, das ist, sie machen gerecht. 9,1877
Wie sollten wir denn durch das Evangelium solche Predigt einführen, die da erlaubt Böses zu thun? … Man deutet und verkehrt unsere Lehre fälschlich, wenn man sagt, sie lehre nicht gute Werke thun noch achten. 12,776
Die Werke können den Glauben wohl anzeigen, aber nicht wirken. Denn wo die Werke der Gottseligkeit fehlen, da folgt, daß auch der Glaube selbst nicht da sei. 12,1834
Glaube ist eine lebendige, erwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiß, daß er tausendmal darüber stürbe. Daher der Mensch ohne Zwang willig und lustig wird, jedermann Gutes zu thun, jedermann zu dienen, allerlei zu leiden Gott zu Liebe und zu Lob, der ihm solche Gnade erzeigt hat, also daß unmöglich ist, Werke vom Glauben zu scheiden, ja, so unmöglich als Brennen und Leuchten vom Feuer mag geschieden werden. 14,100
Denn gleichwie er [Johannes] im Evangelio den Glauben treibt, also begegnet er in der Epistel denen, die sich des Glaubens rühmen ohne Werke, und lehrt mannigfaltig, wie Werke nicht außen bleiben, wo der Glaube ist; bleiben sie aber außen, so ist der Glaube nicht rechtschaffen, sondern Lügen und Finsterniß. 14,126
Wo der Glaube des Geistes ist, da folgen die Früchte des Geistes von sich selbst. 19,1431
Die Werke, die nach dem Glauben folgen, machen nicht gerecht, sind nicht eine Ursache, sondern eine Frucht der Rechtfertigung. 19,1431
Wir gestehen, daß die guten Werke auf den Glauben folgen müssen, ja, nicht nur folgen müssen, sondern aus freien Stücken folgen, gleichwie ein guter Baum nicht gute Früchte tragen muß, sondern er trägt dieselben von selbst. 19,1440
Die Werke leuchten durch die Strahlen des Glaubens und gefallen [Gott] um des Glaubens willen, nicht umgekehrt. 22,453
Günter Vogel·Mittwoch, 1. November 2017
https://www.facebook.com/notes/g%C3%BCnter-vogel/gesetzeswerke-glaubenswerke/2152868024738647/

Evangelikale Zukunft

In den Nachkriegsjahren haben sich die Evangelikalen um zwei Kernüberzeugungen gesammelt, nämlich die volle Autorität der inspirierten Schrift und die Zentralität von Jesu stellvertretendem Sühnetod (S. 5). Dem folgte eine anhaltende Schwächephase durchsteigende Gleichgültigkeit gegenüber biblischer Lehre. „Das Christentum wurde zunehmend auf private, innere, therapeutische Erfahrung reduziert.“ (S. 8) Zudem wurde der Glaube von der lokalen Gemeinde losgelöst. „Der Glaube wurde individualistisch, selbst-fokussiert und konsumorientiert“ (S. 11). Das zweite große Segment seit den 1980er-Jahren bilden die sogenannten „Marketers“. Sie holten mit dem Argument „wir behalten die alte Botschaft, verpacken sie einfach neu“ Businessstrategien in die Kirche. Wells vergleicht Gemeinden mit den Einkaufszentren: Wir holen uns, wann wir es wollen, das, wozu wir gerade Lust haben. Dies bereitete den Boden für eine nächste Generation, die Emergenten. Sie sind besonders skeptisch gegenüber Macht und Strukturen. Sie schließen sich in losen Netzwerken zusammen. Was von den „Marketers“ inhaltlich ausgehöhlt worden war, besetzen sie mit einem Sammelsurium von neuen Inhalten. Sie experimentieren mit anderen Gottesdienstformen. Die Diagnose stimmt nachdenklich: „Ich weiß nicht, was die evangelikale Zukunft sein wird, aber ich bin sicher, dass der Evangelikalismus keine gute Zukunft hat“ (S. 21). Zumindest dann, wenn keine Kursänderung gelingt.
Courage to be Protestant: Truth-lovers, Marketers and Emergents in the Post-modern World (Englisch) Gebundene Ausgabe – 18. April 2008 von David F Wells

 

Das große Fragezeichen eines „religionslosen Christentums“

»Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum, oder auch wer Christus für uns heute für uns eigentlich ist. Die Zeit, in der man das den Menschen durch Worte – seien es theologische oder fromme Worte sagen könnte, ist vorüber, ebenso die Zeit der Innerlichkeit und des Gewissens, und d.h. eben die Zeit der Religion überhaupt. Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen; die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein.« Dietrich Bonhoeffer  Aufzeichnungen aus der Haft, DBW, 8. Band, München 1998, 403-409

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9. These: Gegen die Schwärmerei der Allversöhnung und gegen die sogenannte Verchristlichung dieser Welt.

Die Heilige Schrift bezeugt und die Reformatoren bekennen, daß diese Schöpfung Gottes eine gefallene Schöpfung ist und daß die Menschheit in der Feindschaft gegen Gott lebt. Aus diesen hat Gott etliche durch Christus zu seiner Gemeinde erwählt und erlöst. Diese Gemeinde ist in, aber nicht von der Welt. Sie ist ein Licht in der Welt, aber sie erlöst diese Welt nicht. Das Reich Gottes und das Reich der Welt, Licht und Finsternis bleiben geschieden, bis Christus wiederkommt und eine neue Erde und einen neuen Himmel schaffen wird.
Christus spricht:»Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, daß ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dieser Welt.« (Joh. 18,36)
Zu verwerfen ist deswegen die Irrlehre, als ob das Reich der Welt Reich Gottes werden, diese ganze Welt vor der Wiederkunft Christi erlöst werden könnte. Die Welt kann nur durch die allgemeine Gnade Gottes vor ihrer Katastrophe bewahrt werden, sie kann nur leben nach dem Maßstab des Gesetzes, der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes, die für alle Menschen gilt. Eine irrende Kirche ist es, die nur das Evangelium predigt und dieser Welt das Gebot, das Gesetz Gottes vorenthält.
Luther bekennt:»Diese Welt läßt niemals von ihrer Art. Der Satan ist der Welt Fürst, durch ihn läßt sie sich zu allem Bösen verleiten. Denn sie ist das Reich der Finsternis, welches notwendig das Licht hassen muß (Joh. 1). Und folglich verachtet sie die Prediger des göttlichen Worts, verfolgt sie, schreit sie für Narren aus und tötet sie endlich als nichtswürdige Menschen«.. . »Die Erde besteht noch immer um der Kirche willen in der Welt fort, sonst würden Himmel und Erde in einem Augenblick in Flammen aufgehen, denn die Welt ist nicht ein Weizenkorn wert, zumal sie voll Gotteslästerung und gottlosen Wesens ist. Weil aber die Kirche mitten unter den Gottlosen lebt, so läßt es Gott um der Kirche willen geschehen, daß auch die Gottlosen die allgemeinen Güter und Gaben dieses Lebens genießen und alles, was die Welt hat, das hat sie um der Kirche willen.«
10. These: Gegen die Verweltlichung der Kirche.
Die Heilige Schrift bezeugt und die Reformatoren bekennen, daß die Kirche nicht Welt und die Welt nicht Kirche werden kann. Die Kirche lebt vom Regiment ihres Herrn, der im Himmel ist, der zwar viele berufen, aber nur wenige auserwählt hat. Die Verweltlichung der Kirche, ihre »Vergesellschaftung« verfälscht das Evangelium zur Ideologie des Antichrist.
Christus spricht:»Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden.« (Matth. 7,13-14)
Zu verwerfen ist deswegen die Irrlehre, als ob Kirche in die Welt und Welt in die Kirche aufgehen, weltliches Regiment geistlich und geistliches Regiment weltlich werden könnten. Die Kirche des breiten Weges ist die Kirche des Antichrist, die Kirche des schmalen Weges ist die Kirche der Wahrheit.
Luther bekennt:»Christi Reich auf Erden ist nicht ein weltlich Reich, es besteht auch nicht darin, wie man hier auf Erden esse, trinke, haushalte, des Leibes warte, dazu in der Notdurft des Lebens geordnet und vorhanden sein müsse, sondern er hat ein solch geistlich Reich geordnet, daß man darin göttliche ewige Güter suchen und finden soll, und dasselbe auch so bestellt, daß es mit Gottes Wort, Sakramenten, Kraft und Gaben des Heiligen Geistes reichlich versorgt ist und bleibt und gar nichts mangelt an dem, was fürs ewige Leben und dessen Erhaltung dient. Darum läßt er die Welt in ihrem Regiment ihre Notdurft und Vorrat haben, hinnehmen und sich damit reichlich versorgen, aber seinen Christen befiehlt er, ihre Gabe und Trost nicht auf das Zeitliche zu setzen, sondern nach Gottes Reich zu trachten, woran sie ewig genug haben und reich sein sollen.«
Die verratene Reformation – GOTTES Wort und Luther`s Lehr` verneint man heute immer mehr Huntemann, Georg Verlag: 1983 Bremen, 1983 Seite  98
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Der unklare Begriff der „Werte“

Der Wertbegriff war einer der konstitutiven Begriffe  der Nationalökonomie von Adam Smith. In die Philosophie ist der Wertbegriff aber erst durch Nietzsche gekommen. Der Wertbegriff erlebt heute eine Konjunktur, die weit über die Philosophie hinaus reicht. Er ist zum zentralen Begriff in allen Zusammenhängen unserer Gesellschaft geworden, so weit es nicht gerade nur um Fakten und um technische Machbarkeiten geht. In allen heute noch kulturell zu nennenden Verständigungsformen geht es um die Wertfrage. Alles gesellschaftliche Geschehen hat, direkt oder indirekt, mit Prozessen zu tun, in denen Werte sich ändern und wandeln. Dieser Prozess des Wertewandels beschleunigt sich immer mehr, wir sprechen daher von einem dynamischen Wertewandel. Diesem inflationären Gebrauch des Wertbegriffes steht eine nach wie vor höchst unbefriedigende Klärung dessen gegenüber, was ein Wert ist. Nur in nationalökonomischen Zusammenhängen kann man präzise die Frage beantworten, was ein Wert wert ist. In allen nicht nationalökonomischen Verwendungszusammenhängen steht der allgegenwärtigen Präsenz des Wertbegriffs eine merkwürdige Unklarheit in Bezug auf die entscheidende Frage gegenüber, was denn die Werte selber wert sind, die man jeweilig setzt oder die gerade entwertet werden. … Max Scheler hat noch behauptet, dass die Werte an sich gelten, und dass die Menschen auch über ein eigenes emotionales Organ verfügen, um diese Werte zu erfassen. Für die neukantianische Wertphilosophie steht dagegen fest: Werte gelten, aber sie sind nicht. Werte rufen daher nach ihrer Verwirklichung. Die Verwirklichung der an sich geltenden Werte braucht den Einsatz für die Verwirklichung der Werte. Die Werte müssen dann aber gegenüber konkurrierenden Werten durchgesetzt werden. Über die Chance einer Durchsetzung eines Wertes entscheidet dann die Macht. Die Macht holt den Wert aus dem abstrakten, wesenlosen Sein abstrakter Geltung heraus und sorgt für dessen Durchsetzung. Die Realität einer sich auf Werte hin verstehenden Gesellschaft ist darum gekennzeichnet durch den Kampf um die Werte.
Günter Rohrmoser „Werte“ (Nietzsche als Diagnostiker der Gegenwart, S. 314f)

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Die Kirche braucht einen progressiven Fundamentalismus mit einer sozialen Botschaft

„Die Kirche braucht einen progressiven Fundamentalismus mit einer sozialen Botschaft“; „Einst war das erlösende Evangelium eine weltverändernde Botschaft, heute ist es zu einer weltverneinenden Botschaft geworden“; „Wir müssen die Welt heute mit einer Ethik konfrontieren, die sie erzittern lässt, mit einer Dynamik, die sie hoffen lässt“. Der Fundamentalismus „fordert die Ungerechtigkeiten des Totalitarismus, den Säkularismus der modernen Erziehung, die Übel des Rassenhasses, die Mißstände in der Arbeitswelt, internationale Ungleichheiten nicht heraus. Er hat aufgehört Rom und Cäsar herauszufordern… Das apostolische Evangelium hat nichts mehr gemein mit einer Leidenschaft für eine gerechte Welt.“ Carl F.H. Henry 1913–2003

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Rückkehr zum Aberglauben

Al Mohler warnt anläßlich der aktuellen Berichterstattung über magische Opferrituale mit Kindstötungen durch Hexenmeister im von Dürre bedrohten afrikanischen Uganda vor der Selbsberuhigung, daß es in unserer reichen westlichen Gesellschaften keine Anwendung okkulter Rituale mehr gibt. [auszugsweise Übersetzung ins Deutsche von mir]
>>“Medizinmänner opfern Kinder im von Dürre heimgesuchten Uganda“
Die Geschichte stammt aus Uganda, und der Reporter erzählt uns, dass es sowohl in Uganda als auch in mehreren benachbarten afrikanischen Ländern ein Wiederaufleben der Opferungen sowohl von Kindern als auch von Frauen gegeben hat.
Aber an diesem Punkt können Sie fast spüren, dass viele Amerikaner jetzt sagen würden: „Nun ich weiß, dass das Okkulte weiter präsent ist. Es ist auch eine ständige Herausforderung in einigen Teilen der Welt. Die genannten Länder waren aber alle in Afrika. Aber natürlich nicht im hyper-modernen, sehr säkularen Amerika von heute.
Falls Sie das auch so sehen, werden Sie jetzt Anlaß haben ein wenig demütiger zu werden: Eine der zentralsten Figuren im sozialen Leben der amerikanischen Hauptstadt Washington DC hat kürzlich ein Buch mit geschrieben, in dem sie über ihre anhaltende Faszination und ihre Teilnahme am Okkulten sehr offen berichtet. Diese Figur ist Sally Quinn, eine Autorin und ein bekanntes Mitglied der High Society. Sie ist die Ex-Frau von Ben Bradlee, dem langjährigen Herausgeber der Washington Post. Jetzt hat sie ein Buch mit dem Titel „Finding Magic“ geschrieben, in dem sie öffentlich über ihre okkulte Seite spricht.
In einem kürzlich veröffentlichten Profil von Sally Quinn zur Veröffentlichung ihres neuen Buches, berichtete das Washingtonian Magazine:
„Über die besonderen Anekdoten hinaus ist dieses Buch Quinns Coming-Out als leidenschftliche Gläubige des Übernatürlichen“ …
Sally Quinn dokumentiert ihre Teilnahme am Okkulten insofern, als sie in ihren eigenen Worten sagt, SIE HABE DREI FLÜCHE AUF PERSONEN GELEGT, DIE ANSCLIEßEND ZIEMLICH SCHNELL STARBEN.
Was hier so wichtig ist: dass wir hier eine Person haben, die im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens von Washington DC steht, der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika und immer noch steht. Und jetzt spricht sie in ihren eigenen Worten öffentlich über ihre Erfahrungen mit dem Okkulten. Das sagt natürlich sehr viel über Sally Quinn aus, aber auch viel über die High Society in Washington DC und nach einiger Reflexion auch viel über uns selber.
Die interessanteste Dimension dieses Berichts ist, dass diese Rückkehr zum Aberglauben mitten in der vermeintlich gleichzeitigen Wende zu einem säkularen Weltbild kommt. Aber was wir immer wieder sehen können ist, dass ein säkulares Weltbild niemals a) säkular für lange oder b) so säkular ist, wie viele behaupten. …
Das ultimative Problem hier ist, dass das, was man über die säkulare Weltanschauung wieder einmal sagen kann: Sie ist ein Vakuum. Und ein Vakuum existiert nie sehr lange. Ein Vakuum ist zerbrechlich, und irgendwann wird es von etwas anderem gefüllt werden. Und was wir jetzt sehen, ist, dass es, wenn es nicht vom biblischen authentischen Christentum gefüllt wird, vielleicht von etwas anderem, vielleicht von der New Age Spiritualität, vielleicht vom Aberglauben und vielleicht sogar dem Okkulten gefüllt wird.
Quelle: http://www.albertmohler.com/2017/10/10/briefing-10-10-17/

Bild könnte enthalten: eine oder mehrere Personen, Brille und Text

1516 Todesdatums von Hieronymus Bosch

boschDieses Foto ist ein Ausschnitt vom Fragment eines Jüngsten Gerichts, von dem angenommen wird, dass es von einem Nachfolger von Hieronymus Bosch stammt. Ich fotografierte es im März 2011 in der Alten Pinakothek in München.

Derzeit ist es nicht dort zu sehen.
Kürzlich gedachte man des Todesdatums von Hieronymus Bosch vor 500 Jahren. Wen seine Gemälde beeindrucken, wird vielleicht ebenso sehr von seiner Epoche fasziniert sein.
Im Jahr 1516 zählt Luther 33 Jahre und Kopernikus 43. Ein halbes Jahrhundert zuvor fiel Konstantinopel an das Osmanische Reich, nun wendet es sich gegen Europa und bald stehen die Türken vor Wien. Es ist der Beginn des 16. Jahrhunderts, das Zeitalter der reformatorischen und der kopernikanischen Wende. Diese Umbrüche haben die ganze Welt umgestaltet, ähnlich der Entdeckung Amerikas und der Erfindung des Buchdrucks wenige Jahrzehnte zuvor, noch zu Lebzeiten Hieronymus‘. Niemand hat es posaunen gehört und es ging kein Ruf durch die Straßen „Eine neue Zeit hat begonnen!“. Die Feststellung, dass ein großer Wandel stattfand, folgte Jahrhunderte später.
Wer glaubt heute nicht an das heliozentrische Weltbild, dass die Erde die Sonne umkreist und nicht umgekehrt? Warum denn glauben – ist es nicht bewiesen? Tja nun! Wer kann erklären, warum Kopernikus und nicht Ptolemäus recht hatte, warum die Reformation und nicht die Tradition? Manche gehen so weit, zu behaupten, der Durchschnittsmensch könne keinen einzigen Grund für diese Überzeugungen nennen, deren Mehrzahl einzig und allein auf Autoritäten basiert. George Orwell begann einen Essay mit der einfacheren Frage: Just why do we believe that the earth is round? I am not speaking of the few thousand astronomers, geographers and so forth who could give ocular proof, or have a theoretical knowledge of the proof, but of the ordinary newspaper-reading citizen, such as you or me. (1)
Anstoß dazu gab eine Bemerkung von George Bernhard Shaw, die Menschen heute seien leichtgläubiger und abergläubischer als die Menschen im Mittelalter. Orwell diskutiert verschiedene Antwortmöglichkeiten und kommt zu dem Schluss, dass Shaw recht hatte und dass ein Großteil seines Wissens nicht auf logischer Beweisführung und Experiment beruhe, sondern auf der Autorität von Experten. Aber ist das wirklich leichtgläubig, sich darauf zu verlassen und tun wir das nicht alle jeden Tag, ohne dass wir dabei unvernünftig oder dumm wären? Das Gegenteil in seiner letzten Konsequenz zu leben ist nicht möglich und die Haltung des im 16. Jahrhundert wieder entdeckten und bis zur Überspitzung „Dass nichts gewusst wird“ (2) gesteigerten antiken Skeptizismus ist ebenso abergläubisch wie dogmatisch.
Wie sehr berühren wissenschaftliche Fragen unsere Lebensprobleme? (3) Ob sich die Erde um die Sonne dreht oder die Sonne um die Erde – das ist im Grunde gleichgültig. Um es genau zu sagen: das ist eine nichtige Frage. (4) Galileo Galilei leugnete angesichts des Scheiterhaufens. Erst Papst Johannes Paul II revidierte das Urteil der römischen Inquisition im Jahr 1992. Ein anderer war vor Galilei im Besitz einer schwerwiegenden Wahrheit – vielmehr war er von der Wahrheit ergriffen, die ihn besaß. Luther widerrief nicht, als sie sein Leben gefährdete.
In der Philosophie schreibt man die Epoche des Humanismus. Erasmus von Rotterdam ist einer ihrer bekanntesten Vertreter. Wer kann seit jenen Tagen das Paradox des menschlichen Willens auflösen, das Erasmus und Luther endgültig entzweite? Ist er nun frei oder ein Knecht?
Ganz im Gegensatz zum humanistischen Ideal, das den Menschen von seiner Freiheit her definiert, und der Renaissanceausbildung, die er einst genoß, sind die Herrschaftsprinzipien Heinrichs des VIII. Als 9-jährigen trifft Erasmus von Rotterdam den jungen Heinrich, mit dem er später Briefwechsel führt und der nach dem Bruch mit Rom Gründer und höchstes Oberhaupt der anglikanischen Kirche wird. Der Absolutismus ist die charakteristische Staatsform der frühen Neuzeit. In Heinrichs Todesjahr setzt sich in Russland Ivan IV., der Schreckliche, auf den Zarenthron im gerade errichteten Kreml, dem heute ältesten Bauwerk Moskaus. In Österreich regieren die Habsburger, aus denen über 300 Jahre die deutschen Könige und römisch-deutschen Kaiser hevor gehen, darunter Karl V., vor dem als gerade 21-jährigen auch Martin Luther in Worms steht. In Florenz leistet sich die ebenso einflußreiche wie wohlhabende Familie Medici ein ganzes Gefolge von Künstlern, Bildhauern und Gelehrten darunter Machiavelli und Michelangelo.
Boschs Todesjahr steht am Übergang von der Renaissance zur frühen Neuzeit, wo wir auf William Shakespeare und Leonardo da Vinci treffen, und Raffael, dessen Motive der Versöhnung von Religion und Philosophie, Christentum und Antike, Kirche und Staat darstellen, auf Dürer und Cranach, die mit Luther in engem Kontakt standen, letzterer sogar seine Malerei in den Dienst der Reformation und der anti-päpstlichen Propaganda stellt. Der Charakter der Renaissancekunst ist ebenso christlich wie säkular.
Klassische Texte der Antike werden quasi wieder entdeckt und in ihren Originalsprachen, lateinisch, griechisch und hebräisch, heraus gegeben. Die Aufarbeitung der Antike, eingehende Naturbeobachtung, naturwissenschaftliche und mathematische Erkenntnisse und technische Entwicklungen prägen Kunst, Architektur und Musik und rücken den Menschen in ein neues Verhältnis zur Natur und im weitesten Sinne zu Gott. Francis Bacon und zeitgenössische Denker fordern eine Abkehr der Naturforschung von der Metaphysik, von Dogmen und der unkritischen Haltung gegenüber Meinungen von Autoritäten und stattdessen ihre Gründung auf systematischer Untersuchung und Experiment.
Die Bibel wird ins Deutsche übersetzt, Bücher werden gedruckt und von immer mehr Menschen gelesen. Der gregorianische Kalender wird eingeführt und das Rechnen mit arabischen Zahlen statt mit römischen. Der Islam droht in das Abendland einzudringen, während die Vertreter des Christentums gespalten und im Krieg gegeneinander sind. In der neuen Welt begehen die europäischen Eroberer furchtbare Greueltaten an den amerikanischen Ureinwohnern. Die frühe Neuzeit markiert den Beginn der Entstehung der Nationalstaaten, das Verhältnis von Kirche und Staat ist im Wandel. Es ist eine Epoche religiöser ebenso wie wissenschaftlicher, geistiger und kultureller, politischer und sozialer Umwälzungen mit weitreichenden Folgen und universaler Bedeutung dieser Entwicklungen auch für uns.
Katharina Wallhäußer
Fußnoten
(1) zitiert nach http://www.skeptic.com/insight/george-orwell-versus-the-flat-earth/
(2) Francisco Sanches, Quod nihil scitur
(3) Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus
(4) Albert Camus, Der Mythos Sisyphos
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— aktualisiert (Zitate, Fußnoten) am 21.08.2016
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